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Mittwoch, 2. Ottober 1918. M0vgEN-AUSgLlbe. Nr. 459. - 66. Jahrgang.

Zu Hindenburgs Geburtstag.

<2. Ottober.)

Von Walter Blaem.

An sonnenlichtem Tuge Feste zu feiern, ist leicht. Dem Sieger zuzujubeln im Augenblick, da er lorbeer- gekrönt durch das Triumphtor einreitet das bringt der Feigste, der Erbärmlichste fertig. Dem Kämpfer, dem ringenden Helden zu huldigen in dunklen Stunden der Schicksalsprüfung. bei- Rückschlages in sola.e.i Zeiten gläubigen Herzens, tröstenden Auges vor ilin hinzutreten mrt dem Gelöbnis im Vlrck und Herzen: Du bist dennoch, bist gerade jetzt unser Held und Hort dazu braucht's schon einer Gesinnung, die selber Helden­tum ist.

Seit das deutsche Volk in einer Einstimmigkeit des Enrpsindens, wie es solche selten einem seiner Vor­kämpfer bei Lebzeiten entgeqengetragen. seinein Gene­ralissimus im Krieg der Kriege zuni siebzigsten Geburts­tag entgegenjubelte, hat stch diel Gewalt.ges begeb.n. Im Osten ist Friede geworden. Kern Friede, der uns vollauf beglücken könnte. Eine ganze Herde von Sphinxen scheint dvrt gelagert, starren Rätseiblicks, d e Tigerpranke wie zu neuen: Hieb der Tücke gekramp.t. Immerhin: Waffenruhe für Gegenwart und Zukunf, feierlich verbrieft von jenen, die in den vormals feind­lichen Ländern die Machtnaber der Stunde sind.

Und im Frühjahr holten wir zu dem furchtbaren Schlage gegen unsere westlichen Gegner aus, von dem der jüngste Rekrut in der Front und das ärmste Bäuer­lein daheim im entlegenen Waldlal hofften, daß er ent- scheidend, daß er für unsere Bedränger vernichtend sei, würde. Ob der, welcher ihn leitete, ob Hindenburg und sein getreuer Kampfgesell die gleich kindliche Zuversibt gehabt haben mögen? Wir dürfen es bezweifeln. Ter Kopf weiß meist mehr als die Hand, als das Schwert, das ne führt.

Gewaltige Erfolge wurden uns zuteil. Es schien an manchem Tage, als seien die wilden Siegeswochen des Dornuirsches von 1914 neu gekommen.

Doch der Widerstand der Feinde versteifte sich von Stunde zu Stunde. Und schließlich setzte eine machtvolle Gegenwirkung der Westm ächte ein, dre nns einen große i Teil des Erkämpften wieder aufgeben ließ. Da lat Hindenburg, was er nicht zum erstenmal in diesem fabelhaften Gigantenringen getan: er gab den Befehl, der in deutsche Soldatenohren mißtönig schrill eingeht: den Rückzugsbefehl, de: alles Eroberte der Früyjchrs- und Sommerkämpfe dein Feinde wieder überließ. Und heute stehen wir von neuem fast in den Ausgangsstellun­gen der Kämpfe dieses 'wreckensvollen Jahres.

Ahnt ihr, was das für einen Feldherr» bedeutet?! Habt ihr eine schattenhcstte Vorstellung, was in einem Mcnschenherzen vorgeht während solcher Geschehnisse in jenem Herzen, das wohl em auserwahltes Werkzeug des allmächtigen Lenkers aller menicklia'ien Dinge ist das aber dennoch eben auch nur ein Me-ischenherz ist, mit der Wucht von einundstebzig Lebensjahren, von wer Führeriahrsn im Weltkriege belastet das seit zwei furchtbar langen Jahren die Verantwortung für Mil­lionen Soldatenleben trägt, für das Schicksal eines gan- zen Volkes, eines Völkerbundes, einer Welt von Men» fchenglück und Menschenweh?!

Und unser Hindenburg ist kein eiskalter Napoleon, kein Cäsar, der unerschütterten, unbeweglichen Herzens über die Leichenberge der Schlachtfelder hinritte. Schirrt ihm ins Auge, dessen leidkundigen, verhangenen Bl ck jeder Deutsche kennt, und versucht zu begreifen, was dieser Mann um euretwillen duldet und leidet!

