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Samstag, 9. November 1918. 9R01?Q€ft s

Nr. 525. * 06. Jahrgang.

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Unsere Feinde und wir.

Die deutsche Gutmütigkeit, die auch in dem ausgesprochenen sozialen Sinn des deutschen Volkes zum Ausdruck kommt, rann sich gar nicht recht vorstellen, mit welchem Hatz das fran­zösische Volk alles verfolgt, was deutsch ist. Die französische Presse gibt allerdings ein Spiegelbild dieses französischen Nationalbaffes gegen Deutschland, aber wir Deutsche sind nicht gewohnt, uns über Äußerungen unserer Feinde allzu sehr aufzuregen. Erst wenn unsere Kriegsgefangenen in größerer Fahl aus Frankreich zurückzekehet sein werden, wird sich in weiteren Kreisen des deutschen Volkes Me Erkenntnis verbreiten, datz wir lern französischen Nationalhatz, der in direkten Mißhandlungen unserer Gesangsrcen zum Ausdruck kommt, etwas anderes gegenüberstellen muffen, als ein­fach die Achseln zu zucken und das französische Volk als eine Nation zu betrachten, der wir uns moralisch weit überlegen fühlen. Was wir dem Satz und Rachegefühle der Franzosen und der Verachtung unserer anderen Feinde entgegerätelleu müssen, ist ein gesunder deutscher N a t i o n a l st o l z, den wir leider im Ausland wie im Inland bisher noch viel zu wenig betätigt haben. Dieser Narionalstolz, von dem wir nochmals ausdrücklich feststellen wollen, datz er aus einer gesunden Grundlage hervorgehen mutz, hat nichts mit der alldeutschen Aufgeblasenheit zu tun, die unL vor dem Kriege mk auch während desselben so viel in der ganzen Welt geschadet hat. Unser Nationalstolz mutz sich aus denn inneren e:» usstsei n vom Wert des deutschen Volkes autbvuen und jede Liebedienerei gegenüber dem Ausland entschieden ablehnen. Denn darüber wollen wir uns keiner Täuschung h'ngeben, datz wir dem deutschen Ansehen im Ausland durch lakaienhaftesAnbiedern aus der einen Seite ebenso geschadet haben wie durch allzu forsches Draufgänger rum auf der anderen Seite. Das trifft Nicht nur für den einzelnen Deutschen zu, sondern auch für unseren deutschen Z i ck n a rf fit c 5 in der auswärtigen Politik. Heute schenkten wir den Amerikanern einen ehernen Friedrich den Großen, morgen den Norwegern einen steinernen Sieg­fried, und übermorgen riffelten wir wieder mit dem Säbel wegen irgend einer Angelegenheit, in der wir durch eine ge­schickte diplomalische Stellungnahme mehr hätten erreichen können als durch den Hinweis auf unsere militärische Stärke

Wenn heute die Entente und mit ilir Wilson vorschützen, datz sie bei einem Waffenstillstand mit, uns wegen unserer politischen Unzuverlässigkeit besondere vor­sorgende Maßnahmen treffen müßten, so haben wir das eben der immer wieder kehrenden militärischen Einmischung in unsere Politik zu verdanken. Datz wir uns trotzdem nicht den nötigen Respekt im Ausland zu verschaffen wußten, hat unk die Tonart unserer Feinde auch in ihren offiziellen Kundgebungen während dieses Krieges deutlich genug zu erkennen gegeben. Es ist ein schlechter Trost, wenn mir uns demgegenüber zum anstän­digeren Teil der Menschheit rechnen. Selbst jetzt, wo bereits die Verhandlungen über einen Waffenstillstand eingeleitet worden sind, vermochte eS der alte Hasser Clemeuceau, dieje Reliquie der französischen Revanchedee von 1871, nicht zu unterlassen, vor«der französischen Tepntrerteakammer spöttisch von der „kaiserlich - demokratischen Regierung" Deutschlands zu sprechen und daniit den Beifall und die Heiter­keit der französischen Deputiertenkammer zu errege». Elernen- ceau, der mit dem Glorien'ckein des Siegers vor die fr.inzü- fische Kammer hintrat, hat in se'ner freudigen Erregung wohl ganz übersehen, dass die Bundesgenossen des französischen Volkes zur Rechten und zur Linken, ohne deren Unterstützung heute loohl Paris von deutschen Soldaten besetzt iväre, die­selbe kaiserlich- oder vielmehr königlich - demokra­tische Regierung haben wie sie jetzt in Deutschland besteht. Der König von Englind wie der König von Italien werden deshalb Über den Witz Elemenceaus kaum so erfreut sein, wie es die republikanischen Freunde des französischen Ministerpräsidenten waren.

