Verlag Langgafle 21
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Mittwoch, 11. September 1918.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 423. * 66. Jahrgang.
Wege zum Frieden?
O Berlin, 9. September.
Nach den Mitteilungen des „Vorwärts" über den gescheiterten Friedensversuch, von dem der holländijch-e Sozialdemokrat Troelstra vor kurzem gesprochen bat, steht es fest, daß die Reichsleitung von den Schritten unterrichtet gewesen ist, die die Abgq. Fehrenbach, Haußmann und Ebert im Januar dieses Jahres unternommen hatten. War aber der Reichskanzler unterrichtet, so hatte das Vorhaben der Vertreter der drei Mehrheitsparteien auch seine Billigung. Der „Vorw." spriclst es deutlich aus, daß man auf unserer Seite bereit war, an die Stelle der Brester Friedensverhandlungen, die erst später stattfanden, allgemeine Friedensverhandlungen treten zu lassen. Erst die Weigerung der En- tentestaatsmänner, in solche Verhandlungen einzutreten, führte zu dem Brester Sonderfrieden. Uber weitere Mitteilungen aus der Schweiz, betreffend die Absichten der deutschen Mehrheitsvertreter, schwÄgt das sozialdemokratische Blatt. Man kann also nichts dazu sagen, wenn in einem Berner Blatte behauptet wird, die „deutsche Vertretung" sei bereit, eine genaue Aufklärung von den Gegnern entgcqenzunrhrnen, die Aufschluß zu geben hätte über das, was sich Wilson und der Verband unter der Forderung eines Systemwechsels in Deutschland vorstellen. Ties Berner Blatt glaubt offen sagen zu sollen, daß, abgesehen von einer etwaigen extremen Forderung einer deutschen Republik, bei den Politikern, die in dieser Sache auf deutscher Seite die Führung haben, aufrichtige und ehrliche Neigung zu weitestgehendem Entgegenkommen bereiche. Wie schon bemerkt, über diesen Punkt der Eröffnungen, mit denen wir aus der Schweiz und mich aus Holland überrascht werden, äußert sich der „Vorw." bisher nicht, obwohl er doch wissen könnte, was an diesen bestiminten Angaben zutrifft und was nicht. Mindestens jedoch darüber möchte man unterrichtet sein, ob die Berner Meldung stimmt, nach der der Versuch zur Verständigung fort- dauert. Es ist schon zu glauben, daß das geschieht: denn das läge durchaus in der Richtung der werbenden und zum Teil schon sich fühlbar machenden Vorgänge, mit denen sich trotz des ungeheuren Ringens im Westen die Einstellung der kriegführenden Mächte auf eine zum Friedensschluß hinneigende Grundrichtung vorbereitet. Ganz gleichgültig ist es am Ende wohl auch nicht, wenn Talaat-Pascha soeben in Wien einem Zeitungsvertreter erklärt hat, der Krieg werde noch vor dem Winter zu Ende sein, weil er sich gleichsam erschöpft habe und weil aus allen Seiten die Einsicht durchgedrungen sei, auf den Schlachtfeldern könne keine Entscheidung mehr erreicht werden. Freilich ist es bei dem hochmütigen Starrsinn, mit dem die Feinde bisher die Friedensfrage ver- sichtlich abgetan haben, sehr viel wichtiger, welche Stimmen drüben laut werden, aber auch in dieser Beziehung kann man einen leisen Fortschritt gegen früher wahrnehmen, und wenn Lord Cecil bei seiner Deutung der Solfschcn Rede gewiß weit hinter dem zurückblieö, was wir erwarOn durften, falls in England der Verständigungswille schon durchgebrochen wäre, so bedeutete die Antwort des britisclien Staatsmannes doch einen merklichen Rückzug von den herkömmlichen Frechheiten eines Lloyd George und anderer englischer Kabinettsmitglie- der. Die zurückhaltende Sprache Lord Cecils ist sogar gerade darum beachtenswert, weil dieser edle Lord selber vormals das Äußerste an unserer Verunglimpfung leistete, wie denn z. B. von ihm das Märchen gestützt worden ist, wonach wir aus Leichen Fett auskochen sollen, eine Geschichte, die von den Engländern planniäßig im Orient verbreitet worden ist, um dort den Abscheu gegen uns noch zu steigern. Denn jetzt also auch in London ein anständigerer Ton angeschlagen wird, so mag cs schon sein, daß der entscheidende Grund in der wachsenden Besorgnis vor einer Überflügelung Großbritan. niens durch das immer mehr erstarkende Amerika zu suchen ist. Es wäre