Einzelbild herunterladen
 

]$. Jahrgang fgf$. «^® <§r*§) <sr*s> <s*® <§*JS> «*» s**® s - *® ®*s N»®

der' ßfaue <§eidenfd)ut).

von L. Petsch, Rassel.

(Nachdruck verboten.)

ie wirkte wie ein lebendig gewordenes Vergiß­meinnicht, etwas unreif noch, zart und blaß, aber ganz Pimmelsfarbe. Die junge Kriegs­witwe neben ihr war wie eine Sommerfrucht dagegen, wie ein Pfirsich, den die Sommer­sonne gerötet hat — aber sie hatte nicht den pauch und die Süße, den die andere hatte. Mit einem Wort: Der Baron war heute ganz auf Blau gestimmt.

Irgend etwas weiches und Reines war heute in ihn:, vielleicht war es der Gedanke, daß er morgen wieder in das Feld hinaus zog.

> solchen Stunden wurde er gerne etwas poetisch und schwermütig. „Und werden Sie manchmal an mich denken?" fragte er.

Sie nickte, glückselig, wie außerstande, jetzt ein Wort zu formen. Da nahm er ihre feinen blassen Iungmädels- finger und küßte sie, einen nach dem anderen, bedächtig und zart, mit einer gewissen feierlichen peiligkeit.

Line Glutflamme schlug ihr ins Gesicht und schien sich, bis in ihre blonden paare hinein fressen zu wollen. „Schreiben Sie mir einmal?" fragte sie ganz, ganz leise.

„Darf ich denn?" sagte er. Und er fand sie wunder­schön, wie sie nun dieses Ja herausstammelte, dieses glück­liche )a, das wie ein kleiner, zitternder wagen daherschwankte, den man überladen hatte, mit einer goldenen Last, die er kaum zu tragen vermochte.

Dabei schlug sie die Füße übereinander, süße, niedliche Kinderfüße, und die hellblauen Seidenstrümpfe leuchteten unter ihrem Kleide heraus wie feine schlanke Stengel irgend einer zarten Blüte. Der Schuh aber saß wie eine Knospe darauf, Himmelsblau wie jene, rein und licht wie ein Frühlingsmorgen.

Und es war ihm auf einmal, als ob er ganz in diesen blauen Wolken schwimme, uferlos, wie verloren, und doch so befreit, von Duft und Reinheit umgeben, wie über einem deutschen Frühling dahin gehend, der so unaussprechlich war in seiner Süße und Keuschheit.

Und er kniete plötzlich vor ihr nieder und küßte den kleinen blauseidenen Schuh, als ob er mit den Flammen seines Mundes diese zarte Seide durchbrennen wollte.

Und sie zitterte und bebte unter dieser fremden Glut, und doch lief das Glück über ihr Gesicht hin und her, sprung­haft, wie goldene Spinnen, die einen Abglanz hinterließen, wenn sie vorübergelaufen waren. Und er stammelte zwischen seinen Küssen: „Gib mir den kleinen Schuh . . . diesen süßen kleinen Schlingel ... als Talisman ... als ein Stück von dir."

„Aber das kann ich doch nicht", stotterte sie, und eine Welt von Schrecken stieg in ihren Augen auf. „Das kann

ich doch nicht . . . )ch muß doch nachhause gelsn ... . und dann meine Mutter . . ."

Da lachte er und küßte das lachende Lcho von ihren: Munde. „Schick ihn mir nach", sagte er, „schick ihn mir nach . . . Liebling." . . Und ein paar Wochen später holte sie ganz heimlich und leise den blauseidenen Schuh aus seinem versteck. Line zitternde Angst war in ihr vor diesem großen, großen Schweigen. Und das Schlachtfeld stand wie ein verzerrtes, blutbesudeltes Bild vor ihren Augen. „Lieber Gott, laß ihn leben", betete sie. Und dann küßte sie den Schuh und sagte: „Beschütze ihn du!"

Dann stopfte sie ihn voll mit weißen Asterblättern und steckte einen kleinen Zettel dazwischen. Darauf schrieb sie: „Behüt dich Gott! Annemarie."

Ein paar Tage später aber wurde der kleine Schuh vermißt, „wo ist denn der zweite Schuh?" fragte die Mutter. Und sic log, ohne zu erröten, aus ihrem Glück heraus. „Er muß verloren gegangen sein oder er ist gestohlen worden ..."

„Das ist unerhört", rief die Mutter, „wie leichtsinnig du mit deinen Sachen umgehst. Nun wirst du eben auf jede Geselligkeit in diesem Winter verzichten müssen oder in polzschuhen gehen ... das ist ganz klar."

Sie aber lächelte zu allem. Mein Gott, was bedeutete ein Winter mit Geselligkeiten für sie! weit da draußen lag einer und küßte zur Stunde ihren Schuh und legte ihn auf sein perz, wenn er schlief . . .

Und der Schuh war indesseu, nach langen Reisen, bei einem jungen Krieger angekommen. Der nahm ihn kopfschüttelnd in die 6and. Er mußte sich wirklich besinnen, wie er dazu kam. Dann tauchte ganz langsam ein deutscher Abend vor ihm auf.

Und der junge Krieger lächelte etwas geschmeichelt und etwas überlegen, während er den Schuh samt seinen: weißen Asterngeschnispel in den großen Koffer steckte, wo die kleinen, silbernen Dosen und die juchtenduftenden Taschen und die seidenen Tüchlein beieinander lagen wie ausgc- stoßene, arme Überflüssige, die sich nun die Bände reichten in ihren: gemeinsamen Leid . . .

wer tief verwundet ist von den Geschossen des Schicksals, der nrag auf die majestätischen pichen der Berge und die ungebändigten wogen schauen und lernen, daß man mit der Weichheit nicht durch­kommt, und daß Kraft die Losung des Lebens ist.

Friedrich Tbeobor bischer.

<-> 41 <r>