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Verlag Langgasse 21

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Montag, 11. November 1918.

Abend-Ausgabe.

Nr. 528. - 66. Jahrgang.

Annahme des VergewaltigunO-WassenstillstaM!

Die deutsche Revolution.

Schicksalswende!

Tie Zeit ist aus den ftuaen. Es bricht alles um uns herum zusammen. Wir durchleben diese Taue .einer völligen Umwälzung in Dentschland wie in einem Taumel: sü schnell überstürzen sich die Ereignisse. Die Welle, die von Kiel ausqing. hat inzwischen das ganze Reich überflutet: es ist kein Zweifel niehr, daß die Revo­lution auf der ganzen Linie siegreich ist. Wir hüben uns mit ihr als einer gegebenen Tatsache abzuftnden; „to make the best of it", wie der Engländer sagt. Auch wir-in den bürgerlichen Kreisen der Bevölkerung müssen nun unseres Erachtens unsererseits alles tun um. jeder an seinem Platze, für einen ruhigen und ord­nungsmäßigen. weiteren Verlauf der Bewegung zu^ sor­gen. In diesem Sinne ist es denn auch ganz ohne Frage die einzig richtige Stellungnahme der bisherigen König­lichen Regierung in Wiesbaden und der von ihr ressortierenden Behörden gewesen, wenn sie, wie an an­derer Stelle dieses Blattes berichtet wird, sich • zum Weiterarbeiten im Sinne der ruhigen Entwicklung und der Sicherung der Volksernährunq bereit erklärt haben. Die Liebe zu unserem Volke, die uns auch in diesen schtversten Tagen unserer Geschichte erst recht alle einen sollte, muß uns trotz allem den Mut zur weiteren Arbeit stählen. Die Schießereien einiger königstreuer Offiziere und Desperados in Berlin sind sinnlos und zwecklos. Der Stein, der im Rollen ist. ist nicht mehr aufzuhalten. Ein neues Kapitel im Buche unserer Geschichte ist aufge- schlagen. Die Überschrift lautet: Die deutsche .soziale Republik vom 9. November 1915.

Es hat auch keinem» Zweck, jetzt in diesen Tagen der tiefsten Erregung, die je »in Volk durchlebte, noch viel in dem alten, nunmehr abgeschlossenen Kapitel unserer Ge- schichte zu blättern: Schuld und Sühne gegeneinander zu wertem Die Erörteruna der Schuldfrag? hat nur inso­fern augenblicklich einen Wert, als sie zur besseren Orten- tierung auf unserem neuen Wege dient. Dir erleben die Gebnrtswehen einer neuen Zeit nicht bloß unseres Volkes, sondern auch der Menschheit. Geburtswehen tuen weh: sehr Weh. Es heißt für manchen deutschen Mann — und diese königstreuen Offiziere in Berlin sind, wenn ihr Vorgehen auch politisch zwecklos ist, darum - noch keine schlechten Mäirner — einen schmerzlichen Ab­schied nehmen von vielem, was chm vorher lieb war und Hochstand. Wir achten die Überzeugung eines Monar­chisten ebenso wie die eines Repichlikaners. Wer von Herz und Gemüt möchte sich der tiefen Tragik ent­ziehen. die in dem Schicksal des Kaisers liegt: von der menschlichen Seite aus gesehen. Uns Wiesbadenern stand er als Mensch besonders nahe. Und doch war die Nachricht von seiner Abdankung politisch eine Ent­lastung, eine Erlösung von einem furchtbaren Druck der Ungewißheit. Endlich die Abdankung des Kaisers, , mußte man sagen. Endlich! Aber dieses Endlich war ‘ schon zu spät! Noch am Freitagmorgen sah es nach -dem sozialdemokratischen Ultimatum, das nur den Rück­tritt des Kaisers und seines Sohnes forderte, so aus, als werde die Monarchie und Dynastie erhalten bleiben.

