Verlag Langgasse 21
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Mittwoch, 6. November 1918. Nr- 519. * 66. Jahrgang.
Um den Frieden.
Übereinstimmung der Entente auf die 14 Punkte.
Br. London, 5. Nov. (Gig. Drahtbericht. zb.) Aus
London wird gemeldet: Ter Londoner Korrespondent des
„Nieuwe Courant" meldet: Ich erfahre, daß eine befriedigende überein st im munZ in Versailles erzielt worden ist, und zwar auf die 14 Punkte. Tie Bekanntmachung der Bedingungen des Waffenstillstandes kann jede Stunde «wartet werden.
Die WaffenstiUftandsbedingungen noch nicht in Berlin.
E. A. Berlin, 5. Nov. (Erg. Drahtbericht. zb.) Die neuerdings aus Genf gemeldeten angeblichen Friedensbedingun- gen der Entente entbehren, wie an zuständigen Stellen versichert wird, jeder offiziellen und tatsächlichen Grundlage. Die Waffenstillstandsbedingungen der Entente sind noch nicht in Berlin eingetroffen.
Zur Bekanntgabe der Bedinaungen.
XV. T.-B. London, 5. Nov. (Drahtbericht. Reuter.) In Beantwortung einer Anfrage über den Rat in Versailles sagte Bonar Law: Ich kann eine 'ehr baldige Bekanntgabe der Bedingungen nicht in Aussicht stellen die zuvörder st den Bereinigten Staaten mitgeteilt werden müssen. Ich glaube nicht, daß ich etwas sagen kann, bevor sie auch der deutschen Regierung bekannt sind.
XV. T.-B. London, 4. Nov. (Reuter. Unterhaus.) Üiunci- man kragte, ob die Rogierrmg über trie österreichischen Kapitu- tot»nsbedingimnen Mitteilung machen könne. Bonar Law erwiderte: Ich hoffe, daß es möglich sein wird, morgen nachmittag dem .Kaufe die vollständigen Bedingungen vorzu- leyen. Inzwischen glaube ich dem Haus versichern zu können, daß eS zu friedenge stellt sein wird. (Beifall.) In Beantwortung weiterer Fragen sagte Bonar Law, daß er wahrscheinlich am 11. November einen neuenKredit etnbringen werde. Bonar Law teilte -weiter mit, er könne keine baldige Erklärung über den Versailler Rat versprechen.
Die M'fsion des Generals v. Winterfeldt.
8. A. Berlin, 5. Nov. (Eig. Drahtbericht. zb.) Die Mitteilung der „Germania", daß General v. Winterfeldt dazu ausersehen sei, die Waffenstillstandsverhandlungen zu führen, ist unrichtig. General v. Winterfeldt wird »er- auSsichtlich als Mitglied einer Waffenstillstandskommission tätig sein.
Das Telegramm der Elsässer an Wilson.
Ztraßburg i. Elf., 5. Nov. Das Telegramm, daS von der Effässer-Bcrsammlung im Sängerbau ö au Herrn Wilson abgesandt wurde, lautet folgendermaßen: Herr Präsident! Eine am 3. November 1918 in Stvaßburg tagende Versammlung »lteksässischer Bürger verschiedenster Parteirichtnn- »en und Berussstände stellt sich mit Entschiedenheit aus den Boden des S e l b stbe st i m m u n g s r ;cht s der Völker, wie e§ von Ihnen formuliert wurde und bittet Sie, mit Ihrem ganzen Einfluß dafür einzutreten, daß dem elsaß-lothringischen Volk die Ausübung dieses Rechts restlos gewährleistet wird, weil imr dadurch ein nochmaliger Krieg um Glsaß-Loth- ringeu vermieden werden kann.
Die Agitation der Unabhängigen.
Die Lage in Berlin.
B. A. Berlin, 5. Nov. (Gig. Drahtbericht. zb.) Gerüchte über große Arbeitseinstellungen in den Berliner Fabriken waren heute verbreitet. Wie durch Nachfragen an verschiedenen maßgebenden Stellen festgestellt wird, entbehren die Gerüchte jeder Begründung. Es wird überall gearbeitet. Weiter wird aus maßgebende^ Gewerkschaftskreisen mitgeteilt, daß leider in Berlin Elemente sind, die mit Absicht falsche Nachrichten verbreiten, um Unruhen in der Berliner Bevölkerung hervorzurufen.
Eine Versammlung in Bremen.
