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Nr. 10.

Erscheint allmonatlich, o

1918

Arbeit.

Aus dem hohen Liede der Liebe schwingt ein Rauschen von Erde zu Himmel: Arbeit.

Denn ohne die Liebe ist Fron die Arbeit und finstere Last.

Wo aber Liebe ist, ist Freiheit aus innen und Sonne und Freude. Darum ist Arbeit Glück.

Das tiefste Glück aber lebst du im Frieden der Heimat.

Aus dem Fleiß deiner Hände, der Kraft und dem Ziel der Gedanken, des Fühlens aus dir schaut dich an deine Liebe — und deine Heimat.

So liege das Glück in dem, was du tust und in dem, was du bist, in dem, was du bist in dir!

Denn Glück ist nicht Würde, Schönheit und Reichtum. Glück ist der Mensch.

Das aber sei das erste Gebot deiner Arbeit: Du sollst dienen der Heimat und Allheimat: Deutschland!

Deine Kraft deinem Volke!

Solches ist Pflicht deines Blutes und deiner Seele! —

Schätze nicht zu gering ein das Werk deiner Liebe; denn auch das Kleinste ist Bau an der Größe und Zukunft des Volkes!

Es kommt auf das Eine an: Liebe!

Wert halte jeder das Werk seines Nächsten, auch des Geringsten!

Du Mann der Faust sollst ehren den Mann des Geistes und den Schöpfer aus Seele!

Und sie sollen ehren den Mann der Faust!

Ihr Männer aber sollt ehren die Arbeit der Frau! — Jeder sei wert seines Lohnes!

Niemand soll heischen zu viel, und niemand soll reichen zu wenig; denn jeder soll leben in Freude!

Also wirket ins Große die Arbeit der deutsch-leben­digen Einkraft!

Reinhold Braun.

Der Platz am Fenster.

Von Joh. Tauber.

Ter Pfründner Jakob Angermeier und sein Pflegekind, der Zeisig, ebenfalls Jackl Angermeier, gehörten so ziem­lich zu den anspruchslosesten Wesen, die man sich denken kann. Ja, wenn man sie nach dem L-pruch beurteilt, daß „Nichts bedürfen göttlich ist und am wenigsten bedürfen der Gottheit am meisten nähert", — dann waren sie 'der Gottheit schon ziemlich nahe. Was bedurfte der Pfründer eigentlich? Das bißchen Essen, das Morgen- und Abend­blatt und seine Pfeife. Und was bedurfte, der Zeisig? Das bißchen Futter, täglich ein Bad, hin und wieder ein Salat­blatt, im Sommer ein wenig Obst und das Stückchen Zucker, das beständig an den Gitterstäben seines Bauers steckte. Eigentlich war er noch der anspruchsvollere von den beiden. Mer einen gemeinsamen Wunsch hatten sie schon immer gehabt, nämlich.- den Platz am Fenster. Die kleinen Pfründnerzellen im Saal laufen der Länge nach; jede Reihe hat immer nur eine Zelle mit Fenster,, die übrigen liegen mehr im Halbdunkel. So allmählich waren die zwei Jackl aus den im Saal rückwärts gelegenen Abteilen beim Todes­fall eines Vorgängers nachgerückt — immer mehr dem Lichi entgegen.

Nun war auch der letzte Vordermann gestorben und an ihnen war es, die Fensterzelle zu beziehen'

Zunächst also mußte an den Umzug gedacht werden. Möbelwagen brauchten sie zwar keinen; aber man hat doch als Fünfundachtzigjähriger auch allerhand Habseligkeiten, die untergebracht sein wollen.

