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Mittwoch, 2. Oktober 1918.

Abend-Ausgabe.

Nr. 460. * 66. Jahrgang.

Die Stunde des Reichstags.

Das Wesen der VolKregirrung kann sowohl in einem Koalitlonskabin»tt wie in einer Mehr- heitsregierung zum Ausdruck kommen. Es ist wohl ein Zeichen unserer politischen Urrersahrerihert, daß darüber nach dem Kaiserirlaß noch Zweifel obwaltcn können. Der Kaiser hat in seinen: Schreiben an den scheidenden Kanzler lediglich gesagt, daß er wünsche, daß das deutsche Volk wirksamer als bisher an der B e st i m m u n g der Geschick e des Vaterlandes mit­arbeite, und es sei daher sein Wille, daß Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in wei­tem Umfange an den Rechten rnid Pslichtcn der Regie­rung teilnehmen. In welcher Weise das geschieht, das ist eine Frage, die von Fall zu Fall zu prüfen sein wird. Die Hauptsache bei einer Volksregierung ist, daß dre er­wähnten Vertreter des Volkes v o n s i ch a u s die Bil- düng einer Regierung "ersuchen. Der Schatzsekretär Graf Roedern befürwortete den Gedanken eines Koali­tionskabinetts. Niemand, der den Grafen Roedern kennt, ist sich darüber im unklaren, daß er nur aus lautersten Gründen und ans bester Überzeugung heraus diesen Gedanken befürwortete. Anders liegen die Dinge schon bei gewissen Blättern der Rechten, die in einer Koalitionsregierung gewissermaßen eine abgemilderte Parlamentarisierung erblicken. Aber st'ir solche vartei- taktische Erwägungen darf setzt kein Raum mehr sein. Es gilt, nüchtern und weitblickend die Frage der Wir­kung und der Zweckmäßigkeit zu erwägen. Ein Ko a- litionskabinett niiißte nach außen hin gewisser- maßen als das Auspflanzen der Norflag ge wirken. Niemand wird den Ernst der Lage, in der wir uns befinden, verkennen. Das n n g e st ü in c A n r « n n e n des Feindes mit überlegenen Kräften gegen unsrre Westfront und der Abfall Bulgariens haber re Verhältnisse ungemein verschärft. Dennoch sind wir keineswegs in jener Notlage, die die Ein­setzung einer Koalitionsregierung rechtfertigen würde. Eine solche Zusammenfassung aller Parteien ist das letzte Mittel, das eia Land anwendet. Aber auch die ernsten Betrachter der Dinge werden schließlich doch zu­geben müssen, baß von einer loschen Notlage bei uns nicht gesprochen werden kann. Darum ist es wohl durchaus zweckmäßig, wenn jetzt die Mehrheits- Parteien mit dem die Verhandlungen führenden Vize­kanzler dahin übereingekommen sind, eine Me h r h e i t §- regierung zu bilden. Die Mehrheitsregierung ver- mag im Augenblick die größeren politischen Wirkungen auszuüben. Durch die Heranziehung der Sozialdemokratie werden die Arberter fest mit dem Bestand des Sta a t e s v e rk i t t et. Das Programm der Mehrh»'tsrsa:ernng "ermag den Frie­densfreunden im Auslände d'e Gervähr zu geben, daß wir jetzt eine unzweid'utiaeBerständigungs- und Versöhnungsvolitik treiben, die durch keinerlei Einflüsse durchkreuzt wird. Ein Programm, dem sowohl Scheidemann wie Graf Westarp zustinrmen könnten, würde natürlich jeder außenvolilischen Wir- kung entbehren. Hinzu kommt noch, daß die Umwand­lung desObriakertsstaates in den freien Bürger st aat durch eine Mehrbeitsrecnerung vi-I klarer zirm Ausdruck gebracht wird als durch eia Ko-ffr- ticmskabrnett. Die Rechte muß sich also bescheiden, bis die Bolksgunst ibr einmal d'» Mehrheit verschafft. Bis dabin aber sollte sie da^anf verzichten, di» neuen st"ats- rechtlichen Verhältnisse durch eine unsachliche Kritik zu diskreditieren.

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Der Kanzlerwechsel.

(Bon unserer Berliner Abteilung.)