Br. Bremen, 5. Nov. (Eig. Drahtbericht. zb.) Die unabhängigen Sozialdemokraten hielten gestern abend eine öffentliche Versammlung ab, in der Reichstagsabgeordneter Henke ül>er „Arbeiterschaft und Frieden" sprach. Die Rede war eine Propaganda für den Bolschewismus. Die Rede schloß mit der Erklärung, die Sacke der russischen Revolution sei Sache des deutschen Proletariats geworden. Während die Mehrzahl der Versammlungsbe'ucker den Saal verließ, wurde eine Entschließung im Sinne des Referats angenommen.
Dock russkscke Revolutfonsumtriebe in Deutschland!
W. T.-B. Berlin, 5. Nov. (Amtlich. Drahtbericht.) Am 4. November, abends, traf, von Moskau kommend, ein Kurier der hiesigen diplomatischen Vertretung der Sowjetregierung auf dem Bahnhof Friedrichsiraße ein. Beim Heruntertragen des Gepäcks vom Bahnsteig wurde eine der Kisten durch Anstößen beschädigt, so daß die darin befindlichen Papiere auf den Boden fielen. Diese Papiere waren, wie sich herausstellte, in deutscher Sprache gedruckte Flugblätter, die die deutschen Arbeiter und Soldaten zum sofortigen Umsturz aufforderten. Eines der Flugblätter, das „Internationale Spartacusgruppe" unterzeichnet ist. enthält einen Aufruf zum Revolutionskampf, während ein anderes Flugblatt die näheren Anweisungen zu diesem Kainpf gibt, zu Me uchelmord und zum Terror auffordert. Auf Ansporn der Bahnbehörden wurde das- gesamte Kuriergepäck in qmxm geschlossenen und bewachten Raum niedergestellt und
das Auswärtige Amt benachrichtigt, um diesern die Untersuchung und weitere Behandlung der Angelegeuheir zu ermöglichen. _
Ein schwedisches Urteil über die Kriegslage.
XV. T.-B. London, 5. Nov. (Drahtbericht.! Ein schwedischer General schreibt in der „Nya Dagltght Allehanda" zur Kriegslage: Bei den unerhörten Sturmangriffen, scheinen besonders die Amerikaner eingeschcn zu haben, daß es unmöglich ist, den Gegner zu verdrängen. Betrachten wir die Lage, s i ist offenbar, daß Marschall F o ch seit Anfang Oktober nach einem großartigen Plan arbeitet, nämlich durch kräftige Angriffe gegen beide Endpunkte die deutschen Stellungen einzuschnüren, die Deutschen wenn möglich gefangen zu nehmen, ihnen also ein Sedan in großem SriOe zu bereiten. Gleichzeitig war er bestrebt, die deutschen Wellungen au ihren schwächsten Punkten zu durchbrechen, um durch Auscollung van beiden Seiten die Vernichtung zu beschleunigen. Keiner dieser Pläne ist ihm geglückt, oder besser gesagt, beide Pläne mißglückten ihm völlig. Die Deutschen weichen vor allem im Norden aus, so weit die Sicherheit es erforderlich macht, aber sie hielten stand und entblößten ihre Flügel nicht. Ihre Gegner rannten sich ihre Kopfe an der.neuen Mauer blutig und werden dies auch in Zukunft tun. Das Kräfteverhältnis scheint nahezu ausgeglichen zu sein. Es kann, je 'weiter cs zum Winter geht, sogar Umschlagen. Allem Anschein nach ist die Stellung Deutschlands an der Wesffront nicht m e h r gefährdet, vielleicht sogar günstig.
Eine Informalions- und Agitationsreise an die Front.
Br. Berlin, 6. Nov. (Eig Drahtbericht. zb.) Auf Einladung der Obersten Heeresleitung begibt sich heute eine Anzahl Reichstagsabgeordnetec der Mcbrheitsparteiei! auf ettva vier Tage an die Front. Die Abgeordneten sollen da aus eigener Anschauung die Lage kennen lernen und so weit es angängig ist, auch durch A n s v r a ch e n an die Truppen diese über die neue Lage in der Heimat ausklären.
Militärische Maßnahmen in Süddeutschland.
Br. Berlin, 5. Nov. Die Regierung hat gestern die Kvu- seguenzen beraten, die sich für Deutschland ais dem Abschluß der Waffensüllstandsbedingungen zwischen Lsterrei-ch-Uugarn und der Entepte ergeben können. Da unsere militärische'Lage zu keinerlei Eile Anlaß gibt, können diese Erwägungen in aller Ruhe erfolgen, zumal die Italiener der geschlage len österreichischen Armee nur langsam nachrücken. Außerdem ist wegen der Unordnung der Berkchrsvechältniffe 'und der Verpflegungsschwierigkeiten ein s ch n c l I er feindlicher Aufmarsch nicht möglich. Unsererseits sind s ck o n militärische Vorkehrungen getroffen.
