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Verlag Langgasse 21

„Tagbialthaus".

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Dienstag, 24. September 1918. !Dl0ÜQ0tt s 5lUSQCtb0.

Nr. 445. • 66. Jahrgang.

Bom Frieden.

Die Feinde wollen nicht verhandeln. Sie rgen das zwar nicht mit der Brutalität, wie sie Clemen- ceaus Senatsrede zum Kennzeichen hat, aber sie sagen es hinlänglich deutlich. Trotzdem wird Graf Burian vielleicht' weitere Schritte tim, getreu dem Satze in seiner Note vom 14. September, wonach der jetzt gemachte Versuch wiederholt werden kann. Dabei wird man vor­aussichtlich erleben, daß jede Bemühung, die Feinde zum Sprechen zu bringen, die Schwierigkeit einer Verständi­gung vielleicht gerade dann am stärksten beweist, wenn von der Gegenseite wirklich einmal etwas wie positive Äußerungen auf positive Andeutungen erfolgt. Das graste Nein, das jede Verhandlung von vornherein aus­schließt, ist nicht einmal das Schlimmste, was der Frie­denssache geschehen kann: schlimmer noch ist es und

wirkt es, wenn, wie gesagt, die Anfangs spur einer Unterhaltung wahrzunehmen ist und es sich gleichzeitig ergibt, daß man bei solcher Fühlungnahme nur-um so in ehr auseinander kommt.

Wir haben ein Beispiel dafür rn den Vorgängen, über die der belgische Minister des Auswärtigen jetzt einen Bericht veröffentlicht hat. Es besteht keine Ver­anlassung, zu bezweifeln, daß die belgische Regierung i n der Tat auf indirektein Wege Mitteilungen über die Absichten Deutschlands hinsichtlich der Lösung der belgi­schen Frage erhalten hat. Tie amtliche Erläuterung der belgischen Darstellung durch das W. T.-B. sagt ja auch uur, daß die belgische Regierung von der deutschen keinen formellen Vorschlag erhalten hat, und dasselbe sagt auch der belgische Minister fitr die auswärtigen Ange­legenheiten. Was er aber über die deutschen Absichten zu berichten hat, das wird unsererseits bemerkenswerter- weise nicht bestritten, es wird freilich auch nicht bestätigt, aber man kann Wohl ruhig annehmen, daß die belgische Darstellung im wesentlichen richtig ist. Aus den ten» denziösen belgischen Erläuterungen herausgeschält und rein sachlich hingestellt, bieten sich also folgende deutsche Vorschläge dar: Lösung der Sprachenfrage durch 'erbürgte Gleichstellung Flanderns und W a l I o n i e n s, Sicherheit gegen Strafverfolgungen für die Flamen, die sich in Wahrung ihrer nationalen Interessen auf unsere Seite gestellt haben, . Wiederher­stellung der früheren Handelsverträge. Wenn weiter eine Verknüpfung der belgischen Frage mit der­jenigen der zukünftigen Kolonialpolitrk behauptet wird, so gehört das schon mehr in das Gebiet der Auseinander­setzung auch mit den anderen feindlichen Mächten, bat also mit Belgien allein nichts zu tun und soll uns hier denn auch nicht weiter beschäftigen.

Überhaupt kommt es uns in diesem Zusammenhänge nur darauf an, klar zu machen, wie unendlich schwierig jede künftige Aussprache mit den Feinden zur Vorbereitung von Friedensverhandlungen fein wird und sein muß, da jede, auch die leiseste und leichteste Er­wähnung eines der unzähligen Streitgegenstände zwi­schen uns und der Entente sofort die vollkommene Un­vereinbarkeit der Standpunkte von hüben und drüben merken läßt. Man kann wohl nicht zuvor­kommender und versöhnlicher, als es mit den indirekt mitgeteilten Absichten unserer Politik hinsichtlich Belgiens geschehen ist, die gegnerische Regierung unter­richten. Schroffer, als es b-elgischerseits geschehen ist, konnte andererseits nicht geantwortet wer­den. Wir müssen erwarten, daß sich Gleiches bei jedem gegebenen, bei jedem beliebigen Anlaß wiederholen wird. Nehmen wir einmal an, es käme wirklich eines Tages dazu, daß sich etwas wie eine durch Mritelsvarteien ge- führte indirekte Unterhaltung zwisazen Berlin und Par s über die deutsch-französischen Greuzfraqen vorbereitete, oder daß zwischen Österreich-Ungarn und Italien ähn­liche Fühlungnahme stattiänden: wie kann man sich vor­stellen, daß etwas anderes dabei herauskäme als die voll­kommenste 'Gegensätzlichkeit! Und dasselbe wäre der Fall, sobald die belgischen Fragen zur Erörterung gestellt würden. Gerade der V e r st ä n d i g u n g s f r i e d e, der von unserem Vierbuuüe erstrebt wird, bat seine be­sonderen Schwierigkeiten, weil er auch auf der Gegen­seite die Großherzigkeit der Gesinnungen vor­aussetzt, an der es auf unserer Seite nicht fehlen wird. Die.Voraussetzung selbst aber ist gründlich falsch. Alle Ententemächte wetteifern darin, unsere viel zu vielen Friedensangebote und unsere Gutgläubig­keit zu verhöhnen, mit der wir an die Feinde immer noch unsere eigenen Maßstäbe legen.

