Einzelbild herunterladen
 

Sette L Freitag, 11. Oktober l»is.

Wiesbadener Tagblatt

Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt. 7lu 47Jfc.

Beendigung der spanischen Ministerkrise.

W. T.-B. Madrid, 10. Oft. Havas-Meldung. Die Ministerkrise ist beendigt. Laut Etlicher Mitteilung bleiben ?rrJ e i n i ft e i, abgesehen von dem Unterrichtsminister Alba, im Amte. Maura übernimmt neben der Mimster- . Präsidentschaft das Justizministerium, Graf Romano ne? das UntexrichtÄninisteriE. Der Krieg-smimster, Marine- mnlifter urrd Verpflegungsminister sind nach San Sebastian abgereist um morgen an dem Ministerrat unter dem Vorsitz des Königs teilzunehmen.

Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.

W.T.-B. Wien, 10. Oft. lDrahtbericht.) Amtlich ver­bautet vom 10. Oktober, mittags:

Italienischer Kriegsschauplatz.

Stellenweise lebhaftere italienische (brkundungstätigkeit.

^ Balkan-Kriegsschauplatz.

Am Skumbi scheiterte der Übergang italienischer Reiter- tbteilungen. Nordwestlich und nördlich von Leskuvac haben sich Kämpfe entwickelt. Hinter unserer Front wurden serbische und montenegrinische Banden ausgerieben.

Westlicher Kriegsschauplatz.

Nördlich von Verdun bei Beaumont schlugen unsere Jager im Verein mit rheinischen Regimentern schwere An- turm« siegreich zurück.

Der Chef des Generalstab». Änderungen im Wiener Kabinett?

W. T.-B. Wien, 8. Okt Die Mehrzahl der Blätter ver- zeichnet ohne Kommentar die gestern in parlamentarischen Kreisen neuerdings alifgetretenen Gerüchte von einer bevor­stehenden Änderung in der Regierung. ES wurde von der Berufung eines FciedenskabinettS und Völkerbund. Ministeriums gesprochen, wobei wiederum L a m m a s ch als Chef genannt wurde. Vielleicht werden die nächsten sitzungs- freien Wochen Klarheit in dieser Richtung bringen. Nach Blättermeldungen werden die Beratungen der DelegationS- ausfchiiffe Anfang nächster Woche beginnen. Burian -oird Dienstag e:n Expose über die äußere Polittk im ungarischen, am Mittwoch im österreichischen Ausschuß halten.

Entschließungen der Parteien.

. w. T.-B. Wien. 10. Oft. Wie die ..Deutschen Nachrichten" uild die Korrespondenz Austtia gemeinsam melden, fand heute die zweite Aussprache unter den Vertretern aller deutschen Parteien des Abgeordnetenhauses statt, worin von den Vertretern der christlich-sozialen Vereinigung die ,n der heutigen Sitzung gefaßte Entschließung vorgelsgt tmrttw. d,e dann außer der bekannten Entschließung der dertt- schen Sozialdemokraten und den vom Verbände der deutsch- nattonalen Parteien und den von der deutsch-freiheitlichen Vereinigung abgegebenen Erklärungen Gegenstand der Be­ratungen bildete. Es ergab iich oolle ü b e r e i n st i m. 2?ung 'n den grundsätzlichen Fragen. Die Beratungen, woran ^bstteter des Verbandes der deutsch-nationalen Parteien, der christlich-sozialen Vereinigung der deutschen soziatdemokratt- ^ r . ^utsch-frerherllichen Vereinigung und der Eeirtschen Bereinigung teilnahmen, werden fortgesetzt.

Wachsen des tschechischen Fanatismus.

KSln, 9. Oft. Aus Wien wird der .K. Z. mitgLteitt: Aus !?*« ß kommen Nachrichten über das Wachsen der staatSfemd. hchen Volkkstimmung. Das öffentliche Deutsch. 1precheu beginnt schon wieder gefährlich zu werden.

