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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin

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Donnerstag, 26. September 1918. 8lb01tb ! 3lUÖ0(lbß.

Nr. 450. • 66. Jahrgang.

Mennig Her WsimWstm und der HundWung der Meinsreihts.

Eine Erklärung des Reichskanzlers im Hauptausschutz.

lVon unserer Berliner Abteilung.)

Kr. Berlin, 26. Sept. (Erg. Trcihtbsricht. zb.) Nach Eröffnung der heutigen Sitzung des Hauptau s- schusses des Reichstags nahm losort Reichskanzler Graf Hertling zu folgender Erklärung das Wort:

„Meine Herren! Die Beschwerden, die gestern von allen Rednern gegen die Handhabung der Zensur und des Vereins- und Versainmlungscechts geltend gemacht worden sind, müssen von mir »u einem erheblichen Um fang als begründet anerkannt werden. (Hört, bört!) Wenn allgemein in gewissen Korpsbezirken Ver­bote ergangen sind, dag in Versammlungen nichts über die Wahlrechtsoorlage gesprochen werden darf — und zwar weder von Freunden noch von Gegnern der Vorlage —, so ist das ein nicht haltbarer Zu­stand, der übrigens inzwischen schon durch einen Er­laß des Obermilitarbefeblshabers beseitigt ist. Nach der Lage der Gesetzgebung und der zu ihrer Ausführung ergangenen Verordnung sind der Reichskanzler und die obersten Zivilbehörden der Bun­desstaaten zurzeit nur in der Lage, durch Vorstel­lungen und Darlegungen ihrer Auffassung eine Einwirkung auf die zur Entscheidung allein befug- ten ^militärischen stellen auszuüben. Es ist von de n Abg. Fischbeck anerkannt worden, daß in einer Reihe von Korpsbezirken berechtigte Klagen über unzulässige Beschränkung des Vereins- und Versammlungsrechts nicht behoben werden können wahrend es andere Korps- bezirke gibt, aus denen f o r t g e s e v t bei jedem Zu­sammentritt des Hauptausschnsses Klagen vorgetragen werden, deren Begründung zum Teil auch von mir anerkannt werden muß. An den materiellen Be­fugnissen, die das Belagerungszustands- g e s e tz der vollziehenden Gewalt überträgt, kann nach meiner Überzeugung in Deuffchland ebenso wenig ge­rüttelt werden, wie dies in den anderen kriegführenden Staaten, ja sogar in den neutralen Ländern auf Grund älterer oder der für die Kriegszeit besonders erlassenen Gesetze geschieht. Der Krieg bringt es mit sich, daß den Behörden außerordentliche Vollmachten zur Aufrecht­erhaltung von Ruhe nnd Ordnung übertragen werden müssen. Dagegen habe ich mich unter dem Eindruck be­sonders empfindlicher Vorkomn-.nisse der letzten Zeit da­von überzeugt, daß bei der langen Tauer des Krieges in der Handhabung dieser außerordentlichen Vollmachten auf dem Gebiete der Zensur und des Vereins- und Ver­sammlungsrechtes wesentliche Änderungen ein- treten müssen. Wir sind in die Erwägung der ver­schiedenen Wege einaetreten, die zu diesem Ziele führen können. An sich erscheinen wohl als die Nächstliegenden Wege die folgenden-

„Ein Eingriff in die Kommandagcwalt, durch die die Z n st ä n d i g k e i t der Militärbefehli- Haber entsprechend eingeschränkt wird, oder eine Änderung der bestehenden Gesetzgebung in der Richtung, daß die den militärischen Instan- zen seither allein angewieieaen Aufgaben je nach deren Charakter zwischen diesen und den in Frie­denszeit berufenen bürgerlichen Behörden geteilt werden, oder endlich die Einfügung ausreichen­der bürgerlicher Elemente in die letztlich zur Entscheidung berufenen militärischen Stellen."

Ich bin selbstverständlich nicht rn der Lage, heute an­zugeben, welcher der hier angedeuteten einzuschlagenden Wege am sichersten zum Ziele führt. Seien Sie aber versichert, daß bis zu Ihrem nächsten Z u s a m- mentritt im November eine allen berechtigten Klagen entsprechende Änderung in die Wege ge- geleitet sein wird und daß uns und dem VolkErörterungen, wie sie bisher unsere Zeit und Kraft so vielfach in An­spruch genommen haben, künftig erspart bleiben werden. Meine Herren! Sie sehen, daß ich durch­aus nicht willens bin, mich berechtigten Be­schwerden zu verschließen. Im Gegenteil, ich werde mit aller Entschiedenheit dahin wirken, daß diese berechtigten Beschwerden aus dem Wege geräumt werden. Nun aber, meine Herren, bitte ich Sie g"ch olles Trennende zurückzu stellen und des Einigende voranzustellen. Wie ich schon vor­gestern gesagt habe:

Wir haben alle doch nur das e i n e Ziel und das eine Interesse: Den Schutz des Vaterlandes, seiner Unabhängigkeit und seiner Entwicklungsfähigkeit. Dies Ziel können wir nur dann erreichen, wenn wir auch im Innern fest und einheitlich zusammenstehe«; dann aber werden wir es erreichen."

