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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin W
K7 Wn W 9lnnTfeIfirrfip 7.1. lkernloretber: Amt Lüttow 62V2 und
Freitag, 4. Ottober 1918.
Abend-Ausgabe.
Nr. 464. o 66. Jahrgang.
Prinz Mir non Jaden RWIanzler.
Die Staatssekretäre.
W. T.-B. Berlin, 3. Cft. Prinz Max von Baden ist heute zum Reichskanzler und preußischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten ernannt worden. Er wird am Samstag, 5. Oktober, in der für 1 Uhr nachmittags anbergumten Vollsitzung des Reichstags sein Regierungsprogramm entwickeln.
Zu Staatssekretären ohne Portefeuille sind die Reichstagsabqeordneten Gröber und Scheidemaun bestimmt. Der Staatssekretär des Innern W a l l r a f hat ,'einen Abschied erbeten. Sein Nachfolger wird ein Zentrumsabqeordneter werden. An die Spitze eines durch Abtrennung vom Reichswirtschaftsamt neit zu gründenden Reichs- arbeitsamts soll der 2 Vorsitzende der General- kommisiion der Gewerkschaften, Reichstagsabgeordneter Bauer, treten.
Die Frage, ob ein vom Auswärtigen Amt unabhängiges Reichspresseamt unter einem weiteren Staatssekretär aus dem Parlament errichtet werden wird, ist noch in Behandlung.
Die Ernennung mehrerer U»terstaatssekre- täre aus der Volksvertretung steht bevor. Über die Auswahl der Persönlichkeiten sind die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen.
Das preußische Handelsministerium wird an Stelle des ansscheidcnden Staatsministers Svdow der Reichstagsabqeordnete F i s ch b e ck über- nehmen.
*
Der 3. Oktober wird für immer ein denkwürdiger Tag in der Geschichte des deutschen Volkes bleiben, denn er hat die V e r w i r k I i ch u n a dessell gebracht, was der Kaiser in voller Würdigung der Zeitwandlungen mit seinem Erlaß vom 30. September ankündigte, nämlich, daß das deutsche Volk wirksamer als bisher an der Bestimmung der Geschicke des Vaterlandes mrt- arbeite, daß Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in weitem '.lmfange teilnehmen sollen an den Rechten und Pflichten flet Regierung. Das erste parlamentarische Kabinett, das der Monarch mit jenem Erlaß ankündigte, bat sich heute gebildet, und jedermann wird wünschen, daß die Hoffnungen, die an die neue Regierung geknüpft werden, sich erfüllen, daß die mancherlei Befürchtungen, die hier und da geltend gemacht werden, sich als .inber;chtrgt erweisen mögen.
Die neue Regierung hat sich nicht, wie es von einigen Seiten gefordert wurde, als K o a I i t i o n s regierung, sondern als Mehrheitsregierung gebildet, die sich in erster Reihe auf die bishergen Mehrheitsparteien, nämlich auf das Z e n t r u nt, die Fortschrittliche Volkspartei und die So; i a l d e m o k r a t i e, stuft, die jetzt zum erstenmal den Sprung zur Regierungspartei macht, aus der Opposition zur vernähme der Verantwortlichkeit übergehen will. Was die national- liberale Partei betri'ft so haben die Mehrheitspar- teien sich auf den Standpunkt gestellt, daß jene bereits durch die Herren Kraule, Schiffer und Dr. Fried- b e r g in der Regierung vertreten sei. Da die Fraktion ihre Stellung zu der neuen Regierung ausschließlich ent- sprechend dem oat'clöudnchen Interesse nehmen will, so kann ihre Unterstützung der Regierung gesichert gelten, für deren Ziel, alle nationalen Kräfte zusammmenzufassen iind sie durch zeitge- mäße Reformen int Innern zu gesicherterer Abwehr nach außen zu verstärken, um so einen ehrenvollen, unseren Interessen entsprechenden Frieden herbeizuführen. Eine sehr große Mehrheit ist also der neuen Regierung sicher, ganz abgesehen davon, daß jedenfalls gegen ihr nächstes und dringlichstes Programm eine ernsthafte Opposition von konservativen Seite kaum zu erwarten ist.