Deutsches Reich.

Die preußische Wahlrechtsvorlage.

B. A Berlin, 10. Okt. (Erg. Drahtbericht, zb.) «n der heutigen Sitzung des Wahlrechtsausschusses des Herrenhauses wurde in die Beratunq der Herrenhaus- Vorlage erngetreten. Infolge Einbringung wichtig-w neuer Anträge wurden die Verhandlungen auf morgen vertagt.

Der Regierungswechsel in Elsaß-Lothringen.

Berlin, 9. Oft. Der Statthalter von Elsaß-Lothringen v- Dallwitz hat jetzt die erwartete Entlassung erhalten Dallwitz war früher preußischer Minister des Innern und vertrat in der elsaß-lothringischen Frage den spezifisch pr-ußlsch-krn<ervativen Standpunkt, der jetzt wohl erledigt ist Große moralische Eroberungen haben wir mit ihm im Reichs­land wohl tzucht erziett, wie's scheint.

Wiesbadener Nachrichten.

— Kriegsabend. Der Ausschuß des Volksbildungsvereins für KriegSäbende, der den ganzen Krieg mit feinen Abenden klärend begleitet hat, hat sich nach eingehenden Überlegungen entschlossen, auch in dieser ernsten Stunde unseres Vater­landes nicht zu schweigen. Zumal da ja gerade jetzt vater­ländischer Sinn, vaterländischer Dienst und Opferbereitschaft nötiger sind als je. Er ladet ein zu einem Kregsabend am Sonntag. den 13. Oktober, abends 8 Uhr, im großen Saal der Turngesellschaft. Pfarrer Beckmann wird die Ansprache halten über „Die Rede des Reichskanzlers am 5. Oktober". Selbst­verständlich handelt es, sich auch diesmal nicht um eine polnisch- kritische Stellungnahme, sondern dem Charakter der Kriegs­abende entsprechend um eine sachliche Darstellung der Gescheh­nisse. Da erfahrungsgemäß der Andrang groß sein wird, empfieblt es sich, sich im Vorverkauf am Sonntag von 11 bis 1 Uhr und 3 bis 4 Uhr Plätze zu sichern.

— Beschränkung im Paketverkehr. Private Wertpakete lauster denen, die Bargeld oder Wertpapiere, Urkunden, Gold, Silbe: oder Edelsteine oder daraus gefertigte Gegenstände enthalten) nach Berlin und Charlottenburg sind vom 11. L’.f einschließlich 13. d. M. von der Versendung unter Wertang-rbe ausgeMossen.

— Weihnachtspakete für deutsche Kriegsgefangene in Eng­land. Di« Abteilung 7 Kreiskoniitee vom Roten Kreuz, Hilfe für kriegAgefvngene Deutsche, Wiesbaden, Kgl. Schloß, teilt uns mit: Den Angehörigen unserer Kriegs- und Zivii- yesangenen, die sich tu englischer Gefangenschaft befinden, ist Gelegenheit geboten, ein LeüenSmittelpaket zum Preis« von 20 M. zu bestellen. Die Pakete weiden in Dänemark zu- sammenaeiteltt und sind als Weihnachtspakete be­stimmt. Bestellungen werden bis spätestens zum 22. Oktober dieses Jahres täglich an obengenannter Stell« in der Zeit von 9 bis 1 Uhr und von 3 bis S Uhr, SEstags nur von 9 bis

1 Uhr, entgegengenommen.

— Feuerbestattung. Im Mainzer Krematorium fanden im drttten Vierteljahr 1918 73 Einäscherungen statt. Von diesen waren 8 auS Mainz, 15 aus W i e s b a d e n, 5 aus Bonn, je 4 aus Köln, Kreuznach und Saarbrücken, je