Graf v. Westarp (kons.i: Verstimmungen,

KlLrnmutaebenüber das berechtigte Mgtz w«i.t hina.us.

In landwirffchaftlichen Kreisen beruht dir Verstimmung auf der Zwangswirtschaft, die nach dem Diktat der Ge­werkschaften geführt wird. Für die Durchsuchung fehlt jeder Rechtsschutz und man sollte die Erregung der landwirtschaft­lichen Kreise nicht unterschätzen. Die jetzige Tagung des Hauptausschusses ist nicht geeignet, eine Besserung in der politischen Lage herbeizuführen. Ich habe erst durch die Presse bon der Absicht erfahren, den Hauptausschuß einzuoernfen, sonst hätte ich Widerspruch erhoben. Die Presse war es, die den Eindruck einer Regierungskrise erweckt hat. Das mußte nach außen schädlich wirken. Es handelt sich jetzt um dos Bestreben einer Fortsetzung der Demokratisierung und der Parlamentarisierung. Unsere Feinde be­grüßen das aus naheliegenden Gründen, weil unsere Kampf­kraft dadurch geschwächt wird. Ist die jetzige Stunde dazu ober geeignet? Nach unserer Meinung wirkt das Drängen nach Demokratisierung kriegsverlängernd. Wie kommt die Sozialdemokratie dazu, für ihren Eintritt in die Negierung Bedingungen za stellen; wer hat sie denn dazu aufgefordert? Darüber müssen wjr Auskunft erhallen. In anderen Ländern verfährt die Sozialdemokratie anders, dort stellt sie ihre Parteisorderungen zurück. Bei uns aber blüht der Weizen unserer Sozialdemokratie, wenn es dem Vaterland schlecht geht. Der Kern der ganzen Be­strebungen ist, die Regierungsgewalt in einen parlamen­tarischen Vollzugsausschuß zu verwandeln.

Die Krisis.

(Von unserer Berliner Abteilung.)

