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Samstag, 12. Oktober 1918.
Abend-Ausgabe.
Nr. 478.. 66. Jahrgang.
Vereitelter englischer Durchbruchsversuch auf Valencieunes.
Neue deutsche Stellungen in der Champagne. Schwere Verluste der Angreifer beiderseits der Maas.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 12. Oft. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.
Wie sind nuS den Stellungen westlich von Douai in rückwärtige Linien zurückgegangen. Der Gegner ist langsam gefolgt und war am Abend in der Linie Alt- Wendin-Harnes-Henin-Lietard und östlich der Bahn Beau- mont-Brebievas. Nordöstlich von Cambrai griff der Feind zwischen der Schelde und St. B a ast an. Angriffsziel der hier in schmaler Front angesetzten englischen Divisionen war der Durchbruch auf Balenciennes. Seine Absicht ist vereitelt. Es gelang dem Feinde, nur in Iwuy und auf den Höhen östlich und südöstlich des Ortes Fuß zu fassen. Unsere durch Panzerwagen wirksam unterstützten Gegenstöße brachten hier den Ansturm des Feindes zum Stehen. An der übrigen Front wehrten wir den Feind vor unseren Linien ab und fügten seinen dichten Angriffswellen schwere Verluste zu.
Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.
Heftige Teilangriffe englischer, amerikanischer und französischer Divisionen beiderseits von B o h a i n wurden vor unseren Stellungen abgewiesen.
An der Oise Erkundnngsgefechte.
Südlich von L»im haben wir den Chemin des Domes geräumt. Am Aisnc-Bogen zwischen Berrh-au-Bac und südlich von BouziereS haben wir neue Stellungen bezogen. Tie Bewegungen, die seit mehreren Tagen eingeleitet waren, blieben dem Feinde verborgen und sind nn ge- stört und planmäßig verlausen. Auch in der Champagne ist der Feind nur vorsichtig gefolgt. Der siegreiche Ausgang der großen Schlacht in der Champagne, die die Armee des Generals v. Einem mit verhältnismäßig schwachen Kräften gegen eine gewaltige Übermacht des französischen und amerikanischen Heeres in lltägigem hartem Ringen gewonnen hat, und die beim Feinde in der Ehatssstagii?' infolge der ungewöhnlich hohen Berluste eingetretene Erschöpfung hat die reibungslose Durchführung dieser schwierigen Bewegungen ermöglicht.
Heeresgruppe Gollwitz.
Teilkämpfe beiderseits der Air e. Heftige Angriffe, die der Feind in den Kampfabschnitten der letzten Tage auf beiden MaaSufern führte, sind unter schweren Ber- lüsten für den Feind gescheitert. Cunel und Orneswald» die vorübergehend verloren gingen, wurden von sächsischen Bataillonen wirdergenommen. Die seit 15 Tagen im B r e n n- p u n k t e der Schlacht bei Romagne in schweren Abwehr- kämpfen stehende elsaß-lothringische 115. Infanterie-Division unter Generalmajor Kundt hat auch gestern dir ihr anvertrauten Stellungen gegen alle Angriffe des Feindes g e - halten.
Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff.
Wilson und Bethmann Hollweg.
Schwere Anklagen gegen unsere Politik, die zum Krieg mit Amerika geführt hat, werden freilich nicht znm erstenmal, jedoch bisher nicht mit solcher Wucht wie letzt, von deni Freiburger Universitätsprofessor von Schulz-Gaevernitz und nach seinem Vorgang von Georg Bernhard erhoben. Beide äußern sich darüber ausführlich in der „Vossischen Zeitung", beide stimmen darin überein, daß Wilson bls in den B c g i n n des Jahres 1917 hinein bereit war zur ehrlichen Friedensveemittelnng, und daß ihn erst die ungeheure Überraschung mit dem verschärften U-Bootkrieg förmlich gegen seinen Willen dazu gebracht hat, auf die Seite der Entente zu treten. Wer cuf unserer Seite die Schuld an diesem verhängnisvollen Umschwung trägt, das sagt der Abg. v. Schulze- Gaevernitz nicht, er läßt es nach der persönlichen Richtung hin im Unbestimmten: aber Georg Bernhard sagt es, und zwar nennt er Herrn v. Bethmann Hollweg als den Schuldigen. Immerhin widerspricht v. Schulze- Gaevernitz solcher Darstellung nicht. Er erzählt, daß er bereits im Herbst 1916 den leitenden Stellen unserer Regierung eineAusführung dahin unterbreitet habe, daß im Kriegsfälle die Vereinigten Staaten alsbald die allgemeine Wehrpflicht einführen würden, daß sie 1917 zunächst Kriegsmaterial, dagegen 1918 allmonatlich gegen 190 000 bis 200 000 Mann der Entente zur Verfügung stellen wollten. Diese Ausführung sei jedoch wirkungslos geblieben gegenüber dem Optimismus derer, die das Eingreifen der Vereinigten Staaten in den Krieg „gleich Null" bezeichneten.