2 aus Biebrich und Erbenheim, je 1 aus Aachen, Alzeh, Beuel, Bierstadt, Bischofsheim, Castellaun, Caub, Coblenz, Diez, Esch in Luxemburg, Essen, Forboch, Geisenheim, Berg.-Gladbach. Halle a. S., Hollerich in Luxemburg, Hochheim a. M., Hermes- keil, Luxemburg, Metz, Marienberg i. S., Nieder-Jnyelheim, Oberlahnstein,_ Oberkassel, Oberstein, Rüdesheim, Simmern, Selzen und Trier. Unter den Eingeäscherten waren 40 männ­liche und 33 weibliche Personen. Der Religion nach waren 62 evangelisch, 2 katholisch, 2 fteichristlich, 4 israelitisch und

3 Dissident.

— An die Bormünder, Pfleger und elterlichen Gewalthaber erläßt das Vormundschaftsgericht den folgenden Ausruf: Die neunte Kriegsanleihe ist vom Reiche zur Zeichnung aufgelegt worden. Ein voller Erfolg der Anleihe ift für die siegreiche Durchführung dos uns wufgodrungenen Krieges von großer Bedeutung. Jeder Deutsche must dem Vaterland sein Geld zur Kriegsanleihe zur Verfügung stellen. Die der Auf- sicht des Vormundschaftsgerichts unterstehenden Vormünder, Pfleger und elterlichen Gewalthaber werden deshalb darauf hingewiesen, daß es auch für sie eine dringende Vater- ländisch« Pflicht ist, die verfügbaren Mündel- und Spar- golder, sowett sie nicht in absehbarer Zeit zu Ausgaben be­nötigt werden, in möglichst weitem Umfange zur Zeichnung auf die 9. KriegSanIoche zu verwenden. Die Anleihe ist mündet sicher und bietet bei gut« Verzinsung eine vorteWafte Kavitalarckage. Insbesondere empfiehlt «S sich, das bei den Sparkassen angelegte Geld zur Zeichnung zu benutz«,, zumal dw Sparkassen, wenn die Zvichnung bei ihnen erfolg, die Her-

S c des Geldes nicht von der Einhaltung ein« Kündigungs- t abhängig machen. Die Genehmigung zur Abhebung des zur Zeichnung «-forderlichen Geldes von gesp«tten Spar- kaffenbüchern ist bei dem VormundschaftSgericht «irizuholen Die Frist zur Zeichnung läuft bis Mittwoch, den 2 3. Okto­ber, mitt^s 1 Uhr, jedoch empfiehlt sich eine möglichst früh, zeitige Zeichnung.

— Wiederverwendung gebraucht« Briefumschläge. DaS

ReichrpostEt hat im Hinblick auf die Knappheit der Brief­umschläge jetzt erlaubt, gewöhnliche Briefsendungen zu be­fördern, aus deren Umschlägen die erste Aufschrift durch eine neue ersetzt ist Die alte Aufschrift muß sorgfältig durch- fteuzi oder durchstrichen sein. Die zweite Aufschrift must beut- sich und so eingerichtet werden, daß di« Stempelabdrücke, post- dieMlche Vermerke und Freimarken nicht beeinträchtigt

Borberichte über Kunst, Borträge und Verwandtes.

* Residenz-Theater. Alz Uraufführung geht am Samstag der dreiaftige iiiusikaitsche Schwank mit Gesang und Tanz „Frauchen streikt" von Leo Kästner und Alfred Möller, Musik von Fr. Gellett, rn Szene. Nicht nur der verheißungsvoll- Tuet, sondern auch die schon durch so viele Bühnenwerke berühmten Verfasser geben die Gewähr, baß ein außergewöhnlich lustiger Abend zu erwarten ist. In den Hauptrollen sind beschäftigt die Herren von der Becke iRegiei, Möller, Michels, Bugge, Flicser und die Damen Trude Marell, die Gattin Alfred Möllers, a. G, Margit Heyd a. G. und Stella R'chter Das an komischen Situationen -reiche Stück wird Sonntagabend piederloli, während Sonntagnachmittag lh4 Uhr noch, mals das beliebte fröhliche Spiel mit Gesang „Unter der blühenden Lmde" zu halben Preisen gegeben wird.

