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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin W. 57. An der AposteMrche 7.1. Fernivrecker: Amt Lützow 6202 und 6203.
Mittwoch, 25. Oktober 1918.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 495. ♦ 66. Jahrgang.
MmilsM «uhe als LMM.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
# Berlin, 22. Okt. (Eist. Drahtbencht. zb.). Die Bedeutung und der Wert der heutigen Ausführungen des Kanzlers liegen eigentlich mehr auf theoretischem als auf praktisclfeM Gebi°t. Prinz Max von Baden bezweckte offenbar mit seiner Rede, vor allem dem Jn- und Auslande die neue politische Struktur des Deutschen Reiches nicht nur Zarzulegen, sondern zu gleicher Zeit auch als erster Beamter dieses Staates gewissermaßen die Bürgschaft für alle diese Neuerungen vor der Welt zu übernehmen. Den auswärtigen Angelegen- beiten und der Iriedcnsnote waren nur ein kleiner Teil der Rede gewidmet. Ter Kanzler hatte offenbar die Absicht, die Antwortnote an Wilson zu unterstreichen und ihr noch einige Geleitworte auf die Reise nach Amerika mitzllgeben. Es lag traglos auch in den Worten des Prinzen eine recht starke Kritik sowohl an der Permittlungstätigkeit des Präsidenten Wilson, die nicht ganz im Einklang mit seinen Worten zu stehen scheint, als auch an der zweideutigen Ausdrucksweise, ste^n sich der Präsident in dem Noten- Wechsel mit Durtschlaud bisher zu bedienen beliebte. Nachdem die deutsck>e Regierung und das deutsche Volk dem In- und Auslände vogeni-cher? freund wie Feind, s-'inen ehrlichen Friedenswillen unter Hintansetzung eigener Interessen gezeigt hat, war es fraglos nunmebr auch Pflicht des höchsten Reichsbeamten, die anders Sei re des Bildes zn zeigen und darauf hinzuweisen, was neschiebt und geschehen muß. wenn die dargebotene Friedenshand erneut zurückgestoßen wird.
Unter dem Beifall des ganzen Hauses wies der Kanzler darauf bin. daß das gesamte deutsche Volk dann zur Verteidigung von Land und Ehre auf- sieben muß, um sich den Frieden, den es im Guten nicht erreichen konnte, zu erzwingen.
Der Übergang, den der Reichskanzler fand, um von den Fragen über Krieg und Frieden und der äußeren Politik zur Neuorientierung im Innern übcr- zugehen. war besonders aescknckt. Er wies darauf hin, daß all" Gedanken, die einmal mit dem Frieden und dem Zustandekommen des Völkerbundes zusmnmen- bänaen oder aber auch zum Aufruf zur nationalen Verteidigung führen *8nnen. nur möglich sind, wenn Volk und Regier«na Hand in Hand arbeiten und im gegenseitigen Vertrauen znsammensteben.
An und für sich wa-en es kein-' Neuigkeiten oder üb°rraschende Tatsachen, die der Reichskanrler Mitteilen konnte. Es war. wie eingangs erwähnt, eine Zusammenfassung alles dessen, was geschoben ist und geschoben wird, um das liberale Reakorungsproaramm zur Durchführung zn bringen. Der Kanzler ging die einzelnen nonen Verfassungsänderungen und Gesetze die die neue Zeit möglich machen, durch und unterstrich deren Bedeutung und Konseguenzen. alles auf den einen Punkt berausarbeitend. um zu zeigen, wie das Volk jetzt selbst an. der Regierung mitarbeitet, lein eigenes Schicksal schmiedet und dieses System auf die Dauer sestlegt. Das Hau.s, das den Ausführungen ruhig gefolgt war. nur besonders markante Stellen mit Beifall unterstreichend, wurde lebhafter, als Prinz Mar seine Rede ausklingen ließ in einen Aufruf, der über die Mauern des Reichstags hinius in das dzutsche Volk hinausdringen sollte. An Dichters Worte anschließend, daß jedes Volk, auch das deutsche, seine Aufgabe in der Welt hat. verwahrte er sich hart gegen jeden Ein- griff in unser Innenleben und wies jeden Versuch, an der deutschen Ehre zu tasten, enrrgisch zurück, unter lautem Beifall von allen Bänken des Hauses. Je mehr sich die Rede ihrem Ende zuneigte, desto mehr er- wärmte sich die Stimmung unter den Abgeordneten, die zur stürmischen Kundgebung wuchs, als er unscrea Soldaten zurief, daß d-e Heimat st; nicht im Stichs läßt und ihnen geben wird, was sic gsbm kann.
