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Freilag, 27. September 1918.

Abend-Ausgabe.

Nr. 452. » 66. Jahrgang.

Die Krise.

Die neue Großofsensive an der Westfront.

Der neue Durchbruchsversuch gescheitert.

W. T.-B. Großes Hauptquartier, 27. Sept. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz,

In der C h a m p a g n e zwischen den Höhen westlich dev Snippe und der Bisne sowie nordwestlich von Be^rdun zwischen den Argonnen und der Maas haben Fran­zosen und A m e r i l a n e t gestern mit starken An­griffen begonnen.

Der Artilleriekampf dehnte sich über die Höben westlich der Snippe nach Westen bis Reims über die Maas nach Osten bis zur Mosel auS. Tort folgten nur Teilnngriffe. Eie wurden nach heftigen Kämpfen abgewiesen. Bei ihrer Abwehr östlich der Maas zeichneten sich auch österreichisch^ ungarische Truppen aus.

An den ganzen Angriffsfrontrn leitete gewaltiges Artil- lcriefeuer die Jnfanterieschlacht ein. Westlich der A i s n e. brach der Franzose, östlich von den Argonnen der Amerikaner unter Einsatz zahlreicher Panzerwagen gegen unsere Stellungen vor. Befehlsgemäß wichen unsere Bor* v-strn kämpfend auf die ihnen zugewiesenen Berteidigungs- linien aus. Bei Tahnre und Ripon gelang eS dem Gegner in seinen bis zum Abend fortgesetzten Angriffen, über ursere vordere Kampflinie hinaus bis auf die Höhen nordwestlich von Tahnre und bis Fontaine-rn-Dormois vorzudrivgeu. Hier riegelten Reserve» den örtlichen Eiir- bruch des Feindes ab. Mit besonderer Stärke führte er seine Angriffe gegen unsere Stellungen zwischen A u b e - r i v e und südöstlich von S o n: m e - P ». Sie brachen vor unseren Kampfliuim unter s ch w e r st e u B e r l u st e » für den Feind zusammen. Auch nördlich von E e r n a y scheiterten die bis zum Abend mehrfach wiederholten feindlichen Angriffe. In den Argonnen schlugen wir Teilangriffe des Gegner? ab.

Zwischen den Argonnen und der Maas stieß der Feind über unsere vordere Kampflinie hinaus bis Monf Plaimville - Montfaucon und bis in den Maas» bogen, nordöstlich von Montfaucon, vor. Hier brachten ihn unsere Reserven zum Stehen.

Der Feind konnte somit an einzelnen Stellen unsere Infanterie- und vordereu Artillerielinien erreichen. Der mit weit gesteckten Zielen unternommene große fran­zösisch - amerikanische Durchbruchsverfuch ist am ersten Schlachttag an der Zähigkeit unserer Truppen g c - scheitert. Neue Kämpfe stehen bevor.

Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorfs

Ein eigenmächtiges Waffenstillstands- Angebot des bulgarischen Minister­präsidenten.

W. T.-B. Berlin, 26. Sept. Es liegen Nachrichten vor, wonach von dem bulgarischen Ministerpräsidenten Malinow an den Führer der gegen Bulgarien operierenden Ententetruppen das Angebot eines Waffen- st i l l st a n d e s gerichtet worden sei. Wie gemeldet wird, ist Herr Malinow mit diesem Angebot ans eigene Hand, ohne Zustimmung des Königs, des Parlaments und der bulgarischen Heeresleitung vorgegangck!. In den bundestreuen Kreisen Bulgariens hat dieses Borgehen Malinows große Erregung hervorgcrufen. Militärische Maßnahmen zur kraftvollen Unter- st ü tz u n g der bulgarischen Front sind im Ginge. Eine Gegen bewegung gegen den Ministerpräsidenten Malinow macht sich, nach den letzten Nachrichten ans Sofia zu urteilen, bereits geltend.

Staatssekretär v. Hintze über den Schritt Bulgariens.

B.A. Berlin, 27. Sept. «Erg. Drahtüericht zb.) Die heutige Sitzung des HauptAusschusses begann mit e i n u n d - einhalb st ündiger Verspätung, da vertrauliche Besprechungen über die auswärtige Lage zwischen dem Reichskanzler und den Mitgliedern des Hauptausschuffes stattfanden. In de- Sitzung ergriff zunächst zu einer Er- llärung der Staatssekr-.-tär des Auswärtigen v. Hintze das- Wort. Es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß der Haapt- ausschuß noch über Samstag hinaus tagen wird. In purla­meritarischen Kreisen wird verschiedentlich angenommen, daß auch de: Reichstag schon in kurzer Zeit zusamn:entreten wird.

