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Freitag, 4. Oktober 1918.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 463. - 66. Jahrgang.
Bulgariens Bemühungen um den Ostfrieden.
Neue Veröffentlichung russischer Geheimtelegramnre
Sr. Stockholm, 3. Ott. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die „Jswestia" setzt ihre seit einiger Zeit unterbrochene Veröffentlichung amtlicher Geheimtelogramme fort und bringt anläßlich des Waffenstillstands zwischen Bulgarien und der Entente eine Reihe von Schriftstücken.- die -beweisen sollen, daß Bulgarien f ch o n f e i t 1 91 7 zu einem S o n d e r- fr iede n zu kommen versucht hat. Die Veröffentlichung beginnt mit einem Geheimtelegramm des russischen Ge - sandten in Stockholm Nekljudow vom 28. Februar 1917, nach w-Äckem dieser den, bulgarischen Gesandten in Berlin Rizow empfangen hat. Rizow sagte, er batte diesen lMhritt. d. h. seine Reise noch Stockholm, aus eigenemAntrieb und auf sein eigenes Risiko, geleitet durch seine. Kenntnis der in Bulgarien und Deutschland herrschenden Strömung, unternommen. In Bulgarien wünschten alle den Frieden mit Rußland, da die Bulgaren, abgesehen von allem Vorgefallenen, nicht vergessen könnten, wie viel sie Rußland verdank- -ten. Die Fricdcnssehnsucht sei groß und aufrichtig, und er (Rizow 1 wifle sehr gut, daß Berlin die günstigsten und an- nehmdoisten Bedingungen verschlagen würde, wenn Rußland augenblicklich Frieden machen wollte. Wenn sich Rußland jetzt nicht entschließen könne, die Friedensverhandlungen zu beginnen, so könne vielleicht in zwei bis drei Monaten ein StimmungNuechsel eintreten. Es wäre aber möglich, daß dann die Berliner Bedingungen nicht mehr so vorteilhaft für Rußland ausfallen würden. Auf die Frage, worin das konkrete Ziel seines Besuchs bestehe, antwortete er, 'er wolle durch Vermittlung bei der kaiserlichen Regierung anfragen, ob sie einverstanden wäre, in Friedensverhandlungen zu treten. D'e weitere Frage, ob die deutsche Regierung das Ziel seiner Reise nab Deutschland kenne, verneinte er. Dann, so berichtet die „Jswestia" weiter, fuhr Rizow mit derselben Mission nach C h r i st i a n i a. Davon zeugt die Geheim- depe'che des dortigen ehemaligen russischen Gesandten Gukkjewitsch vom 22. Januar 1917. Rizow sagte dort fast dasselbe und erklärte zum Abschied: Wenn Gulkjewitsch irgend jemand anderem als der kaiserlichen Regierung von seinem (Rlzows) Besuch Mitteilung machen würde, würde er die Tatsache dieses Besuchs kategorisch leugnen. Er trug einen falschen' Namen und reiste mit einem falschen Patz. Diese Verhandlungen führten zu keinem Resultat, da das gegenseitige Mißtrauen jede Verständigung verhinderte. Als Illustration wird ein Memorandum der englischen Regierung c^n Milj ukow vom 16. März 1917 zitiert, worin es .heißt: Die Negierung Seiner Majestät ist der Meinung, daß der'A b fa Il B u l g a r i e n s von den Zentralmächten die wichtigste Folge für die Sache deÄVer- hündeten haben würde. Wie unwahrscheinlich eine' derartige Wendung auch sei, so würde die Regierung es doch nicht versuchen, ihn zu entmutigen. - Sie würde sich nur durch ihre realen Interessen der Verbündeten leiten lasten, aber nie vergessen, daß der König von Bulgarien ein Schwindler sei. Daher würde es die Regierung Seiner Majestät vorzieihen, die Initiative dieser Verhandlungen selber zu ergreifen.