Daß mit dem am 10. Juli 1867 geborenen, also in den allerbesten Mannesjahren stehenden Prinzen Maximilian von Baden als erstem Reichskanzler des innerlich zu erneuernden Deutschland zum erstenmal ein Mitglied eines regierenden deutschen Fürstenhauses das höchste Rmchsamt übernimntt, in diesem Falle zugleich der Thronerbe des fünftgrößten deutschen Bundesstaates, können wir — wo sich der Vorgang unter so ansgesvrochenen demokratisch e n Voraussetzungen vollzieht — nur für ein g l ü ck- liches Zeichen halten. So reichen sich das deutsche Volk und die deutschen Fürsten anaesichts des Ernstes der Stunde die Hand zur Wiederherstellung der inneren deutschen Einheit, deren wir zur Abwehr des Vernichtung?willens unserer Feinde dringeilder bedürfen als je zuvor. Wir stehen an einem
geschichtlichen Wendepunkte unseres inneren Verfassungslebens: möge er zilgle'ich den Wendepunkt der letzten ernsten Monate unserer außenpolitischen^Lage einleiten. Über diese Dinge wird in den nächsten Tagen und Wochen noch des öfteren und weiteren zu sprechen sein: hinter uns liegen muß dabei aber nun bis zum Kriegsende die Zeit des inneren P a r t e i h a d e r s; die unbedingte einheitliche Geschlossenheit des ganzen Volkes, das muß uns die Losung für die Neuordnung der Dinge sein. Klarheit und freie Luft in der inneren Politik; ein klar umrissenes außenpolitisches Programm. sie werden die Kraft des Volkes zuin Aushalten und Durchhalten bis aufs äußerste anzuspannen und so die Vorbedingungen zu schaffen in der Lage sein für die Erkämpfung eines ehrenvollen, unseren Interessen gerecht werdenden Friedens.
Was das P r o g r a in m der Regierung des Prinzen Max betrifft, so lehnt dieses sich in der Hauptsache an das Aktionsprogramm der Mehrheitsparteien an und, stellt den Gedanken voran, dem deutschen Volke einen ehrenvollen, seinen Interessen gerecht werdenden Frieden zu sichern. Seine Grnndanschauung hierüber hat Prinz Max ja in seiner Rebe vom 16. Dezember vorigen Jahres dargeleqt, so indem er dem Machtstand- punkt den Rechtsstandvirnkt . gegenüberstellte: „Macht allein kann uns die Stellung in der Welt nicht sichern, die uns nach unserer Auffassung gebührt. TaS Schwert kann die moralischen Widerstände nicht nieder- reißen, die sich gegen uns erhoben haben. Soll di Welt fick mit der Größe unserer Macht versöhnen, so muß sie fühlen, daß hinter unserer Kraft ein W e l t- gewissen steht."
An die feindlichen Völker und Staatsmänner richtete er die Mahnung, dessen eingedenk zu sein, welches die schweren Folgen der weiteren Verlängerung des Weltkrieges sein müßten. „Darüber kann kein Zweifel sein, je länger der Krieg dauert, um so schwerer wird die Erneuerung sein. Nicht nur bei uns, sondern auch in Feindesland. Auch dort fallen gerade die Besten. Wer möchte darüber frohlocken? Es kann dazu kommen, daß Europa nicht mehr die Heilkraft wird aufbringen können, die notwendig ist, um seine furchtbaren Wunden zu schließen."
Mit ekn sicher Überzeugung setzte er sich für den Völkerbund ein, aber seine Reden sind doch auch von der Erkenntnis erfüllt, daß wir mit all unserem Friedenswillen nicht den Frieden erzwingen können, sondern daß angesichts dc-s bisher unveränderten Der- nichtungswillens unserer Gegner uns nur die Zusammenfassung aller nationalen Kräfte, der entschlossene Wille auszuhab- t e n, und d u r ch z n h a l t e n, deni Endziel naher bringen kann. In diesem Sinne bekannte er sich in seiner im August dieses Jahres gchultenen Rede zum Programm der Ne u o r i e n t i e r n n g mit der bedeutsamen Begründung, die im Grunds ebenso ftir unsere innere wie ftir uniere äußere Poltik eine Losung darstellt: „Heute enthält die Forderung nach unserer Kr a f t- - entfaltunq zugleich d i e Forderung nach i n n e r e r F r e i h e i t."