Aber noch ein Ereignis dieser Tage 'ollte unsere Feinde veranlassen, nicht gar zu sebr aufs hohe Rotz zu steigen. Präsident Wilson und seine Verbündeten von der Entente konnten sich nicht genug tun in Fragen nach der Legiti­mation der deutschen BolkSreyierung zu Ver­handlungen mit dem Feinde. Seit gestern könnten wir diese Frage an den Präsidenten der Vereinigten Staaten stellen. Seine Regierungstätigkeit ist nach dem Ausfall der ameri- kanischen Wahlen nicht mehr von der Volks Mehr­heit in den Vereinigten Staaten getragen. Sowohl im Senat wie im Avaeordneteuhaas haben die Reonblikaner eine Mehrheit erlangt, und wenn nicht alle Zeichen trügen, wird bei der nächsten Präsidentenwahl ein Reonblikuner ge­wählt werden. Wenn man aber oen strengen Grundsatz, tmß das StaatSoberbauvt die Mehrheit des von ihm vertretenen Volkes hinter sich haben soll, zur Anwendung bringe» wollte, dann müßte Präsident Wilson schon heute die Präsidentschaft niederlegen, dc-m die Mehrheit des amerikanischen Volkes steht nicht mehr aus der Seite der demokcati'cheu Partei Wilsons. Wir betrachten es aber als die eigene Angelegenheit der Amerikaner, wie sie sich zu dieser in der Hauot'Uche doch nur sie selbst angehenden Frag? stellen wollen, obwohl gerade für den Abschluß von Vertragen politischer und wirtschaftlicher Art mit den Vereinigten Staaten ein Haftender Gegensatz in den politischen Anschauungen zwischen Volksvertretung und Staatsoberhaupt schon des öfteren recht hinderlich gewesen ist. Wir wollen aber bei allen diesen Feststellungen nicht vharisäer- haft die Augen verdrehen und wegen der volitischen Mitzstände bei unseren Feinden Anklage erheben. Das politische Ideal nach jeder Seite hin ist noch nicht geschaffen und leider wird die Neuregelung der Dinge, dm der kommende Weltsriedeus- schlutz bringen wird, uns diesem Ziele kaum viel naher hängen, wenn das frav^öf i fche Rache- und Hatz­

gefühl, die englische Herrschsucht und die italie­nische Beuiegier von Wilson nicht so gezügelt werden können, datz ein alle Völker befriedigender Zustand für die Zukunft geschaffen werden kann.

Die deutsche Umwälzung.

Rücktritt des Reichskanzlers.

Berlin, 8. New. (Drahtbericht.) Wie wir baren, ist dem Kaiser ükb-erdie Lage telegraphisch Bericht er- stattet worden. Eine Antwort ist bisher nicht eingstroffen. Der Reichskanzler Prinz Max von Baden hat dein Kaiser seine Demission augeboten.

Einstweilige Weiterführung der Geschäfte durch Prinz Mar von Baden.

W. T.-B. Berlin, 8. Nov. (Amtlich. Drahtbericht.) Der Kaiser, welcher vom Reichskanzler über die Gesamtlage genau unterricht« wurde, Hut den Prinzen Max von Baden'gebeten, einstweilen die Geschäfte des Reichskanzlers weiterzuftihren, bis ein endgültiger Beschluß Kaisers erfolgt ist. Dieser ist in kürzester Frist zu erwarten.

Der Reichskanzler für die sozialdemokratischen Forderungen.

,Br. Berlin, 8. Nov. (Eiq. Drahtbericht. zb.) Wie die „Voss. Ztg." berichtet, hat der Reichskanzler die Forderungen der Sozialdemokratie für seine Per­son angenommen. Er soll den sozialderL,eAtischen Regierungsmitciliedern nur erklärt haben, ij(f re er sich zur Einhaltung des von ihnen geforderten ;£er te ls nicht verpflichten will. Im Gegensatz hierzu sch«It der „L.-A.": Im Reichstag war gestern abend -. ^Gerücht verbreitet, der Reichskanzler hätte sich noch gesrÄl abend zum Großen Hauptquartier begeben, um hpi Kaiser über die neuen Forderungen der Sozialdemokratie Be­richt zu erstatten. Diese Nachricht wird uns indessen von amtlicher Seite als durchaus unbegründet bezeich­net. Um 10 Uhr dauerte die Sitzung des KrieqS- kabinetts unter Teilnahme des Reichskanzlers noch fort. Auch das Zentrum nunmehr für die Abdankung.