Der Kanzler sprach langsam und ruhig mit volltönender Stimme, ein Mann, der seiner Sache sicher ist und weiß, was er sagen will. Und die',; vertrauensvolle Ruhe war eigentlich das Kennzeichen der heutigen Sitzung. Die Erregung, die der der letzten Tagung durch alle Anwesenden grng, ist vorüber. Das Selbst- bewußtsein ist zurückgekehrt und man bat das Gefühl, daß die Schwankungen, die stets derartige Urn- wertunaen mit sich bringen müssen, vorüber sind.
Während die Rechte und das Zentrum des Hauses dickt besetzt waren, wieien die Bänke der Freikonsecva- tiven, Polen, Elsäiser und Konservativen starke Lücken auf. Als erster Redner gab der Abq. Herold eine Erklärung im Namen der .Zentrumspartei ab, die auf die volle Übereinstimmung mit der Regierung hinzielt. Der Vertreter der Sozialdemokraten, der Abg. E b e r t, begann im Gegensatz zu den kurzen Ausführungen des Zentrumsvertreters in großangelegter Rede die Ursachen zu dem jetzigen kritischen Zustand zu untersuchen und gab damit das Signal, die weitere Debatte in ei« gänzlich anderes Fahrwasser zu leiten. Ob es jetzt an der Zeit und frvchtbring-md ist. Kritik an Vergangenem zu üben? Es war verständlich, daß ein großer Teil der Abgeordneten uninteressiert den Saal verließ. Erst als der Abg. Naumann die Rednertribüne bestieg, füllte üch das Haus wieder und man folgte den Ausführungen des Forfichnttlers mit gewannter Aufmerksamkeit. Im Geaensatz zn der zersetzenden Kritik Eberts betonte Naumann die Einheitlichkeit der Regierung und die Notwendigkeit, den Zwiespältigkeiten ein Ende zu machen. Man erlebte das im Reichstag seltene Schauspiel, daß nach Zeinen Ausführungen neben dem lauten Beifall van den Abgeordnetenbänken auch Händeklatschen von den Tribünen erscholl. Der national- liberale Aba. Si.'i'semann bewegte sich wieder s-hr in: Fahrwasser Eberks. Auch er zag es vor, Schuldige zu suchen und Ver-umaenes zu kritisieren. Dia Konservativen haben garnickts hinzu^elernt. Gras Westarp blieb starr auf seinem reaktionären Standviinkt stebcn und nannte den Fortschritt den Verderb des Deutschen Reickes.
Der voraerückten Stunde halber batte sich das Hans bereits stark geleert. Die Diplomatenlogen, die zu Beginn der Sitzung überfüllt waren, hatten nur noch russischen Besuch. Herr Josse der russisch" Gesandte, mit einiaen seiner Beamten wohnte der Sitzung bis zum Schluß bei nnd tolate gespannt den Verhandlungen. Vor den Toren des Reichstags aber hatte sich seit Beginn der Sitzung eine große Menschenmenge versammelt. die den Kanzler und die neuen Minister sehen wollte.
Sitziniosbericht.
(Bon unserer Berliner Abteilung.)
# Berlin, 22. Oktober. (E. D. zb.)
Am Bundesratstisch' R-icbskaniler Prinz Mar von Baben, v. Payer, Gras Rödern, Rüdlin, Lisco Gröber, Scheibemann, Hausmann. Erzbe-aer. Trimbarn. Scheüch von Mann, von Breitenbach, Dr. L>olf. Bauer, Schiffer.
Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung um 2,15 Ubr und teilt mit. dass er der Kaiserin zu ibrem bentiaen Geburtstag die Glückwünsche d->s Reichstags ausgesvrochen bat. Das Haus ebrt dann da? Andenken des verstorbenen Abae- ordneten G r a b S k i (Polei. Auf Vorschlag des Präsidenten werden dann die sieben kleinen Anfragen, die auf ter Tagesordnung sieben, abgesetzt nnd ihre Beantwortung bi? znm Freitag vertagt. Der Gesetzentwurf über die Ermächtigung des BnndesratS zu wirtschaftlichen Massnahmen zn der Übergangswirtschaft wird auf Antrag des Abg. Dave (Ppt.) dem Ausschuß fiir Handel und Gewerbe überwiesen.
Die allgemeine politische Aussprache.
Zur Beratung gestellt werden dann die neuen Gesetze zur Abänderung der Reichsverfassuna. d. h. der Gesetzentwurf über die .Stellvertretung des Reichskanzlers und die Vorlage über die Mitwirkung des Reichstags bei Kriegserklärung und Friedensschluß. Im Anschluß an diese Vorlagen findet eine allgemeine politische Ansivrache statt. Der Präsident erteilt sofort das Wort dem Reichskanzler.
Reichskanzler Prinz Mar von Baden:
Seitdem ich zum erstenmal zu Ihnen sprach, sind infolge der Friedensaktion, die die Regierung bei ihrem Amtsantritt eingeleitet bat, weitere Schritte von beiden Seiten getan worden. Zunächst kamen des Präsidenten Wilson Gegenfragen. Unsere unzweideutige bejabende Antwort hat zu erneuten Anfragen des Präsidenten geführt und unsere Antwort hierauf sit gestern veröffentlicht worden. Meine Herren! Das ganze deutsche Volk wartet darauf zu bören, welche Aussichten die Regierung fiir das Gelingen de? FriedenswerkeS zu sehen glaubt. Sie werden versiebet, mß ich mich hierüber nur mit größter Zurückhaltung äußern kann. Ich weiß, daß auch die Parteien den Wunsch buben, die Debatte möge sich eine dem Ernst der Stunde entsvreckende Beschränkung auserlegen. Das deutsche Volk ist von dem Präsidenten Wilson angeredet worden. Diese Debatte gibt den Äußerungen der Vertreter aller Parteien erhöbtes Gewicht. Ich möchte daber heute über die internationale Lage nicht mehr als nur dies eine sagen,
die erste Antwort des Präsidenten auf den Friedensschritt der deutschen Regierung hat in allen Ländern den Kampf der Meinungen über die Frage Rechtsfricden oder Gewattfrieden auf den Höhepunkt geführt.
Es handelt sich um einen Gesinnungsstreit, der in jedem einzelnen Lande öffentlich ausgefockten wird, wie ec auch in gleicher Lage bei uns ausgefochten werden müßte. Auf der einen Seite erheben drcj-nigen lauter denn je thre Stimme, die sich einbilden, per Augenblick sei da, in dem sie olle die angesammelte Leidenschaft, den Haß und die Rachsucht auf dem Boden unserer deutschen Heimat stillen könnten. Auf der anderen Seite sind sich die aufrichtigen Anhänger des Völkerbundes vollständig klar darüber, daß der Grundgedanke des neuen Glaubens heute seine entscheidende Probe besteht. Ehe irgend eire einzelne Macht oder Mächtegruppe es unternimmt. Zwangsmittel zur Durchführung des von ihr vertretenen Rechts gegen andere Nationen anzuwenden, muß mit aller Gründlichkeit und Ehrlichkeit der Versuch gemacht werden, auf dem Wege freiwilliger Übereinkunft den Frieden zu erhalten oder, auf die gegenwärtige internationale Lage angewendet, ihn zu erreichen. Dieter Kampf der Meinungen ist noch unentschieden. Wir können die seelischen Gewalten erkennen, die gegeneinander stehen, aber nicht ihr Kräfteverhältnis avschätzen.
Die letzte Note vrs Präsidenten Wilson hat im deutsche» Vrlke keine Klarheit darüber gebracht, wie der öffentliche Meinnngsstreit ausgehen wird.
