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Dienstag, 17. September 1918. MsvgeN-AUSgttÜ^. Nr. 433. * 66. Jahrgang.

FürFreiheit und Recht".

Da der amerikanische Präsident Wilson und seine Hintermänner bei der Kriegserklärung nicht wußten, wie sie ihrem Vernichtungswillen gegenüber dem aufstrebenden deutschen Volke den Schein der Ve- rechtigung geben sollten, haben sie den Kamps für dre Freiheit und das S e l b st b e st i m m u n g s r e ch t der Nationen auf die Kriegfahne geschrieben, die sie deni amerikanischen Volke bei der Unterstützung der Entente vorantragen. Wir haben gleich von Anfang an festge- stellt, daß es sich bei dieser Parole nur um amerikani­schen Humbug handle und daß ganz andere Gründe materieller Art für das Eingreifen der Vereinigten Staaten von Nordamerika in den Weltkrieg maßgebend gewesen sind. Einmal das Bestreben, die der Entente vorgeschossene Milliarden zu retten, dann der Wunsch, bei der endgültigen Auseinandersetzung auf dem Friedenskongreß in ausschlaggebender Weise vertreten zu sein, und schließlich der imperia­listische Zug, der durch die ganze neuere amerikani­sche Politik geht. Er baut sich auf der Monroedoktrin auf, ohne sich aber auf diese zu beschränken. Was die Veieiuigten Staaten von Nordamerika den E u ro­ll ä e r n und Asiaten verbieten wollen, nämlich sich in die amerikanischen Verhältnisse in irgend einer Weise einzumischen, nehmen die amerikanischen Politiker vom Schlage Wilsons gegenüber Asien und Europa für sich in Anspruch. Durch ihre ostasiatische Politik stehen die Amerikaner immer aus halbem Kriegs­fuß zu Japan, und da Wilson und Laming letzt als amerikanische K r i e g s z i e l e die Abtretung Elsaß-Lothringens an Frankreich und die Zer- t r ü m m e r u n q Österreich-Ungarns aujge- stellt haben, ist es vollauf verständlich, wenn nun ihnen gegenüber von europäischer Seite die Rufe:Hände

weg!" undEuropa den Europäern" ertönen. Wenn Recht Recht sein soll, dann muß das, was für die Ver­einigten Staaten recht und billig ist. auch für Europa Geltung haben. Der amerikanische Imperialismus ist aber anderer Meinung. Seiner englischen Abitamniung entsprechend erkennt er die Freiheit und das Recht der Selbstbestimmung der Völker nur insoweit an, als diese Ziele nicht mit den eigenen Interessen irgendwo in Widerspruch stehen. Ist das aber der Fall, so verlieren alle nwralischen und ethischen E'nwände ihre Bedeutung.

Wie cs um die F r e i h e i f und das Selbst- b e st i m m u n g s r e ch t der Völker in deinfreien" Amerika bestellt ist, darüber dringen recht merklvürdige Nachrichten immer wieder nach Europa. Die Frie­be nspropaganda wird mit barbarischen Strafen unterdrückt. So wurde neuerdings ivieder eine ganze Reihe- von Arbeiterführern, die gegen die Kriegspolitik Wilsons agitierten, zu langen Gefändnis- strafen verurteilt. Vierzehn Arbeiterführer wurden zu zwanzig Jahren Gefängnis, je 33 zu zehn und fünf Jahren und 12 zu je einem Jahr Gefängnis verurteilt. Aber nicht genug damrt, sucht Präsident Wilson auch die kommenden Wahlen unter den geltenden Kriegs­gesetzen für sich auf alle Fälle günstig zu gestalten, in­dem er alle jene Kandidaten, von denen er nach ihrer Wahl Opposition gegen seine Politik erwartet, schon von der Kandidatur auszuschließen bemüht ist. Er sucht also dasselbe Verfahren, das in Kuba, Haiti und Panama gegen die der anierikanischen Krieqspolitik un- günstig gesinnten Parlamente angewendet wurde, nun auch auf die Vereinigten Staaten selbst zu übertragen. Die immer stärker werdende Opposition gegen diese politische Diktatur Wilsons läßt es allerdings zwei­felhaft erscheinen, ob er mit seiner Gewaltpolitik nicht doch an dem freien Geist des amerikanischen Volkes scheitern wird. ,

