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Mittwoch, 9. Oktober 1918. AbSNd-AUSgttbe.

Nr. 472.. 66. Jahrgang.

Wilsons Antwort.

N

Die vorläufige Übermittelung.

Der authentische Tert noch nicht vorliegend.

Haag, 9. Okt.'Ciq. Drahtbericht, zb.) Aus Washington wird amtlich aemeldet: Die Ant­wort des Präsidenten Wilson beginnt mit einer Wie­derholung der deutschen Note. Dana heißt cs weiter:

Ehe auf die Bitte der Kaiserlichen Regierung ge­antwortet werden kann und damit die Antwort so offenherzig und aufrichtig gegeben werden kann, wie es das a n ß e r o r d e n t l r ch c I n t e r - esse, das damit verknüpft ist, notwendig macht, hält es der Präsident der Bereinigten Staaten für erfor­derlich, sich des richtigen Sinnes der Note des deutschen Reichskanzlers zu vergewissern. Der gute Glaube an eine Besprechung, wie sie der Kanzler vorschlägt, wird davon abhängen, daß die Zentralmächte bereit sind, sofort alle ihre Streitkräste ans jedem besetzten Ge­biet zurückzuziehen. Ter Präsident glaubt asio zu der Frage berechtigt zu sein, ob der Reichs­kanzler nnr für die Berfassungsbehorde des Reiches spricht, die bis jetzt den Krieg geführt hat. Er glaubt, daß die Beantwortung seiner Frage von vitaler

Bedeutung für jeden Gesichtspunkt ist."

*

Die einstweilige Beurteilung in Berlin.

lVon unserer Berliner Abteilung.)

B.A. Berlin, 9. £ft. (Eig. Dvahtbericht. zb.! Zu der jetzt vorliegenden Antwort Wilsons kann zur Stunde nur ge­sagt werden, daß die Fassungen, welche uns bisher zugegangen sind, durch Reuter übermittelt werden und ziemlich frag, mentarisch sein dürften. An Berliner amtlicher Stelle liegt der offizielle Text noch nicht vor. Man würde gerade wegen dieses Mankos in der Beurteilung der Note um so vorsichtiger und zurückhaltender fein müssen, bis der authentische Text vorlieqt. Man wird bei den zuständigen Behörden die Note ausdassorgfältig sie prüfen und. wie man schon jetzt sagen kann, werden weitere Er- klärungen der deutschen Regierung notwendig sein, die bei der außerordentlich empfindlichen Materie a u f d a 8 genaueste zu überlegen sein würden. Etwas eigenartig ist die Wendung in dem Text, in welcher President Wilsen sich erkundigt, in wessen Auftrag Prinz Mar von Baden eigentlich handle. Und da kann man ihm sehr klar antworten, im Auftrag deS gesamten d e l, t s ch e n B o l k e s, wie daS Präsident Fehrenbach in seiner Reichstagsrede bereits deutlich unterstrichen bat und weiter anck in Übereinstimmung mit allen in Betracht kommenden Faktoren, wie aus den Erklärungen des Reiche kan-lers ohne weiteres zu ersehen ist. Im übrigen kann nur immer wieder betont werden, daß erst der authentische Text vorliegen muß, ehe man die Antwort Wilsons einer Kritik unterziehen kann.

*

Der Wiederzusammentritt des Reichstags.

W. T.-B. Berlin, 9. Okt. (Drahtbsricht.) Entgegen den Zevungsmeldungen sind bisher über den Zcirpunkt des 'Wiederzusammentritts des Riichstazs noch keinerlei Bestimmungen getroffen worden.

^urcfi die Meldungen unserer Berliner Abteilung sind die folgenden Drechbberichte zum Teil überholt; doch sind sie zur Beurteilung der Stimmung in den Ententemächten vor der Absendung von Wilsons Antwort gleichwohl von Bedeutung.

Einstweilige englische offiziöse Bemerkungen.