Die Bewegung gegen den Krieg wuchs in Bulgarien. Die Parteien forderten in kräftigster Weise, von dem jetzigen bulgarischen Ministerpräsidenten unterstützt, daß ernste Versuch« gemacht würden, einen Frieden anzubahnen. Malinow stellte damals schon die Bedingungen de? sofortigen Abschlusses eines Waffenstillstands mit den Ententemächten, worauf Zar Ferdinand aber nicht e i n g i n g. Wen ig später aber machte Zar Ferdinand Konzessionen. Nach Berichten der russischen Abteilung des Bureaus der Entente rn Paris dom 12. April 1917 suchte der König die Möglichkeit, mit der Entente in Beziehungen zu treten. Der Bericht des russischen Bevollmächtigten in Paris vom 12. April 1917 sagt weiter wörtlich: „Ferdinand ist zu allem bereit, damit der Dhron ihm und seiner Dynastie erhalten bleibe. Die Entente darf Bulgarien nicht mit übermäßiger Zuvorkommenheit begegnen. Man wird -auf der Abdankung des Königs bestehen müssen." Die „Jswestia" schildert dann weiter, wie der Faden der Verhandlungen über den Frieden, der Zar Ferdinand aus hen Händen entglitt, weil inzwischen schon die bulgarische Opposition mit den einzelnen Parieivertretern in den Ententemächten und den offiziellen Vertretern Rußlands, Englands und Frankreichs Fühlung genommen hatte. In Bern und Genf bildete sich ein bulgarisches revolutionäres Komitee, das eine Umwälzung in Bulgarien zwecks Anschluß an die Ententemächte zum Ziel hatte. Die Verhandlungen zwischen diesem Komitee und der Entente führten zu einer prinzipiellen Einigung.
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Rückwirkung der Ereignisse auf den albanischen Kriegsschauplatz.
W. T.-B. Wien, 3. Okt. (Drahtbericht.) Amtlich der- lautet vom 3. Oktober, mittags:
Am Nordhang des Monte Tomba erfolgreiche Vor- feldkämpfe.
In Albanien nahmen wir, durch die Ereignisse an der bulgarischen Front genötigt, unsere Divisionen zurück. Berat gelangte hierdurch kampflos in Feindes- Hand.
Der Chef drS Generalstabs.
Die Serben in Knmanovo.
XV. T.-B. Serbischer Heeresbericht vom 39. Sept (Draht- bericht.) Die Serben sind in Knmanovo eingerückt. Die Bul-
gpuu lehren nach Bulgarien zurück.
Die Parlamentarisierung in Deutschland
Die Zusammensetzung der neuen Regierung.
Berlin, 3. Okt. Der „Vorwärts" teilt über das Programm der neuen Regierung folgendes mit: Die neue Regierung wird es als ihre Aufgabe betrachten, der Welt und dem deutschen Volke den Frieden wiederzugeben. Dieser Frieden soll ein dauernder sein. Er soll sich auf den Völkerbund gründen und die allgemeine Abrüstung ermöglichen. Er soll die politische und wirtschaftiiche Freiheit der Völker sichern und den Wirtschaftskrieg nach dem Kriege ausschließen. Dies der allgemeine Grundsatz. Der Formulierung im einzelnen kann noch nicht vorgegriffen werden; es ist jedoch zu erwarten, daß sie den sozialdemokratischen Forderungen entsprechen wird. Dasselbe gilt von den Reformen im Innern, die eine tiefgreifende Demokratisierung bezwecken.
über die künftige Znsammeirsetzung der neuen Regierung teilt der „Vorwärts" unter dem Vorbehalt von Änderungen im einzelnen felgendes mit:
Reick,skanzlei' Reichskanzler: Prinz Max'von Baden. Vizekanzler: v. Payer. Staatssekretäre ohne Portefeuille: Scheidemann und ein Z e n t r u m s a bg e o rd n e t e r. Ein parlamentarischer Unterstaatssekretär: ein Sozial
demokrat.
Staatssekrctariat des Äußern' Staatssekretär: einer von drei vorgeschlagenen Diplomaten, die alle drei mit ihrer Überzeugung auf dem Boden des neuen Regierung ^Programms stehen. Zwei parlamentarische Unterstaatssekretäre: Parteien noch unbestimmt.
Rcichsarbcitsamt (neu)' Staatssekretär: ein Sozialdemokrat (über die Person soll noch die Generalkommission der Gewerkschaften gefragt werden). Zwei parlamentarische Unterstaatssi'krrtäre: Ein Fortschrittler und ein Zentrum s m a n n.
Rrichsnmt des Innern: Staatssekretär: ein Zen- trumsabgeordneter.
Reichspresseamt (neu)' Staatssekretär- Erzberger (Zentrum). Zwei parlamentarische Unterstaatssekretäre: Ein Fortschrittler und ein Sozialdemokrat.
Reichswirtschaftsamt: Staatssekretär (wie bisher): von Stein Ein parlamentarischer Unterstaatssekretär: Ein
Sozialdemokrat.
Reichsschatzamt: Staatssekretär (wie bisher): Gras
Rödern. Ein varlamentarisher Unterstaatssekretär: Ein Zentrumsabgeordneter.
Preußisches Staatsministerium: Sozialdemokratie, Zentrum und Fortschrittspartei stellen je einen Minister.
