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Freitag, 8. November 1918.
Abend-Ausgabe.
Nr- 524.. 86. Jahrgang.
Die deutsche Umwälzung, -f.
Das Ultimatum der Sozialdemokratie.
Berlin, 7. Nov. Wie die „Sozialdemokratische Korrespondenz" meldet, hat die Parteileitung heute noch einmal die Gesamtlage besprochen und Staatssekretär Schcidemann beauftragt, dem Kanzler folgendes zu erklären:
Die sozialdemokratische Pa-tei fordert, daß
1. die Versammlungsverbotc für beute aufgehoben werden;
2. Polizei und Militär zur äußersten Zurückhaltung angehalten werden;
3. daß die preußische Regierung sofort im Sinne der Reichstagsmehrheit umgestaltet wird;
4. daß der sozialdemokratlsche Einfluß in der Reichsregierung verstärkt wird;
5. daß die Abdankung des Kaisers und der Thronveczich: des Kronprinzen bis morgen mittag bewirkt werden.
Werden diese Forderungen nickt erfüllt, so tritt die Sozialdemokratie aus der Regierung aus.
Gleichzeitig ergeht eine neue Mahnung an die Arbeiter zur Besonnenheit.
Dieses Ultimatum der sozialdemokratischen Partei wurde heute nachmittag nach 5 Uhr dem Reichskanzler zugestellt.
Der interfraktionelle Ausschuß des Reichstags hat sich heute in zwei Sitzungen unter Hinzuziehung führender Parlamentarier aus dgii Mehrheitsparteien deS Abgeordnetenhauses hauptsächlich mit den Fragen der Reformen in Preußen beschäftigt, die so schnell und durchgreifend wie nur möglich herbeigeführt werden sollen. Das „8-Uhr-AbendbIatt" will wissen, daß der interfraktionelle Ausschuß heute noch keinen Beschluß in der K a i s e r f r a z e gefaßt habe, daß aber auch die bürgecl'chen Mehrheit-Parteien sich der von den Sozialdemokraten so scharf betonten Notwendigkeit, die Entscheidung ko schnell wie möglich herveizuführen. nicht mehr verschließen.
Tie Konsequenzen des Ultimatums.
Die »Franks. Zkg." meldet aus Berlin, 7. Nov.: Durch das sozialdemokratische Ultimatum, -das heute nachmittag dem Reichskanzler überreicht worden ist, hat sich die politische Situation aufs äußerste zugespitzt. Es kann im Augenblick noch nicht übersehen werden, welche Wirkungen ein Rücktritt des Kaisers im Laus des morgigen Tages haben und ob dadurch eine Klärung der politischen Lage etntreten würde. In maßgebenden politischen Kreisen nimmt man aber als feststehend an, daß im Falle der Nichtabdankung des Kaisers das Ende der gegenwärtigen Bolksregierung ein- treten würde, sei es dadurch, 'daß Reichskanzler Prinz Max sein Amt niederilegt, oder dadurch, daß die sozialdemokratischen Mitglieder ans der Regierung ausscheiden. Wenn das gegenwärtige, aus einem Programm der Mehrheits- Parteien berichende Kabinett seinen Zusammenhang verliert, dann ist kein Zweifel mehr darüber möglich, daß die zurzeit im Amt befindliche Dolksregierung durch eine rein sozialdemokratische Regierung abgelöst werden würde. Ob diese neue Regierung stch lediglich aus Mitgliedern der Mehrheitssozialisten zusammen setzen oder ob auch Mitglieder der unabhängigen Sozialdemokratie zu chr gehören würden, läßt sich heute, wo die Ereignisse noch im Fluß find, nicht Voraussagen. ,
3n Bauern Die BepuDIil ausgerufen!