W. T.-B. London, 7. Okt. Reuter erfährt, daß bis beute nachmittag beim Auswärtigen Amt weder amtliche Nach­richten von den dentsch-ösiTrreichischen Vorschlägen noch irgendeine Andeutung darüber von einem neutralen Ver­treter eingetroffen sind. Auf jeden Fall scheine festznstehen, daß Präsident W i l s o n, an den der Appell gerichtet ist, auch die Initiative bei der Beantwortung, ergreifen werde. Aus den bereits bekannten Gründen können über die amtliche Haltung, die die verbündeten Regierungen ein­nehmen werden, nur Vermutungen ausgesprochen, werden. . . _

Reuter zufolge werden in gut unterrichteten Kreisen nach sorgfältiger Prüfung der Rede des Kanzlers und der Note an Präsident Wilson folgende Kommentare gegeben: Es scheint allgemein angenommen zu werden, daß der neue Kanzler b e r e ch t i g t sein mag, für sich in Anspruch zu nehmen, daß er ein Mann von liberalen Ansichten auch vor diesen Ereignissen war. so wie das Wort libeval in Deutschland verstanden wird. Aber es bleibt noch abzuwarten, ob der Druck der militärischen Ereignisse genügend groß gewesen ist, um die Masse des deutschen Volkes zu über­

reden, dauernd die Partei dieses Liberalismus zu ergreifen. Mit anderen Worten: Hat er die Macht, diese Ansicht allen Teilen des deutschen Volkes aurzuzwinqen, obwohl er selbst zweifellos aufrichtig diese Ansichten vertritt s Die Bekehrung Tenischlands zu liberalen Ideen, wie sie in dem Gegensatz zwischen der Reichstagsrede des Prinzen Max und den nen- lichen Äußerungen v. Payers gekennzeichnet ist, hat sehr plötzlich stattgesunden und es bleibt abzuwarten, ob sie dauernd sein wird. Ein Vergleich zwischen dem Text der Note an Wilson und der Rede des Prinzen Max weist wichtige Ab­weichungen ans. Während die deuffche Note die Botschaft des Präsidenten an den Kongreß vom 8. Januar und ftine späteren Erklärungen als Grundlage für Friedensverhand­lungen annimmt, sagt der Kanzler, daß er sich auf den Boden des Mehrheitsprogramms stellt, und wenn dieses Programm so ist, wie es imBerliner Tageblatt" mitgeteilt wurde, so werden Differenzen sofort deutlich werden. Angesichts dieser Verschiedenheit ist die Frage berechtigt, auf dem Boden welcher von diesen Erklärungen Deutschland wirklich steht, dem des internationalen Dokuments, das an Wilson gerichtet ist, oder dem der an daS deutsche Volk gerichteten Erklärung im Reichstag Die Note selbst läßt verschiedene Auslegungen zu und ist vielleicht absichtlich u n b e st i m m t.

Englische Zeitungsstimmen für und wider.

W. T.-B. London, 7. Okt.Daily New s" schreibt- Die militärischen Herrscher von Deutschland haben gezeigt, daß sie fiir eine ebrenhafte Verständigung unfähig sind, und Prinz Max sucht zu beweisen, daß die Macht aus den Händen von Militärs an die Vertreter der bürgerlichen Gewalt übergegangen ist. Seine Worte sind klug ge­wählt, aber ihre Bedeutung ist klar'; sie liegt darin, daß auf den Ehrgeiz der Alldeutschen verzichtet ioi:d. Deutschland wird eine Nation sein, die sich selbst regiert, und der MilitärdespotismuS ist besertigt. Präsident Wilson und die Alliierten wollen Bürgschaften dafür, daß dieser Entschluß wirklich feststeht. Wenn es sich in der Tat so verbält. so -st der Sieg, für den die Alliierten gekämpft haben, in Sichr. Wenn die Rede des Prinzen Max den Geist Deutschlands vergegenwärtigt, so bedeutet das, daß oaö Ziel erreicht ist und daß der p r e u ß i s ch e Militarismus bezwungen ist. Die Welt wird WilsonS Antwort mit Vertrauen in seine Weisheit abwartea. Wir können an- nekrnen, daß sie die Entscheidung de: europäischen Alliierten repräsentieren wird.

Daily Chronicle" schreibt: Die Antwort der

Alliierten an Deutschland muß dieselbe sein wie an Bulgarien.