Vom Abg. 1. Schulze-Gaevernitz erfahren wir auch, daß Wilson im Winter von 1916/17 im Besitz der Friedensbedingungen sowohl Englands wie Deutschlands war Die deutschen Friedensvor- ichlägc seien durchaus maßvoll gewesen, und auch England habe Herrn Wilson in vertraulicher Weise erklärt dost feine Bedinaunaen noch nicht das letzte Wort
seien. Deshalb glaubte Wilson „den Frieden ohne Sieger und Besiegte" in erreichbarer Nähe. Die amerikanische öffentliche Meinung war im Laufe des Jahres 1916 großenteils für uns umgeschlagen: man wollte den Frieden, und die ,Entente zitterte, daß Wilson und Deutschland sich die Hand reichen könnten.
Wir müssen uns klar machen, daß diese vielfach überraschend wirkenden Mitteilungen aktenmäßige Unterlagen haben, und wenn wir uns dies sagen, dann erst wird uns d>e furchtbare Verantwortung derer klar, die die Gunst der Umstände vernachlässigt und durch den tcischäl ften U-Bootkrieg grenzenloses ' Unglück über die Welt gebracht haben. Georg Becn- nard nun ist es der Herrn v. Bethmann Hollweg für diese Entwickelung verantwortlich macht. Seine Anklagen sind so schwer, daß auch die stärkste Sympathie. für den früheren Reichskanzler die Forderung nicht hinfällig machen kann, es möge über diese Vorgänge in authentischer Weise Aufklärung gegeben werden. So lange das nicht geschieht, nehmen wir indessen das Recht zum Zweifel an der sensationellen Darstellung der „Voss. Zta." in Anspruch. Georg Bernhard erklärt sehr beflissen, er hätte den Unter'eebootskrieg ni-mals zugestanden, wenn er gewußt hätte. daßWilson d a u e r nd und unter Bekanntgabe bestimmter Bedingungen zur Friedensverchittlung aufgefordert war und sich gerade im gleichen Augenblick mit der Übernahme der Vermittlerrolle einverstanden erklärt hätte. Ja, aber wie ließe sich in irgendwelcher annehmbaren Weise das psychologische R ä t i e l erklär.en, daß iin selben Atemzuge freundscl-aftlich mt f Wilson verhandelt worden und ihm zugleich von derselben Regierung eine moralische Ohrfeige verabreicht worden, sein sollte? Sollte die Darstellung, wie sie der Freiburger Bolks- wirtschaftSlehrer und der Berliner Publizist geben, nicht doch noch Lücken aufweisen, durch deren Ausfüllung der ganze Hergang ein solch verändertes Gesicht bekäme? Es ist doch schlechterdings nicht vorstellbar, daß die damalige deutsche Regierung auf ,dem bekannten G^rard- B a n k e t t in Anwesenheit boher deutscher Staatsbeamter den Botschafter noch in dem Augenblick eine *re linder! östliche Rede halten ließ. m, oie Ünterseebootnote bereits beschlossen, vielleicht Wohl gar schon nach Amerika übermittelt war! Eine Politik der Hinterhältigkeit und Zweideutigkeit, wie sie uns von den Ententestaatsmännern stets zum Vorwurf gemacht worden ist. müßte doch zum mindesten einen praktischen Sinn und Zweck haben, um, wenn sie moralisch nicht zu halten ist, wenigstens sachlich gerechtfertigt zu werden. Wo aber in dem Falle unseres Verhältnisses zu Wilson dieser Sinn und Zweck gelegen haben könnte, das entzieht sich in feiner Rätselhaftigkeit jedem Deutunqsversuch. Was auch immer bei etwaigen weiteren Unterhaltungen der Wissenden über die vom Abg. v. Schnlze-Gaevernitz auf- geworfenen Fragen herauskommen mag, jedenfalls wird man eine Tatsache als erwiesen oder welmehr als abermals belegt anzusehen haben, die nämlich, daß der unheilvolle Gegensatz zwischen einer allzu schwachen bürgerlichen Reichsleitung und militärischen Einflüssen auch für unser Verhältnis zu den Vereinigten Staaten in einem verhängnisvollen Auqenblick gefähr- 'sich geworden ist. Es gab denn also eine Zeit, wo bei uns mit allen Mitteln der Glaube verbreitet wurde, daß Wilson unser Feind sein und bleib ;n wolle, und dies war dieselbe Zeit, in der der Präsident aufrichtig für den Frieden arbeitete, für einen Frieden, bei dem wir zweifellos unvergleichlich besser davongekommen wären, als es heute der Fall sein wird, nachdem, um nur das eine zu betonen, England seine Ziele außerhalb unseres Kontinents bis auf den letzten Rest erreicht, seine Landbrücke von Ägypten nach Indien geschlagen, sein Schlagwort „Vom Kap bis Kairo" wahrgemacht hat.