Die Sozialdemokratie stellt also: Einen Staatssekretär ohne Portefeuille (Scheidemann), den Staatssekretär de? Reichsscbotzamtes, einen vreußischen Minister, je einen UnteritaatSsekretär bei der Reichskanzlei, beim Reichspreffe- amt. beim Reichswirtschaftsamt und beim ReichSernährungS- vmt (wie bisher: Dr. August Müller). Daß sich im Laufe der Verbandlungen noch die Notwendigkeit der Aßänderung im einzelnen ergibt, ist möglich.
Von den Sozialdemokraten, die in die Regierung eintreten, ist bisher nur die Person Scheidemanns bestimmt. Seine Entsendung erfolgt auf Vorschlag E b e r t s durch einstimmigen Beschluß des Parteivorstandes und des Fraktions- vcisiandes. Die neue Regierung ist als eine kollegiale gedacht, an deren entscheidenden Entschlüssen alle Staatssekretäre teilnehmen. Der Reichskanzler, der Vizekanzler und die beiden Staatssekretäre ohne Portefeuille sollen ihren engeren Ausschuß darstellen.
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W. T.-B. Stuttgart, 3. Okt. (Drahtbericht.) Ministerpräsident Dr. Weizsäcker begibt sich heute nach Berlin.
Zusammentritt des Reichstags.
XV. T.-B. Berlin, 3. Okt. (Drahtbericht.) Der Ältesteu- ausfchuß des Reichstags beriet heute vormittag über einen Vorschlag, wonach das Plenum -bereits am S a m S t a g zusammentreten soll. Zu -einer Einigung hierbei kam es bisher nicht. Der Ältostenausschutz wird heute mittag um 1 Uhr nochmals zusammentreten, um endgültig Beschluß zu fassen.
i W. T.-B. Berlin, 5. Okt. (Drahtbericht.) Die nächste Plenarsitzung des Reichstags wird am 5. Oktober, nachmittags, stattfinden.
Die Haltung der Nationalliberalen.
Sr. Berlin, 3. Okt (Eig. Drabtbecicht. zb.) Die nationalliberale Fraktion hat, wie wir hören, es mit Stimmenmehrheit a b g e l e b n t, ihre Mitglieder aus dem preußischen Staatsmini st er i um und der de u t s ch e n Reichsregierung abzuberufen.
B. \ Berlin, 3. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Wie wir hören, wurde heute den Nationalliberalen das Programm der Mehrheitsparteien vorgelegt. Die Nationalliberalen jirb, wie es scheint, nunmehr nicht abgeneigt, sich an der Regierung zu beteiligen. Bei den weiteren Verhandlungen werden di; Person rlfcagen noch eine Rolle spielen namentlich die. ob weitere nationalliöerale Politiker in die Regierung eintreten werden und ob die bisherigen als Telcgiertei' ihrer Partei gelten können oder nicht.
Dir Fortschrittliche Volkspartei.
E- A. Berlin, 3. Okt. (Eig. DraHtbericht. zb.) Die fortschrittliche Reichs tagsfraktion und die fortschrittliche Fraktion , les Landtags traten heute nachmittag zu einer gemein» sch östlichen Sitzung zusammen.
Neue vergebliche Angriffe des Feindes.
W. T.-B. Berlin, 3. Oft., abends. (Amtlich. Drahtbericht.)
Heftige Angriffe des Feindes nordwestlich Roeselare und auf breiter Front nördlich St. Quentin und in der Champagne sind unter schweren Verlusten für den Feind gescheitert.
Wie es um den „Durchbruch" der Hindenburg- Linis steht.
W. t.-B. Berlin, 2. Okt. Der englische Heeresbericht vom 29. Sept., abends, behandelt die Kämpfe zwischen Sensee- ftuß und St. Quentin und sagt dann wörtlich: „Nördlich von St. Qncniiii an der äußersten Rechten unternahm das 20. Korps um 5.56 Ubr früh einen Angriff über den, Scheldekanal von einschließlich Bellenglise nach Norden. Die 46. Division, die m:! Schwimmgürteln, Matten, Tragbahren, Bruckenmaterial und Flößen ausgerüstet war, stürmte unter dem Schutze eines konzentrierten Artillerie- und Maschinenge- webrfeuers die Hauptverteidigungswerke der Hindenburg- liuie, di» hier längs des OstuferS des Kanals laufen/' — Wir ersehen hieraus wieder, daß das Propagandamanöver der Enteirre mit dem Namen Hindenburglinie noch immer nicht atieist Wir kennen keine Hindenburglinie. Das im Frühjahr 1917 zur Verkürzung der Front vcn uns bezogene Stellungssvstem wurde auf Hindenburgs Befehl ausgebaut und erhielt, wie auch seine Fortsetzung nach Norden und Süden, Namen aa? der Nibelungensage, wie z. B. Siegfried, Wotan, Hagen. Es handelt sich hierbei nicht >im eine einzige Linie, sondern um ein in vielen Kilometer Tiefe ausgebautes Stellungssystem, das vielst, che Stellungen hintereinander ausweift. Wenn der Feind also hier und da in den vordersten Teilen dieses tiefen Stellungssystems Fuß gefaßt hat. so liegt doch noch das ganze Verteidigungsnetz in seiner Tiefe vor ihm. Die Absicht der Engländer ist zu durchsichtig. Sie möchten die Welt glauben machen, als ob nunmehr der Durchbruch gelungen sei. Das ist eine bewußte Fälschung der Totsacken.
