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Donnerstag, 17. Oktober 1918.

Wilsons DMatfrieden.

Die Rückantwort des Präsidenten der nordamerikanischen llnion auf unsere Beantwortung seiner drei Fragen hat allen denjenigen eine schwere Enttäuschung gebracht, die aus den zahlreichen Botschaften und Punkten Wilsons die Schluß, sr-lgerung gezogen hatten/ daß er wirklich einzig und allein einen Verständigungs- und Versöhnung s- frieden anstrebe, einen Frieden, der die gesicherten Grund­sagen des Völkersriedens und damit des von dem Präsidenten so leidenschaftlich befürworteten Völker­bundes bilden könnte. Aber nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Abfassung enttäuschte die Antwortnote auf das schwerste. Die Note der deutschen Regierung hatte sich im Ausdruck der klaren Knappheit und nicht mitzzuber stehen­den Deutlichkeit befleißigt. Wilsons Rückantwort ergeht sich in Wendungen, die weniger einem diplomatischen Aktenstück als vielmehr einer doktrinären Vorlesung vom Katheder herab anzugehören scheinen, auf dem der Vortragende noch dazu den Kothurn bestiegen hat.

Die Antwortnote zerfällt bekanntlich in zwei Teile, in einen militärischen und einen politischen. Und da besonders der erstere Fragen von einschneidender Bedeutung berührt, so ist eS natürlich daß unsere Regierung ihre Antwort nur nach reiflicher Überlegung und nach eingeheiider Be­ratung allcr zuständigen Stellen erteilen wird. Was den militärischen Teil-der Note betrifft, der ibren Hauptinhalt bildet, so ist es selbstverständlich, daß das Urteil hierüber der Ober st e n Heeresleitung zusteht, mit der sich unsere Regierung zunächst inS Einvernehmen setzen wird. Aber schon jetzt müssen wir ganz entschiedene Verwah­rung einlegen gegen die unerhörten, den Tatsachen schroff widersprechenden Verwürfe, die in der Note gegen unser Heer und besten Leitung erboben werden. Anscheinend hat sich der Präsident auch durch seine Verbündeten über die sogenannten deutschen Greuel, die ja hinreichend als Lügen­märchen entlarvt sind, unterrichten lassen, während ihm von den himmelschreienden Schandtaten unserer Gegner bedauer­licherweise nichts bekannt geworden zu sein scheint.

Was den politischen Teil der Note betrifft, so muß be­merkt werden, daß eine solche Regierung, wie sie in der Not« geschildert wird, in Deuftchland nie bestanden hat. Was insbesondere die Frage der Entscheidung über Krieg und Frieden angeht, so lag diese bisher beim Bundesrat und beim Kaiser. Aber auch in diesem Punkt haben die Staaten der Alliierten nichts mehr voc uns voraus, seit­dem freute der Bundesrat der Änderung des Artikels 11 der Reichsverfassung zugestimmt bat, so daß also in Zukunft bei den Entscheidungen über Krieg und Frieden die Zu­stimmung des Reichstags erforderlich sein wird. Auch in diesem Punkt hätte freilich Wilson besser getan, getreu dem von khm verkündeten Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Volker diese jetzt ohnehin gegenstandslos gewordene Frage nicht mehr auf­zurollen.

Müssen wir selbstverständlich unserer Regierung die .offizielle Beantwortung von Willons Note überlasten, so muß doch schon jetzt mit aller Entschiedenheit Verwahrung ein­gelegt werden gegen den überheblichen Ton. Was Wilson darin predigt, ist kein Berständignngsfrieden, wie ec ibn als fein Ziel verkündet hatte, sondern ein Diktat- frieden, und wenn unsere Gegner nicht Ton und Forde- rungen erheblich ändern, ist nicht recht abzusehen, wie auf solcher Grundlage und durck solche Methode der von allen Völkern erstrebte und allen Völkern notwendige Frieden zu­stande kommen soll. Mit aller Heftigkeit lehnt sich unser deutsches Empfinden gegen die anscheinend bewußt ver­letzende Abfassung dieses Schriftstückes auf, das Herr Lansing unterzeichnet hat, derselbe Lansing, der vor wenigen Tagen erst feierlich erklärt hatte, Rachsucht dürfe die Ver­handlungen nicht beeinfluffen. Was diese Note uns bretet, ist kein Verständigungs-, sondern ein Diktatsrieden, der nur einem Volke zugemutet werden dürfte, das besiegt am Boden liegt. Hat aber vielleicht der Oberkommandierende Fock, Herrn Wilson wirklich eingeredet, daß dies Ser Fall ist? Nun, dann müßte ihn ein Blick auf die jetzigen Känrpse art öer Wesftront, wo das deutsche Heer mit ungebrochener Kraft und zäher Entschlossenheit dem an Zahl und Material weit überlegenen Feinde w mannhaften ind erfolgreichen Wider st and leistet, eines Besseren telehren. Wenn unsere Gegner aber etwa auf die Kriegs- lnüdigkeit der Heimatfcont spekulieren sollten, so wird sich auch kiese Spekulation, des sind wir gewiß, als verfehlt er­weisen. Jedenfalls ist, wenn Wilson nicht die Methode seiner FriedenStaktik wesentlich ändert, nicht abzusehen, wie wir auf diesem Wege zu dem.Ideal der Völkerfrieüens ge­langen sollen.

