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Samstag, 28. September 1918. _MOVgeN-AUSgttÜe. ^r. 453. - 66. Jahrgang.

Wir und Rußland.

** Berlin, 25. September.

In bezug auf unser Verhältnis zu Rußland werden bei uns sehr verschiedene, zum Teil direkt entgegengeietz e Anschauungen vertreten. So stellt sich de: nach der Ent­wicklung der Dinge doch eigentlich ganz von selbst ge­gebenen Losung des Weiterausbaues und Auf­baues der O st p o l i t i k auf Grund der B r e st- Litowsker Verträge die Forderung nach einem Abbau oder gar nach einer Zerreißung dieser Abmachun­gen entgegen. Wir haben schon wiederholt betont, daß man die Aufstellung eines solchen Programms getrost der Entente überlassen Zollte, die sie begreiflicherwe se mit Leidenschaft verficht. Denen aber, die bei uns rn völliger Verkennung der politischen Entwicklung und der weltpolitischen Notwendigkeiten den Frieden von Brest- Litowsk bekämpfen, gelten die Wort», die der Vizekanzler v. Payer im Haupt.lusschuß gesprochen hat, daß das Zustandekommen dieses Friedens, dessen Aufrecht- erhaltung uns vor dem Zweifrontenkrieg sichert, für uns eine Lebensfrage bedeute. „An ihm zu rütteln, so­lange der Krieg fortdauert, heißt das Vaterland direkt in Gefahr bringen."

Weitere tiefgehende Gegensätze bestehen in bezug aus unser direktes Verhalten gegenüber der b o l s ch e w i st i- s ch e n Regierung. Die einen nieinen, daß wir die Zer­fahrenheit der Verhältnisse in Rußland, die Fortdauer des Terrorismus nicht länger mitansehen dürsten, da sonst der Friede non Brest-Litowsk seinen Wert für uns verliere. Die anderen verlangen im schärfsten Gegensatz hierzu, daß wir dem durch die Entente wie durch die Sozialrevolutionäre und kadettiscbe Gegenrevolution be­drohten Bolschewismus zu Hilfe kommen sollten als dem Garanten des Friedens von Brest-Litowsk. Die deutsche Regierung steht demgegenüber auf dein grundsätzlichen Standpunkt der Ni ch l ei n m i s chu n g; sie lehnt rin: „aktivere Stellunanahme" Rußland gegenüber ab, weil sie den Grundsatz des S e l o st b e st i m m u n g s - rechtes der Völker, den die Alliierten heuchlertscher- weise predigen, tatsächlich anerkennt.

Die deutsche Regierung ist deshalb entschlossen, die bolschewistische Regierung weder zu stürzen noch zu stützen, wenn sie sich mrch keineswegs der Tatsache verschließt, daß die Dinge in Rußlard eine sehr un­erfreuliche Entwicklung genonimen haben, und es klar ist, daß auf die Dauer nur mit einem in halb­wegs geordneten Verhältnissen befindlichen Lande ge­regelte Beziehungen sowohl diplomatischer wie Wirt- schaftlicher Natur ausrechtznerbalten sind. Daß es daran im russischen Nachbarlande noch sehr fehlt, braucht nicht erst betont zu werden, und das Schreckensregiment, welches die Bolschewisten zurzeit ausfühl en, ist wahrlich nicht geeignet, eine Konsolidierung der Verhältnisse herbeizuführen. Hat sich doch die deutsche Regierung soeben erst genötigt gesehen, durch den Generalkonsul in Moskau bei der Räter egierung entschiedenen Ein­spruch gegen die Verhaftung von Reichsangehöri- gen und Schutzqenossen zu erheben.

Auch darf man sich keinen Täuschungen darüber hin­geben, daß die Sowjetregierung, die ihre Stellung an­statt durch Organisation durch Gewalt zu behaupten sucht, in ihrer Existenz ernstlich bedroht ist. St cht nur durch den völkerrechtswidrigen Feldzug der Entente, sondern auch durch die von den Alliierten unterstützte Gegenrevolution, bei der die Svzwl- revolutionäre zrrrzeit die Führung haben. Ber dies m innerrussischen Kampfe stehen wir selöstvetständlich Ge­wehr bei Fuß und warten seine Entwicklung und seinen Ausgang ab. Es ist richtig, daß die Bolschewiki sich bis­her als die einzige Friedensvarwi erwiesen haben, aber sie sind es doch zum Schluß auch der Not behorchend, nicht nur dem eig'nen Trieb, und ihre Gefühle für. Deutschland sind sicherlich alles eher als herzlich.