Der deutsch-französische Gefangenenaustausch.
Br. Berlin, 5. Nov. lEig. Drabtbericht. zb.) Auf eine kleine Anfrage hat der Abgeordnete Müller-Meiningen folgende Antwort erbalten: Der Austausch der mehr als
18 Monate kriegsgefangenen deutschen und französischen Heeresangehörigen ist am 15 Oktober wieder ausgenommen worden und erfolgt regelmäßig. Wöchentlich werden von jeder Seite zwei Züge mit je 750 deutschen und 800 fran- zösischen Kriegsgefangenen abgelassen.
Helmbeförderung der Flüchtlinge aus Nordfrankreich durch Holland.
XV. T.-B. Paris, 4. Nov. (Agence Havas.) Die holländische "Regierung bat Schiffe von der Batavia-Linie zur Verfügung der französischen Marine gestellt, um die Flüchtlinge aus Nordsraukreich, die in Holland ein Unterkommen gesunden haben, in ihr Land zurückzubringen. Der Dienst, welcher sofort organisiert wird, wird cs ermöglichen, täglich 1500 Personen zu befördern. Man hat die Absicht, die Schiffe so lange fahren zu lassen, bis alle Flüchtlinge nach Frankreich zurückgekehrt sind.
Der zerfallene Donaustaat.
Einleitung österreichisch-ungarischer Friedensverhandlungen.
XV. T.-B. Budapest. 5. Nov. (Drahtbericht.) Ministerpräsident Graf Karolpi reiste nickt, wie gestern gemeldet wurde» zwecks Friedensverhanolungen. nach Padua. — Der Ministerrat beschloß, den Justizminister Dionysius B e r i n - k e y nach Belgrad zu entsenden, wo er mit General Fr a n ch er in Verbindung treten wird. , .
Der Anschluß Vorarlbergs an Deutsch-Lsterreich.
XV. T.-B. Wie», 5. Nov. (Drahtbericht.) Die „Reichspost" meldet aus Bregenz: Am 8. d. M. fand die Vorarlberger Laudcsversammlung. die aus 10 Christlich-Sozialen, 0 Deutsch- nationalen uird 5 Sozialoemokcaten besteht, statt. Es wurde ein neungliedriger Landesrat gewählt, der die Landesvec- waltung übernahm. In einer Kundgebung wurde Vorarlberg als selbständiges Land im Rahmen Deutsch-Österreichs erklärt. Damit ist die endgültige L ü > u n g Vorarlbergs von Tirol vollzogen. .
Ein bedanerlicher Zwischenfall mit russischen Äriegs- gcsangenen in Wien.
XV. T.-B. Wien, 5. Nov. (Drabtbericht.) Der heutige Tag verlies im allgemeinen ruhig. Der Eisenbahnverkehr steht ganz im Zeichen des RücktransporüWer nationalen Truvper- teile und der aus den Kriegsgefangenenlagern abgeleiteten Transporte. Dies hat in den Bahnhöfen große Ansamm
lungen von Mannschaftsgruppen zur Folge. Auf dem Nvrd- bahnhof ist es so zu eineni bedauerlichen Zwischenfall gc- konnueii. Über ihn meldet die Korrespondenz Wilhelm: Wie bekannt, werden russische Kriegsgefangene zur Rückbeförderung in ihre Heimat an die Grenze des tschecho-slowak:- scherr Staates verbracht. Der Rordbahnhof ist tagsüber von Russen belagert. Heute, gegen 12 Uhr mittags, wurde ein Drupv von etwa 1000 russischen Kriegsgefangenen zum Rordbahnhof transportiert. Eine Sicherheitswache begleitete die Russen und sie gingen ganz rubig und in Ordnung zürn Bahnhof. Als die beiden Absperrposten eines Schützenregiments die Russen heranziehen sahen, bemerkten sie nicht, daß die Kriegsgefangenen eskortiert waren und glaubte», daß sie eine solche Horde vor sich bätten, die. wie anderwärts, vielleicht einen Überfall auf den Bahnbof plante. Angesichts der erdrückenden Übermacht gab-m die beiden Posten Alarmschüsse in die Luft ab. Die militärische Bahnhofswache, die die Schliffe hörte, glaubte nun, daß es sich um einen Überfall meuternder Russen handle und gab einige Schüsse gegen die Kriegsgefangenen ab. Man hörte alsbald Hilferufe und erst jetzt klärte sich der beklagenswerte Irrtum auf. Vom Bahnhof kam alsbald die Hilfe. Die verwundeten Russen wurden verbunden und ins Argorno-Hvspital verbracht. Fünf Ruffen erlitten schwere Schußwunden, fünf wurden getötet. Ein Gerücht besagt, daß vier Ruffen ums Leben gekommen sind. Eine strenge Untersuchung des Tatbestandes wurde ciu- geleitet. Unter den anderen Kriegsgefangenen verursachte der Vorfall große Erregung, doch gelang es bald, die erregten Gemüter zu beschwichtigen.