psychologisch ganz gut zu verstehen, daß sich die englische Politik gerade in dem Augenblick, wo die Partie militärisch nicht ungünstig sür Japan steht, zur Verständigung mit unserem Vierbundc bereit zeigt, teils in der Überzeugung, mehr als das jetzt Er- reichte doch nicht zu erlangen, namentlich aber aus der Erwägung heraus, daß eine Fortdauer des Krieges, wie er auch ausgehen mag, mit der Schwächung Europas auch die Schwächung Großbritanniens und den beschleunigten Aufstieg der Vereinigten Staaten bringen müßte. Nun wird die Rede des Staatssekretärs Sols durch den Grafen Czernin in einer Weise auSgelegt, unterstrichen, vertieft und znm vraktischen Gebrauch zurechtgemacht, daß man auf die Wirkung aespannt sein darf, die der österreichische Staatsmann mit seiner un- gewöhnlichen Kundgebung erzielen wird. Es macht nicht, viel aus, daß Graf Czernin gegenwärtig nicht im Amte ist. Wäre er es noch, so hätte er ja mit dieser * außerordentlichen Deutlichkeit überhaupt nicht sprechen können, daß er aber so deutlich spricht, das ist doch nur
möglich, weil er die Gewißheit haben kann und zweifellos auch wirklich besitzt, daß sein offenes Wort an den leitenden Stellen zunächst seines eigenen Staates, aber auch in Berlin gebilligt wird. Graf Czernin würde einen großen Schritt zum Frieden darin erblicken, wenn die Mittelmächte die Grundprinzipien der neuen Weltordnung ausarbeiten und damit vor die Welt treten wollten, wenn sie sich also für Abrüstung, Völkerbund und Schiedsgericht einsetzen wollten. Graf Czernin behandelt es als erwiesen, daß sich „maßgebende Stellen des Berliner Kabinetts" heute öffentlich zu diesem Gedanken bekennen, also will er daraus in der vorgeschlagenen Richtung die Folgerungen gezogen wissen. Freilich ist e? dem österreichischen Staatsmann außer Zweifel, daß den Staatsmännern der Entente ein Völkerbund vorschwebt, der ihnen selber ein Übergewicht sichern soll, der deshalb für unseren Vierbund in dieser Form nicht annehmbar sein würde, aber, so fügt er hinzu, es werde sich doch wohl eine Formel finden lassen, die allen Staaten gleiche Rechte und glmche Pflichten auferlege. Gewiß, solche Formel kann gefunden werden, leicht sogar, nur daß sich fragt, ob den englischen Meistern der Wortverdrehunqskunst damit gedient wäre, und ob sie nicht zebn oder zwanzig Mittel und Wege batten, sich aus der Schlinge herauszuziehen, wenn diese ihnen selber unbeguem werden sollte. Bis heute jedenfalls ist da? Schlagwori vom Völkerbund immer nur gegen uns verwandt worden, niemals so. daß wir als Gleichberechtigte in seinem Sinn und seine Geltung einbezogen werden sollten. Das weiß, wie gesagt, auch Graf Czernin, und er spricht es ja auch aus. Gleich- wohl hat er aute Hoffnungen. Wir wollen sie ruhig teilen, wir sehen znm mindesten keinen Schaden darin, wenn wir sie teilen, aber wir wollen doch erst sehen, was drüben auf unsere Zustimmung geantwortet wird.
*
Eine sozialdemokratische Stimme.
Köln, 10. Sept. Die sozialdemokratische „Rheinische Zeitung" vom 9. d. M. enthält einen „Vom Frieden reden" überschriebenen Artikel, in dem sie die Friedensmöglichkeiten bespricht und zu dem Schluffe kommt: „Man kann im gegnerischen Ausland „schon" vom Frieden reden, in Deutschland „noch". Die Situation würde sich freilich mit einem Schlage ändern, wenn die Gegner den Eintritt in Friedensverhandlungen von Bedingungen abhängig machen würden, di? für Deutschland entwürhiaend und unerträglich wären. In einem solchen Fall- würde die Friedensneigung des deutschen Volkes hinter den Willen zurücktreten müssen, seine Verteidigung bis aufs äußer st e fortnnsetzen. Darüber soll sich insbesondere die ausländische Sozialdemokratie nicht täuschen, der unter >en gegenwärtigen Umständen eine sehr wichtige Rolle zufallen kann Wir sind also nach wie vor bereit, vom Frieden zu reden unter der Voraussetzung, daß hierbei den wirklichen Tatsachen Rechnung getragen und der erst erträumte, noch lange nickt errungene Zerschm.ette- rungssieg der Gegner uichr vocweqgenommen wird. Wir sind bereit, vom Frieden zu reden als unbesiegtes Volk."