. Warum haben die Ratgeber Wilhelms II. ihm nicht eher gesagt, wie die Sozialdemokratie drängte, wie die süddeutschen Höfe drängten, daß es sein mußte! Jetzt — eine Kettx^ von verpaßten Gelegenheiten . hat uns zu dem jetzigen Abgrund der Niederlage ge­führt — sind alle deutschen Einzelstaaten mit von der großen Welle überflutet worden: und Wilhelm II., der bisherige Thronerbe und sein Paladin Hindenburg. über dessen Flucht wir uns sehr wundern trotz der Mannen- tteue — denn das Volkswohl steht über dem Ein­zelwohl! — sitzen in Holland als Internierte! 'Welch ein Abschluß von 30 Jahren Gottesgnadentum! Ein bi t t e r e r fürwahr für den^ bisherigen Träger der deutschen Krone, an dem viel «chatten, aber" auch viel Ficht war; ein viel, viel bitterer aber für uns alle, das deutsche Volk: denn wir sind das Opfer dieses preu­ßischen Herrschaftssystems geworden, das jetzt zusammen- gebrochen ist mit einem Sturz von der stolzesten Höhe bi den tiefsten Abgrund, wir haben die Folgen zu tragen?

Welche Folgen? Einen Waftenstillstand von so unerhörter Brutalität und Gemeinheit, wie er nur je rnem besiegten Gegner aufqezwungen worden ist! Und doch ist — geschichtlich genommen — auch dieses Waffen­stillstandsinstrument FochS ein Refler auf die Übe r- Mntet* d&tm HilttMiSnu*. SM

reden wir über diese Dinge lieber erst, wenn wir eine gewisse Distanz zu ihnen gewonnen haben. War der Friede von Brest-Litowsk und die ganze Behandlung der Ostfragen wirklich eine Frucht der Verständigungspolitik, oder die des prcußisch-konservativ-alldeutschen Macht­übermuts? Man feilschte um neue Kronen: jetzt roll n die Kronen alle über die Straße: — Requisitenstücke von gestern. Eine maßvolle Politik vorher hätte uns vor diesem maßlosen Waffenstillstand bewahrt. Was hilft's nun; wir müssen ihn annehmen und bei Wilson um Gnade betteln. Im tiefsten nationalen Schmerz steh n wir an dem Trümmerhaufen einer völlig versobrenen deutschen Politik, die uns in diesen Krieg gestürzt hat. Dem Kaiser aber etwa persönlich vorzuwerfcn. er habe diesen Krieg gewollt, das wäre ebenso verkehrt, wie dir deutsche Demokratie für die.fetzige Niederlage verant­wortlich zu machen. Sie ist die Folge des früheren Systems, das setzt zusammenaebrochen ist. Der „p r e u- ßische Militarismus", den Wilson angeblich nur bekämpft, nicht aber das deutsche Volk, — i ft tot: vom deutschen Volke selber totgeschlaaen. Wilson beweise jetzt, daß er ein ehrlicher Mann ist. dann wird er, der bei uns so viel geschmähte, seinen Namen in der Ge­schichte doch neben den Washingtons setzen dürfen. Wilson ist unsere Hoffnung. Wilson und noch eins! Die rote Welle scheint nicht an der militärischen Westfront Halt zu machen: sie schlägt schon Svritzer über. Wenn sie wirklich weiterbricht? Wenn wirklich die Völker s e l b e r sich die Hand reichen, die im Sieaestanmel ttun- kenen Träger der westmächtffcken Gewaltpolitk fortae- schwemmt werden? -Dann kann es doch noch besser wer­den als wir setzt zu hoffen wagen. Dann sehen wir doch das Moraeurot einer besseren Zukunft, lind wenn die Welle uns statt der 22 Dynastien zehn Millionen deutsch-österreichische Brüder ins Haus brinat. dann stehen wir doch vor einem größeren, besseren, freien Deutschland! Einem gesunden Volk hat auch eine Niederlage noch nickt ge- schadet Wir werden durch die fetzigen Wirren, dre das Pendel nach der äußersten Gegenseite ausschlagen lasim. hindnrchkommen: wir werden uns wieder he-anfarßeffen: — nickt mehr als die ersten Träger eines hoffentlich dem Völkerbunds weichenden Militarismiis. sondern als die Führer airf den Wegen der W i s s e n s ch a f t. K u l t u r und Gesittung. _ “ß“-

Die ungeheuerlichen Waffenstill- ^ standsbedinaunqen.