Staatssekretär v. Hintze führte aus'

AuS den militärischen Nachrichten der letzten Tage ist 'tönen bekannt, daß die Bulgaren zwischen Wardar und Leina in ernste Schwierigkeiten geraten sind. Im weiteren Verlauf der Ereignisse sind auch die bulgarischen Nachbararmeen in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Meldungen von der Front sind von der bulgarischen Regie­rung des Ministerpräsidenten Malinow offenbar zu un­günstig ausgelegt worden. Gestern vormittag ist in Sofia eine Pressenotiz erschienen, wonach Bulgarien dem Obec- kommandierenden der Ententekcäfte in Saloniki die s o - artige Einstellung der Feindseligkeiten und ,e Aufnahme von Friedensverhandlungen tzaeschlägt. Eine b u l ga ri s che gyfcgpfaq, bestehend ans dem

Finanzminister Li aptfch ew, dem Generalmajor Lu ko w und dem Gesandten R a d e w. soll angeblich bereits Mitt­wochabend nach Saloniki abgereist sein. Aus den bisher vorliegenden unvollständigen Nachrichten läßt sich noch nicht mit Sicherheit erkennen, ob die bulgarische Regierung t a t - sächlich, wie sie zu behaupten scheint, im Einverständ­nis mit der bulgarischen Heeresleitung, dem Parlament und dem König gehandelt hat oder ob sie mehr oder weniger auf eigene Faust vorgegangen ist. Die Sobvanje soll erst am 80. Septenlbcr zusammentreten- Ver­schiedene Anzeichen lassen die Möglichkeit offen, daß Herr Malinow von der weiteren Entwicklung der Dinge desavouiier: werden könnte. Im ganzen Lande macht sich „eine starke Strömung gegen den Schritt des Ministerpräsidenten be­merkbar. Wichtige Parteien des Parlaments und einfluß­reiche Kreise des Volkes wollen voii den Sonder-Waffenitill- standsverhandlungen und der Friedensbitte irichts wissen. Als Symptom ist bezeichnend, daß die bulgarische Friedens- belegatiLn, die nach der erwähnten Pressenotiz angeblich schon Mittwochabend abgereist sein soll, gestern Donnerstagmittag Sofia noch nicht verlassen hatte. Eine Gegenaktion der bunbestreuen Elemente scheint bevorzustehen. Auf die ersten beunruhigenden Nachrichten von der mazedoni- schen Front hat die deutsche Ober st e Heeresleitung sofor: aus den verfügbaren Reserven starke Kräfte zur Unterstützung der Bundesgenossen nach Bulgarien geworfen. Zum Teil sind diese Verstärkungen bereits eingetroffen, zum Teil werden sie in den nächsten Tagen zur Stelle sein. Auch di? österreicbis.h - ungarische Heeresleitung bat sehr iiamhafte Krärte in Marsch gesetzt. Die deutschen und österreichisch-ungarischen Verbände würden nach dem Urteil der militärischen Sachverständigen durchaus ge­nügen, um die militärische Lage wiederherzu­stellen. Trotz mancher hoffnungsvollen Momente ist die Lage aber heute noch zweifellos als ernst zu bezeich­nen. Schon in wenigen Tagen wird man indessen klarer sehen. Ein Anlaß, das Spiel Bulgariens heute schon verloren zu geben, liegt weder für Bulgarien noch für uns vor. Die politische Leitung wird selbstverständlich den Hauptausschutz des Reichstags über die weitere Entwicklung sorgfältig st unterrichtet halten.

Der HanptauSschuß vertagte sich heute awf Montag­mittag. Man hofft, daß bis dahin die Lage in Bulgarien fo weit geklärt fein wirH, daß man in eine Debatte der bulgarischen Frage eintreten kann.

*

Die Kriegslage in Mazedonien.

Der amtliche bulgarische Bericht.