Durch ihr Eintreten für dieunterdrückten" slawi­schen Völker in Österreich-Ungarn und durch die Aner­kennung des tschecho-slowakischen National- rates als souveräner Regierung und der tschecho-slowakischen Truppen in Rußland als krieg- führender Macht, die von einem amerikanischen Staats- sekretär Lansing verkündet wurde, möchte die amerika­nische Regierung den Anschein erwecken, als ob tatsäch­lich die Tschechen. Sloivenen, Polen usw. in Österreich- Ungarn geknechtet würden. In Amerika mag man ja auch in weiten Kreisen des Volkes derartiges für wahr hinnehmen, während doch in Wahrbeit wohl in k e i n e m anderen Lande die Nationalitäten so große Rechte und Freiheiten besitzen wie in Ö st e r- reich-Ungarn. Für sie ist die Wahl von Abgeord­neten in das Parlament sichergestellt. Es bestehen in allen Kronländern eigeneLanötag''. auch das zu Ungarn gehörige Kroatien besitzt einen solchen, und schließlich ist das Recht auf die Muttersprache durch den nationalen Schulunterricht und durch die nationale Amtssprache gewährleistet. Wie aber sieht es in den Vereinig­ten Staaten aus? Dort hält man die Deutschen Und die anderen Nationalitäten mit Ausnahme der

Iren, soweit es nur immer möglich ist, von den Staats­ämtern ferne, und jetzt wird sogar der deutsche Unter­richt in den Schulen verboten. Aber nicht genug da­mit, man geht gleich radikal in den Vereinigten Staaten vor und verbietet außer deni Unterricht in feindlichen Sprachen auch den in der Sprache neutraler Länder. So hat die schwedische Presse Gelegenheit genommen, sich gegen die Unterdrückung schwedischer Schulen, in Nordamerika zu wenden. Die englische Einheits­sprache soll allgemein cingeführt werden. Und die­selben Amerikaner, die gegen Deutschland zu Feld ziehen unter dem Vorgeben, die Freiheit und das Recht der kleinen Völker wahren zu wollen, scheuen sich nicht, die amerikanischen Staatsbürger schwarzer Abstammung außerhalb Recht und Gesetz zu stellen und gegen sie nach wie vor dasLynchre ch t" gelten zu lassen. In Louisiana wurden im Jahre 1017 vierzehn Neger ge­lyncht, ohne daß ihre Mörder bestraft wurden, und drs- selbe war in Texas der Fall, wo 17 Lynchmorde vorge­kommen sind, von der sonstigen bürgerlichen Zurück­setzung der Neger durch die Weißen in Amerika ganz zu schweigen. So sieht der Kampf Wilsons und seiner Freundefür Freiheit und Recht" in Wirklichkeit aus. _

Graf Burmas Friedensnote.

Amerikas Antwort: Gewalt!

W. T.-B. New N»rk, IG. Sept. (Drahtbericht. Meldung des Reuterschen Bureaus.) Der Vertreter der Associated Pcesi in Washington telegraphiert' Die Ansicht der amt­lichen Kreise gegenüber dem österreichisch-ungarischen Vorschlag auf eine Besprechung des Friedens ist folgende: Österreich-Ungarn ist im Zusammenbrechen. Anstatt die Zeit mit einem Friedensgeschwäh zu vergeuden, das schlimmer c !3 nutzlos sein würde, ist es jetzt die richtige Feit, es aufs härteste zu treffen. So lange eine förmliche Besprechung des österreichisch-ungarischen Vorschlags nicht möglicb ist, da der amtliche Wortlaut noch nicht eingegangen ist, koll doch von befugter Seite festgestellt werden, daß jeder Schritt, der von den Bereinigten Staaten getan werden könnte, im »Einver- ständnis mit den Alliierten geschehen wird. Anitliche Regie­rungskreise lassen bekannt werden, daß gegenüber der in der Presse erschienenen Fassung des österreichisch-ungarischen Angebots nuc eine Antwort möglich ist: Das lei der Schluß­satz aus Wilsons Rede in Baltimore im April. Desh-ilb ist für uns nur eine Antwort hierauf möglich: Gewalt! Gewalt bis zum Äußersten! Gewalt ohne Begrenzung und Beschränkung!

Deutsch-offiziöse Worte zur amerikanischen Abweisung.

Sr- Berlin, 16. Sept. (Eig. Drahtbericht, zb.) Di? Norddeutsche Allgemeine Z e i t u n g" schreibt übe: die Aufnahme der österreichisch-ungarischen Friedeusnote in W a sh i u g t o n : Diese vorschnelle Abweisung des Wieue- Schritts kommt nicht überraschend. Die Am e r i k a n e r wollen damit ihren Alliierten den Ton angeben. Für sie bleibt selbstverständlich das Ziel, das sie sich gesteckt haben, un­verrückbar, und dieses Ziel können sie nur mit Gewalt er­reichen. Sie predigen nach wie vor Gewalt, mit deren Hilfe Europa in Trümmer gehen soll. Man wird abwarten, ob die Verbündeten der Vereinigten Staaten sich von diesem Ge­malt r a u s ch auch weiter beherrschen lassen wollen, oder ob sie sich darauf zu besinnen beginnen, daß ein bis ins Unend­liche getriebener Krieg alle europäischen Teilhaber an den Rand des Verderbens führen und nur einen Kriegs­gewinnler zurücklassen wird, der dann die Erbschaft der Zusammengebrochenen antreten möchte.