Vielleicht wird die neue Antwort des Präsidenten die endgültige Gewißheit bringen. Bis dahin dürfen wir uns in allen unseren Gedanken nnd allen unseren Handlungen auf die beiden Möglichkeiten stützen, 1. darauf, daß tie feindlichen Regierungen den Krieg wollen und daß uns keine andere Wahl bleibt, als uns zur Wehr zu setzen mit der ganzen Kraft eines Volkes, das bis zum Äußersten geht. Wenn diese Notwendigkeit eintritt, habe ich keinen Zweifel, daß, wenn die deutsche Regierung im Namen des deutschen Volkes dieses zur nationalen Verteidigung aufruft, sie ebenso im Namen des deutschen Volkes sprechen dürfte, als sie für den Frieden bandelnd eingrifs. (Beifall.)
Wer sich ehrlich auf de» Boden des Rechtsfriedens gestellt hat, hat zugleich die Pflicht übernommen, sich nicht kampflos dem Gewattfrieden zn beugen.
(Lebhafte Zustimmung.) Eine Regierung, die hierfür kein Empfinden bat, wäre der Verachtung des kämpfenden und arbeitenden Volkes preisgegeben (Sehr richtig!) und wurde vom Zorn der Öffentlichkeit hinweggesegt. Aber auch die zweite Möglichkeit müssen wir schon heute in ihrer ganzen Tragweite ins Auge fassen. Das deutsche Volk darf nicht blind an den Verhandlungstisch geführt werden. Die Nation hat heute ein Recht, die Frage zu stellen, wenn nun ein Frieden auf der Basis der Wilsimschen Bedingungen zustande kommt, was bedeutet das für unser Leben und für unsere Zukunst? Unsere Antwort auf di-> Fragen des Präsidenten hat, nach rem Widerhall der öffentlichen Meinung zu schließen, dem deutschen Volke zum Bewußtsein gebracht, um was es sich handelt. Jetzt will es Klarheit, ja. cs ist ein Entschluß von gewaltiger Tragwcit" fiir unsere Machtstellung. Es soll nicht mehr gelten, was wir selbst für Recht halten, sondern was in freier Aussprache mit unseren Gegnein für Recht erkannt wird. Eine schwere Überwindung für ein stolzes und sieggewohntes Volk. Denn die Rechtsfrage macht nicht Halt vor unseren Landes, grenzen, die der Gewalt niemals sich freiwillig öffnen dürfen. Säue, oie mir als für uns maßgebend angenommen baden, berübren auch Problems innerbalb des Rechtsgebietes. Mir ist von vielen Seiten entgegengehalten worden, daß die An« nobme der Wilmnschen Bedingungen die Unterwerfung unter ein deutschfeindliches Tribunal bedeutet. Wenn dem so Näre, warum scheuen denn alle Extremen und Machtvolitiker in der Entente das Nerhandlnngszimme^ wie die Schuldigen das Gericht.
Der Kernpunkt des.ganzen Wilsonschen Programms ist der Bölkerb.md. Er kann gar nickt zustande kommen, wenn nicht sämtliche Völker sich zur nationalen Selbstüber- windnng aufraffen.
Das Zustandekommen einer deutschen Volksgemeinschaft ver- langt das Aufgeben eines Teiles der unbedingten Selbständigkeit, die bisher das Zeichen der Staatshoheit war. von uns wie von anderen Völkern. Für unsere ganz? Zukunft wird es von entscheidender Beüeuvrng sein, in welchem Geiste wir dieser notwendigen Entwicklung folgen. Verharren wir innerlich auf der Basis des nationaler Egoismus, der bis vor kurzer Zeit die herrschende Kraft im Leben der Völker war, dann gibt es Air uns keine Wiedecaufrichtung und Erneuerung (Sebr richtig!), oann bleibt ein Gefübl der Bitterkeit, kaS uns für Generationen lahmlegen wird. Aber wenn wir eingesehen hoben,
daß der Sinn dieses furchtbaren Kriege? vor allem der Sieg der Rechtsidre ist und wenn wir uns dieser Idee nicht widerstrebend unterwerfen, nickt mit innerem Borbehalt, sondern mit aller Freiwilligkeit, so finden wir darin ein Heilmittel für die Wunden der Gegenwart nnd eine Aufgabe für die Kräfte der Zukunft.
(Beifall.» An dieser Ausgabe wird das deutsche Volk mit allem sachlichen Ernst mit aller Gewissenhaftigkelt Mitarbeiten, die unser Erbteil ist