8 A Berlin, 2. Okt. (Eig. Drabtbericht. zb.) Daß eine schnelle Erledigung der schwebenden politischen Fragen unbedingt nottut, tritt im ietzigen Augenblick, da sich sie Meldung von der Unterzeichnung des Waffen­stillstandes durch Bulgarien bestätigt, mit nach besonderer Deutlichkeit in die Erscheinung und drängt zur beschleunigten Lösung der politischen Krffe. So rückt denn auch das parlamentarische Reaierungssystem im Eiltempo näber und in den ständigen Beratungen zwischen Negierung und Parteien sowie der Parteien unter­einander zeigen sich die neuen Ergebnisse; werden doch schon für die verschiedenen Ämter eine Reibe Personen genannt. Die Erfahrungen der letzten Doge zeigen so schreibt das 2. T., daß die Auswahl geeigneter Persönlichkeiten nicht allzu groß ist. Gegner des parlamentarischen Systems könnten daran? den Schluß, ziehen, daß das alte Sdstem besser wäre- dach bat auch diese? seinerzeit durch den Herrn Dr. Michaelis gezeigt, daß dort erst recht mit Wasser gekocht wird.

Neuen Ausgaben und nicht gerade leichter Natur . wird sich die neue .Regierung geqenüberbefinden. Daß Vize- . kavzler v. P a v e r, dem man fast einmütig den Kanzlerm-sten , antrug, ablehnte, mag vielleicht etwas enttäuschen doch bat sich Herr v. Payer bereft erklärt, den neuen Kanzler mit Rat und Tat zu unterstützen. Jetzt nennt man bereits an stelle des Herrn v. Payer, wie gemeldet wird, den P r i n z e n Max von Baden, der bereits gestern in Berlin einge­

troffen ist, um mit den Führern der einzelnen Parteien die Lage zu beraten und dann seine Entschlüsse zu fassen. Zu seiner Person schreibt dasB T.": Bisher fehlte die Geneh­migung des Grohherzogs von Baden. Jetzt sind diese Schwie­rigkeiten beseitigt, da der Großherzog diesmal unter den be­sonder» Umständen seine Zustimmung gegeben hat. Man könnte Einwendungen dagegen erheben, daß die erste varla- mentarische, aus der Volksvertretung hervorgehende Regie­rung in Deutschland einen Prinzen an ihre Spitze stellen soll. Wir würden solche Bedenken für kleinlich Hallen, und es ist unserer Meinung nach sehr leicht möalich, daß unter den not­wendigen Voraussetzungen gerade eine derartige Verbindung für die innere Entwicklung sehr vorteilhaft werden kann. Nach außen bin würde die Ernennung des Prinzen Max von Baden nur günstig wirken können, denn die Rede, die er als Präsident der Ersten Kammer am 16. Dezember v. I. hielt, bat überall einen starken und guten Eindruck gemacht. Prinz Max von Baden ist jetzt 51 Jahre all und verheiratet. Er ist Dr. jur. und hat seit langer Zeit ein sehr vielseitiges poli­tisches Interesse gezeigt. Wir für unseren Teil sind bereit, ibn zu unterstützen, falls er die Ausführung des Programms, das heute durch eine wirklich parlamentarische Regierung vorgezeichnet ist, übernehmen will. Über die Aussichten seiner Kandidatur meint dieVoss. Ztg.", daß sie nicht sehr groß sind. Er stößt trotz seiner Beliebtheit bei verschiedenen Parteien auf Bedenken, insbesondere bei den Sozialdemo­kraten. Das Schicksal seiner Kandidatur wird sich also in erster Linie in der heutigen Fraktionssitzung der Sozial­demokraten entscheiden, die für 16 Ubr vormittags an- ge'ktzt ist. Di« Kandidatur des Prinzen Diax verliert auch dadurch an Wahrscheinlichkeit, daß er mit dem Plan hierher- gekommen ist, die Bildung eines K o a lz t ron sMiniste­riums zu versuchen, dem auch die Konservative» an­gehören sollen. Dieser Gedanke würde aber unbedingt an dem Widerspruch der Sozialdemokraten scheitern. In einem Leitartikel derVoss Ztg." heißt es weiter- Aber so wichtig lie Personenfrage ist, sie ist nicht ausschlaggebend. Der Par­lamentarismus legt nicht nur einen Teil der Verantwortung, sondern auch einen Teil der Führung auf die Schultern der Mehrheftsparteien.

Der Druck der ernsten Zeit.

Auch der rechte Flügel der Nationalliberalen schwenkt jetzt einl

W. T.-B. Dortmund, J. Cft. Ti» westfälischen natio­nalliberalen Abgeordneten beschlossen angesichts der gegenwärtigen Lage, ihre Bedenken gegen die Einführung des gleichen Wahlrechts in Preußen gegenüber der Not- Wendigkeit der Herstellung einer nationalen Ein- heits front zurückzusiellen und für eine sofortige Verständigung :mt der Staatsregierung auf Grundlage des gleichen Wahlrechts einzutreten.

Bulgariens Abfall.

