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Abend-Ausgabe.
Nr. 4<&. • 66. Jahrgang.
Montag, 7. Ottober 1918.
Das deutsche Friedensangebot.
Es gilt, der Lage klar l n S Auge zu schauen, der Lage, wie sie geschaffen isi durch den Zusammenbruch -Bulgariens, durch die schweren Niederlagen der Türkei, durch die Kriegsmüdigkeit der von inneren Wirren zerfressenen Donaumonarchie und endlich dadurch, daß wir an der Wkstfront von der Offensive in die Defensive gedrängt sind. Selbstbetrvgerifche Schönfärberei, wie wir 'sie an unserer offiziösen Berichterstattung bis zu dem jetzigen Erwachen zu unserem allergrößten Schaden erlebt hab-n, wäre ebenso vom Übel wie freilich auf der anderen Seite übertriebene Schwarzseherei, die gerade dort bei uns letzt am meisten zu finden ist, wo man vorher den Mund nicht weit genug aufreitzen konnte. Das Friedensangebot, welches der neue Kanzler des Deutschen Reiches an den Präsidenten Wilson gerichtet hat, und das die erste Handlung der parlamentarischen Regierung darstellt, zieht die Folgerungen aus jener Lage. Wenn der Reichskanzler an Wilson die unten wiedcrqegebene Note gerichtet hat, in der er ihn bittet, die Herbeiführung des Friedens in die Hand zu nehmen und hierbei mit allen kriegführenden Staaten in Verbindung zu treten, so ist das geschehen, weil die deutsche Regierung, die einen demokratischen Frieden anstrebt, glaubt, sich hierin mit den Absichten des Präsidenten der Nord- amerikanischen Unton zu begegnen.
Der Friede, den die deutsche Regierung im Einvernehmen mit ihren beiden noch treugebliebenen Verbündeten vorschlägt, gründet sich aus das Programm der M e h r h e i t s p a r t e i e n, die jetzt die breite Grundlage von den Nationalliberalen bis zu den Sozialdemokraten aufwersen. Dies Programm bekennt sich zum Völkerbund, zur A b- r ü st u n g zu Wasser und zu Lande, zur Sicherung der Freiheit der Meere, zur schiedsgerichtlichen Beilegung aller internationalen Streitfälle. Es erklärt sich nicht nur zur völligen Wiederherstellung Belgiens bereit, sondern strebt auch eine Verständigung über die Entschädigunqsfrage an, geht auf eine Revision des Ostfriedens ein, wie sie jetzt auch die russische Regierung gefordert hat, und sagt für Elsaß-Lothringen die Autonomie zu.
Zu den fünf P u n k t e n, die Wilson in seiner ueuesten Rede ausgestellt iiat, steht dies Programm nicht im Widerspruch. Denn sisir die Gerechtngkeit, die keine Begünstigung kennt, treten auch wir ein und sind einverstanden damit, daß Sonderinteressen einzelner Nationen oder Gruppen hinter den gemeinsamen Interessen der Völker zurückstehen. In der Abneigung gegen Verbände und Bündnisse stinunen wir mit Wilson um so lieber überein, da wir hierbei teilweise recht schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wenn er weiter den Boykott verwirft, so entspricht das unseren Interessen, denn dieser Boykott ist sa gerade uns angedroht worden. Und wenn er endlich fordert, daß alle internationalen Abmachungen und Verträge der ganzen übrigen Welt bekanntgegeben werden sollen, so kann das uns. die wir die Schrecken der Einkretjungs- politik kennen gelernt heben, nur willkommen sein.