Bv. Berlin, 8. Nov. lEig. Drahtbericht. zb.) DaS Zentrum stellt sich nunmehr auf den Standpunkt, daß dir Ab­dankung des Kaisers die einzig mögliche Erleichte- rnn» fei »nd wird diefe Partei für den Fall, dass die Sozial­demokraten für die Aafrechterhaltnng der Ordnung garan­tieren, für die sozialdemokratischen Forderungen eintreten.

Sitzung des interfraktionellen Ausschusses.

Verlängerung der Frist des Ultimatums. 1

Br. Berlin, 8. Nov. (Erg. Dralhtbericht. zb.) Im Reichs­tag trat Gute vormittag 11 Uhr der iinerftakrionelle Ausschuß zusammen, um über die Lage, die nunmehr aufs a u tz c r st e 'gespannt evscheint, zu beraten. Alle Parteien hielten heute im Lauf des Tages Sitzungen ab. Es verlautet, dass die Sozial­demokraten die Frist für die Erfüllungen ihrer Forderungen, die mittags ablief, bis zum Abend verlängert haben. Jngwi- schsn sind jedoch bereits Vorkehrungen für den Streik getroffen. In verschiedenen großen Betrieben haben die Arbeiter darum ersucht, ihren Abkehr schein bereitzu­halten. da sie nur noch eine bestimmte Mitteilung ab­zuwarten hätten. Die sozialdemokratische Fraktion wird heute uachmittag zwsammeutreten. Es mag nicht unerwähnt bleiben, daß man selbst in ihren Kreisen in bezug auf die Erfüllung der Hauptforderung durch den Kais,er sich keinem Optimismus hinzuiMen -wagt.

Dauersitzung des Kriegskabinetts.

W. T.-B. Berlin, 8 Nov. (Drahtbericht.) Das KriegS- kabinett ist unter dem Vorsitz deS Reichskanzlers seit dem frühen Vormittag zu einer Sitzung versammelt.

Bestellung aller in Berlin weilenden Offiziere zur Kommandantur.

Br. Berlin, 8. Nov. (Eig. Drahtbericht. üb.) Das Oberkommando in den Marken veröffentlicht folgenden Befehl: Sämtliche in Groß-Berlin auf Urlaub be­findlichen Offiziere haben sich am Freitag, den 8. d. M., 12 Uhr nachmittags, soweit niöglich feld­marschmäßig ausgerüstet, ans der Komnian- dantur zu melden.

Eine sozialdemokratische Mahnung zur Ruhe.

Br. Berlin, 8. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die sozialdemokratische Partei hat folgenden Aufruf erlassen: Der Frieden ist gesichert. In wenigen Stunden wird die Waffenruhe eingetreten sein. Nur jetzt keine Unbesonnenheit, die das an der Front beendete Blutvergießen wieder ausleben macht. Die sozialdemokratische Partei setzt ihre ganze Kraft ein, unsere Forderungen schnellstens zur Erfüllung zu bringen.

Die Lage in Berlin. **

Br. Berlin, 8. Nov. cEig. Drathbericht. zb.) Die Hamburg-Berliner Eisenbahnstrecke ist bis Hagenow- Lanst im Besitz der Demonstranten. Im Laufe des gestrigen Tages und des Abends trafen in Berlin kleinere Kolonnen von Matrosen und a.l- dereu Truppen aus Hamburg ein. Sie wur­den auf dem Lehrter Bahnhof von militärischen Wach­mannschaften in Empfang genommen und in die Moa­

biter Kasernen eingeliefert. Die Mannschaften folgten willig, ohne Widerstand zu leisten. Als jedoch ein Trupp von 250 Mann in der Kaserne des 4. Gardefeldartillerie- Regiments von einem Offizier hart angrfahren wurde, entfernten sich die Matrosen vis auf 70 Mann in die Stadt. Die Truppen des 4. Gardefeldartillerie-Regi- ments, die sie aufhalten sollen, leisteten zum Teil p a s s i v e n ' W ider st a n d. Die Militärverwaltung hat angeordnet, daß Rüstungswerke und andere In­dustriewerke nickt militärisch besetzt werden sollen. Tie Gas- und Elektrizitätsloecke der Stadt solvie die Wasser­werke sind nur mit kleineren Militärwachtposten bis zu 15 Mann Stärke besetzt. Die Gaswerke des Moabiter Stadtviertels wurden gestern in später Nachm ittagsstunde militärisch gesperrt.

Sicherheitsmaßnahmen in den höheren Schulen Berlins.