Noch kann man nicht mit Sicherheit sagen, ob Bulgarien wirklich sich von den Mittelmächten lossagen wird; indessen, die Wahrscheinlichkeit, daß dies schließlich doch geschieht, ist groß. Die Gründe, die Bulgarien zu solchem Schritt, der sehr leicht der Anfang des Selbstmords sein kann, ver­anlaßt haben, sind immerhin zu übersehen. Sie waren uns auch seit langem bekannt, und 'da nun müssen wir schon sagen, daß wir es nicht recht verstehen, noch gar billigen können, daß dem deutschen Volk verschwiegen worden ist, wie dort unien auf dem Balkan sich ein Vorgang einstellte, dessen Auswirkung unter allen Umständen aus die weitere Entwicklung des Kriegs von größter Bedeutung sein mutz. Das deutsche Volk Hai doch nun wirklich bewiesen, daß es allen Eventualitäten kalt ins Auge zu sehen vermag. Da hätte man ihm ruhig sagen können, was man wußte: daß nämlich Bulgarien unter dem Druck mannigfacher Nöte m e tj'? als kriegsmüde geworden ist und daß es darum die Waffen sinken lassen möchte.

Wir wußten, daß es von jeher in Bulgarien eine an Köpfen immerhin beachtenswerte Partei gab, die gegen das Zusam­mengehen mit den Mittelmächten war. Daß diese Partei in Anbetracht der Rückverlegung der deutschen Westfront und unter dem Druck der eigenen militärischen Niederlagen aus die bulgarische Regierung so einznwirken vermochte, wie das schließlich geschehen ist, ließ, sich mit einiger Wahrscheinlichkeit errechnen. Ob durch entsprechende Vorsichtsmaßreaeln und bestimmte politische Unternehmungen solchem Treiben ent- qegengearbeitet hätte werden können, wollen wir nicht ent­scheiden, aber es ließe sich dcch immerhin vorstellen, daß bei richtiger Initiative das Erforderliche zu vollbrin­gen gewesen wäre.

Nun müssen wir uns bescheiden. Bulgarien wird aus seinem Elbfall wenn es dazu kommen sollte keine Vorteile ziehen! Di« Friödensbedingungen, die Hm von der Entente diktiert werden, scheinen, falls die entsprechenden Reutermel­dungen auch nur annähernd wahr sind, ungeheuer demütigend und schwer zu sein. Alle Hoffnung auf ein größeres Bul­garien, und im besonderen die auf Mazedonien, wird Bul­garien dahinfahren lassen müssen. Wie im übrigen sein Schick­sal sein wird, ist abzuwarten. Schaden für uns und Öster­reich-Ungarn abzuhalien, haben wir genügend Truppen nach Bulgarien gesandt. Über di« Art. wie diese Truppen eingesetzt werden sollen, kann heute noch nichts gesagr 'werden. Zu hoffen aber bleibt, daß Bulgarien einsieht und auch entsprechend handelt, daß Deutschland unmöglich wegen der Schwäche eines bisherigen TeiHobers daraus verzichten kann, die Politik der Mittelmächte fortzusühren. Zunächst wer­den wir jedenfalls alles versuchen müssen, um den Zusam­menhang mit der Türkei sicherzustellen.

Die Bedingungen der schmachvollen Unterwerfung.

W. T.-B. London, 30. Sept. Wie Reuter erfährt, ist der bulgarische Waffenstillstand sofort in Kraft getreten und bleibt bis zum Abschluß der Friedensverhandlungen in Kraft. Er ist rein militärischer Natur und wurde von einem fran­zösischen General und nicht von Diplomaten abge­schlossen. Unter seinen Bestimmungen befinden sich folgende: Sofortige Räumung der besetzten Teile Griechenlands und Serbiens, sofortige Demobilmachung der Armee und Übergabe der Transportmittel aller Art sowie von Schiffen und Eisenbahnen an die Alliierten. Die Alliierten werden auch die Aufsicht über die Waffen ausüben, die gesammelt und in verschiedenen Teilen des Lan- >d?s aufgespeichert werden müssen. Die Alliierten erhalten freien Durchzug durch Bulgarien und werden Punkte von strategischer Bedeutung besetzen. In Bulgarien .selbst wild diese Besetzung durch englische, französische und italienische'Truppen durchgesuhri werden, während die griechischen Bezirke von griechischen, die serbischen durch serbsiche Truppen beseht werden sollen. Territoriale Ände- runoen am Ende des Kriegs wurden mit keinem Wort er­wähnt. Man beschloß, alle diese Fragen bis zu den allgemeiner FriedenSverhandlungen aufzuschieben; denn es wäre sehr ver­hängnisvoll, Streitfragen Einfluß auf die Führung des Kriegs ausüben zu lassen.

Besserung der Kampflage in Mazedonien.