Gemeinsames Handeln Oesterreich-Ungarns und Deutschlands.

Eine neue Erklärung BurianS zur Wilson-Note.

W. T.-B. Wien, 17. Oft. (Drahtbericht.) Im Aus- chuh für auswärtige Angelegenheiten der österreichischen Delegationen erklärte Graf Burian auf eine Anfrage vegen der Antwort Wilsons an Österreich-Ungarn: Mir ist die Antwort bis jetzt nicht zugekommen. Sobald sie ftngetroffen sein wird, werden wir uns sofort mit dem Obmann des Ausschusses ins Einvernehmen setzen, doch wlaube ich mir, daraus hinzuweisen, daß wir bei der keratnng der Schriftstücke, welche jetzt zwischen uns und anferen Gegnern gewechselt werden, stets das Ein­vernehmen mit Deutschland Herstellen. Das

Abend-Ausgabe.

bedingt nur eine ganz kurze Zeit zur Verständigung, aber es können auch 24 Stunden vergeben. Eine kurze Aussprache mit Berlin fit immer erforderlich, damit unsere beiderseitigen Standpunkte auch nicht einmal in einer Nuance in Widerspruch geraten.

..Der Tag der Rache" im englischen Sinn.

W. T.-B. Amsterdam, 16. Okt. Nach einer Reutermeldung aus London schreibt „Daily Telegraph": Di« Note Wilsons ist eine der zufriedenstellendsten diplomatischen Mit­teilungen. di« jemals veröffentlicht wurden. Sie wird sich einst als entscheidender Schlag für das System, das diesen Krieg veranlaßte, Herausstellen. Das ist der Tag der Rache, und die Worte des Präsidenten beweisen, _ daß das amerikanische Volk ebensowenig vor der Aufgabe der Vergeltung zurückschrecken wird, wie die Engländer selbst. Wilson spricht zweifellos die Ansichten aller Demo­kraten aus. — „Morning Post" schreibt: Wilson verdient die Dankbarkeit der zivilisierten Welt dafür, daß er die Lage rettete. Deutschland werde jetzt verstehen, daß die be­dingungslose Übergabe eine wesentliche Borckus- setzuna für den Waffenstillstand ist, und daß die Gewährung eines iWafienstillstandes noch k e i n e rl ei Versprechen für die Friedcnsbedingungen mit sich bringt. — Die „Times" schreibt: Wir in England haben sehr hohe Ansprüche an die Antwort Wilsons gestellt; aber er hat sie befriedigt. Die Note macht allen Vorstellungen von einem erhandelten Frieden ein Ende.

Eine Rede Churchills.

ZV. T.-B. London, 15. Oikt. (Reuter.) In Manchester sagte Churchill: Wilsons feste und kraftvolle Antwort an Deutschland wird in den alliierten Ländern eine einmütige und herzliche Zustimmung finden. Ihr erster und wichtigste: Punkt ist, daß uns der Feind angemessene Sicherheiten und Garantien geben muß, bevor wir uns darauf einlassen,_ den Druck unserer siegreichen Armeen einzustellen. Wir müssen unbedingt wirksame Garantien haben, di« den Deut­schen die Wiederaufnahme des Kampfes unmög- l i ch machen. Über die Frage der Garantien, die vor Be­willigung des Waffenstillstandes zu leisten sind, mutz an erster Stelle Fach zu Rate gezogen werdem Wir müssen auch Garantien für di« See hoben, und hierüber wäre das Urteil der britischen Admiralität einzubrlen. Ein weiterer Punkt ist. der. daß die Deutschen aushören müssen, Grausam­keiten zu begehen, bevor wir mit ihnen verhandeln können. Wir haben nicht den Wünsch. Deuftchland zu vernichten, aber die Deutschen müssen den Traum einer Weltherrschaft auf- geiben. Es ist möglich, daß wir noch einen schweren, in o n a t e l a n a e n K a m p f vor uns haben, der riesige Mengen Blut und Geld ko st et Sollte dies der Fall sein, so ist es besser, der Konflikt wird ausaetragen, als daß wir ein Komprom iß annehmen, der uns um die Früchte unserer Anstrengungen brächte.