Die Feinde wollen keinen Verständi- gungsfrieden, sondern einen, der mit unserer Unterwerfung unter eine uns aufgezwungeue Vernichtung endigt. Das ist das uns zugedachte Schicksal, dem wir auf den Wegen, wie sie Gras Burian uns vorschlägt, am wenigsten entgehen werden. Aber der Krieg dauert ja nach denr Willen der Feinds fort, und so werden sich diese nicht zu verwundern brauchen.

wenn sich das Blatt wendet. Der Tag wird kommen, wo sie ihre größenwahnsinnige Unerbittlichkeit zu be r e u e n haben werden.

Der deutsche Abendbericht vom 23. September.

W. T.-B. Berlin, 23. Sept., abends. (Amtlich. Drahtbericht.)

Bon den Kampffronten nichts Neues.

Die militärische Lage.

(Bon unserer Berliner Abteilung.)

-B. A. Berlin, 23. Sept. (Erg. Druhtbericht. zb.) Die letzten an der Westfront stattgefundenen Kämpfe waren für uns erfolgreicher Natirr. Die feindlichen An­griffe, die an der Siegfricdstellnng sich einen Durchbruch zum Ziel gesetzt hatten, sind hier restlos gescheitert und wir haben einen vollstüneigen Abwehrerfolg zu ver­zeichnen. Nichtsdestoweniger sind weitere Angriffe der Gegner zu erwarten, und zwar besonders der E n g- l ä n d e r, die nur einen kleinen Teil der Front inne­haben und durch Aufgabe der .Kämpfe au der Scarpe weitere Kräfte frei bekommen haben. Wo ihre Kämpfe jedoch einsetzen werden, muß .abqewartet werden.

Die Franzosen haben ihre Angriffe seit unserem Rückzug auf die Siegsriedstellung erheblich einge­schränkt. Ihr Kräfteverorauch war sehr groß. Aber auch die Franzosen haben Verbände, die sie bis jetzt eingesetzl haben, wieder herausqezogen und die Lücken mit neuen Verbänden ausgefüllt. Sie werden voraussichtlich eben­falls zu einem großen Schlage ausholen. Unsere geschickt vollzogene Räumung bei Thraucourt ist Wohl gelungen und hat uns nur wenig Lerlustc gekostet. Zu einer Aus­nutzung ihres Erfolgs waren die Amerikaner zu schwach. Sie haben aber inzwiichen den Aufmarsch ihrer Artillerie beendet, so daß weitere Kämpfe an dieser oder einer anderen Stelle beoorstehen. Alles in alleni läßt sich sagen, daß wir vor dem Spätherb st noch vor schweren Kämpfen stehen werden. Unsere Truppen sehen den Kämpfen jedoch mit großer Zuversicht entgegen, da wir uns zurzeit' in feiten Stellungen befinden, die uns weitere Abwehrerfolge sichern und für den günstigen Ausgang Gewähr bieten.

Westlich des Jordan wurde die türkische Front von den Engländern durchbrochen. Hierbei handelt es sich um einen ähnlichen Erfolg wie den, den die Engländer seinerzeit bei Gaza erreicht haben. Nur wer­den sie voraussichtlich diesmal ihren Erfolg bester aus­nutzen können, da sie erhebliche Kavalleriemassen zur Ver­fügung baben. Die dortige Lage der Türken ist also nicht leicht zu nehmen, insbesondere, da starke Aufständischenkräfte der Araber ihre Rückzugslinien be­drohen und deutsche sowie österreichische Kräfte zur Unter­stützung der Türken noch nicht in Bewegung gesetzt wer­den konnten.

*

Lord Derbys Kriegsziele.