Die wetteren Verhandlungen.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
B. A. Berlin, 4. Oft. (Eig. Drahtbericht. zb.) Die Ver- bandlnngen zur Bildung einer neuen Regierung nahmen heute ihren Fortgang. Vormittags urn 11 Uhr sind die Vertreter der Mehrheitsparteien mit den Vertretern der nationalliberalen Fraktion znsammengekommen. um die Verbandlnngen, betreffend den Anschluß der Nationalliberalen an den MehrbeitSblock. fortzuführen. Wie wir hören, stellen die Nationalliberalen die Forderung auf, daß ein Mitglied ihrer Friktion dem engeren Ausschuß in der Regierung an- gehören soll, der nach den bisherigen Plänen aus dem Vizekanzler v. Payer und den Staatssekretären ohne Portefeuille Scheidemann und Gröber bestehen sollte. Wie die „B. Z" zu melden weiß, vräseniieren die Nationalliberalen als Kandidaten für diese Stelle den gegenwärtigen Vizepräsidenten des preußischen Staatsministeriums, Herrn Dr. Friedberg, der, wenn es zu einer Einigung mit den Nationalliberalen kommen tollte, auch preußischer Minijter- piäsident werden dürfte. Zum Ilntecstaatssekretär im Reichs- wirtschaftsamt wird aller Wahrscheinlichkeit nach der sozialdemokratische Abgeordnete Robert Schmidt, Mitglied der Genevalkommission der Gewerkschaften, ernannt werden. Die Meldung, daß Herr v. Hintze auf seinem Posten verbleiben wird, scheint sich zu bestätigen, doch soll er in der Person des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Dr. David einen parlamentarischen Unterstaatssekretär erhalten. Gestern abend bat bei Vizekanzler v. Payer eine Besprechung der stimmführenden Mitglieder des Bundesrats und der Ministerpräsidenten von Bahein und Sachsen stattgeftinden, in der das Regiernngsprogramm erörtert wurde und besonders auch die Frage der Aufhebung des Artikels st Absatz 2, der Roichsverfaffung besprochen wurde. Man ist bemüht, möglichst rasch zu arbeiten und vor allem so bald wie möglich eine aktionsfähige Regierung herzustellen.
Herr von Hintze bleibt!
B.A. Berlin, 4. Olt. (Erg. Drahtbericht, zb.) Es form als sicher, angenommen werden, daß Staatssekretär v. Hintze, der, wie wir'meldeten, wiederholt sein Entlassungsgesuch eingereicht hatte, sich mit den Mehrheitsparteien, vereinigt hat und im Amt verbleiben wird. Dagegen ist mit einem R ü ck - tritt des Kriegsmini it ers General v. Stern zu rechnen, an dessen Stelle General Grüner treten wird.
Eine bedeutsame Kundgebung des neuen Reichskanzlers.
Br. Berlin, 4. Oft. (Eig. Drahtbericht, zb.) Bei dem Zusammentritt des Reichstags am Samstag wird erwartet, daß sowohl die Rede des neuen Kanzlers, als auch die Stellungnahme des Reichstags neben dem darin zum Ausdruck kommenden Beginn einer neuen Epoche in unserem Berfaffungs- leben eine bedeutsame Kundgebung zurFragevonKrieg und Frieden bringen werde
Der Berliner Aufenthalt des Kaisers.
W. T.-B. Berlin, 4. Oft. (Amtlich. Drahtbericht.) Der Kaiser hörte gestern vormittag den Generalstabs- vortrag. '
Die neuen Männer.
Philipp Scheidemann
wird, wie gemeldet, Staatssekretär ohne Portefeuille. Die Vorstände der sozialdemokratischen Partei und der Reichstagsfraktion haben ihn dazu einstimmig vorgeschlagen. Er ist natürlich eine der wichtigsten Personen in der neuen Regmrung. Ein befähigter Mann, der aus den lleinsten Verhältnissen hevausgekommen ist. Er wurde 1865 in Kassel geboren, sein Vater war Handwerker. Er lernte dir Bnchdruckerei, war Setzer, später Korrektor und Faktor. Dann wurde er Redakteur und leitete nacheinander die sozialdemokratischen Blätter in Nürnberg. Offenbach und Kassel, wo er auch Stadtverordneter war. Im Fahre 1611 wurde er in den sozialdemokratischen Parteivorstand gewählt und übersiedelte nach Berlin. Mitglied des Reichstags ist er seit 1903, gewählt in Solingen. Nach der Ablonderung der sogenannten „Unabhängigen" und dem Ausscheiden Haases trat Scheidemann an seine Stelle. Sein Hervoctreten während der letzten Kriegsjahre ließ schon erkennen, daß er nicht nur in seiner Partei, sondern auch in der deutschen Politik zu einer größeren Rolle beruscn sei.