Etwas anderes ist es freilich niit den 14 Punkten, die Wilson in seiner Botschait vom 8. Januar d. I. ausgestellt hat. Zum Teil decken diese sich ja mit seinem neuen Programm, zürn Teil, wie die Freiheit der Meere, Herabsetzung der Rüstungen, Wrederausrichtung Belgiens, allgemeine Vereinigung der Nationen, mit dem Programm der Reichstagsmehrheit, das zugleich das der Regierung ist. Einzelne, wie Punkt 9. Berichtigung. der italienischen Grenzen und Autonomie für: die Völker Österreich-Ungarns, die sich zürn Teil zu verwirklichen beginnt, sind Sache unseres Bundesgenossen. Die Differenzen zwischen uns und Wilson finden sich in Punkt 8, der von der „Wiedergutmachung des Anrechts" spricht, das angeblich „Frankreich durch Preußen im Jahre 1871 hinsichtlich Elsaß-Lothringens zugesügt wurde", und in Punkt 13, der sich über den auch von uns angestrebten unabhängigen polnischen Staat etwas unklar dabin ausspricht, daß ihm „alle Länder, die von einer unzweifelhaft polnischen Bevölkerung bewohnt sind, angehören sollen und der einen gesicherten, freien und zuverlässigen Zugang zur See besitzt". Hierzu ist zu bemerken, daß die deutsche Regierung nicht etwa diese 14 Punkte angenommen, sondern sie lediglich „als" Grnndlage für die Verhandlungen angenommen", Hut. Der Unterschied' liegt auf dev Hand.
Was dem Friedensangebot der deutschen Regierung besonders Bedeutung gibt, ist die Stärke, die dieser dadurch verliehen wird, daß das deutsche Volk hinter ihr steht. DieserRückbalt ist ebenso bedeutsam für denFall, daß unsere Gegner auf dieses Angebot eingehen, wie für den. daß sie es ablehnen. Im ersteren Fall verfügt die Regierung über die Macht, ihre Zusagen durchzu- f ü&t-en, im anderen ZaLcmch über die Stüwk &, bas
etwaige Fehlschlagen der Friedenshosfnungen zu ertragen. Denn nur einen e h r e n v o l l en und unseren Interessen gerecht werdenden Frieden will die deutsche Regierung und mit ihr das deutsche Volk. Gegen jeden schimpflichen, gegen einen Vernicl)- tungsfrieden aber wird es sich w e h r e n b i s z u m letzten Hauch von Mann und Roß. Die militärische Lage ist so, daß wir Gewißheit haben, durchhalten zu körknen. Unsere Gegner aber werden es sich zu überlegen haben, ob sie weiter die Opfer bringen wollen, die sie bringen müßten, wenn sie unseren erneuten Friedensvorschlag zurückweisen. Für uns aber gilt es in dieser Sch r ck s a l s st n n d e De u t s ch l a n d s, eine geschlossene Front von der Heimat bis zum Heere herzustellen, damit d"r Feind klar erkennt, daß er die Wahl hat zwischen einem billigen, gerechten Frieden und der Fortsetzung des Kampfes bis zum Äußersten mit allen seinen schweren Opfern. Die Verantwortung aber fällt jetzt voll auf unsere Gegner!
*
Der genaue Wortlaut der Note an Wilson.
W. T.-B. Berlin, 5. Okt. Die durch Vermittlung der Schweizer Regierung an den Präsidenten Wilson übermittelte Note hat folgenden Wortlaut
Die deutsche Regierung erstickt den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Aniertka, die Herstellung des Friedens in die Hand zu nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme der Verhandlungen einzuladen.
Sie nimmt das von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreß-Botschaft vom 8. Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich der Rede vom 27. September, ausgestellte Pr o g r a m m als Grundlage für die Friedensverhandlungen an.
Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung den sofortigen Abschluß eines allgemeinen Waffen st ill st andes zu Lande, zu Wasser und in der Luit herbeizuführen Prinz MarvonBaden.
Die ähnlich lautende Wiener Rote.
W. T.-B. Wien, 5. Okt. Ter österreichisch-ungarische Gesandte in Stockholm ist -gestern vom Minister des Äußern beauftragt worden, die Königlich schwedische Regierung zu ersuchen, am 4. dieses folgende Depesche an den Präsidenten Wilson gelangen zu lassen:
Die österreichisch-ungari'che Monarchie, welche den Krieg stets nur als Verteidiannqskamp^ geführt und wiederholt ihre Bereitwilligkeit bekundet hat, dem Blutvergießen ein Ende zu machen und zu einem gerechten und ehrenvollen Frieden zu gelangen, tritt hiermit an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Antrag heran, mit ihni und seinen Verbündeten sofortigen Waffen st ill st and zu Lande, zur See und in den Lüften rbznschließen und im unmittel- baren Anschluß hieran in Verhandlungen über einen Friedensschluß einzutceten, für welche die vierzehn Punkte der Botschaft des Herrn Präsidenten Wilson an den Kongreß vom 8. Januar 19! 8 und die vier in der Rede des Präsidenten Wilson vom 12. Februar 1918 enthaltenen Punkte als Grundlage zu dienen hätten, wobei auch ans die Ausführungen des Präsidenten Wilson vom 27. September 1918 Bedacht genomnien wird.