^ Ta ist eine kleine geschäftige Schwarzwäldernhr, das Schützenbild aus der Burschenzeit, ein paar Geweihe, ein paar Zigarrenkisten mit verschiedenem Inhalt, ein paar alte Bücher und sogar ein weibliches Wesen, nämlich eine „fleißige Liesl", wie der Volksmund jene zarte, reichlich blühende Pflanze nennt, deren Stengel wie aus grünem Glas ge­formt scheinen, so durchsichtig und wasserhaltig sind sie. Das alles wollte transportiert sein und natürlich der kleine Jackl auch in seinem Bauer. Eigentlich war den beiden ein wenig Angst vor dem Umzug. Mit 85 Jahren kriegt man nämlich manchmal das .Zittern in den Beinen, besonders bei feierlichen Momenten. Und der feierliche Moment kam! Steif, hoch aufgerichtet mit neugierig gestrecktem Hals stand der Zeisig aus seinem Stänglein, während der alte Jakob den Käsig mit halbgestreckten Armen gerade vor sich hin- hjielt, starr auf seinen Liebling blickend. So wandelten sie langsam aus der alten Zelle in die neue. Feierlich war's, wie bei einer Prozession. Wer sie landeten glücklich in der Fensterzelle und die war bereits voll eitel Sonnenschein.

Um beurteilen zu können, welches Glück Mvrgensonne für Vögel bedeutet, müßte man selbst ein Vogel sein. Ter gelbe Jackl blinzelte zuerst ein wenig mit den Äuglein, denn er war so viel Goldglanz gar nicht gewöhnt; dann aber ging es wie ein wohliges Rieseln durch seinen Körper. Was war das für ein nie gekanntes Hochgefühl, das ihn da durchströmte? Er dehnte die Brust, reckte die Flügel, ließ sich die Sonne sogar unter die Achsel scheinen, putzte sich vom Scheitel bis zur Sohle und brachte jedes Federchen ein­zeln der Sonne dar. Und dann durchschmetterte ein Jubel- gesano die kleine Sonnenzelle, klang durch den ganzen Saal hindurch wie ein freudiger Auftakt zu neuem Leben. „Ter ist besorgt und aufgehoben!" dachte der alte Jakob und ging dann an die Anbringung des übrigen Schmuckes: die Ge­weihe schön im Halbkreis, die Schwarzwälderiu darunter in der Mitte; das Schützenbild rechts, die Pfeife bekam auch ihren Platz an der Wand, von: Bett aus bequem zu erlangen; die fleißige Liesl natürlich am sonnigen Fenster­brett, wo sie allsogleich ihre glasigen Stiele zu dehnen anfing.

Und so begann denn das neue Leben für diese zwei alten Junggesellen. Wenn es auch regnete oder schneite, es war doch immer behaglich und unterhaltend in der Zelle. Tann saß eben der alte Jakob mit seiner Pfeife lesend am Fenster oder er schaute durch die Scheiben und beobachtete die Welt, die da draußen an ihm vorüberwandelte; er brauchte in kein Kino zu gehen, er hatte seine Lichtspielbühne zu Hause. — Hin und wieder schauten auch Leute von draußen zu ihm herein oder eigentlich zu dem gelben munteren Jackl. Im Fasching gar, da neckten die Buben den eifrig singenden Gesellen, schlugen mit der.Pritsche ans das Fensterbrett, warfen Lustschlangen nach ihm oder klebten ihm Konfetti an die Scheiben; dann wurde er wütend und schimpfte fürchterlich, sehr zur Belustigung seines alten Herrn.

Aber einmal kam eine wunderhübsche Pierrette in Weiß und Schwarz mit einem lieben fröhlichen Gesicht ans Fen­ster; die redete von draußen so freundlich auf den kleinen Jackl ein, daß ihm ganz eigen ums Herz wurde. Uud am Kinn hatte sie ein winziges schwarzes Schönheitspflästerchen, das hätte er für sein Leben gern heruntergepickt, — wenw er frei gewesen wäre.

Ja, wenn er frei gewesen wäre! Da hätte er über­haupt noch so manches unternommen; dann wär' er wo- möglich noch aus Freiers Füßen gegangen oder vielmehr auf Freiers Flügeln geflogen. —

Aber die Zeit der Freiheit kam. Eines Tages riskierte es der Jakob Angermeier und öffnete den Käfig. „Jackl, wenn'st anständig bist und schön in der Zell'n herinbleibst