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Sonntag, 10. November 1918.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 527. • 66. Jahrgang.
Ein Ausruf des neuen Reichskanzlers Ebert.
An die deutschen Bürger!
Ruhe und Ordnung!
W. Berlin, 9. Nov. (Drahtbericht. Svndei-
depesche.) Der neue Reichskanzler Ebert erlässt folcicitbe Kundgebung an die deutschen Bürger:
»Mitbürger! Der bisherige Reichskanzler Prinz Max von Baden hat mir unter Zustimmung sämtlicher Staatssekretäre die Wahrnehmung der Geschäfte des Reichskanzlers übertragen. Ich bin im Begriffe, die neue Regierung im Einvernehmen mit den Parteien zu bilden und werde über die Ergebnisse der Öffentlichkeit in Kürze berichten.
Die neue Regierung wird eine Volksregierung sein. Ihr Bestreben wird sein müssen, dem deutschen Volke den F r i e d en schnellstens zu bringen und die Freiheit, dir es errungen hat/ zu befestigen.
Mit bür g e r, ich bitte Euch alle um Eure Nute r- st L tz u n g bei der s ch w e r e n A r b e i t, die unserer harret. Ihr wisst, wie schwer der Krieg dir Ernährung des Volkes, dir erste Voraussetklilig des politischen Lebens, bedroht.
Die politische Umwälzung darf die Ernährung des Volkes nicht stören. Es muss die erste Pflicht aller in Stadt und Land bleiben, die P r o d u k- t i o n von Nahrungsmitteln und ihre Zufuhr in die Städte nicht zu verhindern, sondern zu fördern.
Nahrungsmittelnot bedeutet Plünderung und Raub und Elend für alle. Tie Ärmsten würden am schwersten leiden, die Jnsustricarbcter am bittersten getroffen werden. Wer sich an Nahrungsmitteln oder an sonstigen Bedarfsartikeln oder au den für ihre Verteilung benötigten Verkehrsmitteln vergreist, versündigt sich aufs schwerste an der Gesamtheit.
Mitbürger! Ich bitte Euch dringend, verlasst die Straßen, sorgt für Ruhe und Ordnung.
Berlin, 9. November 191S.
Der Reichskanzler. Ebert.
Die Zusammensetzung der neuen Regierung.
Drei Mitglieder der Unabhängigen im neuen Kabinett.
B. A. Berlin. 9. Nov. (DeMbe eicht.) Wie gemeldet wird, bleiben den unabhängigen Sozialdemokraten in der neuen Regierung drei Sitze Vorbehalten. Als Vertreter der nichtsozialdemvkritisckieu Parteien werden die Abgeordneten E rz b e rg e r , G o t hein und Richthofen in die Regierung eintreten.
Die deutsche Umwälzung.
Ruhiger Verlauf fast überall!
Die Lage in Berlin.
(Bon unserer Berliner Abteilung.)
A Berlin» 9. Nov. (Eig. Drahtibericht. •$.) Bis zur Abendstunde war fast ganz Berlin bis auf einige Bezirke in Moäbit kampflos, man kann sagen» ohne einen Schuß in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrats übergegangen. Dieser hat vor allem dafür gesorgt, daß Ordnung herrscht. Au-ko mobile. die von bewaffneten Soldaten besetzt sind, fahren, mit roten Flaggen geschmückt, durchs die Straßen, unt. event. Plünderer scstzunehmen. An den Haupt- verkchrspunkten der Stadt sind Ordner ausgestellt, die den Verkehr regeln. An den H a u vtv e rkehrszentren, so am Potsdamer Platz, werden die elektrischen Bahnen von den Beauftragten des Arbeiter- und Soldatenrats auf Waffen und Munition untersucht. Eine schier unglaubliche Menschenmenge wälzt sich durch die Hauptverkehrsadern der Stadt. Kopf an Kopf drängen sich die Menschen. In der Leipziger' Straße, Friedrichstraße, Unter den Linden ist fast kein Durchkommen und die Straßenbahn und Untergrundbahnen find überfüllt, so daß die Leute im Innern der Wagen und aur den Plattformen nicht mehr Platz finden können. In M o a b > t, wo offenbar in der Gegend des Lehrter Bahnhofs anscheinend Widerstand geleistet wurde, soll es zu einer Schießerei gekommen sein. Um auch hier, das Mlitär, das seinen 'Offizieren nock> gehorcht, zum Übertritt geneigt zu machen, hat man einen Rollwagen mit Arbeitern besetzt, die ein großes Platar mit der Aufschrift: ..Brüder, nicht schießen!" trugen. Begleitet wurde dieser Wagen von einem berittenen Schutzmann, der eine rote Fahne,als Standarte in de»