Anmerkung des Wölfischen Bureaus: Wilson spricht in erster Linie von den militärischen Ratgebern der Vereinigten Staaten.

Dieser Rote brauchen die Alliierten allerdings nichts hinzuzufügen.

W.T.-B. London, 16. Okt, Reuter. Wie verlautet, geht die Anssckit der englischen und alliierten Rogierungen da­hin, daß zurzeit in zweckmäßiger Weise nichts zu der sehr klaren und gerechten Antwort Wilsons hinzngefügt wer­den kann. Es kann angenommen werden, daß der Präsident im allgemeinen in Übereinstimmung mit den Alliierten war, soweit es sich um Sache und Ton, in dem sie vertreten wurde bandelt, und die tatsächlichen Bedingungen sprechen für sich selbst. Unter den Alliierten besteht keine Neigung in dieser Hinsicht, Gelegenheit zu Diskussionen zu schassen. Deutschland hat seine Antwort; sie ist endgültig und überzeugend. So weit sie die Alliierten betrifft, ist die An- ge'lcgenlheit eine Sache ihrer Truppen an der Front und diese scheinen sie in sehr befriedigender -Weise zu erledigen-

Die Vernunft bei den französischen Arbeiter­verbänden.

# Berlin, 17. Okt. Dem „B. L." aus Gens zufolge meldet „Proletaire", daß die französischen Arbeiterverbände große Kundgebungen dagegen vorbereiten, daß Wilsons Friedens- absichten durch die Ententeregierungew vereitelt werden.

Eine schweizerische Presfestimme.

Br. Basel, 17. Okt. (Gig. Drahtbericht, zb.) Die „Baseler RatumoLztg." schreibt u. a.: Wilson verlangt den Sturz oder wenigstens di« tatsächliche Machtlosigkeit der Hohenzollern gewissermaßen als Vorbedingung des Friedens, ob ne aber irgendwie dem deutschen Volke eine moralische Zusiche, rung zu geben. In solch strenger Zurückhaltung scheint de> Einfluß der Alliierten unverändert und sie wird die Aus­gabe der deuftchen Demokrafte wenig erleichtern. Ebenso wie der ganze Wortlaut der Note nur fordert, ohne etwas zu geben, sei es auch nur die Gewißheit eines für Deutschland erträglichen Friedens.

Scharfe holländische Urteile über Wilson.

W. T.-B- Amsterdam, 16. Okt. „Nieuwe van den Dag" schreibt zur Aulwort Wilsons: Nicht Wilson gib: die Antwort an Berlin, F o ch gibt sie, so wie bereits Clcmeuceaus Blatr ununiwunden ge- schrieben hat. Fach gibt sie ohne Worte, nur durch die Fort­setzung des Krieges. Nun hat man jedoch das blecht zu fragen: Warum denn all das Gerede über einen Wassen­stillstand und die Bedingungen dazu? Warum hat Wilson, als seine Vermittlung angerissen wurde, nicht sofort getagt, was er jetzt gesagt hat7 ' Waium stillt er sich der Beschuldigung bloß, daß er de« Gegner mit Rede« hin halt, mährend Fach weiter

Nr. 488. ♦ 66. Jahrgang.

darauf lotscklägt? Man will nickt unterhandeln, mm will nur die Fricdensbidingungen diktieren, will R ach e und Entschädigungen, wenn es auch — und das 'st °as aller- sä'limmste — niemals zu einem Völkerbund kommen tollteund dir verhängnisvrlle politische Lage von 1911 noch lahihundertelang -

ewigt werden sollte. Das 'st. das. T r a g . s Ä e an d-r L°Ze. ü.

die Antwort aus Washmgion ,etzt ine Helle ruckte. Wenn dw Well dann wieder gan' im Eiend sich befindet und eine Mustere Zukunft vor sich hat, dann wird sie vielleicht die Reden Wilson noch einmal durckltsen und mit Schmerz bemerken, d tz dieser Idealist, als man den Frieden nahe wähnte, der von fern« Entscheidung alhängen konnte, keinen anderen T o n an^ schsagen wußte als den Ton der E n t c n t - p r e f, e. die .hm nun

.Mcuwe Courant" schreibt: D-° neuen Forderungen von

s^nd keine Antwort aus das deutsche.Ersuchen. — finV neue Bedingungen, von denen nickt gesagt wird daß ihnen nÄrNölgen werden. Diese Forderungeu gle.chen viel mehr^ d m

ÄT ÄS st° Mrweit «Äf*

sich mit den Wünschen von Wilsons Bundesgenossen noch gerade ver- einigen ließe. *

Sonderverhandlungen der Türkei?