6. A. Berlin, 26. Sept. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die über­raschende Tatsache, daß der Kanzler heute vormittag zum zweitenmal das Wort ergriff mit einer Beschwich­tigung Verklärung, wie die Klippe der jetzigen Krise zu umschiffen sei, zeigt, daß die Regierung noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hat, ihre Stellung zu halten. Die Worte des Kanzlers geben aber keineswegs die eindeu­tige Stellung der Regierung zu den jetzt schwebenden Fragen, wig man erwarten konnte und erwarten mußte. Im Gegenteil, man scheint zur Stunde noch immer nicht an amt­licher Stelle bemerkt zu haben, daß es zu Kompromissen eigentlich bereits zu spät ist, und daß.der Versuch, es noch­mals darauf anzulegen, für ine Parteien nach den schlechten Erfahrungen, die sie in dieser Richtung geinacht haben, und bei _ der -Stimmung im Volk ein ganz außerordentliches R i s i k o bedeutet. Wenn man auch von seiten des Zentrums gern in die dargebotene Rechte des Herrn v. Hertling ein- schlagen möchte, so werden weder die freisinnige Volkspartei noch die Sozialdemokratie ohne weiteres Ja und Amen sagen. ES erscheint vollkommen unverständlich, warum der Reichskanzler wieder, wenn er, wie es den Anschein hat, die Geschäfte -wenigstens noch eine Zeitlang weiter führen will, im eingeschlagenen Zickzockweg gehen will, wo -es doch -eigent­lich nur einen einzigen geraden Weg gibt, nämlich: A ush ebu ng des Be lag er u n-g-sz uft an d e s und die Übertragung der unbedingt nctwcndigen Einschränkungen an die bürgerlichen wie auch die Zivilbehörden. Damit wäre ein­mal dauernde Reibung zwischen Zivil- und Militärbehör­den beiderseits vermieden. Ferner könnte man dann zu einer Regierung, die den Mut zur Tat zeigt, auch das nötige Ver­trauen haben, daß sie allen weiteren Schwierigkeiten, die Mehrheit des Volkes hinter sich, überwinden wird. Wie wir aus leitenden Kreisen der fortschrittlichen Volks­partei erfahren, ist man dort mit der Erklärung des Kanz­lers gar n i ch t e i n v e r st a n d e n. Man kann es nicht ver­stehen, daß nach der gestrigen Rede, die über die Gewinnung des Volkes keinerlei Zweifel ließen, 'die Regierung heute mit einer derartigen verwasch-enen Erklärung hervortr-eten kann, aus der sich jeder herausnehinen kann, was er will, ohne daß auch nur das -geringste geändert wird. Selbstverständlich wird man die Erklärung des Reichskanzlers einer einge­henden Beratung unterziehen, doch die Mehrheit wird -baldigst zu ihr Stellung nehmen. Wie -wir aus Kreisen des Zentrums -erfahren, ist man a Och -dort keineswegs mit -den Vorschlägen des Grasen Hertling einverstanden. Wie uns von verschiedenen Seiten erklärt wird, hätte man es dort lieber gesehen, wenn Graf Hertling eine solche Erklärung überhaupt nicht abgegeben- hätte, durch welche die Stellung dieser Partei außerordentlich erschwert wird. Selbstverständlich möchte man dem eigenen Parteimann in so hoher Stellung nicht in den Rücken fallen, andererseits aber wird man sich nur schwer, schon wegen -der großen Zahl der Arbeiter, di-e hinter der Partei steht, dies nicht erlauben können. Di-e endgültige Stellung­nahme wird sich wahrscheinlich -heute noch nicht ermöglichen lassen, da man selbstverständlich erst Fühlung nehmen muß. Die Sozialdemokratie lehnt natürlich die Erklärung vollkommen ab und wird sich -wähl auch k a u m aus Kom­promiß-Verhandlungen einlassen. Alles in allem muß festg-estellt werden, daß Graf Hertling mit seiner Er- klärung kaum -eine Stärkung der hinter ihm sichenden Mehrheitsparteien erreicht, sondern im Gegenteil den Kon- flrktsstoff vermehrt hat. Es hat fast -den Anschein, als ob der sonst so kluge Staatsmann sich bei seinen jüngsten Erklärungen über die Wirkung doch verrechnet hat. Die näch­sten Stunden werden außerordentlich schwierigen Beratungen der Fraktionen der Mchrheitsparteien gewidmet sein, um die Lage so weit zu klären, daß eine offizielle neue Stellung­nahme möglich ist.

Die gestrigen nationaMberalen Erklärungen.

Berlin, 25. Sept. Nach dem Abg. Fischbeck sprach noch, wie mitgeteilt, der Abg. «tresemann. Er führte weiter aus: Auch wir stellen uns aus den Boden des Aktions­programms, das der Vizekanzler entwickelt hat. Wir müssen im Innern eine geschlossene Front haben. Man darf uns daher keinen Vorwurf daraus machen, daß wir.

nachdem sich die politische Lage geändert bat, auch unsere Stellungen entsprechend geändert haben. Das haben mehr oder weniger alle Parteien getan. Wenn die Reichsregierung und die Oberste Heeres­leitung sich auf ein Programm einigen, so werden wir — das haben wir stets erklärt — uns hinter dieses Programm stellen, über das Verhalten Belgiens zu Beginn des Krieges besteht jetzt a-er noch keine Übereinstimmung. Wir müssen einmal das gesamte Material über Belgien erhalten, dan.it wir es prüfen und zu einer klaren Beurteilung kommen können. Eine einseitige Darstellung der Dinge ist nicht nütz­lich. Jede Einmischung in die innerrussischen Ver­hältnisse lehnen auch wir ab, und zwar nicht nur aus militärischen Gründen,' sondern auch, weil unsere wohlver­standenen realen politischen Interessen dem entgegenstehen. Die Männer, die uns jetzt rufen, sind vielfach von altersher unsere Gegner, und wir haben keine Veranlassung, ihnen zur Macht zu verhelfen. Zur Macht gelangt, würden sie ihre alten ententefreundlichen Neigungen wieder betätigen. Die Zu­satzverträge zum Brester Friedensvertrag enthalten kein« Kriegsentschädigung. Alle dahingehenden Behaup­tungen sind falsch. Die vereinbarte Summe hat einen ganz anderen Charakter. Die Zusatzverträge werden von Ruß­land selbst nicht als Vergewaltigung empfunden, wie seine Zu­stimmung beweist. Die sin »ländischen Bestrebungen zur Gründung einer Monarchie baben in Deutschland nicht die Unterstützung gefunden, die die Finnen erwartet haben.

Ganz selbstverständlich dürfen dvnastifche Interessen nicht maßgebend sein.