Merkt, w i e e r e u ch b r a u ch t e u ch a l l e, jedm einzelnen unter euch: Mann, Weib und Kind, den Sol­daten und den Arbeiter, den Streiter und die Dulden 1 1

Und gelobt ihm als Geburtstagsspende, was er mit sc unvergänglichen Taten sich erkan'pft, was ihn und euch stark maclst. Euer Vertrauen!

llnser Verbündeter. Lsterrerch-Ungarn. hat noch ein- mal ra, wirklich noch einmal Miseren Feinden die FrieöeoZhand hingcstreckt. Auch diesmal haben sie sie ausge'cklagen. Wohlan, es iveiß der Einfältigste in Tcutschland, was unsere Feinde wollen unser aller Vernichtung!

Nun, wenn es denn sein muß dann laßt uns alle den Feinden zeigen: daß sie uns noch immer nicht kennen'

H-ndenburg. de?, seid gewiß der wird ihnen zeigen: sie kennen ihn noch immer nicht!

Sie sollen ihn kennen kernen: ihn und uns!

Zum Kanzlerwechsel.

Br. Berlin, 1. Okt. (Eig. Drabtbericht. zb.) Die dem ,.L^A." zufolge auS parlamentarisckien Kreisen verlautet, sträubt sich Herr v. Payer vorläufig immer noch die Bürde des Reichskanzlerpostens auf seine Schultern zu r-ehmen. Sollte er bei seiner Weigerung beharren, so käme für den Kanzlerposten in erster Linie Prinz Max von

Baden ober de: bisherige Staatssekretär des Reichskolonial- amtS Dr. Sols in Frage. Die Annahme der Wahlrechts- Vorlage im Herrenhaus erfolgte mit 17 gegen 11 Stimmen.

Br. München, 1. Cft (Eig. Drahtbcricht. zb) Graf H e r t l i n g, der nach dem Rücktritt von dem Kanzleramt aus dem politischen Leben scheidet, wird Ende Oktober nach München übersiedeln. wo bereits eine Wohnung für ihn bereitst eht.

Annahme der Wahlrechtsvorlage im Herrenhaus- Ausschuß.

B. A. Berlin, 1. Cft. (Eig. Drahtbericht, zb.) über die beuiige Sitzung des VerfaffungsauSschuste? des Herrenhauses uns folgender amtlicher Bericht zu- Nach kurzer Aus­sprache wurde unter Ablehnung der Anträge eines Derufs- oder eines Gruppenwahlrechts dem gleichen, allge­meinen Wahlrecht nach dem Entwurf der Regie­rungsvorlage unter Hinzufügung einer Zu­satz st i m m e für ein Alter von 40 Jahren zugestimmt.

Neue hefttge Angriffe des Feindes.

W. T.-B. Berlin, 1. Cft., abends. (Amtlich Dvachtbericht.,

Heftige Angriffe des Feindes in Flandern, beiderseits von C a m b r a i und in der Champagne wurden abgewiescn.

«

Unsere Luftstreitträfte an der Eambrai-Front.

ZV. T.-B. Berlin, 1. Okt. Trotz tiefer Bewölkung und sehr starker Südwestwinde waren unsere Luststreitckräfte an der Cambraifront während der beiden Großkampftage am 26. und 27. September wieder erfolgreich tätig. Der Feind hatte vom frühen Morgen an ungezählte Kampfeinfitzer, Ar­beitsflugzeuge und Bombengeschwa-der zur Unterstützung der kämpfenden Infanterie eingesetzt. Trotz seiner zahlenmäßi­gen Überlegenheit fügten ihm unsere zusammengesetzten Jagd­staffeln in erbitterten Luftkämpfen schwere Verluste zu. An diesen beiden Tagen wurden an der Cambraifront 34 feindliche Flugzeuge und 3 Bclldne zum Absturz gebracht. Den Haupt­anteil an dem Erfolg hat die Jagdstaffel Boelke, die am 27. ihren 300. Luftsicg errang. Leutnant Numey schoß seinen 43. bis 45., Leutnant Bäumer seinen 33. bis 35., Leutnant Thuv seinen 32., Offizierstell-bertreter Moi seinen 28.. Leutnant Strommherz seinen 26. und 27., Oberleutnant Grein seinen 25. Gegner ab. Bis zum Mittag hatten unsere Jagdflieger über dem Schlachtfeld die Lust von den feindlichen Geschw-a- dern reingcfegt. Am Nachmittag hielt der Gegner seine Lust­streitkräfte hinter den eigenen Linien. Unter dem Schutz der Jagdflieger meldeten unsere J-nfanterieflugzeuge ununter­brochen den Verlauf des Großkampftages und hielten ständig die Verbindung mit der Infanterie aufrecht. Die Schlacht- staffeln griffen in entscheidenden Augenblicken des Kampfes in zahlreichen Flügen stark besetzte feindliche Gräben, vor­gehende Tanks, Bereitstellungen in Ortschaften und Mulden, feindliche Kolonnen, feuernde Batterien mit Bomben, Wurf- granaten und Maschinengewehren wirksam an. Die Artillerie­flieger meldeten fortlaufend die Lage des feindlchen und des eigenen Feuers und leiteten zahlreiche Einschießen. Trotz des starken böigen Windes unterrichteten unsere Ballone vom frühen Morgen an ununterbrochen die Führung über alle Vor- gänge an der Front, stellten die Gruppierung der feindlichen Artillerie lückenlos fest und brachten zahlreiche besonder» lästige Batterien zum Schweigen. Ein aufgefangoner engli­scher Funkspruch bezeichnete unsere Ballone als äußerst störend und forderte deshalb ihre verstärkte Bekämpfung an.