W. T.-B. London, 23. Sept. (Drahtibericht.) Reuter mel­det aus Paris: Bei einem Festessen, das von Künstler- und Ziteratenkreisen amerikanischer und englischer Offiziere ge­geben wurde, hielt der englische Botschafter Lord Derby eine Ansprache, die zwei Hauptpunkte enthielt: 1. Daß es eine Verleumdung wäre, zu sagen, die Alliierten wären entschlossen, die deutsche Nation zu vernichten. Lord Derby fuhr dann fort: Unser Ziel und unsere feste Absicht ist es, den deutschen Militarismus zu vernichten, der nicht mehr eine Bedrohung für die Welt, sondern auch für Deutschland selbst darstellt. Der 2. Punkt, der augenscheinlich die Zustimmung seiner Zithörer fand, war, «s sollten nach seiner Ansicht die g e - schichtlichen Bauten in den Städten und Dörfern Frankreichs und Belgiens, welche durch die deutsche Brutalität beschädigt und verunstaltet wurden, nicht wieder hergestellt, sondern in ihren erschütternden Trümmern gelassen werden, als die besten Denkzeichen an ihren heldenhaften Un­tergang und als beste Lehre sür die kommenden Geschlechter, und was das Schicksal der Welt gewesen sein würde, wenn die Deutschen die Oberhand behalten hätten.

Anmerkung: Aus dem preußischen Militarismus

wird nun in England der deutsche Militarismus, und so all­mählich das deutsche Heer gleichbedeutend mit dem deutschen Volk. Die Wiederherstellung der vcn englischen Kanonen zer­schossenen Kunstdenkmäler in Frankreich und Belgien müßten die Engländer übernehmen, aber dieser Gedanke liegt ihm natürlich fern, <da es sich nur um Besitz ihrer Verbündeten handelt.

Die Opfer der letzten Luftbeschkesiung von Paris.

Berlin» 23. Sept. Das „B. meldet aus Genf: Wie das „Journal" meldet, sind zwei Personen, die während des Fliegerbombardements vom Sonntag auf Montag in Paris verwundet wurden, ihren Verletzungen erlegen. Die Zahl der Trten beläuft sich jetzt auf acht, die der Verwundeten auf achtundzwanzig. _

Torpediert.

W. T.-B. Stockholm» 23. Sept. „Allehanda" meldet: Der Dampfer „Igor" der schwedischen Ameriko-Mexiko-Linie (2200 Tonnen) wurde aus der Fahrt von Goeteborg nach den engli­schen Ostküsterthäfen torpediert. Die Besatzung wurde gerettet.

Burians Friedensschritt.

Die Antwortnote der bulgarischen Regierung.

W. T.-B. Sofia, 23. Sept. (Bulgarische Telegr.-Agent.) Die bulgarische Regierung erklärt sich bereit, Delegierte zu entsenden 'behufs Fühlungnahme mit den kriegführenden Staaten und, wenn sich die Möglichkeit bietet, behufs regel­rechter Verhandlungen. Treu deni demokratischen Ideal der Gerechtigkeit und Freiheit, an das uns die Überlieferungen unserer Wiedevgeburt, der Geist unserer politischen Verfassung und alle Hilfsquellen unseres öffentlichen Lebens binden, be­tont die Note, st r eben wir weder nach der Eroberung von Provinzen, die von fremden Volksstämmen bewohnt sind, noch nach Herstellung einer Vorherrschaft über unsere Nachbarn. Unsere Kriegsziele fassen sich einztz^und aus­schließlich zusammen in der Festigung unserer Sicherung, t-it der Verwirklichung der Einheit u n s e r e s V o l - kes in den ethnographischen Grenzen, die ihm die Geschichte angewiesen hat, die durch aus der Entscheidung der Großmächte geflossene Akte in der Vergangenheit wiederholt sanktioniert worden sind. Diese Formel datiert nicht von heute. Indem wir die aus solche Weise formulierten Ansprüche unseres Vol­kes verfolgen, baben wir -das Bewußtsein, nicht bloß an der Schaffung einer billigen und dauerhaften Ordnung im euro­päischen Orient mitzuarbeiten, sondern auch unseren loyalen Beitrag zur Gründung jener Gesellschaft der Natio­nen zu leisten, wonach die Stirnmen der zivilisierten Völker immer gebieterischer rufen. In diesem Gedankengang glauben wir die vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas geäußerte Ansicht über die Notwendigkeit, Konslikte der Bal­kanstaaten nach dem Recht der Nationalitäten zu regeln, her- vorheben zu müssen. Indem wir also die Überzeugung, daß zwstchen den im Krieg befindlichen Staaten eine Annäherung möglich stt, teilen, hegen wir die Hoffnung, daß der Schritt der k. u. k,' Regierung dazu dienen wird, das Ende des ungeheuren Kriegs, der die Menschheit in Trauer versetzt, zu beschleunigen und die Organisation des internationalen Lebens zu fördern, das auf edlen Grundsätzen beruht, deren Herauskunft die maß­gebenden Stimmen unter den großen Nationen forderten und die triumphieren zu seihen Bulgarien ganz besonders glücklich wäre.