Die Wiederaufnahme des Gefangenenaustausches mttMktnkreich.
W. T.-B. Berlin, 3. Okt. (Drahtbericht.) Der Austausch mit Kriogsgefangen-cn und Zivilinterniertcn zwischen Deutschland und Frankreich wird, wie bereits angekündigt wurde, demnächst wi-cjUr beginnen. Vom 15. Oktober ab sollen wieder von jeder Seite möglichst zwei Züge mit kriegsgesange- nen Mannschaften abgelassen werden. Der nächste Offizier- transpcrt würde Mitte November fällig sein. Ein Zug mit Zivilinternierten wird voraussichtlich am 7. Oktober ein- treffen, u. a. auch Deutsche aus Marokko mitbringen. Über die weitere Fortsetzung des Auktauschs der Zivilinternierteu wird noch verhandelt, und es ist zu hoffen, daß eine befriedigende Lösung erzielt werden kann.
Die Friedenserörterung im Wiener Abg eordnetenh aus.
Unerhörte tschechische Ausfälle gegen Deutschland.
W. T.-B. Wien, 3. Oft (DrahtKericht.) Im Abgeordnetenhaus begann heute die Erörterung über die gestrige Erklärung des Ministerpräsidenten sowie über die Anträge, betr. die Friedensfcage. Die Südslawen, Tschechen und R l l p o l e n verlangen in einem gemeinsamen Antrag eine Nahrheitsg-treue Dacst»llung des Standes der Friedensfrage, insbesondere betreffs des Standvunktes der Regierung zum Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Die deutschen Sozialdemokraten verlangen in ihrem Antrag einen Frieden auf folgender Grundlage: Errichtung eines Völkerbundes, Wiederherstellung Serbiens, Montenegros und Belgiens, Vermeidung des Wirtschaftskrieges, keine Annexionen, keine Kontributionen, Neuregelung der Ostfragen auf Grundlage der Selbstbestimmung, Änderung des Brester und Bukarester Friedensvertrages, Lösung der Polenfrage durch eine polnische Konstituante, Lösung der territorialen Streitfragen im Süden auf Grundlage oes Selbstbestimmungsrechts des italienischen und südslawischen Volkes, Neugestaltung der Beziehungen der Nationen Österreichs zum Reiche auf der Grundlage der Freiheit und Selbstcegierung aller Völker. Die Ukrainer beantragen, daß in Zukunft vom Minister des Äußern geplante Friedensaktionen erst nach Anbörung des Reichstags bezw. der Delegationen unternommen werden. In einem anderen Antrag protestieren die Ukrainer gegen die Auslieferung Ostgaliziens an das Königreich Polen. Die Polen Dasczinsci, Glombinski und Tertin verlangen in einem Antrag namens deS polnischen Volles die Wiederherstellung eines unabhängigen, aus sämtlichen polnische.: L mdekteilen zusammengesetzten polnischen Staates, also mit eigener Meeresküste und allen vorwiegend von polnischer Bevölkerung bewohnten Gebiete, insbesondere denen Schlesiens sowie Teilnahme von Vertretern des polnischen Volkes an dem Weltfriedenskongreß, der die polnische Frage zu lösen hat. Der Wiener Abgeordnete H o f n e r verlang, daß de: Minister des Äußern gemeinsam mit Vertretern deS österreichisch-ungarischen Abgeordnetenhauses die Friedens- beding ui.gen, insbesondere die 14 Punkte Wilsons, auf ihr« Ersüllbarkeit in einer eingehenden Beratung unterzieht. Der tschechische Abgeordnete Stauer entwickelte das tschechisch- slawische staatsrechtliche Programm und betonte die Solidarität zwischen den Tschechen. Polen und Südslawen. Er erklane, der Friede könne durch die Annahme der 14 Punkt« WUsonS erre chl werden. Als der Redner im Lause iemqj