An der gesamten Westfront wurden am 26. und 27. Sep­tember insgesamt 87 feindliche Flugzeuge abgcschossen, davon 9 durch Flugabwehrkanonen. Wir verloren an beiden Tagen 11 Flugzeuge.

Caillaur' Verteidigung.

ZV.T.-B. Bern, 1. Okt. (Drabtbericht.) Caillaux hat dem ..Petit Parisien" zufolge in einem an seine Ver­teidiger gerichteten Brief energisch gegen die Anschuldigungen protestiert, die gegen ihn in der Anklageschrift gegen Senator Hinüber: erheben worden sind. Caillaux bestreitet aufs be­stimmteste jede Verbindung mit irgend einer der verschiedenen Finanzangelegenheiten, die die Bonnet Rouge betreffen. Auch habe er mit Humbert keine politischen Beziehungen unterhalten.

Ständige tschecho-slowakische Vertretung in London?

Br. Bern, 1. Okt. (Eig. Drabtbericht. zb.) Einer Presse­meldung zufolge wird der tschecho-slowaknche Notionalrat vom : Oktober an bei der englischen Negiecung eine regelrechte Nplomatische Vertretung ernrichten.

Tschechischer Vormarsch an der Wolga.

W. T.-B. London, 30. Sept. (Reuter.) Die Tschechen, die mit russischen Stceitkräften gemeinsam vorgingen, griffen bolschewistifcke Streitkcäste nördlich der Eisenbahn am linken llfer der Wolga an. und nahmen nach heftigem Kampfe die Dörfer Uren und Jwanowka. Der Vormarsch dauert an.

Die zweite russische Kriegszahlung.

ZV. T.-B. Berlin, 1. Okt. (Drahtbericht.) Dem Ver­nehmen nach ist der zweite GoldtranSport aus Rußland an der Grenze eingetroffcn und von Decunten der RcichLbank übernommen worden.

Englische Meldung über türkische Kapitulation.

ZV. T.-B. London, 30. Sept. (Drahtbericht.) Palästina, front: Große türkische Streitmacht kapitulierte beiZiza süd­lich A m m a n. Es wird gemeldet, daß es sich um 10002 Man« handelt

Die Unterwerfung Bulgariens

Die Entwicklung der Dinge noch nicht abgeschlossen.

(Von unserer Berliner Abteilung.)

B. A. Berlin, 1. Okt. (Eig. Drahtbwicht. zb.) Die Nachrichten von dem Abschluß des W a f f e n st i 11« stands der Entente mit Bulgarien, die bereits die Havas-Agentur und Reuter meldeten, bestätigen sich. Die S o b r a n j e trat gestern zusammen und die be­rechtigte Hoffnung, daß üe den Waffenstillstand ablehnt, scheint sich nicht zu erfüllen. Die Tatsache des Aus­scheidens Bulgariens aus dem Krieg, mit dem wir nunniehr fraglos rechnen müssen, ist selbstver­ständlich für unsere Gemmtlage von Nachteil, nament­lich, da mit einer längeren Dauer des Kriegs gerechnet wird. Unsere Verbindung mit der Türkei würde in erheblichem Maße gestört werden, da dann die Verbindungsmöglichkeiten nur über Odessa süi.ren könnten. Aber diese weitgehenden Konsequenzen sind heute noch nicht am Platz, da. wie wir von militärisch:!: Seite erfahren, die Laqe in Mazedonien absolut noch nicht hoffnungslos isi und bedeutende deutsche rind österreichisch - ungarische Truppen noch im Anrollen sind. Im ganzen läßt sich heute nur sagen, daß di-> Lage noch ungeklärt ist- auch bezüglich der Stellirng des Königs läßt sich bis zur Stunde noch nichts berichten. Sollte aber ein voll­kommenes Ausfckeiden Bulgarien» tatsächlich in Frage kommen, so würden wir naturgemäß nach und nach un­sere Truppen dort wieder heransziehsn. Die unerfreu­liche Entwicklung der Dinge, die wohl von unseren amt­lichen Stellen schon seil einiger Zeit befürchtet wurde, deren Ausgang man aber nicht in so negativem Sinn erwartete, hat sich leider unter dem Einfluß r e v o l u» tionärer Elemente in Bulgarien, beschleunigt. Tatsache ist, daß bis zur Stunde noch niemand saaen kann wie Bulgariens Friedensexperinient anslcmfen wird. Aber man tut aut daran, mit, allen M ö glich- keilen zu rechnen, besonder? wenn man die Friedens- bedingungen der Entent' in Betracht zieht.