Br. Wien. 17. Okt. ' (©«• Drahtbericht, zb.), Hier sind Nachrichten eingetrofsen, denen zufolge in Myti lene und Smyrna Sonderverhandlungen der Türke- stattflnden, ine vor dem Mschluß ständen. Der hiesige Botschafter H' l mv- Pascha erwiderte aus Befragen, daß ihn- hiervon nichts be­kannt sei. _

Abweisung weiterer Angriffe.

Reue deutsche Linien in Flandern und zwischen Lille und Douai.

W.T.-B. Grosses Hauptquartier, 17. Okt. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauvlatz.

Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.

Auf dem Kamvffeld nahmen wir unsere Front i« drei "inie östlich von 'Thorhout-Koolskamv-Jngelmünster» nn An­schluß hieran hinter die Lüs zurück. Nack stärkstem Feuer auf das "geräumte Feld fühlte der Femi> an unsere neuenj Stellungen heran. Beiderseits von Koolskamv griff er sie mit starken Kräften, bei Thorhout nnd Inge,Münster ,n Trttvor- stössen an. A"ck' gegen die Lnsfront bei Kortr.k und Menrw führte er heftige Angriffe. Der Feind würbe miesen. Gegen «ni>!*“«••* ront z W sck e n L 1 11 e und D-uai ist der Feind gestern bis in L.n.e Cab.nghen- Allenes-Les Morais-Carvin-Oignies gefolgt Am Selleab- schnitt drang der Gegner bei Haussü in unsere Linien ein* Radfahrerbataillone warfen den Feind 'w Gegenmigriff zu- rück und nahmen die alte Stellung wieder. Die Be­schießung der Stadt Sennin durch e n gl i s ch e Artck- lerie hält an nnd hat weitere Opfer unter den franzü. fischen Einwohnern und Flüchtlingen gefordert.

Heerrsarnppe Deutscher Kronprinz.

An der Aisnefront zeitweilig Artilleriekämpf«. Er­neute Angriffe der Franzosen nördlich von Ongnp wurde» abgewiesen. An der A-sne und an der Arre sch-.tertc» starke französische Angriffe vor unseren neuen Linien west­lich von Grandpre.

H^tzreSaruppc Gallwitz.

Östlich der Arre wurden amerikanische Angriffe, deren Hauptstoß sich gegen Champigneulles und Landretz, richtete, abgewiesen. Beide Orte^wurden gehalten. Die §>ihe südöstlich von Landres blieb nach wechfelvollrm Kampf in Feindeshond. Auch auf dem Ostufer der Maas sche.terten erneute Angriffe des Feindes. Bei Abwehr des westlich von Flabas mit Panzerwagen vordrmgenden Gegners zeichnete sich die 1. Landwehrdivision besonders aus.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Bor unserer neuen Front zwischen Jagodina und, Risch bat der Feind die Linie westlich Morava-Cousovac- Aleksinac erreicht. Teilangriffe, die er aus dieser Linie her­aus führte, wurden abgewiesen.

Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff.

*

Der deutsche Abendbericht vom 16. Oktober.

W.T.-B. Berlin, 16. Okt., abends. (Amtlich.) Nordwest­lich von R o e s e l a r e, am Selle-Abschnitt bei Haussy, zivischien Ai re und Malis und aus dem iCftufeE Miras fina feindliche Angriffe gescheitert. .

Die von französischen Flüchtlingen angeftillte Stadt en ain liegt unter dauerndem Feuer schwerer eng. si s ch e r Arftllerie. Der Feind beschoß gestern die von unS während des Krieges sorgsam geschonte Wallfahrtsstätte von L i e s s e. .

Österreich als Bund nationaler Einzelstaaten.

Eine Kundgebung des Kaisers Karl zur Föderalisierung Österreichs.

Sr. Wien, 17. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Das bereits anaekündigte Manifest Kaiser Karls über die Föderalisierung Österreichs wird morgen erwartet. Für heute abend sind die Obmänner sämtlicher Parteien zum Ministe». Präsidenten Hussarek berufen worden, um über da« Näbere der bevorstehenden Kundgebung des Kaisers unter- richtet zu werden. In dieser Kundgebung wird der Kaiser sich für die Grundsätze der Föderalisierung aussprechen und