Br. Genf, 2. Okt. lErg. Drahtbsricht. zb.) Das Berner Tagblatt" berichtet Die neuen Verstär- kungen für die bulgarische Arnree sind bereits in großer Zahl unterwegs. Es verlautet, daß mehrere der noch in Rumänien oerblieöenen deutschen Divisionen sich im Anmarsch befinden, ebenso eine Heeresabteilung des Generals Pflanzer-Baltin aus Albanien. Die Blätter betonen, daß dieser Vorstoß aus Albanien die britische und französische,Flanke bei Veles bedrohen und die alte Lage wieder Herstellen könnte.

Der bulgarische Generalissimus Iekow hat noch Hoffnung.

IV. T.-B : . Wien, 2. Oft. (Drahtbericht. Wiener Korr.- Bursau.) Der bulgarische Generalissimus Iekow, der gestern nach einer an ihm vorgenommenen Operation zum erstenmal das Sanatorium verlassen konnte, äußerte sich einem Vertreter derNeuen Freien Presse" gegenüber über die Vor­gänge in Bulgarien. Iekow erklärte: Wie wohl vielleicht manche unangenehme Nachricht bis jetzt von seinen Freunden ror ihm verborgen worden sei, sei er überzeugt, daß die beiden Flügel der bulgarischen Armee unversehrt geblieben und nur der Durchbruch im Zentrum er­folgt sei. Die bulgarische Armee, von den Bundesgenrssen mit genügend starken Kräften unterstützt, sei imstande, nicht nur den Vormarsch der Feind? aufzuhalten, sondern auch die Lage ganz zugunsten Bulgariens zu ändern. Was den Schritt der bulgarischen Regierung betreffe, so könne er sich damit keinesfalls einverstanden erklären. Er habe sich auch dagegen vecwabri, denn wenn er mich krank sei, so sei er immer noch der Generalissimus der bulgarischen Armee, und stehe nach wie vor auf dem unverrückbaren Standpunkt, daß das bulgarische Heer und Volk das etn< gegangene Bündnis außreckit erhalten und mit seinen Alliierten stehen oder fallen müsse. In diesem Sinne habe er auch seiner Meinung dem Chef des bulgarischen Gener-rlsmbes gegenüber Ausdruck gegeben und auch vor allem Generalfeldmar'chall v. Hindenburg tele­graphisch versichert, daß Bulgarien trotz der schwierigen Lage, komme, was da wolle, käs zum Ende hei seinen Verbündeten bleiben müsse, in der sicheren Hoffnung auf ausgiebige Unterstützung. Die von den Verbündeten versprochene Hilfe werde ausreichen, Bulgarien zu retten. Bulgarien allein, fuhr Iekow fort, könne ohne die werktätige Uaier- stützung seiner Bundesgenossen nicht Herr der Lage werden. Der langandauern.de Krieg wurde für die bulgarische Armee dnpvelt fiihlbar, zunächst'weil Bulgarien seit sechs Jahren kämpft, und bauptsächlich weil die bulgarische Armee, welche den numerisch überlegenen und glänzend ausgerüsteten Enientekrästen gegenübersteht, eine sebr lange Front ein­nehmen mußte, was zur Folge hatte, daß ganze Regimenter seit Jahren ununterbrochen im Graben sieben und nicht mit allem Notwendigen verseben waren. Iekow drückte die Über­zeugung aus, daß die bulgarische Armee bleiben werde, was sie bisher gewesen sei, treu ibrem obersten Heerführer, dem Zaren, welcher in der Armee den Willen des Vaterlandes verkörpere. Er erwarte mit fteberhafter Ungeduld den Augen­blick, der e§ Hin ermögliche, nach Bulgarien zurückzukebreu, um seinem schwergeprüften Vaterlande nützlich zu sein, so ti'el er nur könne. Ec habe keineswegs die Hoff­nung verloren und er habe auch dem Zaren, der ihn um Rat gefragt, in diesem Sinne seine Meinmig kundgegeben.

Der österreichische Ministerpräsident über die politische und wirtschaftliche Lage.

IV. T.-B. Wien, 2. Okt. (Drahtbericht.) Im Abgeord­netenhaus waren bei der Wiederaufnahme der Sitzung Saal und Galerien dicht gefüllt. Präsident Groß eröffnet? die Sitzung mit einer Ansprache, in der er auf di« wiederholt von den Mittelmächten Vergehens bewiesene Friedensbereit­schaft hinwiss. Ministerpräsident Freiherr v. H u s s a r e k gab ein ausführliches Bild der Gesamtlage des Staats, wobei er aussührt«: Durch den von

Bulgarien abgeschlossenen Waffenstillstand

ist zweifellos auch für die Monarchie im S ü d o st e n eine ernste Lage geschaffen'worden. Diese Lage ist jedoch