Händen trug. Äußerlich macht sich der Umschwung dahin geltend, daß Offizieren und Mannschaften Kokarden und Achselstücke aügerwmmen werden. Das Polizeipräsidium ging nachmittags in die Hand des Arbeiter- und Soldaten rat» über. Um die dritte Nachmittagsstunde hat auch die sostuiigsartig gebaute Kaserne des Alerander-Garde- Grenadier-Rcgiments kapituliert/ In der Maikäfer- ka ferne kam -es zu einem schweren Zusammenstoß. Zivilpersonen stürmten dir Kaserne, in deren Hof eine Kompanie Soldaten mit ihrem Offizier ausgestellt war. Dieser kommandierte -Feuer, aber niemand schoß. Darauf feuerte der Offizier seinen Dienstrevolver ab. Auch aus der Menge fielen Schüsse und der Offizier stürzte schwer verwundet zusammen. Die Soldaten aber verließen die Kaserne und verbrüderten sich mit der Zivilbevölkerung. Von Hannover trafen über Dvber:tz Abteilungen, die voin dortigen Arbeiter- und Sol- datenrat geschickt wurden, ein, die bei der Durchfahrt durch Döberitz eine dort auf dem Bahnhof stehende Maschinengewehr- Abteilung kpit Bedienungsmannschaften gleich nach Berlin Mitnahmen Das Berliner Rath a u s ist mit bewaffneten Schutzleuten besetzt. Der Kos desselben ist ein großes Heerlager. Bemerkenswert, aber- ist, daß die auf dem Turm stehenden Wachtposten der Menge auf dem Platz mit roten Tüchern winken. Auch hür ist es auch nur eine Frage von Stunden, daß die Schutzmannschast zum Volk gehören wird. Der Prstvcrkehr spielt sich im gewohnten Umfang ab. Das Hauptfernsprechamt und das Haupttelegvaphenamt sind, nachdem sie tagsüber stark militärisch besetzt waren, in den Abendstunden von dem Arbeiter- und Soldatenrat übernommen worden. Zur Unterdrückung etwaiger Revolten hatte der Ober- kommandierendc in den Marken das in Naumburg garnisonir- rendc Jägerregiment Nr. 4 mit seiner Maschinen- gewehrabtetlung kommen lassen. Dieses Regiment >var, tvie wir hören, das erftovaS sich telegraptnsck! dem Arbeiter- und Soldatenratszur Verfügung stellte. Dem Vernehmen nach hat der Arbeiter- und Soldatenrat bereits dafür gesorgt. daß die G a s - und Elektrizitätsversorgung Berlins s ich er g«fi el11 ist. Der E i fe nb a h n p e r k e h r von und nacki Berlin ist iimner noch stark beschränkt. Die Strecken nach Hamburg. Altona, Magdeburg und Hannover sind vollständig gesperrt. Mt Einbruch der Dunkelheit beginnen sich die Demonstranten sowie tzie'grvtze Zahl der Neugierigen bereits zu verlaufen. Es fiel vor allem aus. wie Zivilpersonen mit übergohängtem Gewehr befriedigt ihre Schritte heimwärts lenkten. Bis u.t itfmt hörte man Hurra- und Hochruf«. mit denen die rotbeslaggten Sicherheitsautos von'der Menge begrüßt wurden. Soeben besetzt der Arbeiter- und Sol- datenrat die wichtigsten S t a a t s g eh äu de. U. a. ist das Finanzministerium., die Zentralstaatskasse sowie das Telephon- und Telegraphenamt des Kriegsministeriums von starken Posten besetzt. Die Posten haben die JnftruAion, jegliche Plünderung zu verhindern uiid im Notfall ohne Bedenken von der Waffe Gebrauch zu machen. Ihnen selbst ist einge- schärft worden, daß Eigentunisvergehen mit dem Tode bestraft werden. Die Posten im Fernsprechamt des Kriegsministerium S haben vor allem Befehl, jegliche Dienstge- spräche zwischen dem Äriegsmiiiijterium und deni Fernamt zu verhindern, bis das Ministerium selbst vom Arbeiter-und Soldatenrat besetzt ist. Auch vor der DcutschcnBank wurden Posten ausgestellt.