Andererseits zweifeln wir nicht daran, daß, wenn die Bolschewiki etwa über kurz od»r lang den Sozinlrevolu- tionären oder einer anderen Partei Platz machen sollten, auch sie Wohl oder übel gezwungen wäre, dieselbe Politik wie die Bolschewiki zu verfolgen, wenigstens in den großen Richtlinien. Nämlich einmal die Politik d r Aufrechterhaltung des Friedens, weil das zermürbte, ausgeiogene Rußland den Frieden dringend braucht, weil sede Negierung in Rußland sich nur halten kann, wenn sie dem ausgepovertc-n Volke den Frieden sichert. Und zweitens die Politik des Widerstandes gegen die Alliiertcn^ben weil diese Ruß- land erneut in den Krieg gegenMeuffchland hineinzu- treiben versuchen, und weil vor aWn kein Staat so sehr wie England Interesse an einem geschwächte^, an einem ohnmächtigen Rußland hat, schon mit Rücksicht auf die Konkurrenz in Asien.

Eben deshalb ist kauin daran zu zweifeln, daß auch die etwaige Rechtsnachfolgerin der bolsche- friftt ffo»« Regierung sich wohl oder übel genötigt sehen

würde, am Ostfrieden fei'iznhallen, mit uns zu pak.rern und sich der Übergriffe der Entente zu erwehren, se.hst wenn sie sich deren Hilfe setzt zum Sturze der Bolschewrkt zu bedienen bemüht ist, wobei sie freilich ein gesahrlr^es Spiel mit dem Feuer treibt. Was aber die deutsche Re­gierung betrifft, so hat üe hinreichend oekundet, daß ne ein dauerndes, friedliches Verhältnis zu Rußland, von dem sie nur Neutralffät fordert, anstrebtz sie wird gern bereit sein, sich mit i e d »r russrschen Regierung zu verständigen, die sich zu e>iu" s n'wen Poli­tik bereit erklärt und zeigt.

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Die Schreckensherrschaft der Bolschewiki.

W. T.-B. Kopenhagen, 26. Sept. (Drahtbericht.) „Natio- naltidende" meldet aus Stockholm: Infolge der Unterdrückung aller mchtbolschcwistischen Blätter herrscht unter den ruffi­schen Journalisten die größte Not. In Petersburg und Moskau llnd mehrere tausend Journalisten ohne Beschäftigung. In Moskau begingen 1ö Journalisten aus Verzweiflung Selbst- mord. In mehreren Provinzstädten wurden Leute der Bürger- klaren aus ihren Wohnungen verdrängt und in kleinen Wobnräumen in den Vorstädten unteigebracht.

Hiesige Blätter geben eine Schilderung der russrschen Zu­stände wieder, die ein amerikanischer Journalist, der aus Ruß­land geflohen ist. in den schwedischen Zeitungen veröffentlicht hat Der Journalist erklärt, daß die w i r k l i ch e M a ch t in Rußland nur in den Händen der Kommiffion für die Be­kämpfung der Gegenrevolution liege, die von einem w a b n - sinnigen Blutdurst ersaßt zu sein scheine. Der Vor­sitzende der Kommiffion habe an einem Tage das Todesurteil gegen 72 Offiziere unterschrieben. deren Namen er nicht ein­mal durchgesehen hätte. Die Gefängnisse seien überfüllt von Personen, die ohne jeden Anlaß verhaftet worden seien. „Prawda" habe die Namen von 300 0 Verhafteten ge­meldet, die als Geiseln festgenommen sind und hingerichtet werten sollen, sobald gegen eines der Mitglieder der Sowset- reqieruna ein Anschlag verübt werden sollte. Der Journalist schätzt die Zahl der bisher Hingerichteten auf 10 000. Die Opposition gegen die jetzigen russischen Machthaber mache 8b Prozent der Bevölkerung aus Diele besäßen aber keine Waffen und seien nicht organisiert, so daß sie sich ruhig in die Blutherrschaft einer kleinen Regierungskligue fügen müßten.

Die militärische Lage in Mazedonien und Palästina.