W.T.-R München, 8. Nov. (Drahtbericht.) Im Anschluß an die gestrige Maflenversammlung auf der Th«re- s i e n w i e l e kam es in München zu ernsten Unruhen, die im weiteren Verlauf zur Ausrufung der Republik Bayern führten. In der Nacht zum heutigen Tage bildete sich ein Rat der Arbeiter. Soldaten und Bauern, zu dessen Vorsitzenden Kurt E i 8 n e r ernannt wurde. Dieser Rat erließ an die Bevölkerung Münchens folgenden Aufruf: Das furchtbar: Schicksal, das über das deutsche Volk hereingebrocheu ist, hat zu einer elenientaren Bewegung der Münchener Arbeiter und Soldaten geführt. Ein provisorischer Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat hat sich in der Nacht zum 5. im Landtag konstituiert; Bayern ist fortan ein Freistaat. Eine Volksregierung, die von dem Vertrauen der Maßen getragen wird, soll unverzüglich eingesetzt werden. Eine konstituierende Nationalversammlung, zu der alle mündigen Männer und Frauen das Wahlrecht haben, wird schnell einberusen werden. Eine neue Zeit geht an. Bayern will Deutschland für den Völkerbund rüsten. Die demokratische und soziale Republik Bayern hat di« moralische Kruft, für Deutschland einen Frieden zu erwirken, der es vor dem Schlimmsten bewahrt. Die jetzige Umwälzung war notwendig, um im letzten Augenblick durch die Selbstrecnerung des Volkes die Entwicklung der Zustände obne allzu schwere Erschütterung zu erledigen, bevor die feindlichen Heere die Grenze überfluten oder nach dem Waffenstillstand die demobilisierten deutschen Truppen das Ebaos herbeikübren. Der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat wird strengste Ordnung sichern. Ausschreitungen werden rücksichtslos unterdrückt. Die Soldaten in den Kasernen werden durch Soldatenräte sich selber regieren und die Disziplin aufrecht erhalten. Offiziere, die sich den Anforderungen der veränderten Zeit nicht widersetzen, sollen unangetastet ihren Dienst versehen. Wir rechnen auf die schaffende Mithflse der ge- samten Bevölkerung. Jeder Arbeiter an der neuen Freiheit ist willkommen. Alle Beamten bleiben in ihren Stellungen. Grundlegende soziale und politische Reformen werden unverzüglich ins Werk gesetzt. Die Bauer» verbürgen Ach sstr die Berfur -u », der Städte «it Le b en « oü ttz l n . De
alte Gegensatz zwischen Land und Stadt wird verschwinden. Der .Austausch der Lebensmittel wird rationell organisiert werden.
Arbeiter und Bürger Münchens! Vertraut dem Großen und Gewaltigen, das in diesen schicksalsschweren Tagen sich vorbereitet. Helft alle mit, daß sich die unvermeidliche Umwälzung rasch, leicht und friedlich vollzieht. In dieser Zeit des sinnlosen wilden Mordens verabscheuen wir alles Blutvergießen. Jedes Mensckeuleben soll heilig sein. Bewahrt die Ruhe und wirkt mit an dem Aufbau der neuen Welt. Der Bruderkrieg der Sozialisten ist für Bayern beendet. Auf der revolutionären Grundlage, die jetzt gegeben ist, werden die Arbcitermassen zur Einheit zurückgeführt. Es lebe die bayerische Republik! Es lebe der Friede' Es lebe die schassende Arbeit aller Werktätigen!
München, Landtag in der N icht zum 8. November 1918.
Der Rat der Arbeiter, Soldaten und Bauern:
Der erste Vorsitzende: Kurt Eisner.
Der Rat der Arbeiter, Soldaten und Bauern erließ folgende Bekanntmachung: Zur Ansrechterhaltung der Ordnung und Sicherbeit arbeitet von heute an das gef rmte Polizei- und Sicherheitspersonal im Auftrag und unter Kontrolle des Arbeiter- und Soldatenrats. Dm Anordnungen dieser Organe ist unbedingt Folge zu leisten.
Dis Lage im deutschen Norden.
W. T.-B. Berlin, 7. Nov. (Amtlich.) Von zuständiger Stelle wird über die Lage in den nördlichen Provinze» folgendes mitgeteÄt: Die Unruhen haben sich aus einige weitere Orte ausgedehnt. In Bremen wurden aus dem Marktplatz von einem unabhängigen Sogia-listen, der vor wenigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden war und von einigen Militärpersonen Reden gehalten, die zur Bildung einer sozia- li st i scheu Republik und eines Arbeiter- und Soldatenrats ausforderten. Der Befreiung -von Militärgefangene n schloß sich die Oss n u ng auch der Zivilgefäng- nisse an. In den großen Werken ist alles ruhig. Aus den Straßen herrscht Ordnung; Zwischenfälle wurden bisher nicht gemeldet. Für heute abend wurde in einer Versammlung Liebknecht ols Redner erwart«. In der Sitzung der Bürgerschaft stand ein sozialdemokratischer Antrag auf Einführung des gleichen und direkten Wählrechts zur Erörterung. Der Senat toll sich seine Entscheidung Vorbehalten haben.