W. T.-B. Berlin, 9. Nov. (Amtlich. Dratüberickn.) Hier hat die Revolution einen glänzenden fast unblurigen Sieg"errungen. Ter am Morgen ausgebrochene Generalstreik führte zu der Stillegung sämtlicher Betriebe. Um die zehnte Bormittagsstunde ging dar- Raumburger Jägerregiment zum Volk über und schickte eine Delegation znm Arbeiter- und Soldatenrat. Weitere Truppenteile schlossen sich in rascher Folge an. Das Alexander-Regiment ging nach einer Ansprache des ReichstagSatzgeordnetcn Wels geschlossen zum Volk über. Nur in Moabit kam es vor der dortigen Kaserne zu einer unbe- dcutclidcn Schießerei, wobei ein Arbeiter durch einen Offizie- getötet wurde. Die Offiziere flüchteten. In der Stadt herrscht vollkommene Ruhe und Ordnung. Die Militärpatrouillen, die sich am Freitag zahlreich in den Straßen zeigten, sind zurückgezogen. Vonr ,.Vorwärts"-Gebäude, das durch eine Abteilung des Naumburger Jägerregiments gesichert ist, weht die rote Fahne Es herrscht ungeheurer Jubel und Begeisterung. Die Kontrolle des Wölfischen Tekegraphenbureauö ruht in den Händen des Genossen W. Carle (Frankfurt a. M.)
Der Berliner Arbeiter- mtO Soldatenrat.
B. A. Berlin, 9. Nov. ^ (Eig. Trahiöericht.) Der Aroeiter- und Soldatcnrat in Berlin besteht aus einer Kommission der Unabhängigen L o z i «I d e m o k r c-t e.n , die gestern ge- ivählt worden toar, und einem Komitee der sozialdemn- kr arischen Pari ei Teutschlands, das heule trüg gewählt koorden ist. Diese beiden Krmitccs haben sich zusammeiige- t a n und bilden den Arbeiter- und Toldatenrat.
Rücktritt des Oberbefehlshabers iu den Marken. ^
W. T.-B. Berlin, 8. Nov. Wie wir erfglfien, hat der Oberbefehlshaber in den Marken, Generaloberst von L i n s i n f! e n, seinen Abschied eingereicht.
Die Lage im übrigen Reich.
B. A. Berlin, 9. Nov. (Eig. Drahtvericht. zb.) Aus dem Reiche gehen uns folgende Meldungen zu: Bielefeld ist über Nacht in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrats geraten. Kaserne und Bahnhof wurden
ohne^Widerstand besetzt. Waffen und Munition sind den Soldaten abgenommen. Alles spielte sich ohne Störung der öffentlichen Ordnung und ohne Blutvergießen ab. Im rheinisch-westfalischen Industriegebiet ist es nirgends zu Ruhestörungen gekommen. In Essen hat sich ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, der den Hauptbahnhof besetzt hält. Soweit festgestellt werden konnte, wurde am heutigen Tage in allen Betrieben gearbeitet. Aus Düsseldorf wird genreldet, daß sich, in Elberfeld, Barmen, Hagen lind Bochum so wie überhaupt ini ganzen Ruhr gebiet Arbeiter- und Soldatenräte gebildet haben. Vernünftigerweise hatte das Generalkommando in M ü nsi e r angeordnet, keinen W i d e r st a n d zu leisten. Plünderung wird mit Todesstrafe bedroht. Ter Kölner Arbeiterund Soldatenrat teilte den Banken mit, daß ihre Gebäude besondere Wachtposten erhalten werden um die ordnungsmäßige Abwicklung der Geschäfte zu sichern. Tie Stimmung ist ruhig. Auch Aachen und Münster haben seit heute den Soldatenrat.
Das Programm des Darmstadter Soldatenrats.