B.A. Berlin, 27. Sept. (®ig. Drabtbericht. zb.) Zur militärischen Lage an der mazedonischen Front er- fabren wir, daß die Rückzugsbewegungen durchaus planmäßig verlaufen, nur bei Strumitza sei bisher bulgarisches Gebiet dem Feinde überlassen worden. Die sich an der mazedonischen Front befindlichen geringen deutschen Streitkräste waren zu schwach, um die Rückwärtsbewegung verhindern zu können. Es ist aber m-t Bestimmtheit anzunehmen, daß das Eintreffen deutscher und österreichisch - ungarischer Ver­stärkungen eine durchgreifende Be sserung der Lage herbeiführen und sich ein ganz anderes Bild ergeben wird. Den Grund für das Versagen erheblicher Teile des bulgarischen Heeres erblickt man in inneren Partei­kämpfen, die in gqnz maßloser Weise schon seit längerer Zeit in Bulgarien andauernd

In Palästina ist die geschlagene türkische 8. Armee weiter zurückgeganaen, der sich auch die 7. türkische Armee ansckließen mußte. Die türkischen Streitkräste, die östlich des Jordan standen, sind dagegen noch vcllkommen in­takt. mußten jedoch, da sie schwer unter den aufständischen feindlichen Stämmen zu leiden hatten, zurückgenommen wer­den. Wenn auch die Verluste der Türken an Menscben sowohl wie an Material beträchtlich sind, hofft man doch, daß die getroffenen Maßnahmen ausreichcn werden, den Feind süd­lich von Damaskus aufzuhalten.

Das Waffenstillstandsangevot Bulgariens.

W. T.-B. Sofia, 27. Sept. (Drahtbericht. Meldung der Bulgarischen Telegraphea-Agentur.) In Erwägung des Zu- sammentreffens der jüngst eingetretenen Umstände und nach­dem die Lage gemeinsam mit allen zuständigen Stellen er­örtert worden ist, hat die bulgarische Regierung in tem Wunsche, dem Blutvergießen ein Ende zu machen, dem Generalissimus des Feldheeres ermächtigt, dem Oberbesebls- baber der Ententeheere in Saloniki die Einstellung der Feind- skligkeiten voczuschlagea und Unterhandlungen mit dein Siffe des Abschlusses eines Waffenstillstandes und des Friedens einznleiten. Die Mitglieder der bul­garischen Abordnung sind gestern abend abgereist, um sich mit den Bevollmächtigten der kriegführenden Entrntestaaten in Verbindung zu setzen.

(Notiz des W. T.-B.' Die Nachricht von der Abreise der Delegation für den Waffenstillstand erweist sich nach neueren Nachrichten als unrichtig.)

Mahnung der Parteien des Blocks.

W. T.-B. Sofia, 26. Sept. (Meldung der Bulgarischen Telegvaphen-Agentur.) Die Parteien des Reg'.crungsblocks teröffentlichen folgende Note' In Übereinstimmung mit den Parteien des Blocks hat die Regierung gestern, am 25. September, nachmittags 5 Uhr, dem Gegner ein amtliche» Waffenstillstandsangebot gemacht. D>e Parteien de» Blocks richten an Heer und Bevölkerung die Mahnung, die militärische und die öffentliche Disziplin zu w ah re n , die so nötig ist sür die glückliche Durchführung unserer Absichten in diesen Zeiten, die für das soeben eingeleitete Friedenswerk entscheidend sind. Die Nationalversammlung ist aus den 30. September eiuberuj«.

Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 27. Sept. (Drahtbericht.) Amtlich ver­bautet vom 27. September, mittags: An der Tiroler und venetianischen Kriegssrant Artilleriekampfe und Vatrouillenkämpfe. „ ....

Auf dem westliche n Kriegsschauplatz nahmen öster­reichisch-ungarische Truppen an den Kämpfen östlich der Dcaas rühmenswerten Anteil.

Das Abenteuer des Kronprinzen von Rumänien,

W. T.-B. Bukarest, 26. Sept. (Drahtbericht.) In der Angelegenheit der Heirat des Kronprinzen Carol r:chtete Professor Gerota, der Vertreter der Bukarester Landesuniver­sität, im Senat die Anfrage an die Regierung, worin er das Verhalten des Kronprinzen als das Ergebnis einer ver­fehlten, mit den Interessen der Nation in Widerspruch stehenden Politik des königlichen Hofes, der sich mit unauf­richtigen und schmeichlerischen Anhängern umgeben habe, be­zeichnet. Die Handlungsweise des Kronprinzen sei unleugbar sehr schwerwiegend, da er als aktiver Militär die Landes- (r-enje überschritten habe, sich in eine Stadt eines fremden Landes, das von den Mittelmächten verwaltet wird, begab mit denen Rumänien den Frieden noch nicht endgültig rattfiziert hdhe.

Verzicht des Prinzen Carol auf den Thron.