* Konzert. Das Konzert der berühmten Dresdener Kammer­sängerin Ev« Ptaschke von der Osten und des Prof. Kranke, das am l4. Oktober im Kastnosoal stattsinbet, verspricht einen beson- deren künstlerischen Genuß Fra» Plaschke von der Osten gehött zu den bekanntesten deutschen Sängerinnen und Pros. Kranke besitzt einen guten Rul als Komponist und Pianist. Das Programm ist sehr vrelvei sprechend.

Aus dem Vereinsleben.

* Tagung der Sudon-Pionier-Mifsion. Auch in diesen, Jobre gedenk! die hiesige Sudan-Pionier-Mission wieder­um ihre Versammlungen zur Förderung und Vertiefung des Glaubenslebens vom 14. bl? l6. Oktober im Saale des Evangel. Bereinshauses, Platter Straße 2, abzuhalten und hat das sehr zeit- gemäße Thcnlo „Unsere Leidenswege im Lichte der Gedanken Gottes" gewählt. Als Redner haben die auch hier bereits gut be­kannten und beliebten Herren Evangelist Henrichs-Elberfeld, Pfarrer Lcnble-Lkipzip, Prvlessor D v. Schlatter-Tübingen, Pfarrer Würz- Basel zugesagt. Bemerk, sei noch, daß im Anschluß an diese Tagung im gleichen Lokal auch ein Bibelkursus abgehalten wird. Alles Nähere ist aus dem Anzeigenteil ersichtlich.

Aus dem Landkreis Wiesbaden.

— Dotzheim, IC. Okt. Dem Kirchenvorstsher und Bürger­meister a D. Georg Seil wurde ans Anlaß seines Ausscheidens aus dem Ktrcheiivoipeheramt das Allgemeine Ehrenzeichen m Silber verliehen.

— Rordensladt, 9. Oft. Aus der Pumpstation unseres Wasser­werks wurden nachts die Treibriemen gestohlen, die einen Wett von mehreren tausend Mark haben sollen.

Aus Provinz und Nachbarschaft.

= Frankfurt a. M., 10. Oft. Heut: vor 4V Jahren ttat der König!. Landesökonomierat und König!. Gartenbauoiroftor August S i e b e r t als Obergärtner bei der Palmengarten-Gejellschast in Frankfurt a. M «in. Man darf es getrost aussprechen, die große und bedeutsame Entwickelung des Gartens ist mit das Lebenswerk Sieberts. Sein Name ist für alle Seiten rühmend mit all den Neuerungen und Berbesserungen in Verbindung zu bringen, die unter ferner Leitung entstanden find.

= Limburg. IC. Oft. Das Amtsblatt des Bistums Limburg gibt durch folgende kirchliche Dienstnachrichten bekannt: Mit Termin 10. Oktober d. I. wurden die Kapläne Lorenz Wüst in Homburg- Kirtorf nach Konigstein, Ewald Boß in Königstein nach Rüöes- heim, Ludger Hartmann in Rüdesheim nach Höhr und Klemens Mav in Höhr nach Homburg-Kirdors versetzt.

c= Mainz. IC. Oft. Bor einigen Wochen wurde der städtisch« Haseneinnchmer Kirchheim verhaftet, weil er Gelder der städtisch« Kattosfelbeliesiruna unterschlagen hat. Am Freitag wurde nun auch der städtische Werstrmistei Martin Waldmann verhasiet unter de» dringenden Verdacht, an den Unterschlagungen Kirchheims beteiligt pl sein. Waldmaim ist schon 16 Jahre angestellter städtischer Be­amter. — Dem Oitsvorsteher von Kosthcim wurden in einer der letzten Nächte aus dem Stalle vier Gänse gestohlen.