•W.T.-B. Berlin, 10. Nov. sDrabtboricht.) Folgendes ist ein Auszug aus den Waffenstiüstandsbedingmiqen: 1. In­krafttreten 6 Stunden nach Unterzeichnung. 2. Sofortige Räumung Belgiens. Frankreichs und Elsast-Loihrinqens binnen 14 Tagen. Was von Truvven nach dieser Seit übrig bleibt, wird interniert oder krieqsyefanqen. 3. Abzugebeit sind 5000 Kanonen, zunächst schwere, 30 000 Maschinengewehre, 300« Minenwerfer, 2000 Flugzeuge. 4. Räumung des linken Rheinufcrs. Mainz, Koblenz und Köln besetzt vom Feinde auf Radius von 30 Kilometer Tiefe. 5. Auf dem rechten Rheinuser 30 bis 4« Kilometer Ticke neutrale Zone. Räumung in 14 Tagen. 6. Auf dem linken Rbeinufergebiet nichts hin- wegzufiibren. Alte Fabriken, Eisenbahnen usw. intakt zu lassen 7. 5000 Lokomotiven. 150 00« Waggons, 10 000 Kraft­wagen abmaeben. 8. Unterhalt der feindlichen BesatzungS- truvven durch DeutMmid. 9. Im Osten alle Trnpven hinter die Grenze zurücknehmrn. Termin dafür nicht angegeben. 10. Verzicht auf Verträge von Brest-Litowsk und Bukarest. 11 Bedingungslose Kavitulation. von Ostafrika. 12. Rückgabe des Standes der Belgischen Bank, des russischen und rumäni- tchen («oldes. 13. Rückgabe der Kriegsgefangenen ohne Gegen­seitigkeit. 14. Abgabe van 100 Unterseebooten, 8 leichten Kreuzern, 0 Dreadnouqbts Die übrigen Schiffe desarmiert und überwacht von den Alliierten in neutralen oder alliierten Häfen. 15. Sicherheit der freien Durchfahrt durch das Katte­gat. Wegräumung der Minenfelder und Besetzungen aller' Forts nnd Batterien, von denen ans die Durchfahrt behindert werden könnte. 16. Blockade bleibt bestehen. Deutsche Schiffe dürfen weiter gekapert werden. 17. Alle non Deutschland über Neutrale verhängten Beschränkungen der Schiffahrt werde» aufgehoben. 18. Waffenstillstand dauert 30 Tage.

Die Annahme der Bedingungen.

Ein ernster Appell der deutschen Regierung an Wilson.

W T.-B. Berlin, 10. Nov Heute morgen fand eine Be-

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Bedingungen des Waffenstillstandes werden die Bedingungen angenommen. Entsprechende Weisungen sind der Frre- denSdrlegation gegeben worden. Heute nacht ist folgende Rote an den Staatssekretär L ansing nach Washingt»« gefunkt worden:

Herr Staatssekretär!

