-Iss' licßament.
Humoreske von Clara Schelper, Wiesbaden.
s hat wohl manch einer inr Leben Augenblicke gehabt, die ihn ganz zufällig einen Blick in den Spiegel tun lassen und die ihn ganz urplötzlich zu der erfreulichen Selbsterkenntnis brachten: Potz Blitz! Du bist doch ein ganz hübscher „Rerl"!
Zu denjenigen Menschen, die nie diesen angenehmen Moment erlebt hatten, gehörte augenscheinlich und überhaupt Bella Dabelstein. Erstens hatte die Natur alles getan, um eine Ironie auf den Namen „Bella" zustande zu bringen, und das war ihr großartig gelungen, so gut gelungen, daß die „arme" Bella nicht eine einzige Neiderin besaß und man bedenke, was das besagen will! Und außerdem hatte man dem armen Ding jede unpassende Eitelkeit um so schneller abgewöhnt, als Bella noch drei Schwestern hatte, die nicht nur nach ihrer eigenen und der Eltern Meinung, sondern auch nach Ansicht der halben Stadt, womit natürlich die männliche Hälfte gemeint ist — bildhübsche Mädels waren.
Also Bella Dabelstein war nicht eitel. Aber dennoch tat es ihr weh, als sie ihre Cousine Lydia zu ihrer jüngsten Schwester sagen hörte: „Mein Gott, die Bella sieht ja noch doller aus als früher! Ich würd' ins Wasser geh'n, wenn ich so ein Fratz wär."
Ins Wasser gehen! —
Daran dachte nun Bella nicht! Sie tat, als habe sie das Geflüster nicht verstanden und warf ihren Kopf mit den harten, unangenehm blondstreifigen Haaren stolz zurück, und während sie mit Lydia, die sie mit der Schwester von der Bahn abgeholt hatte, nach Hause ging, bekämpfte sie mutig die Bitterkeit, die ihr wieder mal den Tag vergiften wollte.
Doch der heutige Tag sollte ganz dem Andenken der Tante Martha gewidmet sein. Bella wollte an nichts anderes denken als an sie, die Einzige, die nie verletzend und taktlos ihre Häßlichkeit störend empfunden hatte. Sie war lieb und gut gewesen, sie hatte das kleine verbitterte Mädel zu der Duldsamkeit erzogen, die sie jetzt so ruhig die häßlichen Worte ertragen ließ.
Und heut' war Tante Marthas Testamentseröffnung. Vier Wochen nach ihrem Tode sollten alle Verwandten in dem kleinen lauschigen Gartenhäuschen zugegen sein, wenn der letzte Wille der verstorbenen verlesen wurde. Bellas Herz klopfte in zagender, unruhiger Hoffnung — würde Tante Martha ihre Zuneigung zu ihr auch noch jetzt beweisen? würde sie auch ihr soviel hinterlassen, daß sie sich ihren Lieblingswunsch erfüllen und studieren konnte? Ach, Bella wollte nichts weiter vom Leben haben, der „Schrei nach dem Mann" oder der noch famosere Schrei nach dem Rinde" war nie in ihr wach geworden, nur sich
(Nachdruck verboten.)
hinaufarbeiten in die freieren Höhen des Geistes — ein Mensch werden, der sich selbst genügte! — und das versprach sie sich vom Studium.
„Bella, was träumst du", fuhr da Cousine Lydias helle Stimme in ihr Nachdenken.
Bella schrak zusammen. „Ich?, ich denke an Tante Martha".
Da lachte Lydia hell aus und Schwester Grete stimmte vergnügt mit ein, dann schob Lydia ihren Arm in den Bellas und sagte spottend:
„Also auch du, mein Sohn Brutus, auch du hast also Hoffnung, Aschenputtel? Rind, daß sie nur nicht zu schänden wird, du kanntest doch Tante Marthas Schönheitsgefühl!"
Ein lächelnder Blick streifte die derbe, unschöne Gestalt der Cousine, dann fuhr das mitleidlose^ aufrichtige Fräulein fort: „wenn du dich nur etwas netter anziehen würdest — aber ich weiß schon, auf Vaters Geldbeutel liegen die drei schönen Schwestern schwer genug — da bleibt für Aschenputtel nicht viel."
Bella lächelte.
„Es würde auch wenig nützen, wenn ich mich putzen wollte."
„Nun immerhin, man könnte doch mal den Versuch machen."
„Laß das lieber, ich bin kein Versuchskaninchen, es gibt ja auch noch andere Lebenszwecke als nur den, schön zu sein."
„Für eine Frau kaum, liebes Rind, aber ich vergesse ganz, daß du so ein gelehrtes Huhn bist! Lehrerinnenexamen, Abitur! — brrr! Mir wird ganz schwach, wenn ich von sowas höre, nicht wahr, Grete? — Aber sag' mal, Bella, was würdest du tun, wenn du 10 000 Mark von dem alten Geizdrachen erbtest?"
„Geizdrachen?" Bella war restlos enrpört. „Das Wort paßt wohl nicht recht für die bescheidene Tante Marthchen", und leise, mit einem Unterton scheuer Sehnsucht setzte sie hinzu: „sie war so lieb-"
„Hu", machte Lydia affektiert, „die reinste Erbschleicherin! Schade, daß du zu spät damit kommst."
Bellas kleine dunkle Augen weiteten sich vor Zorn, doch die Cousine lachte spöttisch.
„Hab dich nicht, Aschenputtel! Du reizst eben jeden durch deine Indolenz und Duldsamkeit! Warum gehst du auch nicht in Stellung — wenn ich Lehrerin wäre-"
„Ich liebe die Rinder nicht", sagte Bella offen und sie dachte dabei an die schmerzlichen Erfahrungen, die sie mit den spottlustigen, grausamen kleinen ^Geschöpfen gemacht hatte. „Aber wenn Tante Martha mich wirklich nicht vergessen hätte", fuhr sie fort — „dann möchte ich
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