W.T.-B. Bukarest, 27. Sept. (Drahtbericht.) Der König berief in den Palast einen Rat aller rumänischen Generale, deren Mehrheit sich dahin aussprach, daß Prinz Carol infolge seiner in einem ffemden Lande mit einer Rumänierin gesetzlich eingegangenen Ehe nicht mehr Thronerbe bleiben könne. Prinz Carol ist in Bistrizza in der Nähe der königlichen Sommerresidenz Bicaz i n H a ft. Er zeigt sich sehr entschlossen und erklärt allen, daß er sür immer auf seine Rechte als Erbe des rumänischen Thrones verzichte. Ähnlich berichtet auch die Zeitung „Lumina".

Die südamerikanischen Neutralen.

W.T.-B. London, 26. Sept. Die „Times" erfährt aus Buenos Aires vom 24. September: Die Anwesenheit der

chilenischen Mission läßt vermuten, daß man die Gelegenheit benutzen wird, um eine AnnäheiKing zwischen den beiden neuiruler Staaten, die gleich isoliert sind, zu besprechen. Gut unterrichtete Kreise weisen auf die Möglichkeit hin, daß eine Bewegung zuftandeksmmen wird, um die sogen-rnntt ABC-Gruppe durch eine APC-Grupve (Argentinien, Para- + guah, Chile) zu ersetzen.

Die Unterbrechung der holländischen Schiffahrt nach Skandinavien.

w. T.-B. Amsterdam, 27. Sept. (Drahtbericht.) Ter Haager Korrespondent -des „Algemeen Handelsblad" meldet: Es be­steht kein Grund zur Annahme, daß die Unterbrechungen der Fahrten nach Skandinavien länger «äseinigeTage dauern werden. ___

Deutsches Reich.

Beschlüsse des Herrenhausausschusfes.

B. A. Berlin, 27. Sept. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der Aus­schuß des Herrenhauses veröffentlicht heute den amtlichen Be­richt. Unter Ablehnung oller weitergehenden Anträge beschloß die Kommission in der heutigen Sitzung, daß weiter ein Präsentationsrecht zum Herrenhaus zustchen sollte: 1 . Den Städten, welche kein eigenes Präsentationsrechl haben, für insgesamt 12 Mitglieder; 2. dem alten und dem befestigt«: Großgrundbesitz sür 60 Mitglieder, bisher 19. dem alten und dem befestigten kleineren Grundbesitz für 12 Mitglieder; 3. der großen Unternehmungen der Industrie für 24 und denen des Handels sür 12 Mitglieder, den Handeiskammern für 36 Mit­glieder, den Handwerkskammern für 12 Mitglieder; 4. sedei Londesuniversttät und jeder technischen Hochschule für s« ei-r Mitglied. Ms alter Grundbesitz gilt derjenige, welcher 50 Jahr« sich im Besitz derselben Familie befindet. Die Abgrenzung der Kategorie der großen und kleineren Grundbesitze soll durch königliche Verordnung nach Anhörung -der Provinziallandtag« erfolgen. Die Beschlußfassung über die .aus Allerhöchstem Vertrauen zu berufenden Mitglieder wurden -sür die erste Lesung ausgesetzt. In den Übergangsbestimmungen wird fest- gesetzt, daß die bisherigen Mitglieder im Herrenhaus der- bleiben. Es sollen aber neue Repräsentationen sür den Groß- grunidbesitz erst dann und nur insoweit erfolgen, als die Zahl der bisherigen Mitglieder aus dem alten und befestigte!' Grundbesitz unter 60 gesunken ist. Die erste Lesung der Herren­hausvorlage war damit beendet. Die nächste Sitzung soll Dienstag, den 1. Oktober, st-atffinden mit der Tagesord­nung: Weiterberatung der Abgeoronetenvorlage.

Ein Wort Hindenburgs.

W.T.-B' Glauchau, 27. Sept. Auf das von den Teil­nehmern der am 24. ds Di. in Leipzig abgehaltenen Pcesse- beiprechung an Generalfeldmarschall v. Hindenhurg ge­richtete Telegramm zu Händen des Verlegers des ,GIau- chauer Tageblatts" ist folgende Antwort eingegangen' Großes Havptguartier. 26. September. Zugleich im Namen des Ersten GeneralauartiermeisterS danke ich von Herzen allen in Leipzig versammelten Pressevertretern für das Gelöbnis wei­terer treuer Mitarbeit an der Erhaltung und Stärkung der inneren Front. Mit einer einigen Heimat im Rücken wird da? deutsche Feldheer bis zum Endsieg als Schwert und Schild Deutjchlarrds liaiibf.K* Diudlich fein-