Englische und französische Truppen in Ungarn.
XV. T.-B. Budapest, 5. Nov (Drahtbericht.) Der ungarische KriegSminister erklärte bezüglich des abgeschlossenen Waffenstillstandes, daß die Demarkationslinie die ungarische Lnndesgrenze sein werde. Wahrscheinlich werden englische und französische Truppen nach U ii g a r u kommen. Sollten sie kommen, so kommen sie nickt als Feinde. Ihr Aufenthalt wird nur kurz sein. Keines- kvegs wird die Okkupation von langer Dauer sein. Die freu, den Truppen kommen zu uns als Freunde, nicht als Sieger, denn nickt das ungarische Volk, sondern das verrottete Regierungssystem ist besiegt.
Durchzug der deutschen Balkan-Truppen durch Ungarn.
XV. T.-B. Budapest, 6. Nov. Der Kriegsminister ordnete an, daß die durch Ungarn durchziehenden deutschen Truppen nicht zu entwaffnen, sondern mit voller Ausrüstung und Bewaffnung ungestört wciterzubefördern sind.
Abreise der reichsdeutschen Militärbehörden aus Ungarn.
XX'. T.-B. Budapest, 5. Nov. (Drahtbericht. Meldung des Ungarischen Telegr.-Korr.-Bur.) Alle bisher hier gewesenen reichsdeutschen Militärtwhörden sind nach 11 Uhr nachts' mit einem Dampfer nach P a s s a u abgegangeu.
XV. T.-B. Budapest, 5. Nov. (Draykbericht.) Gegen wärüg sind n u r n o ch z io e i reicksdentsche militärische Amts stellcii in Budapest tätig, die jedoch durch Zrvilbeamte versehen werden, und zwar daS Bahnhofskommando und das fogenanntc ÜverwachungSkommando. welche die Aufgabe haben, die von der Balkanfront zurüükehrenden Soldaten nach der Heimat zu befördern. Außer diesen auf dem Durchzug befindlichen deutschen Mannschaften stehen in Ungarn kerne deuffcheu Soldaten mehr.
Bestätigung der Ausrufung einer bulgarischen Republik.
Berlin, 4. Nov. Nachrichten aus Bulgarien bestätigen die Meldung, daß der Zar Boris auf den Thron verzichtet hat. und daß die bulgarische Republik auSgerufen worden ist. Zar Boris befindet sich auf dem Weg nach Wen.
Tagung des vereinigten Landesrats der Baltischen Lande.
Riga, 4. Rov. Am 5. NovcmbMwird im hiesigen Schloß eine Sitzung des vereinigten LandesratS von Livland, Estland Riga und Qsei stattfinden, der vom Ausschuß des LandoSrats folgende Fragen zur BoisMutzsaffurrg vovgelegr werden: 1. Die an das Deutsche Reich zu richtende Bitte um ferneren Sch utz der baltischen Laude gegen Anarchie und Verwüstung;
2. die Bildung eines ans Vertretern aller BsvölkerungÄreise und Nationalitäten zusammengesetzten Landesausschusses, der die Verfassung der 'baltischen Lande anszuarbeiten hat:
3. die Bildung einer provisorischen Landesregie tun«. Dem Oberbefehlkhaber der in Kurland siegenden .6! Armee ist vom vereinigten Landesral von Livland. Estland, Osel und Riga ein Schreiben zugegangen, in welchen, unter Hinweis aus die entsetzlichen Greueltaren der Bolsche wtsteu in den von den deutschen Truppen entblüßterl Gebieten um Schutz und um Aufschub des Truppenabmar- sche S gebeten wird. Hunderttausende, so heißt es in dem Schreiben, sind bereits aus der Flucht noch Livland, weil in all den Rachbargebieten die Bewohner ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Wenn die deutsche Regierung den erbetenen Schutz nicht gewähren könne, müsse man sich nötigenfalls an andere Mächte um Schutz und Hilfe wenden. Das Schreiben, unter zeichnet vom Baron Pürier und von dein gsschästssührender Präsidiumsmitglied v. Sanison, bittet ferner, mit dem Ab- marsch der Truppen zu warten, Äs geordnete Berhältnrffe geschaffen und Biatzncchmen zum Schutz der Bewohner getroffvu seien. Das Armeeoberkommando wird gebeten, dieses Gesuck bei der Regierung in Berlin zu befürworten.