Engländer und Franzosen abgewiesen.
W. T.-B. Berlin, 10. Sept., abends. (Amtlich. Drcchtbericht.)
Südlich der Straße Peronne-Eambrai wurden ernente Angriffe der Engländer, beiderseits der Straffe H a m - St. Quentin Teilangriffe der Franzosen abgewiesen. Örtliche Kämpfe an der Ailette.
Der Untergang von Douai.
(Von unserem Kriegsberichterstatter.)
Großes Hanvtquartier, 8. Sept Als ob ein rächendes Schicksal den ganzen Raub, den einst das übermütige Frankreich an Flandern begangen und aus dem es so großen Gewinn gezogen hat. mit der Vernichtung von Fran- zösisch-Flandern ahnden wolle, ist jetzt nach Arras und Armentiöres, Lens und Cambrai, St. Omer und Dün- kiichen auch Douai in die Zerstörungsgrenz« gerückt. Was iie Fliegerbomben der Entente an der reichen Geschäfts- und Bergwerkstadt begannen, vollenden jetzt die schweren Flachfeuergeschütze der Briten, die sich von der Vimy- und Loretto- höhe ans planmäßig ans die unglückliche Stadt einschießen, die in absehbarer Zeit ein wüster, toter Fleck auf der Landkarte sein wird wie St. Ouentin, Bapaume, Pcronne und Sciffcns. Schon klaffen Granatenbreschen im Kuppeldach der wachsigen Hauptkirche von St. Peter. Ein Lazarett wurde getroffen, viele der mit Kaubarkeiten angefüllten Palais der Minenbesitzer Nordfrankreichs, deren reichste hier wohnten. sii:d Trümmerbausen. Die Zerstörung schreitet stündlich forr. Indem die Engländer hier ihren französischen Verbündeten wieder eine offene Stadt zusammenschießen, in der ans fünfzig Franzosen kaum ein deutscher Soldat ist, führen sie in Wirk- lichkeit einen Wirtschaftskrieg fort, der lange vor dem Kriege ansgebrochen w«r, den Kampf der neidischen englischen Montanindustrie geigen die Konkurrenz des nordfrnn^ zwischen Kohlenbergbaus der in Douai seinen geschäftlichen Mittelpunkt hat. Jede Granate, die ein Geschäftshaus trifft oder eine der kohlenfördernden Fassen außer Betrieb setzt, verlängert nach dem Krieg? die Jahre, in denen Frankreich nach britischem Willen auf di? englische Kohlenein - fuhr angewiesen sein soll. Schweres Unglück ist über die Bevölkerung hereingebcochen, d-e vier Jahre lang den Krieg in der Nähe erduldet hat und jetzt mit dem verzweifelten Worte „Wir sind geopfert" mrterleben muß, wie ihre stolze
schöne Stadt durch die Verbündeten Frankreichs ansgelöscht wird aus der Liste der menschlichen Wohn- und Arbeitsstätten, W. Scheuermann, Kriegsberichterstartea
Ein finnisches Urteil über den Rückzug.
W. T.-B. Helftngfors, 10. Sept. Mer die moralische Wirkung des deutschen Rückzug? schreibt „DageaS Preß": Die La-ge ist für dir ©ntewte geeignet, tmt lärmende Pro>ps-anda zur Stärkung des eigenen Glaubens zu machen. Diese Propaganda .steigert sich in der letzten Zeit zu einer grellen, ohrenbetäubenden Nigger-Musik. Sie paßt gut zu den neuen Verhältniffen, unter denen die FockHche Armee ihr Gepräge von den Söhnen Barrmm«, den Senegaknegern und -ndereü farbigen Kriegern aller Schattierungen erhält. Mit dem Naturtrieb der Wilden glauben sie, _ viel Lärm fei geeignet, die bösen Geister in die Flucht zu jagen. Jetzt erhebt die Entente alle Stimmen, um den Gegner geistig zu vernichten, bevor er physisch besiegt wird. Hindembuvg ist ein Spezialist der Rückzüge. Die für die Entente so außerordentlich wichsige Rücksicht auf das Prestige :st chm ftemd. Sein Handeln steht unter anderen Gesichtspunkten. Noch wird die Entente einige Zeit jubeln, aber der Umschlag ist zu. erwarten.
Prinz Adalbert von Sachsen-Weimar gefallen.
W. T.-B. Berlin, 10. Sept. In den letzten Kämpfen an der Westfront ist Prinz Adalbert von. Sachs«< Weimar, Rittmeister im Kürassier-Regiment Königin (Pommersches) Nr. 2, gefallen. Der Prinz ist ein Sohn des in Heidelberg lebenden Prinzen Wilhelm von Sachsen- Weimar.