Der gleiche Schritt der Türkei.
W. T.-B. Berlin, 5. Okt. Wie der Reichskanzler in seiner Rede bereits angedutet hat, steht die Türkei im Begriff, einen gleickxn Schritt zu tun.
Der Kaiser an das Deutsche Heer und die Deutsche Marine.
Seit Monaten stürmt der Feind unter gewaltiger Krast- anstrengung fast ohne Kampfpause gegen Euere Linien an. In wochenlangem Ringen, vielfach ohne Rahe, müßt Ihr a.is- harien und dem an Zahl weit überlegenen Feinde die Stirn bieten Darin liegt die Größe der Aufgabe, die Euch gestellt ist, und die Ihr erfüllt. Truppen aller deutschen Stämme tun ihre Schuldigkeit und verteidigen auf fremdem Boden bcldenhaft das Vaterland. Hart ist der Stand Meiner Flotte, um sich den vereinten feindlichen Seestreitkräften gegenüber zur Geltung zu bringen und in unermüdlicher Arveit die Armee in ihrem schweren Kampfe zu unterstützen. Mi: Stolz und Bewunderung sind die Augen der Heimat auf die Taten des Heeres und der Marine gerichtet. Ich sage Euch Meinen und des Vaterlandes Dank.
Mitten in das schwerste Ringen fällt der Zusammenbruch der mazedonischen Front. Euere Front ist ungebrochen und wird eS weiter bleiben.
Ich habe Mich im Einvernehmen mit unseren Verbündeten entschlossen, dem Feinde nochmals den Frieden an- znbieten. Doch nur zu einem ehrenvollen Frieden werden wir die Hand reichen, das schulden wir den Helden,
die ihr Leben für das Vaterland gelassen haben, das schuld»»
wir unseren Kindern. Ob die Waffen ruhen werden, steht noch dahin.
Bis dahin dürfen wir nicht erlahmen, wir müssen wie bisher, alle Kraft daran setzen, unermüdlich dein Ansturm des Feindes standzuhalten. Die Stunde ist ernst. Aber wir fühlen uns im Vertrauen auf un sere Kraft und 'Lottes gnädige Hilfe stark genug, unsere geliebte Heimat zu verteidigen.
Großes Hauptquartier, den 5. Oktober 1913.
Wilhelm.
Der Wechsel auch in der Reichskanzlei.
W. T.-B. Berlin, 5. Okt. Wie die „Nordd. Mg. Ztg." erfährt, hat der Leiter der Reichskanzlei, Unterstaatssekretär v. Radowitz, die Absicht, aus seinem jetzigen Amte anszn- scheiden. Auf Wunsch des Reichskanzlers führt er indes seine Dienstgeschäfte weiter, bis sein Nachfolger bestimmt worden ist.
Eine politische Amnestie bevorstehend.
Berlin, 6. Okt. Der „Vorwärts" kündigt eine Amnestie derjenigen an, die während des Krieges wegen ihrer politischen Überzeugung zu Freiheitsstrafen verurteilt worden sind.
In Erwartung der Antwort Wilsons.
B. A. Berlin, 7. Okt. (Eiq. Drahtbericht, zb.) Ob und wie der neue Friedensschritt aufgefaßt werden wird, besonders, welche Ergebnisse er zeitigen wird, ist der Gedanke, der den heutigen Blätterstimmen zugrunde liegt. Aus den Schlußfolgerungen der Blätter läßt sich eine ruhige abwartende Haltung erkennen. Der Schritt, den Prinz Max von Baden unternommen, schreibt das „B. T-", war die Erfüllung einer ernsten Pflicht. Wer auf bequemem Kritikersitz daran herummäkelt, zeigt noch einmal die ganze Gewiffen- josiakeit; aber wer schon erwartungsvoll zum Empfang froher Botschaft bereit steht, gibt vorschnell Wünschen seines Herzens nach. Erfüllen sich diese Wünsche nicht, so bleibt noch der Pflicht zur Versöhnung die Pflicht zum Vertetdigungskampf.