Rr. Berlin, 8. Nov. (Eig. Drahtbericht. zb.) Der heutige Vormittag verlief in Berlin ruhig, in den Fabriken erschienen die Arbeiter zur gewohnten Stunde. Die militärische Besatzung der Fabriken ist zur ückgezogen. Der Ber!ey c auf den Straßen, namentlich in den Hauptverkehrsadern, war stärker, je­doch kam es zu keinen Ansammlungen. Bon dern größ­ten Teil der im Innern Berlins liegenden höheren Schulen sind die Schüler heute im Laufe des Vormittags en t l a f s e n worden, weil die Schulen nicht die B e r antwortnng übernehmen wollten, daß die Schüler in Aufläufe hinemkommen oder von zu Hanse abw'- schnitteu würden.

Ausfall der Berliner Börse.

W. T.-B. Berlin, 8. Nov. Mit Mckstcht auf die im Eisenbahn-, Post- und Telepbonverkehc eingetretene Störung ist die ordnungsmäßige Feststellung der Börsenpreise ver- bindert. Der Börsendorstand beschloß, datz heute und morgen die Börsenversammlnna nicht stattfindet und die Börsen-'" säle geschloffen bleiben.

Die Gefährdung der Lebensmittelversorgung durch die Unruhen.

Br. Berlin, 8. Nov. (Eia. Drahtbericht. zb.) In der heutigen Veröffentlichung deS' KriegSernShrungsaniteS wird darauf hingewiesen, welch ernste Gefahr der Lebens­mittelversorgung im Reiche durch Störung der öffenllichen Erdnung droht. Tie Lage, vor der wir stehen, kann in dar Tat nicht ernst und schwarz genug geschildert werden. Es ist gar kein Zweifel, daß in den Bezirken, die von den Unruhen ergriffen sind. wahrscheinlich-Störunyen in der Sf« v toffelzufuhr sowie in der Versorgung mit anderen Lebensmitteln bereits eingetreten find. Ferner bat die Störung de» EisenbahiwerkebrL eine sofortige Unterbindung der F r i s ch m i l ch z u rühr in die Städte bervorgerusen. deren Folgen fiir Säuglinge. Kinder und di- Krankenernäh­rung nicht abzusehen sind. In den meisten Städten war die Karroffelversorgung ohnehin fchon durch die TranSportschloie- riakeiten gefährdet, yetzr droht sie ganz zu versagen. Auch für ^ die Versorgung mit Fleisch bestehen ernste Be­fürchtungen.

AuS diese» Gründen muss die Bevölkerung nass dringendste zur Anfrechtrrhaltung von Ordnung «nd Verkehr ermahnt werden.

Die Ausbreitung der Bewegung im Norden.

W. T.-B. Berlin, 8. Nov. (Drahtbericht.) Die Unruhen haben sich außer aus die Uingebuug von Kiel und die .Hansa- itädte noch weiter über Hannover. Oldenburg und andere Städte ausgebreitct. Fast überall ist cS ohne schwere Gefährdung der Ordnung und Sicherheit abgegangen. Die Berliner Ärbeiterbebölker-ing zeigt Besonnenheit. Der Straßenverkehr spielt sich w i e g e w ö h n l i ch ab. Die Polizei geht überall mit Takt und Ninsicht vor. Eine Jtian- spruchnahme militärischen Schuhes ist in Berlin nicht nötig.

Die Absetzung der Dynastie Wittelsbach beschlossen.

W. T.-B. München, 8. Nov. (Drahkbericht.) Der A r - beiter-, Soldaten- und Bauernrat hat in eine- heute vormittag abgehaltenen Sitzung im Lanbtag§gtzb8ude die Äbietzung der Dynastie Witelshach beschlossen.

Unsinnige Geeiichte.

W. T.-B 1 . München, 8. Nov. (Drahtbericht.) Die «Münch. Nrmeit. Nachr." lchreilben unter der Überschrift: Unsinnige Ge­rückte! Gerüchten zufolge soll der König letzte Nacht ver­haftet worden sein. ES seien darauf mehrere Regimenter nach Müirckeu beordert, worden. Diese sollen bereits zu den- Soldaten-. Arbeiter- und Bäuernrat überycgcnigen sein. Diese fensat'onellen Nachrichten entbehren jeder Grundlage und wer- [t verbreitet, die mir urtjerer guten Sache nicht» und sie schädigen. Der Solda-jen-, Arbeiter- und

f

Die Münchener Massenbewegung vom Donnerstag-

nachmittag.

. XV. T.-B. München, 8. Nov. Eine Missstintcrffenlkundgebung veranstaltete die sozialdcmokrarifch? Partei gestern nachmittag Ubr auf der Thcreiiemviefe. Es sollte dabei seitens der Partei Stellung genommen werden zu den großen Tages- fragen, die auch in der letzreu VertraucnSmäunerversMumlung »er Münchener Allbeiterschaft erörtert wurden. Zehntau- -fen de hatten sich mrf dem fteien Platz vor der Bwvario

den von oene zu tun hüben Bauernrat.