Aus Hamburg wird gemeldet: Das Zentralbureau des Arbeiter- und Soldatenrats teilt folgendes mit: Sämtliche Amtsgebäude und militärischen Gebäude sind besetzt. Die Nahrungsm-ittelmagazine werden bewacht, Plünderer werden mit s o f o r t rg e m Erschießen bestraft. Zurzeit finden Verhandlungen mit dem Senat statt. Der Zugverkehr ist bis -aus zwei Züge eingestellt. Pest- und Telegraphenamt waren bis zur Stunde nicht besetzt. Die Leitung der Bewegung hat einen Aufruf an die Bevölkerung erlassen, die Ruhe und Ordnung ausrecht zu erholten. Nach vorliegenden Nackrichten ist dies indes nicht gelungen. Es hat A u s sch re i tu nge n' .gegeben. .Kleinere Truppenkörper, die sich verteidigten, wurden durch die Massen der Aufftändischen gewaltsam gezwungen, ihnen Gefolgschaft zu leisten. An mehreren Stellen der Stadt sind Mißhandlungen und Mord« vorgekommen. Unter anderem drangen Auft'tändische in eine Wohnung in der Lincoln- strrße, aus der aus herumziehLnde Soldaten geschossen worden sen sollte, und töteten zw e i F ra uen als angeblich Schuldige, indem sie ihnen di« Kehle durchschnitten. Wahrscheinlich werden alle Theater und Restaurants vom 7. November ab geschlossen. Die ganze stacht vom 6. zum 7. Noventber fielen in verschiedenen Gegenden der Stadt vereinzelte Schüsse. Das „Hamburger Ecko", das jetzt als Organ per Aufständischen unter dem Titel „Die rote Fahne" erscheint, veröffentlicht folgende Bekanntmach ung an die Bevölkerung Hamburgs und Altonas: Alle Zivilpersonen
müssen von heute (7. November) ab um 6 Uhr abends von der <Araße sein. Jede Zivilperson, die sich in der Zeit von 6 Uhr abends bis 7 IHr morgens aus der Straße aushält, wird erschossen. In Cuxhaven ist es zu keinen ernsteren Unruhen und Ausschreitungen gekommen. In Kiel ist der Stadtkommandant Kapitän z. S. Heine in derxNacht -vom v. zum 6. November von einer Patrouille, die den Befehl hatte, ibn ab zu führen, erschossen worden, da er sich angeblich diesem Befehl widersetzen wollte.
Bremen, 7. Nov. Von 11 Uhr vorniittags bis 6 Uhr nachmittags ruhte die Arbeit auf den großen Werken, und auch die Straßenbahnen wurden »in 2 bis 6 Uhr nachmittags . stillgelegt. Um 2 Uhr nachmitt.,a? fand eine große DolkS- und Militärversammluna im Freien statt! Daran anschließend bewegte sich ein Zug von etwa 40 000 Militär- und Zivilpersonen mit roten Fahnen und Vereinsfahnen sowie zahlreichen Militärkapellen zum Marktplc.tz und Domhosi wo Mann an Mann sich zu einer Kundgebung drängten, wie sie in einem solchen Matze Bremen nixli nicht erlebt hat. Bon der RathauSbalustrade die mit Pacteiächnen behängt war, spielte eine Musikkapelle und wurden Ansprachen gehalten. Die Redner forderten u. a die Abdinkung der deutschen Fürstenhäirser und feierten die sozialdemokratische Republik. Umzug und Versammlung verliefen in größter Ordnung; eS ist bisher noch zu keinem ernsteren Zwischenfall gekommen. Der Verkehr in den Straßen blieb bis zum späten Abend sehr lebhaft. Man siebt bei Mann und Weib, Militär und Zivil viel rote Schleifen Es sind jetzt Kiel, Wilhelmshaven, Hamburg, Bremen. Lübeck und Hannover in den Händen der Revolutionäre Auch in Bremerhaven hat sich die Garnison dem Soldatenrat unterstellt. Bei der dortiges Entwaffnung wurden zwei Matrosen
Besserung der Ernährung.
W.T.-B. Berlin, 7. Nov. Seit vier Jahre« hat da» deutsche Volk die Lasten und Entbebrnngen de« Kriege» mnl bewundernswerter Standhaftigkeit getragen. Jetzt steht der Frieden und die Aufhebung der Hungerblockade in naher Aussicht. Damit wird auch eine Entspannung unserer Ernährungslage eintrcten. Am 1. Dezember wird die B r o t- ration erhöht und andere Erleichterungen werden allmählich folgen. Voraussetzung dafür, wie überhaupt für die Weiterversorgung deS Volkes, ist die unbedingte Aufrechterhaltung der Ordnung. Jede Störung verhindert die regelmäßige Lebensmittelzufuhr und bedroht die Großstädte und Jndustriebezirke mit unsagbarem Elend. Wir wenden uns an das gesamte deutsche Volk, diese schwere Gefahr abzuwenden.
Der Staatssekretär und Vorstand des KriegSernährungSamts. Ein Aufruf des Reichskanzlers an die Deutsche« im Ausland.