Baker und Diaz in Frankreich.
W. T.-B. Bern, 10. Sept. Der „Matin" teilt mit, daß der amerikanische Kricgsminister Baker augenblicklich in Frankreich weilt. Der kurze Besuch d«S Generals Diaz wiro mit der Anwesenheit Bakers in Verbindung gebracht.
Wieder eine Anzahl Franzosen gefangen gesetzt.
Br. Schweizer Grenze, 10. Sept. (Eig. Drahtbericht, zb.) Das „Berner Jntelligenzblatt" meldet aus Paris: Nach einer hier eingetrcffenen Meldung wurde aus den Sitz der französischen Militärmission in Moskau ein neuer Überfall verübt und eine Anzahl Franzosen gefangen gesetzt. Die französische Regierung erklärte, die Volkskommissare persönlich für jede Gewaltmaßnahme gegenüber ftanzüstschen Staatsangehörigen veranbwortlich zu machen.
Chinesen als Wache der Regierungsgekände.
Br. Moskau, 10. Sept. (Eig. Drabtberickt. zb.) Seit einigen Tagen stehen sämtliche Regierungsgebände ausschließlich unter Bewachung von chinesischen Truvpen, da die finnischen und lettischen Regimenter, die bisher die Leibwache der Volkskommissare bildeten, an die Front abgegangetl sind. Die chinesischen Regimenter rekrutieren sich hauptsächlich aus Arbeitern, die früher «m der Murman- bchn beschäftigt waren.
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 10. Sept. Amtlich verlautet: An zahlreichen Stellen der italienischen Front lebte beiderseits die Erkundungstätigkeit auf.
, Der Chef des Generalstäbs.
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Die reichsdeuischeu Pressevertreter in Wien.
W.T.-B. Wien, 10. Gebt. Bei dem EmpfangSabend, den der Wiener Journalisten- und Schriftsteller-Verein ,.C « n c o r d i a" beute zu Ebren der in Wien weilenden Vertreter der reichsdeuti'chen Presse veranstaltete, begrüßts zunächst der Präsident des Vereins, Dr. Ehrlich, die Gäste, worauf der Minister des Äußern Graf B n r i a n eine Ansprache hielt, worin er die „hochverehrten Herren Vertreter der deutschen Presse" im Namen der gemeinsamen Regierung wärmstens willkommen hieß und seiner Freude darüber Ausdruck verlieh, daß ihm dadurch Gelegenheit gegeben sei, einen Zoll dankbarer Anerkennung abzustatten für die wahrhaft bundesbrüderliche Haltung der Deutschen Österreich- Ungarn gegenüber während des ganzen Krieges Zum Schluffe sagte Graf Burian: „Den Wunsch möchte ich heute in dieser auserlesenen Gesellschaft zum Ausdruck bringen, daß eS einer harmonischen, vertrauensvollen und zielbewnßten Zusammenarbeit von Diplomatie und Preise gelingen wird, die alt- glänzend bewährte Freundschaft zwischen Lsterreich-Ungarn und dem Deutschen Reiche zu fördern, zu festigen und zu vervollkommnen zum Heile unserer geliebten Heimatlande."
YV. T.-B. Wien, 10. Sept. Die „Wiener Allgemeine Zeitung" widmet den reichrdentschen Pressevertretern einen Begrüßungsartkkel, worin anSgesnhrt wird, daß „in dem Besuch das schöne Verhältnis d y r Gegenseitigkeit zutage tritt, die in vier Jahren des Weltkrieges die Presse des Deutschen Reiche? und unserer Monarchie um «in großes und hehres Ziel vereinigt. Es war nicht zum geringsten Teil die Tat der beiderseitigen Preffe. die die Beziehungen der benachbarten Völker hegte und pflegte. Sie werden bei jedem Schritt in unserer Stadt fühlen, oatz hier der gleiche Atem wahrer Treue und echter Fuvefficht webt, daß dev Gruß, der ihnen entgegenhallt, die Gewißheit des guten Ausganges ans aller Verwicklung und der Not der letzten Jahre ist."
YV. T.-B. Wien, 9. Sept, Der deutsche Botschafter Graf Wedel und Gemahlin hatten für den Nachmittag die in Wien weilenden Vertreter der reichsderüschen Presse zum Tee geladen. Zum Empfang waren auch der sächsische Ge. sandte, der bayerische Geschäftsträger, die Spitzen der Behörden und Vertreter der Wiener Presse erschienen sowiq eine Anzahl hervorragender SchriktstellLr
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