DieMorning Post" schreibt' Wir müssen noch er­fahren, worin der Vorschlag des Prinzen Mar von der Auf­forderung von Österreich-Ungarn abweicht, die von dem Prä­sidenten Wilson abgelehnt wurde. DaS Vorgehen des Kanzlers ist das Ergebnis von Besprechungen und Verabredungen zwischen den Alldeutschen und den anderen Parteien, in denen wie bisher die militärische Diktatur den Verlauf der Ange­legenheiten lenkte. Prinz Max wurde vom Kaiser und nicht vom Reichstag ernannt, und wenn er den Zwecken seines Herrn gedient hat, wird er, w>e seine Vorgänger, entlassen werden. Der Kanzler spricht für eine deutsche Regierung, die sich nicht verändert hat. Sein Versuch, die neue oberflächliche (!) Änderung als eine demokratische Refornt hinzustellen, ist zu handgreiflich. Deswegen vermag die Friedcnsnote die vom Präsidenten ausgestellten Bedingun­gen nicht zu erfüllen. Ihr Ziel ist, einen Gegensatz zwischen den Alliierten und den Vereinigten Staaten hervorzurufen. Tie deutsche Diplomatie war niemals in e-nem größeren Irr­tum. Die Friedenspolitik ist zwischen Amerika und den Alliierten vereinbart und kein Vorschlag, der sich an einen von ihnen richtet, kann angenommen werden. Wenn Deutsch­land seine Bereitwilligkeit erklärt, die Bedingungen anzu- nebmen, die ihm von den Alliierten auferlegt werden, dann und nicht eher wird eL den Frieden erhalten, den es verdient.

Daily Mail' schreibt: Bei den Deutschen baden nicht Worte, sondern nur Taten Gewicht. Die Forderung des Waffenstillstandes in dem Augenblick, wo die Deutschen viel verloren haben, beabsichtigt nicht den Frieden, sondern ist ein Kunstgriff. Zum Beweise kommt die Nachricht, daß D o u a i in Brand gesteckt wurde, während die Unterseeboote in den letzten Tagen rücksichtslos Schiffe versenk: leiben. Der Kaiser besteht noch aus seiner Autorität. Er sag: zu seiner Armee:Ich habe beschlossen, den Frieden anzubieten."

Prinz Max ton Baden übersieht, um mit Eleinenceau zu sprechen, Wilsons 16. Punkt:Kein Friede mit

Hohenzoller n."

W. T.-B. Amsterdam, 9. Okt. (Drcihtbericht.) Nach einer Reuter-Meldung schreibt dieTimes":' Die von Deutschland gemachten Vorschläge erfordern eine überlegte Antwort, aber sie sind viel zu durchsichtig, als daß eine Unsicherheit über die Art dieser Antwort be­stehen könnte. In allen Länden: wird der entschiedene Wille geäußert, daß die vor uns liegenden Aufgaben bis zum letzten Ende durch geführt werden sollen. Die Demokratisierung Deutschlands ist eine der elementarsten Sicher st ellungen gegen eine Wiederholung des Kriegs, aber wir können keinen größeren Irrtum begehen, als wenn wir die Deuffchen annehmen ließen, daß selbst eine echte innere Revolu­

tion einen Ersatz für die volle Erfüllung ihrer P f l l ch- ten bilden können, die sie der außerhalb Deutschlands liegenden Welt gegenüber übernommen haben. Die Hauptsache für die Alliierten sind weder die häuslichen Experimente des Kanzlers noch seine Ansichten über un­sere Regierungsmcthode, sondern ist die Ei n t r e i b u n g der Schulden seines Landes an die frevelhaft ver­letzte Zivilisation. Diese Zahlung kann nicht in Worten geschehen.

Keine Bedingung außer einerbedingungslosen Übergabe"?

W. T.-B. London, 9. Okt. (Drahrbericht. Reuter.) Nach den Morgenzeitungen kann die Antwort der Alliierten auf den deutschen Vorschlag eines Waffen­stillstandes am besten als eine einmütige Ablehnung be­zeichnet werden.Daily Telegraph" schreibt: Wilson wird wahrscheinlich aitr die Friedensnote eine begründete Antwort geben, aber da die ganze ame­rikanische Presse einstimmig gegen den Vor­schlag spricht, können wir deutlich voraussehen, welche Stellung Washington einnehmen wird.M o r n i n g- p o st" legt Nachdruck darauf, daß Deutschland sich b e- dingungslos ergeben muß.Daily Chronicle" schreibt: Bis wir unserer Macht ver­sichert sind und den Frieden zu unseren Bedingungen erzwingen können, müssen wir fortfahren, diese Macht durch unsere gegenwärtige Methode unter der Leitung von Foch zu steigern.Daily Mail" schreibt: Die deutsche Forderung nach einen: Waffenstill­stand hat nur die vollständige Einwilligkeit der freien Welt erwiewa. keine Bedingungen außer einer bedingungslosen Übergabe anzunehmen. Daily Ervreß" schreibt: Der Friedensnocschkag ist eine Friedens: g t r i a ?. die mißolückt ist, weil niemand Deutschlands Worten glauben will

Bemerkenswerte Äußerungen Churchills.