Die „Voss. Ztg. sagt, daß es auch in Zukunft ohne alle völkerrechtlichen Bedingungen von den Völkern und ihren Lenkern noch viel sorgfältiger als bisher überlegt werden muß, ob sie nicht selbst einen Verzicht auf das Recht der furchtbaren letzten Mittel des Krieges vorziehen. Wenn es also dem Präsidenten Wilson mit seinen Bemühungen, einen dauernden Völkerbund zu schassen, ernst ist, wird er jeden Staat unterstützen müssen, der im Friedensziel gegen die Vergewaltigung ankämpft.
Der „Vorwärts' betont, daß eine ablehnende Hal- tund Wilsons nicht gut möglich sei und führt aus: Wenn Wilson schon auf die erste Note BurianS nicht unbedingt ablehnend geantwortet hat, so kann er das auch auf die weitergehenden Noten der übriggebliebenen drei Verbündeten erst recht nicht. Erstens handelt es sich diesmal um einen viel bedeutungsvolleren Schritt, da er von allen dreien gleichzeitig unternommen wird, und zweitens fällt der Adlebnungsgrund. daß es sich nicht um einen genau umschriebenen Konferenzgegen st and handelt, fort.
Berlin, 7. Okt. Die Antwort des Präsidenten Wilson auf den Friedensschritt der deutschen Regierung kann, wie der „B. L.-A." sagt, jede Stund« in Berlin erntreffen. Allerdings begegnet man in politischen Kreisen Meinungen, die eine' s o schnelle Entscheidung bezweifeln. Die Reichs- t-rgsabgecidneten haben sich darauf eingerichtet, daß das Plenum nicht sofort wieder zusammentritt. Die Fortschrittliche Volkspartei hielt gestern eine Fraktionssitzung ab, die Natwnalliberalen haben für heute eine solche anberäumt und das Zentrum für Donnerstag.
Es ist leider durchaus nicht sicher, schreibt das „B. T.", daß irgend ein Freund Wilsons zu ihm sagt: „Was du erstrebst, kann nur verwirklicht werden, wenn du jetzt täe. Hand zum Frieden reichst." Schon läßt in Paris Qf lerne n - ceau erklären, daß an keinen Frieden zu denken sei. Wird Wilson sich diesem Alten widersetzen, der i^nr eiligst die Antwort zu diktieren versucht?
Der „Vorwärts" schreibt: Ein großer Teil der BerNner Presse betrachtet die L>rge als völlig geklärt. Entweder werde Wilson den deutsche« Vorschlag annehmen oder er werde ab- lehnen, und dann bleibe nur der Endkampf ans Leben und Tod. Übrigens so einfach liegen die Dinge nicht. Wilson soll die Herstallung des Friedens in die Hand nehmen und alle kriegführenden Staaten von dem deutschen Ersuchen in Kenntnis fetzen. Daß er das tun wird, ist selbstverständlich. Die Rote ersucht Wilson ferner, die Kriegführenden zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme der Verhandlungen einzuladen. Daß er auf dieses Ersuchen mit einem unbedingten Rein antworten wird, klingt uns ganz mb- wahrscheinlich Aber 'das macht noch nicht sicher, daß die Antwort WilsonS ein sofortiges unbedingtes Ja sein werde. Wilson kann seine Verbündeten nickt zu einer Konferenz einladen, ohne sich zuvor vergewissert zu haben, daß sie seiner Einladung auch folgen werden. Er kann ihnen zuraten oder abraten. Ob er das eine tut oder das andere, kann er von einer weiteren Darstellung der d«tt° scheu Absichten abhängig machen.
Erläuternde Mitteilungen aus Wien.
Ni. Wien, 7. Okt. Drahtbericht, zb.) An hiesiger
maßgebender Stelle' wird zu der Friedensnote des Grafen Burian folgende Erläuterung gegeben: Der österreichisch--
ungarische Vorschlag ersucht den Präsidenten Wilson nicht u» eine Mediation (Vermittlung), sondern er stellt sich als eine direkt an eine feindliche Macht geleitete Aufforderung dar, Verhandlungen einzuleiten. Eine Mediation könne nur durch eine neutrale Macht erfolgen. Die Bedingung« des Präsidenten Wil s on erjchwww zur Annahme yrmafj.