— Lindschied, 9. Oft. Dem 19jährigen Artillettste» Anton Felde von hier, welcher im Jahre 1917 im Osten wegen be­wiesener Tapferkeit zum Oberg eft eiten befördett und mit de» Eisernen Kren» 2. Klasse ausgezeichnet wurde, wnrde jetzt t» Westen da« Eiserne Kren, 1. Klasse verliehen. Seneralseldmarschall v. Hindendurg überreichte unserem tapferen Landsmann perstulich der hohe Lnkzeichnung mit Worten der Anerkennung.

Sport.

* Der 86jährige «cttmeisterfohrer Peter Günther, der am

Sonntag aus der Düsseldorfer Rennbahn beim Großen Radrennen stürzte, ist gestern abend tr. Krankenhaus« Heerdt der Düsseldorf gestorben.

Neues aus aller Welt.

Für 100 000 M. Orden gestohlen. Berlin, 9. Oft. Ein großer Einbruch ist in der Charlottenstraße 55, Ecke der Jägrrstraße, verübt worden. Hie, besindet sich im Erdgeschoß das Geschäft der Ordens- und Hesiuwelier« I. Godet u. Sohn. Die großen Stück« mußten sie nnderübli lossen, da diese m einem sicheren Panzer, schrank ausbewahtt werden. Unter den übrigen trafen st« eine srrgsaltiae Auswahl. Sie nahmen Orden im Wette von über 100 000 M. »nt.

(4. Fortsetzung.) Nachdruck verboten.

Donata Ohlenhusen.

Von Lotte Osterwald.

Es tönten Gerdt von Ohlenhusen Harmonien, deren Zusammenhänge er vergeblich gesucht und in fast schmerz- Hafter Klarheit sah er plötzlich den Weg vor sich liegen, nach dem er bisher getastet. Schloer atmend drückte ec Donatas Kopf fester an seine Brust. Es war wie ein ge- Heimes Fluidum, das diese beiden Menschen verband ein hellseherisches Verstehen war auch über Donata ge­kommen und in geheimnisvollem Schweigen weitete sich der Raum zu unendlichen fernen.

Es klopfte — klopfte noch einmal — stärker.

Geerdt empfand plötzlich hemmend die Außenwelt.

„Was ist?' brummte er, und schob Donata fast heftig von sich.

„Eine Ordonnanz, Herr Oberleutnant."

„Soll warten." *

Donata schob leise den Brief des Majors vor Geerdt hin.

„Ja, doch —" sagte er verdrießlich.

Er schrieb langsam, als sei es eine schwere Gedanken- arbeit, dann drückte er auf die Klinael.

„Schade", sagte er, seine Stimme klang blechern.

„Die Antwort für Herrn Major Rodenbach", herrschte er den Burschen an. „Die Ordonnanz soll komnien."

. Donata hörte von ihrem Zimmer ' aus lange Zeit kernen Ton, dann einen kurz-n. ruhigen Befehl, die Tür nach der Diele klappte und ein paar Minuten darauf schaute Geerdt, schon in Mantel rmd Mütze, herein.

„Auf Wiedersehen, Donny."

Sie sah ihm vom finster aus nach, wie er mit vor­geschobenem Kopf verdrießlich die Straße herunter ging.

„Armer Kerl", dacht» sie.

*

dem behaglichen, altmodischen Eßzimmer bei Rodenbachs waren die Kerzen der Acnileuchter schon

Mf herunt-rqebcannt und noch immer saß man bei Tisch.

Der Major hielt auf langsames Verfahren, er aß mit Genuß und behauptete, es sei ein Zeichen, daß man kernen Staat mrt seinem Diner machen könne, wenn zu schnell serviert würde.

„Solch ein Entensalmi zum Beispiel ist ein Gedicht — wurden Ste etwa ein Gedicht herschnottern wollen wie erne Schulregel? Das muß langsam in sich aufgenom- men werden. Diese Gebilde der Kochkunst sind die ver° ganglrchsten Kunstwerke, dir es gibt aber darum doch Kunstwerke, und vor einem Elchen ziemt sich Andacht."