überzeugt von der Gemeinsamkeit der demokratischen Ziele und Ideale hat sich die deutsche Regierung an den Herrn Präsidenten der Bereinigtrn Staaten mit der Bitte grwandh den Frieden herzuitellen. Dieser Friede sollte den Grund­sätzen entsprechen, zu denen Präsident Wilson sich stets be­kannt hat. Er sollte eine gerechteLösung aller strittigen Fragen und eine dauernde Bersöhnung der Böller zum Zweck haben. Der Präsident hat ferner erklärt, dast er nicht mit dem deutschen Volke Krieg fuhren und es in seiner friedlichen Entwicklung nicht behindern wolle. Die deutsche Regierung hat die Bedingungen kür den Waffenstillstand er­halten. Rach einer Blockade von 50 Monaten würden diese Bedingungen, insbesondere die Abgabe der Verkehrs­mittel und die Unterhaltung der B-satzungstruvpen bei gleichzeitiger Fortdauer der Blockade die Ernährungslage zu einer verzweifelten gestalten und den Hungertod von Millionen Männern, Frauen und Kindern be° deuten. Wir mußten die Bedingungen annehmen. Wir machen aber den Präsidenten Wilson feierlich und ernst darauf aufmerksam, daß die Durchführung der Bedingungen im deutschen Bolke das Gegenteil der Gesinnung erzeuge« must, die eine Voraussetzung für «den Neubau der Völkerge­meinschaft bildet nnd einen danerhakten Rechtsfrirdrn ver» bürgt. Das deutsche Volk wendet sich daher in l r tz t e r Stunde nochmals an den Präsidenten mit der Bitte, auf eine Milderung der vernichtenden Bedingungen bei de« alliierten Mächten hinzuwirfen.

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes: S«lf.

Der Befehl Fachs zur Einstellung V* der Feindseligkeiten.

W.T.-B. Metz, 11. Nov. (Drahtbericht.) Die dem Arbeiter- und Soldatenrat unterstehende Funkspruch st ation hat folgenden Funkspruch auf. gefangen: Marschall Fach an die Oberkommandos. Die Feindseligkeiten werden an der ganzen Front am 11. November, 11 Uhr franz. Zeit eingestellt werden. 2. Die alliierten Truppen werden weitere Be- fehle erhalten, die an diesem Tage und zu dieser Stunde erreichten Linien nicht zu überschreite«. Marschall Fach.

Soldatenrat auch an der Front. /

W.T.-B- Hamburg, 11. Nov. (Drahtbericht.) Das Große Hauptquartier teilte dem Soldatenrat folgendes mit: An der Front ist ebenfalls ein Soldatenrat gebildet. Die Bildung ist rnhig verlaufe». Der Soldatenrat wird morgen mit Hindenburg in Verbindung treten und diesem seine Forderungen vorlcgen.

Flucht des Kaisers, des Kronprinzen und auch Hindenburgs nach Holland!

W.T.-B. Berlin, 11. Nov. (Drahtbericht.) Der Kaiser ist mit 10 Herren seines Gefolges in A r n° heim in Holland eingetroffen nnd wird dort in der Bille das Barons Bentink Wohnung nehmen.

Auch Kronprinz Rupprecht ans der Flucht!

W. T.-B. Haag, 10. Nov. (Drahtbericht.) Das Korke- spondenzbureau meldet: Auf die Nachricht von der An­wesenheit des Kaisers an der Grenze begaben sich nachmittags amtliche Persönlichkeiten, darunter der deutsche Gesandte, dorthin.

W.T.-B. Amsterdam, 11. Nov. (Drahtbericht Amt- sich. Nachts.) Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß die holländische Regierung die Internierung des Kaisers beschlossen hat. Der Kaiser befindet sich noch in E y st e n. Er wird morgen 8 Uhr 15 Min. nach Middachten abfahren. Holländische Blatter melden: Heute früh 7 Uhr trafen in Evsten auf der Straße von Bise her '10 Automobile mit dem kaiserlichen Wappen ein. Tie Insasien waren der K a i s e r, der Kron­prinz, Generalfeldmarschall v. Hindenburg. höhere Offiziere und hohe Würdenträger. Sie verließen Spaa um 5 Ubr morgens und s„hr->n über Verviers und Batticr. Um 8 Uhr morgen? trat in Eysten der H o f- zug mit dem Archiv und dem Personal des Großen HauptguortierS ein. Die Automobile wurden aus Waaaons geladen und mit, der Esienbahn setzte der Kaiser nnd sein Gefolae die Reise in nördlicher Richtung fort. Eine andere Meldung besagt, daß der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz und Generalftldmarschall p. Hindenburg mit Gsiolg«, im ganze« 51 Per»