W. T.-B. Sofia, 26. Sept. Generalstabsbericht vom 2l. September: Mazedonische Front: Westlich des Ochridafees war das beiderseitige Artilleriefeuer zeitweise ziemlich heftig. In de: G.gend von Bitolia griffen feindliche Einheiten mehr­mals erbittert unsere Stellungen an: sie wurden aber blutig abgcwiesen, zum Teil nach Handgemenge. Mehrere unverwundete französische Etefangene blieben in unserer Hand. Nördlich der Tscherna zogen sich unsere Ein Herren ungestört vom Feinde planmäßig aus die Babunaberge zu­rück. Bei Kriwolak griff de: Gegner mit starken Kräften an. Der Kamps ist noch im Gange.

Französischer Orientvericht vom 25. September.

Trotz des Einsatzes weiterer deutscher Truppen hat der Feind seinen Rückzug nach Norden fortsetzen müssen. Nichtsdestoweniger leisten seine starken Nachhuten nordwestlich M o n a st i r erbitterten Widerstand. Aus dem linken Flügel durch­ritten die Strciikrästc der Alliierten Prilep und sind ans den Straßen noch Kruschewon, Kitschewo und Prilep vor­gedrungen. Im Zcntrun! bemächtigten sieb die Serben des Gebirgs-l stcckes Pepadi, a östlich B a b n n und gewannen westlich von der unteren Czerna Gelände. Auf der anderen Seite er­weiterten sie ihren Brückenkopf. Tie nördlich vom Wardar er- reichten Höhen zwischen dem Wardar und dem Tale Kriwalckawitza, auf denen sieb de-- Feind heftig zu tefestiaen versuchte, und aus dem rechten Flügel haben sranzöstsche, englische und griechische Truppen starke Vorhuten jenseits vom Wardar gegen Gradetz und Hudowo vrraesckoben und sich des Gebirgsstockes Karabrll und nördlich tom Tinran-Scc bemächtigt. Die Beute vermehrt sich unauiliörlich. Am 23. September wurden dem Feind über 30 Geschütze und beträchtliches Kleinbahngerät abgenommen.

28 vüv Tonnen im Atlantik.

W. T.-B. Berlin, 26. Sept. (Amtlich.) Im Atlantik ver­senkten unsere Unterseeboote 28 000 Brt., darunter drei Tankdampfer von zusammen etwa 18 000 Brt., von denen einer als Auierikaner festgestellt wurde.

Der Chef des Admiralstabs der Marise.

Ein Kronrat in Wien.

Br. Wien, 27. Sept. (Eig. Dvahtbericht. zb.) Heute abend fand ein Kronrat statt. Danach verlautete, daß Minister­präsident v. H us a r e k Auftrag erhalten habe, ein Koali- tionskabinett zu bilden. In deutschnationalen Kreisen wurde sofort erklärt, daß sie geneigt seien, einer solchen Kanditatur nähcrzutreien. _

Der Vatikan und Burians Friedensnote.

■ vv. T.-B Bern, 26. Sept. Wie der »Osservatore Romano" mttteilt, ist die österreichisch-ungarische Note endlich im Vatikan einqetroffen. Die „Epoca" meldet, daß vorgestern lange Be­sprechungen zwischen dem Papst und dem Kardinal „Gasparri stattgefundeu haben. Man glaubt, daß der heilige Stuhl sich auf "eine Empfangsbestätigung beschränken we^e. Die Note sei nicht von emem Handschreiben des Kaisers Karl begleitet gewesen.

O Berlin, 25. September.