Geschehen ist geschehen, aber um Aufklärung wird man denn doch wohl sehr ernstlich va ersuchen haben, schon weil es eine gewisse leidige Genugtuung gewährt, sich einen erlittenen Schaden hinterher ganz genau zu besehen. #
Die Schuld der Zwiespältigkeit unserer Politik 1916/17.
Br. München» 12. Oft. CGin. Drahtbericht, zb.) Von besonderer Seite wird der ..Münchener Post" mitgeteUt: Als Graf Bernstorff von Amerika nach Berlin zurück- gekehrt war. fiel cs allgemein auf, daß er lange nicht vom Kaiser empfangen wukde. Bald aber verbreitete sich die Nachricht, cS lägen sehr bestimmte Gründe hierfür vor, die es ge» wissen Personen notwendig erscheinen ließen; den gewesenen Botschafter dem Monarchen f e r n zu Halten. Man befürchtete Aufklärungen, die er über einige Punkte geben konnte, die augenblicklich Wilhelm II. nock unbekannt waren. Erst sehr spät batie Graf Bernstorff die Audienz beim Kaiser und bald nachher wurde er Botstchafier in Konstanti» nopel, ein Beweis, daß er seine Politik hatte rechtfer
tigen können. Im Spätherbst : 216 batte man von B e r l i n bei Wilson cmgefragt, ob er nicht einen Friedens- schritt tun wollte Der Präsident der Vereinigten Staaten war auch daniit einverstanden gewesen, falls ein Friedensschritt Deutschlands folge. Später wurde die Sache dahin geändert, daß zuerst Deutschland und dann Amerika reden sollten. Unsere Regierung tat dann den Friedensschritt und Wilson soll vorher von dem Text unserer Note verständigt worden sein. Man behauptet auch, wir seien von dem seinrgen ebenfalls verständigt worden. Natürlich war die V o raus- setzung der ganzen Aktion, die uns sicher dem Frieden sehr viel näher gebracht hätte, daß kein Schritt unserer Regierung geschehe, der die Lage firr die Neutralen wesentlich verschärfen könne. Ausdrücklich ist dies gpohl nicht ai:Sgemacht worden, aber stillschweigend war das eine ganz selbstverständliche Bedingung. Der Reichskanzler v. Bethmann -Hollweg hoffte, sie auf jeden Fall durchsetzen zu können, aber er hatte sie Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Nnterfeebootsfanatiker verlangten den uneingeschränkten Unterseebootskrieg. Unsere Bundesgenossen, die sich dagegen anfangs sträubten, mußten ihre Bedenken zurückstellen, als der deutsche Chef des MarinestabeS, Admiral v. Ho Itzendorfs» sein jetzt überall bekannt gewordenes Gutachten dahin abgab, einen uneingeschränkten Unterseebootskrieg könnten unsere Feinde höchstens sechs Monate aushalten. MS nun Graf Bernstorff die Nachricht von dem Berliner Entschluß erhielt, soll ec Berlin förmlich bestürmt haben, die Note zurückguhalten, weil sie die Friedensgktion hinfällig machen müsse. Er soll aber von Berlin auS'die Weisung erhalten haben, die Note zur angegebenen Zeit zu überreichen. Darüber war Wilson a u f S höchste empört und er verlor jedes Zutrauen zu der Regierungsform in Deutschland, unter der das geschehen könnte.