W. T.-B. Berlin, 8. Nov. (Drahtbericht.) Der Reichskanzler erließ folgenden Aufruf an die Deutschen im Ausland: In diesen schweren Tagen wird manchem von euch Volksgenossen, die außerhalb der Grenzen des deutschen Vaterlands von Schadenfreude und Haß umgeben sind/ das Herz schwer werden. Verzweifelt nicht am deutschen Volk. Unsere Soldaten kämpften bis zuletzt so heldenhaft, wi« nur je ein Heer gekämpft hat. Die Heimat bewies ein« unerhörte Kraft des Leidens und Ausharrens. Im fünften Jahr von seinen Bundesgenossen ver- lassen, konnte das deutsche Volk den Kampf gegen die wachsende Übermacht nicht mehr weiterführen. Der Sieg, auf den viele hofften, ist nicht unser geworden. Aber einen größeren Sieg erfocht das deutsche Volk, denn es besiegte sich selbst und seinen Glauben an das Recht der Macht. Aus diesem Sieg werden wir für die schweren Zeiten, die uns bevorsiehen, neueKräfte schöpfen, aus die auch Ihr bauen könnt. Allen von Euch, di« während der -harten Kriegsjahre fiir ihr deutsches Vaterland gelitten und gestritten haben, wird auch das neue Deutschland seinen Dank nicht schuldig bleiben. So wett es in der Macht der -deutschen Regierung und des deutschen Volkes steht, die Leiden dieses Kriegs und ihre Folgen zu lindern, rotrd ihre Fürsorge ebenso den Deutschen im Ausland wie den Deutschen in der enger«, Heimat zutest werden. Reichskanzler Prinz Max von Baden.
' Die verzögerte Reform Preußens.
W. T.-B. Berlin, 7 Nov. Heute nachmittag fand unter den Vertretern der Mehrheitsparteien aus dem Reichstag und dem preußischen Landtag eine Besprechung über die Frag« statt, in welcher Weise jetzt grundlegende Änderungen bec einzelstaatlichen Verfassungen, insbesondere in Preußen, herbeizuführen wären. Für Preußen kommt namentlich da» Wahlrecht und tie schleunige Parlamentarisierung der Regierung in Frage Es wurde eine grundsätzliche Einigung unter den Parteien erzielt. Zur. weiteren Erörterung begib«, sich noch am Abend Vertreter der vier Mehrheitsparteien zum Vizepräsidenten des preußischen «taatsministeciums Dr. Friedberg
Die faffenPftanDsoeiDanDIungen.
Die neueste Note Lansings hat Lloyd Georges Erklärungen bestätigt, daß man uns die Waffenstillstands- bedingungen nicht präsentieren ^verde, 'andern daß wir sie uns holen sollen. Die deutsche Delegation ist denn auch bereits wohl an Ort und Stelle.
Was im übrigen die Lansingsche Note betrifft, so enthält sie neben dunklen Punkten doch auch Lichtblicke/vor allem den, daß sie die Anerkennung der Grundsätze, die Präsident Wilson in seinen Botschaften und Reden festgelegt hat, seitens der gesamten Entente ausdrücklich feststellt, wenn auch freilich nicht so rück- haltslos, wie die deutsche Regierung es schon vorher getan hat. Jedenfalls beweist dies, daß Wilson trotz aller offenbar sehr starken W i d e r st ä n d e seinen Standpunkt im wesentlichen durchgesetzt hat, und möglicherweise ist damit wirklich die Grundlage für einen Rechtsfrieden geschaffen, wie wir ihn anzunehmen uns bereit erklärt haben. Auf alle Fälle kann festgestcllt werden, daß damit Forderungen, wie sie die feindliche Presse in ihrer maßlosen Vernichtungswut aufgestellt hat (Abtretung des linken Rheinufers, Wirtschaftsboykott und dergleichen mehr), von vornherein ausscheiden. Es wird Sache unserer Unterhändler sein, sich mit dem Präsidenten Wilson gegen die weitergelwnden Forderungen der Miierten auf der Friedenskonferenz zu wenden.
Denn daß wir auf solche rechnen niüssen, daß die Alliierten Wilsons Programm nach Möalichkeit „aus- legen" werden, ist nicht zu bezweifeln. Es geht dieS schon daraus hervor, daß die Entente einen ausdrücklichen Vorbehalt gegen Wilsons Programm erhoben hat. und zwar in bezug auf den zweiten Punkt der Botschaft vom 8. Januar d, F.. worin es nieß: „Der zweite Punkt ist vollkommene Freiheit der Schiffahrt auf dem Meere außerhalb der territorialen Gewässer im Frieden sowohl wie im Krieae mit Ausnahme jener Meer-, die ganz oder teilweise durch eine internationale Handlung zwecks Durchsetzung internationaler Verträge geschlossen wer- den." Zln diesem Punkt besteht, wie aus LansinqS Not» bervorgeht, »och «ae «abealichene Differenz