Die Langsamkeit, mit der sich die Krise ent* wickelt, kann niemand wundernehmen, der eine klare Anschauung von den weittragenden Wirkungen der sich vorbereitenden Neubildungen hat. Es geht um die G r u n d llä g e n aller unserer bisherigen polinschea Einrichtungen, es geht um dis Fragen der echten und wirklichen Parlamentarisierung, währeno wir bis dahin doch nur den mühsam aufrechterhaltenen Schein einer solchen hatten. Die Sozialdemokraten bezeichnen ihre Forderungen als ein Mindestmaß, als das Allernotwendigsle, das nicht zum Gegenstand des Feilschens und Handelns gemacht werden könne. Man kann ruhig zugeben, daß der sozialdemokratische Parte:* Vorstand von seinem Standpunkt aus Mäßigung be­obachtet hat; denn es sehlen in deni Programm viele Dinge, die noch nicht einmal zu den radikalsten Forde­rungen gehören, so z. B. ein steuerpolitisches Programm. Aber darum bleibt die Zumutung an die bürger­lichen Mehrheitsparteien. sich auf den Boden dieser sechs Punkte zu stellen, doch kräftig genug: wir nennen ffsi u. a. die Forderung einer Entschädigung für Belgien, auch die der Wiederherstellung Serbiens und Montenegros, was zum mindesten erst näher er* läutert werden müßte, weil wir sonst in Gefahr kämen, unseren bulgarischen Bundesgenossen empfindlich vor den Kopf zu stoßen. Gleichwohl bleibt es die Aufgabe der bürgerlichen Mehrheitsparteien, nach einer Verstän­digung zu suchen, und das aeschieht auch offenbar von seiten des Zentrums. Eine Darstellung im „Tagblatt", wonach die Zentrumsfraktion das sozialdemokratische Programm so gut wie eiirstiminiq für unannehmbar er­klärt haben soll, trifft ersichtlich nicht zu. Man erfährt vielmehr aus dein Zentrum, daß diese Partei zwar die Teilnahme an einer Akrion gegen den Grasen Hert- l i n g nach wie vor a b l e h n t. daß sie aber dauernd bereit ist, mit Sozialdemokraten in der Regierung zu- sammenzuarbeiten. Damit ist doch gesagt, daß ein Kompromiß über die Grundlagen, von d>men aus fortan regiert werden soll, geradezu angestrebt wird, denn ohne diese vorangezangene Verständigung treten Sozialdemokraten in die Regierung nicht ein: der Wider- spruch zwischen der Willensmeirmng. wonach die Auf­nahme von Sozialdemokraten in die Reichsleitung will- kommen geheißen wird, und der vorangegangenen Er­klärung, wonach eine Aktion gegen den Grafen Hertling nicht mitgemacht werben soll, löst sich bei näherem Zu­sehen unschwer auf. Wenn es das Natürlichste, durch die Parteizugehörigkeit des jetzigen Reichskanzlers Ge­gebene ist, daß das Zentrum an einem Kampfe gegen ihn nicht teilnehmen will, so bedeutet das ja nicht, daß er unter allen Umständen gestützt werden soll, sondern das Zentrum erklärt nur, daß es ihm leid täte, wenn die Er­weiterung und Befestigung der parlamentarischen Grund­lagen das Opfer eines Kanzlerwechsels bedingte. Dies menschliche Bedauern kann man begreifen, entscheidend jedoch soll es nach den Äußerungen aus dem Zentrums- lager nicht sein. Die „Germ." lädt die Sozialdemokratie heute geradezu ein, in eine weitere Unterhaltung über die sechs Punkte zu willigen. Sie müsse ans ihren Forderungen alles ansschalten, Ums etwa nach ein- fertiger Parterpolitik aussehc, denn eine solche sei mit dem Programm der Zusammenfassung aller Kräfte unvereinbar. Mit anderen Worten, die Bemühungen um ein Kompromiß zwischen den Mel, - heitsparteien gehen weiter. Damit ist freilich keine Bürgschaft für das Gelingen gegeben, zumal man doch gewiß nicht die starken Kräfte wird unterschätzen wollen, die sich im Lager der gegnerischen Überliefe­rung und Forderung gegen e'me tiefgreifende Um­formung unseres politischen Lebens auflehnen.. Wer gerecht und billig zu urteilen bestrebt ist, der wird es nicht für eine Kleinigkeit halten, wenn diesen Mächten des Alten Zumutungen gestellt werden wie die, daß Ar­tikel 9 der Nerchsverfassnng aufgehoben werden soll, daß die politischen Veröffentlichungen der Krone und der Militärbehörden vorher dein Reichstag mitgeteilt wer- den müssen, daß in allen deuffchen Brindesstaaten das allgemeine gleiche Wahlrecht eingeführt werden soll. Man hat zu bedenken, daß 'o von Reichs wegen in der Tat Eingriffe in den Bereich der bundes­staatlichen Selbständigkeit stattftnden sollen, Eingriffe, gegen die wir ooni Standpunkt des Liberalis­mus ans nichts einzumengen haben, von denen wir je­doch anerkennen, daß sie aus der betroffenen Seite stark empfunden werden Es wird sonnt geboten sein, sich doch auch einmal mit der Frage zu beschäftigen, welches der weitere Verlauf der Dinar für den Fall sein wird, daß sich zwischen den drei Mehrheitsparteien nunmehr wirklich eine Verständiaunq ans Grund des sozialdemo­kratischen Programms erzielen läßt, nur mit der Ein* schränkung freilich, daß einiae der sechs Punkte Verönde* nmcen erfahren müflett. Nehmen wir alio einmal (UL.