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Entschuldige sich keiner damit, daß er in der langen Kette zu unterst stehe; er bildet ein Glied, ob das erste oder das letzte, ist gleichgültig, und der elektrische Funke könnte nicht hindurchfahren, wenn er nicht da stünde. Darum zählen sie alle für einen und einer für alle und die Letzten sind wie die Ersten.

_ Friedrich Hebbel.

Der Gemeindeschreiber.

Bon Henriette Brey.

Es war eine lange, dürre, ein wenig vornübergebeugte Gestalt, mrt schmalen Schultern und eingesunkener Brust. Sommer und Winter ging er in demselben fadenscheinigen Rock mit den langen Schößen und den kahlgebürsteten Nähten.

Wenn sein etwas schlürfender Schritt auf der holperigen Dorfstraße tönte, wußte man sedesmal auf die Minute, wie spät es war, denn Ignaz Reismüller war pünktlich wie eine Uhr.

Schon fünfzehn Jahre lang bekleidete er das Aint eines Gemeindeschreibers mit Eifer und Pflichttreue. Er war die rechte Hand des hochvermögenden Dorfgebieters, des Bürgermeisters Röhndorff, der lieber sein stolzes Rosse­gespann als die Feder regierte und dem er deshalb un­entbehrlich war.

Nun aber hatte er plötzlich das Wohlwollen des Ge­strengen verloren — seit er sich in den Kopf gesetzt hatte, zu heiraten.

Heiraten!? Der Bürgermeister zweifelte ernstlich an Ignaz' Zurechnungsfähigkeit. Wie kam das armselige Schreiberlein nur auf diese hirnverbrannte Idee? Er hatte die vierzig längst überschritten und nun noch diese Toll­heit! Konnte er von den paar hundert Mark eine Familie ernähren? Das würde ja nur Hunger und Elend geben und schließlich — eine Gemeindelast. Wollte er denn blind­lings in sein Unglück rennen?

Aber die sonst so demütige, unterwürfige Schreiber­seele zeigte diesmal eine ganz ungewohnte Starrköpfigkeit.

Tie Kathrin hatte nun einmal sein Wort, und er werde sie heiraten. Er sehne sich schon lange nach einem eigenen Heim.

Ter Bürgermeister malte ihm in den düstersten Farben seine Zukunft aus, und die hochwohlweijen Gemeinderäte schüttelten mißbilligend die Köpfe und erklärten Ignaz für einen ausgemachten Narren.

Aber alle Vorstellungen fruchteten nichts. Ignaz Reis­müller gab sein Dachstübchen bei den Schusterleuten auf, mietete eine kleine Wohnung und heiratete seine Kathrin.

Anfangs schienen die unheilverkündenden Prophezeiungen sich nicht zu erfüllen. Die junge Frau war fleißig und häuslich und hielt die kleine Wirtschaft nett zusammen. Sie fand gutbezahlte Wasch- und Putzstellen und verdiente manches Stück Geld. Ignaz sah besser genährt aus als früher und schien glücklich zu sein im Besitze des eigenen Heims. Als aber später nach und nach die Kinder sich einstellten, war es mit dem Verdienste der Frau zu Ende. Die Kleinen fesselten sie ans Haus, zudem kränkelte sie längere Zeit, und Arzt und Apotheke verschlangen die kleinen Er­sparnisse.

Bald ging Ignaz wieder stets mit sorgenvoll umwölkter Stirne einher. Sein Haar war noch spärlicher, seine hagere Gestalt noch gebeugter und eingeschrumpfter als früher.

Ter armselige Gehalt reichte bei weitem nicht für die notwendigsten Bedürfnisse, trotz aller Einschränkungen. Je mehr Kinder sich um den Tisch reihten — es waren nun

schon fünf — desto dünner und wässriger wurden die Sup­pen, desto schmaler die Bissen.