Die Dinge müssen nach dem Wunsch der Randvölker und im Einverständnis mit ihnen geordnet werden. Die Verwirk­lichung bodenreformischer Gedanken im Baltenland sinder unsere Unterstützung. Bedauerlich ist, daß man in der deutschen Öffentlichkeit daran ist, die Grundlage unserer Friedensvolitik im Osten zu lockern. Die Abtrennung dieser Länder von Rußland ist ganz unzweifelhaft. Strittig ist nur die Frage, in welcher Form sie in Zukunft am besten bestehen; sollen.

Auch früher war es so, dass bei längerer Dauer eines Krieges die Militärs dir Grenzen ihrer Macht nicht immer beachteten.

Der Erlaß des Kriegsministers ist natüclich nicht zu billigen, ebenso das Verbot der Wahlversammlung im 1. Berliner Wahlkreis. Eine vernünftige Handhabung des Gesetzes über den Belagerungszustand würde vom Volke wohl verstanden. Was jetzt geschieht, ist unter allen Umständen schädlich.

Die überwiegende Mehrheit der Nationalliberalen steht ans dem Boden der WahlrechtSvorlage der preußischen Negierung,

billigt es aber, wenn die Regierung zunächst einmal die Entscheidung des Herrenhauses abwarteit will. Die Regierung darf aber an ihren Absichten keinerlei Zweifel aufkommen lassen. Zur Auflösung mutz geschritten werden, wenn die Notwendigkeit sich dazu er- gibt. Aber natürlich wäre eine Verständigung besser als eine Auflösung. Daß Rumänien gestattet wurde, Entente­vertreter in Jassy zuznlassen, war ein Fehler, Hoffentlich gelingt es im Einvernehmen mit der Regierung, di-e so dringend notwendige Einheitlichkeit der Front auch in der Heimat herznstellen.

Hierauf wird die weitere Aussprache auf Donnerstag­vormittag vertagt.

Im Anschluß an die Sitzung fand wieder eine vertrau­liche Zusammenkunft der Ausschußmitglieder mit Reqie- rungsvertretern statt.

Die interfraktionellen Besprechungen.

Berlin, 26. Sept. Wie das „B. T." erfährt, sind die inter­fraktionellen Besprechungen gestern abend, nachdem vorher die einzelnen Fraktionen zu Sitzungen zusammengetreten waren, ^wieder ausgenommen worden und werden fortgesetzt werden. Wenn man mit einer gewissen Berechtigung eine Zeitlang von ern-er Krise innerhalb der M-ehrheitsparteien sprechen konnte, >o darf diese Krise jetzt als beendigt angesehen werden. Da­gegen besteht die Kanzlerkrise nach wie vor.

Der beanstandete Ersatz des Kriegsministsrs.

B, A. Berlin, 26. Sept. (Eig. Drahtbericht. zb.) Bei dem in der gestrigen Sitzung des Hauptausschnsses von den Red­nern ft, scharf 'bekämpften Erlaß des Kriegsministers hänselt es . sich um ein Schreiben des Herrn v. S t e i n an die M i n i st e r des Innern der Einzelstaaten. Das vom Abg. Gröber verlesene Schreiben hat folgenden Wortlaut' Der Ober-Mi-litävbesehlshaber. Nr. 4678. 18. g. A. C Ber­lin W. 66, den 18. Juli 1918. Die Zentralstelle für Völkerrecht und die Deutsche Friedensgesellschast entwickeln wieder ein« große Propagandatätigkeit. Von beiden Stellen sind Auffor­derungen an die Ausschußmitglieder der Ortsgruppen und Vertrauenspersonen ergangen, in möglichst vielen Versamm­lungen für einen Verständigungsfrieden im Sinne der Reichs- tagsenffchließung vom 19. Juli 1917 einzutreten. Da ihren Organisationen die Abhaltung von öffentlichen Versammlun­gen nicht gestattet wird, sollen freie Bürgerausschüsse gebildet werden, um solche Versammlungen zu ermöglichen. Wo auch dieses Verfahren nicht zum Ziel führt, wird die Abhaltung ge­schlossener Versammlungen empfohlen. Vielfach sollen Ver­sammlungen, zu denen öffentlich eingeladen wird, und jeder­mann Zutritt hat, von den Behörden als geschlossene Versamm­lung gestattet -werden, falls nur die Form der Ausgabe von Eintrittskarten -gewährt wird. Die Tagesordnung soll einheit­lich lauten: Welchen Frieden braucht unser Volk? Ebenso ist für die in den Versammlungen einzubringende Entschließung ein gleichlautender Text aus^egeben -worden. Zur Gewinnung von Rednern -bietet die Deutsche Friedensges-ellschaft unter Her­ausgabe einer Rednerliste mit Themenangabe, die Vermittlung ihres Sekretariats an. Die vor geschilderte Bewegung