Die Besprechungen beim Reichskanzler.

B. A. Berlin, 16. Sept. "Eig. Drahtbericht. zb.) Wie wir hören, sind die Mehrheitsfraktionen am gestrige» Tage zu keiner Sitzung zusa'mmengetreien, sondern wollten erst heute vormittag 10 Uhr die inrerfraktionellen Besprechungen wieder aufnehmen. Man will auch weiter sie mög- l'chft schleunige Einberufung des Hauptausschusses des Reichs­tags betreiben. Die Mehrheitsparteien würden den Aus­schuß bereits gern für Ende dieser oder für Anfang nächster Woche einberufen sehen, um die schwebenden Fragen, noch ehe weitere Verwicklungen eingetreten sind, dort besprechen zu können. Heute wird auch der Kanzler die übrigen Fraktionsführer, so weit sie gestern nicht bei ihm waren, empfangen.

Sr. Berlin, 16. Sept. (Eig. Drahtbericht. zb.) Die Regierung hat, wie jetzt gemeldet wird, auch die Minderheits­parteien des Reichstags über ihre Ansichten zur ö st e r - reichisch - ungarischen Friedensnote informiert. Die Abgeordneten Stresemann als Vertreter der National- liberalen, Graf Westarp für die Konservativen und Ha,sc für die unabhängigen Sozialdemokraten wurden heute mittag vom Reichskanzler empfangen und hatten eine längere Unter­redung mit ihm. Später empfing der Reichskanzler sie Staatssekretäre Wallraf, Graf Roedern und v. H'ntze.

Ablehnung auch in Frankreich.

Sr. Bern, 16. Sept. (Eig. Drahtbericht. zb.) Wie die Basler Nachr." melden, faßt man in Paris den neuen Schritt der Wiener Regierung als die erwartete Friedensoffensive auf. Die Presse lehnt es ab, daß in irgend welche Verhand­lungen eingetreten werde. Man wisse zwar hier so gut wie auch anderwärts, daß die Welt den Frieden wünsche und nötig h-i:>e, aber der Friede, den die Mittelmächte wünschten, sei nicht

der, dessen die Welt bedürfe. Nicht darum handele es sich, zu wissen, welche Kriegspartei der Welt zunächst den Frieden verschaffe, sondern darum, welche einen gerechten und dauer- hcften Frieden bringe. Die Entente sei überzeugt, daß demokratische Grundsätze die Welt regieren müssen, und daß nur ein von ihr d i k t i e r t e r Friede der Welt endlich Ruhe verschaffen^ könne.

Die Meinung in Budapest.

Sr. Budapest, 16. Sept. (Eig. Drahtbericht. zb.1 Bezüg­lich der Aussichten der FriedenSanrcgung ist man sich in maßgebenden politischen Kreisen darüber klar, daß die StaatSmänner der Entente heute weniger als je geneigt sein werden, in Friedenserörterungen einzu­treten. Man nimmt aber an. daß es ihnen schwer fallen wird, unverbindliche Besprechungen, wie sie von Burian vor­geschlagen wurden, von vornherein zurückzuweisen, und glaubt, daß zumindest bei den parlamentarischen Gruppen der feindlichen Länder, die schon lange für Frie­denserörterungen einrreten, der Schritt Buricms un­zweifelhaft Sympathie auslösen wird und daß der Friedensgedanke in der Welt duccb diesen Schritt eine Stärkung erfährt.

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Dr. Solf beim bulgarischen Ministerpräsidenten.

W. T.-B. Sofia, 16. Sept. (Drahtbericht.) Die Bul­garische Agentur meldet: Staatssekretär Dr. Solf hatte

gestern eine lange Unterredung mit dem Minister­präsidenten M a l, n o f f. Heute besuchte Dr. Solf den Ministervräsidenten von neuem, darauf den Finanzminister Liaptscheff; nachmittags wird der Staatssekretär im Schloß empfangen. _

Neue feindliche Angriffe gescheitert.