„Der rerne Tempeldienst. Rodenbach", lachte der Landrat Wietersheim.

, »Ja", schmunzelte der dicke Major, „und die Prieste- rrnnen sind noch nicht das Schlechteste dabei."

„Sie leben!" Der Landrat hob leicht das Glas gegen dre Hausfrau, dte seine Tischdame war. Aber sein Blick streifte Donata Ohlenhussn. Sie saß am unteren Ende der Tafel neben „dem Neuen" und hatte offenbar nichts gehört.

„Die Priesterinnen sollen leben, ssrau von Ohlen- Husen", rtef der Landrat jetzt hinüber.

Donata blickte erstaunt auf. „Welche Priesterinnen?"

„Der Göttin — ja, nun ^ehlt uns aber die Gottheit, zu der Sie beten, Rodenbach."

„Gottheit?" Der Major wandte sich an Geerdt. „Sie sind ja doch so'n halber Gekehlter, Ohlenhusen, welcher Gottheit war die Kochkunst unterstellt?"

„Wenn von einer Kunst die Rede ist, so kommen wohl mehr die griechischen Gottheiten in s^rage, und die Griechen begnügten sich, wie ich Herrn Major nicht erst zu sagen brauche, mit einer Handwll Oliven und dem legendären Fischkop-, wozu sie eine Gottheit wohl kaum bemüht haben werden."

„Fischkopf — pfui Deibel — barbarische Gesellschaft!" Er vertiefte sich andächtig zmn zweiten Male in sein Salmi.

„Ich glaube, mein Mann bedauert lebhaft, daß ich nicht als Griechin zur Welr gekommen bin", sagte

Donata.

„Ist Ihr Herr Gemahl solch ein Spartaner?" ftagt, ihr Nachbar.

, „Spartaner ist nicht das richttge Wort, er ist sogar ern raffinierter Genußmensch, nur nicht gerade aus kulr< nartschem Gebiet."

„Ich würde mich allenfalls auch ohne Ceres — denn auf die würden wir wohl bei den römijchen Schlemmen hrnauskommen — behelfen können, aber ich bekenne mich zu einer unbezwinglichen Vorliebe für Bacchus' gut« Gaben."

Donata sah ihn an, ein bißchen von unten heraus, wie ste die Menschen anz«ne!>en pflegte. Nein., er sah nicht aus wie sin Schlemmer. Er hatte eine guttrainierle geschmeidig- Figur und ein Harles, dunkelaetöntes Ge- sicht. Es sprach daraus kein weichliches Hingebeir an fybarrttsches Wohlleben, es sprach eher von Kampf und — ja auch von Not, von vergangener und überft undencr Not.

. »Wie kamen Sre eigentlich auf den Gedanken, sich h«r anzusiedeln, Herr Keßler", sagte sie nach einem ver­stohlenen Blick auf seine Tischkarte: sie hatte natürlich bei der Vorstellung seinen Namen nicht verstanden.

„Kepler, gnädigste Frau, Wolf Kepler", ver- besserte er.

„Danke, ich werde mir den Namen merken, denn ich hoffe, wir sehen uns nun ötter. Herr Kepler."

Er neigte leicht den Kopf.

„Mer Sie haben mir noch nicht gesagt, wie Sie gerade auf unser reichlich — harmloses Städtchen ver- fallen sind, nachdem Si > biechalde Welt gesehen haben."

„Ich könnte Ihnen »rwidrrn, der Reiz des Gegen- satzes, aber das ist es nicht allein. In der Hauptsache war es doch die verkrachte Automobilfabrik von Walz, die vorteilhaft zu erwerben war."

„Ach, Sie haben die Fabrik gekauft. Gott ja. der arme Walz — er hatte eine so entzückende Frau."

Fortsetzung folgt.