Br. Rotterdam. 9. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) In einer Rede vor 6000 Munitionsarbeitern sagte Mumtrons- minister Churchill: Den mächtigen deutschen Heeren ist der Atem ausqegangen. Wir müssen uns in acht nehmen, daß der deutsche Lockvogel unsere Anstrengungen nicht zunichte macht. Es wäre aber Dummheit, die Bedeutung der deutschen Vorschläge zu unterschätzen. Man muß dem Feind den Gedanken an Frieden anziehender machen, als den Gedanken an die Fortsetzung deS Krieges. Man darf keine Gelegenheit versäumen, dem deutschen Volke klar zu macken, daß es nicht um seine Existenz, sondern f ü r den Stolz des Kaisers kämpft. Wie auch der Sieg der Alliierten sein möge, so wird man Deutschland doch ge­wisse (Wie gnädig!! elementare Rechte zusichern müssen.

Die fortgesetzt einheitliche Ablehnung in der französischen Presse.

W. T.-B. Paris, 8. Okt. Hapas. Die französische Presse ringt reichlich Besprechungen der Rede des Prinzen Max von jaden und seiner Vorschläge wegen des Waffenstillstandes. Homine Libre" erklärt' Alles bänge von der Frage ab, ob je Feinde die von Wilson ansgestellten Grundsätze und Bedingungen orbehaltloS ausnchmen oder nicht. Dazu bedarf cs keines Wafsin- iüstandc-- nrck langer Verhandlungen, noch des Marktens, noch er Verständigung. Wilson bat im voraus geantwortet. Das statt der nationalen Sozialisten erklärt, im voraus voll und ganz ix unterschreiben, was derjenige tun und lagen werde, besten edler leist und hohe inoralische Ehrlichkeit ihn zum Schiedsrichter der Leit gemacht hätten.France Ltbre" endlich erklärt zu der :tztcn Rede Wilsons ihre Zustimmung und schließt mit der Frag-, b Wilson durch sie lnieits geantwortet habe.

W.T.-B- Bern, 8. Okt. Die meisten französischen Blätter ertrcten den Standpunkt, das Angebot des Waffenstillstandes sei nannehmbar, weil die Mittelmächte die Vorschläge Wilson- icht vorbehaltlos annebmen, sondern lediglich zur Grundlage einer Diskussion machen wollen. Die Vor- chläge Wilsons siien erst dann von den Mittelmächten angenommen.

rtb stellt seinen Äußerungen die Grundsätze Wilsons gegenüber, er neue Kanzler versuche vergebens, allerlei Ausflüchte vorzu- -inaen Man könne Deutschland nicht trauen; die besetzten lotete würden von ihm weiter als Pfänder ausgespielt ad Elsaß-Lothringen behalten werden. Die abernials düpierte ntente müßte unter der Last einer furchtbaren Erpressung ver- indeln Unser Blut wäre umsonst geflossen und der Krieg mußt­en neuem beginnen oder ein unheilvoller Friede unterzeichnet wer- m Mr verstehen, fährt d-as Blatt fort, daß der deutsche Gene­ilstab die Politik des Prinzen Max gutgehe,ßen hat; aber der eue Kanzler mit seinen beiden Adjutanten Ludendorsf und Scherbe- tonn darf nicht glauben, daß Wilson so naiv sei.Matin ndet gleichfalls nur Ausflüchte in der Kanzlerrede.Somme ibre" erklärt- In all seiner Perfidic überrascht unS das mische Manöver nicht Das Deutschland des oadlschcn Prinzen, cheidkmanns und Eikergerd ist immer noch das kaiserliche, preußi- he Deutschland. Seine demokratische Maske tauscht uns ntajt. irr sind auf dem Filcdensweg. aber die Borschläge des Kanzlers ild ungenügend. Wir scrdern volle Wiedergutmachung für die jeraangevheit und Sicheiunx für die Zukunst. In diesen beiden uchtigen Punkten bleibt der Kanzler stumm. Der Knea dauert vrt.