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Bedeutsame Änderungen der Reichsverfassung.
B. A. Berlin, 13. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Wie wir hören, werden dem Reichstag schon in kürzester Zeit, vielleicht sogar schon zur nächsten Sitzung am Mittwoch, zwei wichtige Vorlagen zugehen, die den weiteren Ausbau der Reichsverfassung im Sinne deS Parlamentarismus bezwecken. Die eine der Vorlagen beschäfffgt sich mit dem Artikel 11 der Reichsverfassung, nach welchem der Kaiser allein die Befugnis hat, im- NaMen des Reichs Krieg zu erklären und Frieden zu schließen. Nur in bezug . auf Erklärung eines Angriffskrieges bedurfte bekanntlich bisher der Kaiser der Zustimmung des Bundesrats. Durch die neue Vorlage soll nun die Mitwirkung des Reichstags bei der Entscheidung über Krieg und Frieden in der Verfassung festgelegt und deutlicher als bisher in ihr zum Ausdruck gebracht werden, daß das Reich, wie im Jahre 1870 der Bundeskanzler erklärte, ein wesentlich defensives Staaiswesen ist. Durch die zweite Vorlage, die zu Artikel 17 der Reichsverfassung eingebracht wird, soll ein Kanzlerver- ontwortlichkeitsgesetz geschaffen werden. Die Verantwortlichkeit des Kanzlers für Anordnungen und Versiigun- ftCTt im Namen des Reiches ist zwar bereits in dem erwähnten Artikel festgelegt, aber es fehlte bisher an Bestimmungen über die rechtliche Wirkung, die diese Mitverantwortlichkeit für den Kanzler selbst hat.
Wechsel im Kriegsernährungsamt.
Br. Berlin» 11. Okt. (Eig. Drahtbcr. zb.) Wie wir hören, scheidet NntersiaatSsekretär I)r. A u g u st M ü l l e r aus dem KriegSernährungsamt aus. An seine Stelle tritt der s o z i a l° demokratische Rer ch s tag s a bge ord riete Robert Schmidt, der sich bisher schon im Ernahrungsbeirat deS Reichstags betätigt hat. vr. Müller tritt als NnterstaatS- sekretär in das Reichswirtschaftsamt über, das zuerst für Robert Schmidt vorgesehen war.
Zur Verwendung Konrad Hantzmanns.
Ni. Wien, 12. Ofr. (Eig. Drahtber. zb.) Die Meldung, der Reichstaysaibgeordnete Haußmann sei für den Wiener Botschafterposten vorgesehen, wird in hiesigen unterrichteten Kreisen nicht geglaubt.
Giesbert UnterstaatssekretSr im Reichsarbeitsamt.
W. T.-B. Berlin, 11. Okt. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Wie wir auS parlamentarischen Kreisen erfahren, steht die Ernennung des Abgeordneten GieSbert zum IlnterstaatS» sekretär im ReichsarbeitSamt bevor.
Ein französischer Arbeiteraufruf für denBölkerbund
Br. Genf» 12. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Aus Paris wird gemeldet: Die Kcrmmerkommission für auswäriige Angelegenheiten hat die Antwort Wilsons geprüft und eine zustimmende Tagesordnung angenommen. Sie zählt auf die französische Regierung, daß sie keinen Waffenstillstand annehme, der nicht die Garantien sichert, auf die die siegreichen Truppen der Entente Anspruch haben. — Im Anschluß an das Friedensangebot der Mittelmächte richtet der Landesausschuß der französischen A r b e i t e r s ch a f t an die Arbeiter Frankreichs einen Aufruf, in dem er den Arbeitern ans Herz legt, sich in dieser ernsten Stunde über den Haß zu stellen und sich bereit zu halten, mit wahrem Bewußtsein für die Rechte der Völker, die öffentliche Diplomatie und den Völkerbund einzutreten.
Die vernünftigere Auffassung auf deni Sozialistenkongreß in der Mrhrbeit!
Br. Gens» 12. Okt. (Eig. Drabtbericht. zb.) Im sozia- listijchen Kongreß hat gestern Longues einen Antrag einge- bracht, in dem die früheren Minderheitsvertreter, obgleich sie sich als Anhänger der nationalen Verteidigung erklären, die eventnellc Ablehnung der Kriegskredite iu Aussicht stellen, die