Scharfe Kritik an Clemenceaus Borgehen.

W. T.-B. Bern, 23. Sept. Die-Beantwortung der öfter- reichisch-vngarischen Note durch Überreichung des Amtsblatts wird von der ftanzösstchen Regierung und der nationalistischen Presse mit lebhaftester Befriedigung ausgenommen. „Echo de Paris" schließt daraus, daß eine Kollektivantwort der Entente an Österreich nicht erteilt werde. Einige Blätter üben aller­dings scharfe Kritik an dem Vorgehen Clemenceaus. Die „Populaire" schreibt: Ein derartiges Benehmen sei über- l e b t ; es bekunde weder Selbstbeherrschung noch Kenntnis von -den großen sittlichen Faktoren und des genauen Begriffs von der Weltlage. — „Journal des Debüts" meint, eine solche Geste sei zwar bequemer und geistvoller als eine Antwort, die sich gleichzeitig an die Regierung und die Völker Österreich- Ungarns bätte wenden sollen. Der gelungene Streich freue diejenigen, die glauben, es genüge, ein feindliches Manöver mit Verachtung zu beantworten, doch unterstreiche die Geste die Manövrierunfähigkeit der Ententediplomatie.

Die Organisation der russischen Armee.

XV. T.-B. Wladiwostok, 23. Sept. (Drahtbericht. Reuter.) Gaida, der Führer der Tschecho-Slowaken in Sibirien, meldet, daß die Organisation der ruffischen Armee in befriedigen- der Weise vor sich gehe. 50 000 Rekruten sind mobilisiert.

Reue Attentate auf die Sowjetführer.

W. T.-B. Mosau, 23. Sept. (Drahtbericht. Wiener Korr.- Bur.) Aus Mitglieder der Sowjetregierung erfolgten wieder Attentate, die neue Repressivmatzregeln zur Folge haben werden.

Abreise der britischen Untertanen.

XV. T.-B. London, 22. Sept. Wie das Reutersche Bureau erfährt, erhielt die britische Regierung von Tschitscherin Mit­teilung über die Abreise der britischen Untertanen. Ab­machungen über die gegenseitige Heimbeförde­rung der britischen und russischen Untertanen sind jetzt im Gange. Über die Lage der britischen Untertanen in Peters­burg und Moskau liegt keine Nachricht vor) es besteht aber gute Hoffnung, daß alle wohlbehalten heraüsgekommen sind.

Die finnische Thronkandidatur.

Helsingfors, 23. Sept. (Drahkbericht.) Minister H j e l t, der am 19. Sevtember von seinem Besuch bei dem Prinzen Friedrich Karl zurück-gekehrt ist, äußerte sich sehr be­friedigend über diesen Besuch. Der Prinz bereite sich mit Ernst und großem Interesse aus seine Aufgaben vor und habe bereits- mit dem Studium der finnischen Sprache, der Geschichte Finnlands, seine Geographie und seines <Äaatsrechds begonnen.

Aus der Ukraine.

XV. T.-B. Kiew, 23. Se-pt. (Drahtbericht.) Die ukrainische Telegraphen-Agentur ist bevollmächtigt, zu erklären, daß die ukrainische Regierung sich der -wachsenden anarchistischen Agitation in der Ukraine gegenüber ablehnend verhält und beabsichtige, ihr^ entgegenzutreten mit derselben Konsequenz, mit der sie den äußersten sozialistischen Parteien entgegen-triit. — Nach der ukrainischen Telegraphen-Agentur reist die Ge­sa n d t s cha stderKr-m, bestehend aus Regierungsvertre­tern und Sachverständigen, anfangs nächster Woche nach'-Kiew zwecks Verhandlungen minder ukrainischen Regierung. — Der ukrainische Finanzminister verfügte telegraphisch, die Zoll- besichttgung aller Güter an -der Grenze einzu st eilen.