Die demütigenden Bedingungen der Entente.

ZV. T.-B. Amsterdam, 1. Okt. (Dkahtbericht.)Alge- meen Handelsblad" meldet aus London- In der Antwort der Alliierten auf das bulgarische Angebot wird mitaeteilt werden, daß die Feindseligkeiten er st dann ein- g e st e l l t werden können, wenn Bulgarien mit Deutschland, O st e r r e i ch-U n g a r n und der Türket l r i ch t. Die Forderungen, die an Bulgarien gestellt werden sollen, werden wahrscheinlich folgend? Punkte enthalten: 1, Entwaffnung und Demobilisierung der bulgari- scheu Armee. 2. Übergabe der Eisenbahnen. 8- Räumung der ganzen, seit Bulgariens Eintritt in den Krieg besetzten Gebiete. 4. Freien Zugang dc-r Entente zu den Wegen, die nach der Türkei, Österreich-Ungarn und Rumänie« führen. '

Daily New?" bemerkt dazu, daß diese Bedingungen das Mindestmaß besten wären, was die Alliierten zugestehen könnten. Die Annahme der Bedingungen durch Bulgarien würde bedeuten, daß seine Grenzen so bleiben werden wie vor dem Kriege, daß sich seine kriegsmüden Truppen wieder nach ihren Heimatstätten begeben könnten und daß die Entente- armeen den Schutz des bulgarischen Gebietes übernehme» würden. Kein Volk, das sich in der Lage Bulgariens befindet- dätte hoffen dürfen, mit einer so leichten Sirafe davon ztz kommen.

Die Kampflage in Mazedonien.

Der amtliche bulgarische Bericht.

W. T.-B. Sofia, 30. Seot. Amtlicher Heeresbericht: Mazedonische Front- Von Albanien bis zur Belasizza Nachhutkämpfe. An der Belastzzafront Patrouillengefecht« mit für uns glücklichem Ausgang. Im Struma- tal versuchten ßch mehrere griechische Kompanien mit Ge­schützen und Maschinengewehren unseren Stellungen zu nähern, wurden aber verjagt und ließen ihre Geschütze, mehrere Maschinengewehre und Gefangene in unsere« Händen.

Franziistslh» Orientbericht vom 28. September.

Im Lause des 28. September drängten aus unserem linke« Flügel die verbündeten Hcere die feindlichen Nachhuten weiter auf K i c e v o xurück und bemächtigten sich der Höhen. Nördlich der Stadt O ch r i t a fcwaiinen die serbischen Heere Boden nördlich und nordöstlich tcu Bcics rnd Kccana in der Richtung auf Uesküb. Bei Kumano uiid .güstei-dil erreichte die serbische Kavallerie di« bulgarische Grenze. Die englisch-griechischen Kräfte machen nördlich der Clatt S t: u m i tz a in der Richtung aus Penchava Fortschrilte und rucken geoen Pctric vor, indem ste in das Tal der Stiumi^a blnabf. eigen. Die Zahl der seit Beginn der Ofsensiv» erbeuteten Kanonen übersteigt 350.

Österreich-Ungarns Friedensbereitschatt.

>Ji. Wien, 1. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) W e k e r l q äußerte sich über die Fricdensbrreitschait der österreichisch« ungarischen Monarchie, daß diese nach wie vor unver­ändert sei. Er erklärte, wir werden dies bei der erste» Gelegenheit ostenbaren und unsere Fricdensbedingunge« fixieren.

XV. T.-B. Wien» 1. Lckt. (Drahtbericht.) Der Erlaß de» deutschen Kaisers an den Grafen Herbling wird i» der Press« als bedeutende» Ereignis der ürneven Geschichte