W. T.-B. Tnrmstadt, 3. Nov. (Drahtbericht.) Heute nacht hat sich hier ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, der alle öffentlichen' Gebäude besetzt hat. Der Soldatenrat veröffentlicht im „Hessischen Volksfreund" folgenden Aufruf: Am 8. November, abends 8 Uhr. haben hier- Soldaten vom Truppenübungsplatz Darmstadt einen Soldatenrat gegründet. Ter Soldatenrat verlangt und verbürgt sich 'fffiöie SurMütnanig folgender Verordnung: Gleiches Recht fitr Mannschaft und
Offiziere. Vorgesetzte gibt e§ nur noch im Dien st. Nach dem Dienst hat jeder Soldat völlige Bewegungsfreiheit. Teilnahme der Soldaten an Kommando- und Disziplingewalt Wir beglückwünschen unsere Vorkämpfer in den anderen Garnisonen auf das herzlichste und geloben, mit Entschlossenheit ihren Jahnen zu folgen. Bürger, wir richten an Euch die dringende Bitte, Ruhe und Ordnung zu bewahren und uns zu unterstützen. Das Privateigentum bleibt unangetastet. Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung wird unter Aufsicht des Soldatenrats gestellt. Alle im öffentlichen Dienste stehenden Personen haben/ wie bisher ihre Pflicht zn erfüllen. Notwendige Veränderungen werden vom, Soldatenrat verfügt. Das Programm des Sol^atenrates lautet - 1. Der Soldatenrat erklärt, Hessen-Darmstadt als freie Republik, bis ern deutscher Republikstaat gegründet ist. 2. Sämtliche Truppenteile haben sich dem Soldaten rat zu unterwerfen und Gehorsam zu leisten. 3. Bisherige Offiziere und Chargierte werden als Borgesetzte nicht rnehr anerkannt. Die Truppen wählen ihre Führer selbst. I. Für die Verpflegung und Löhnung werden Kommissionen gebildet. Vorläufig sind die Truppen von der alten Stelle zu verpflege». 5. Die öffentliche Ordnung muß unbedingt aufrechterbalten werden. Zuwiderhandlungen werden streng geahndet. 6. Das öffentliche Geschäftsleben erfährt keine Unterbrechung. 7. Die öffentliche Sicherheit ivird durch Soldaten des Soldatenrates verstärkt und sie haben mit fester Hand die Ordnung mffrechtznerhal fen. 8. Die Offiziere haben sämtliche Militärabzeichen und Ordensabzeichen abznlegen. Cs ist ihnen freiqe- stellt. sich der Bewegung anzuschließen oder ihren Abschied 3 >! nehmen. 9, Alle Soldaten haben sich vorläufig im Militärstand zu betrachte«. 10. Es ist kein Blutvergießen vorgekommen die Ordnung ist bis setzt ans- . rechterhalten. —- Der Soldatenrat kam in die Zweite hessische Kammer. Das Hoftheater bleibt bis auf weiteres geschlossen.
Koblenz.
Koblenz, 8 Nov. Aus der 6 uruisoii Koblenz hat sich im Verein mit Vertretern der Arbeiter ein Arbeiter- und Soldaten rat gebildet. Dir gesamte Verwaltung hat sich dem Arbeiter- und Soldatenrat zur Verfügung gestellt. Der Oberbürgermeister mahnt in einem Aufruf zur Ruhe. Die Stadt biete, das. gewohnte Bild.
Düsseldorf.
Düsseldorf, 8. Nov. Iu Düsscldocr hat sich ein 'Arbeiterund Soldatenrat Imntituieit, der im Verein mit den bürgerlichen Behörden die Lrdnuna aurrecht erhält. Die Poliieiver- koaltung in. erster Linie hat 'ich dem Arbeiter- und Soldatenrar zur Verfügung gestellt. In der Stadt herrscht Ruhe, alles geht seinen gewohnten Gang.
Hanirooer.
B. A. Hannover, 9. Nov. . (Eia. Dralstbericht.' zb.) Dem 'hiesige!! Arbeiter- und S-lldätenc-.ik gehören neben verschie- deneu Landwehr- und Lundsturiyleuteu Üeneralleutpanr v. Sch ec r. Oberstleutnant v. Hoppe und Senator Fink sowie die Abgeordneten B r e v, Fisch er und L-»inert an.
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