Als die Not stieg, entschloß der Gemeindeschreiber sich endlich schweren Herzens, um Gehaltserhöhung zu bitten.

„Gehaltserhöhung?" sagte der Bürgermeister gedehnt, und die Gemeinderate machten lange Gesichter. Gehalts­erhöhung bei den teuren Zeiten! Nein, daran war nicht zu denken. Weshalb hat er den dummen Streich gemacht? Er war genug gewarnt worden. Jetzt mußte er die Folgen tragen.

Und die Gemeinderäte nickten dazu pflichtschuldigst „ja", wie es braven Gemeinderäten geziemt. Ter dicke Bären­wirt fügte breitspurig hinzu, während seine fleischigen Hände wohlgefällig mit der goldenen Uhrkette spielten: „Wie man sich bettet, so liegt man halt! Hast ja nicht hören wollen! Ich habe dir dazumal vorausgesagt: Wenn du mal im Elend bist und auf der Straße liegst, schreib's dir selber zu. Ich hab's prophezeit 's Ende von der Geschicht' ist's Armen­haus, denk an mich!"

Tiefer und mutloser sank das Haupt des Bittstellers, Ach Gott ja —- sie hatten ja alle recht, aber er war doch jetzt in Armut und Not.

„Herr Bürgermeister, ich sehe ja ein —" stammelte er hilflos. Und der Dorfgewaltige fühlte ein menschliches Rühren. Ten Gehalt konnte man nicht erhöhen, aber „aus besonderem Wohlwollen" sollte Ignaz Reismüller 50 Mark Zulage erhalten!

„Tie Herren sind doch damit einverstanden?" fragte der Bürgermeister, flüchtig im Kreise herumblickend. Und wieder r.ngsum pflichtgemäßes Nicken. —

Was sind 50 Mark, wenn Krankheit und Unglück herein­bricht? dlur einen Tropfen auf einen heißen Stein.

Zwei der Kinder, bleichwangige und skrophulöse Dinger mit ewig entzündeten Augen, staroen — und am Abend des Bcgräbnistages legte Ignaz sich aufs Krankenlager.

Ter Bürgermeister geriet in arge Verlegenheit, und da die Krankheit sich monatelang hinzuziehen drohte, der Arzt zudem erklärte, Reismüllers kranke Brust gestatte die gebückte Haltung beim Schreiben nicht mehr — nahm er sich einen anderen Schreiber.

Ignaz genas nur langsam. Gram und Verzweiflung nagten an ihm und verzögerten seine Gesundung. Wohin jetzt mit ihm?

Um diese Zeit starben rasch nacheinander die Eltern seiner Frau, die auf der vor dem Torfe sich erstreckenden Heide eine ärmliche Katstelle besaßen. Dieses kleine An­wesen bezogen sie nun und glaubten, daß endlich bessere Zeiten für sie gekommen seien.

Aber die Not schien sich einmal au sie gewöhnt zu haben. Sie heftete sich an ihre Fersen und folgte ihnen in die arme Hütte. Die Frau schaffte für zwei, und Ignaz arbeitete bei den umherwohnenden Bauern im Tagelohn. Doch der Verdienst war nur karg. Die nur des Schreibens kundigen Hände waren der Arbeit nicht gewachsen. Schließ­lich brach der ausgemergelte Körper zusammen und ein langes Siechtum verzehrte den Rest seiner Lebenskraft.

Und eines Tages verkündete das Verscheideglöcklein, daß Ignaz Reismüller die Augen zur letzten Ruhe geschlossen hatte!

Da war ein Staunen im Dorfe. Die Leute steckten die Köpfe zusammen.

„Der Gemeindeschreiber ist tot — wer hätte das ge­dacht! Der arme Kerl! — Schade um ihn, er war so ein prächtiger Mensch", hieß es.

„Ja, das ist wahr. Und treu und redlich hat er der Ge­meinde gedient", sagte Schreiner Baltes.