W. T.-B. Berlin, 16. Sept., abends. (Amtlich. Draht­bericht.) Erneute Angriffe deS Feindes zwischen Ailette und Aisne sind im Großen gescheitert.

Bon den anderen Kampffronten nichts Neues.

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Das Urteil des österreichischen Kriegsministers

W. T.-B. Wien, 15. Sept. (Meldung des k. k. Wiener Korr.-Bur.) Im Laufe der dem Vertreter derNeuen Freien Presse" gewährten Unterredung eckläcte der Kriegsminister v. Stöger-Steiner u. i.: Durch den Fruedensschlvß mit Rußland fanden wohl die Kampfhandlungen im großen an dieser Front ein Ende, aber die auch beute noch "unge­klärten Verhältnisse und fortdauernden Wirren im Innern Rußlands zwingen uns, wachsam zu sein und ansehnliche Kräfte an dieser Front weiter zu erhalten. Die trotzdem an der Oftgrenze freigewordenen Formationen mußten ober der Südwestfront zugeführt werden, n.n das dorr bis dahin sehr zu unseren Ungunsten vorhandene Kräfteverhältnis auszugleichen. Eine tatsächliche Reduzierung der Armee im Felde konnte also nicht eiutreten, wohl aber ivuröe die Kampf­front kürzer. Die stets zunehmende Intensität der Kampf- fiihrung ließ aber keine Materialersparnis zu. Auf die Frage, welches Urteil der Kriegsminister über die militärische Lage im Westen habe, erwiderte er: Der französische Angriff zwischen der Ancre und der Avre war zweifellos sehr ge­schickt vorbereitet worden und yat die deutschen Truppen einigermaßen überrascht, demenrsprechend auch einen Achtungserfolg gezeitigt, den auch mein preußischer Kollege gelegentlich alsSchlappe" bezeichnet bat. Dies? Aufrichtig­keit rechtfertigt schon die größte Zuversicht. Die Deutschen zogen radikal aus der eingetretenen Lag? die günstigste Kon­sequenz. Bei steter und intensivster Abnutzung der fortgesetzt scb/'er angreifenden feindlirbcn Masten nahmen sie ihre Hauptkräfte auf die starke tiefgeglicdcrt? Winterstellung von 1G!7/18 zurück, wodurch nicht nur erhebliche Kräfte durch die kürzere Linie frei wurden, sondern auch dem Feinde ein Kampfgebiet aufgezwungen wurde, in dem das voraussichtliche Überwintern um so mehr Schwierigkeiten be- leiten wird, als es den Deutschen meisterhaft glückte, lei dem planmäßigen Zurückweichen sämtliches Material zu eigenem Nutzen zu bergen. Bei diesem Manöver gelang es der deut­schen Zähigkeit, dieselbe Strecke durch die Nachhuten viermal so lange zu behaupten, als die Hanptkräfte des Feindes uw Frühjahr dies unseren Verbündeten gegenüber vermochten. Aus dieser kurzen Darlegung oe: letzten großen Ereignisse kann wohl jeder ersehen, daß die Initiative nach wie vor bei den Deutschen verblieb, und zwar in taktisch vorteilhafterer Art, da die empfindlichen Ausbauchungen der ganzen Front Wegfällen. Nun stehen beide Parteien vor neuen Enischlüflen. Ich glaube, man braucht kein Stratege zu «ein. um mit einem Blick auf die Kart? zu erkennen daß nns:re Bundesgenosse r hierbei den hoffnungsvolleren Einsatz babeu.

Die Räumung des Bogens von St. Mthiel.

W. T.-B. Berlin, 15. Sept. Wie zu erwarten war, sucht die gesamte Entcntepresse die Operationen bei St. Mihi'el, wobei die erste amerikaniscbe Armee unter Führung des Generals Pershing zum erstenmal geschlossen ins Gefecht trat, zu einem großen Erfolg zu stempeln. Die hieran geknüpften Erwägungen und Hoffnungen über den Kampf­wert geschloffener amerikanischer Verbände sind jedoch min­destens verfrüht, da die deutsche Führung die Entscheidung nicht durchkämpfte, sondern auf die vorbereitete, Sehnen - stellung zurückging, sobald die seit Tagen eingeleitete Räumung durchgeführt war. Trotz aller Beute- und Sieges­meldungen ist der Amerikanern die Störung des Abzuges der Deutschen aus dem Raume St. Mihiel nicht gelungen. Um diesen ernstlich zu gefährden, müßten die Amerikaner .mb Franzosen im Norden zum mindesten die EombreS-Höhe halten, im Süden über Thiaucourt hinaus Vorstoßen. Die Combres-Höhe wurde jedoch Wiede; genommen und un Süd«»