Adolf Gröber.
Landgerictisdirektor Adolr Gröber, der andere Staats- sekretär ohne Portefeuille, ist am 11. Februar 1^59 lrt Riedlingen i. W. geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in Weingarten, des Lyzeums in Ravensburg und des Gvmnnsinms in Stuttgart studierte er an den Universitäten Tübingen. Leipzig und Straßburg. Er bekleidete dann richterliche Stellunoen bei verschiedenen württembergischen Gerichten, zuletzt beim Landgericht Heilbronn. 1887 wurde er als Zentrumkabgeordnetex für den 15. württembergischen Wahlkreis (Blaubeurcn-Ehingen-Lanpheim) gewählt, zwei Jahre später für das Oberamt Riedlingen in die württem- kergilche Abgeordnetenkammer, wo er der Führer der Zen- trumsfroktion wurde. Auch in der Zentrumsfraktion des Reichstags gewann seine Stellung in wachsendem Maße an Einfluß, so daß er zuletzt an Stelle des jetzigen Reichstagspräsidenten Fehrenbach zum Vorsitzenden der Zentrumsfraktion des Reichstags gewäblt wurde.
Gustav Bauer.
Staatssekretär des neuen Reichs« rbeitsamts soll der zweite Vorsitzende der Generakkommisston der Gewerkschaften Deutschlands ReichStagsabg. Gustav Bauer werden. Er wurde 1870 in Darkohmen in Ostpreußen geboren, besuchte die Volksschule und war dann in RecktsaniwaI t sbu r ea u s tätig. Von 1903 bis 1608 war er Sekretär des Zentral-Arbeiter- sekretariats in Berlin, worauf er Mitglied der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands wurde. Als deren zweiter Vorsitzender hatte er neben Legten einen der wichtigsten Posten in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, den er nun mit der Leitung des sozialpolitischen Staatssekretärs vertauscht. Bor der Besetzung dieses Amts sind die führenden Gewevkschastskretse befragt worden, und sie haben ihm präsentiert. Mitglied des Reichstags ist er seit 191S, gewählt in Breslau. Daß es ihm auf sozialpolitischem Gebiet an gründlicher Erfahrung und praktischem Wissen nicht mangelt, liegt auf der Hand.
Ott- Fischbcck.
Der neue Handelsminister wird der fortschrittliche Reichsund Landtagsahg. Otto Fischheck. Er ist am 28. August 1865 zu Güntershagen, Kreis Dramburg, als Sohn eines Landwirts geboren. Nach Absolvierung des Gymnasiums zu Stendal wandte er sich den Staatswissenschaften zu und übernahm im Fahre 1890 das Amt eines Syndikus -der Handelskammer in Bielefeld, wo er auch zum Stadtverordneten gewählt wurde. Als Syndikus der Papierverarbeitnngs-Dernfsgenossenschaft nach Berlin übergcsiedelt, wurde er dort aus die Stelle eines unbesoldeten Stadtrats berufen. Fischbeck fft in wirtschaftlichen Fragen öfters hervorgetreten.
Die Einnahme von Damaskus.
W. T.-B. London, 2. Oft. (Reuter.) Palästinabericht: Bei der Einnahme von Damaskus wurden 7 0 00 Ge- f a n g e n e gemacht.
Anerkennung der England ergebenen Araber!
IV. T.-B. London, 2. Okt. (Reuter-Meldung.) Die alliierten Regierungen beschl offen, die als Hilfstruppen auf sciten der Alliierten gegen den gemeinsamen Feind in Palästina und Syrien kämpfenden Araber als Kriegführende anzuerkennen.
