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lNorgen- 5 lusgabe._
Soitntog 5 8. September 1918,
Nr. 419. ♦ 66. Jahrgang.
mm
wahlresorm und Krone,
O Berlin, 6. September.
Man hat bisher nickst erfahren, wie die Rede des Grafen Hertling im Wahlreformausschuß des Herrenhauses ausgenommen worden ist: man rann sich aber leicht vorstellen, daß sie eine starke Bewegung her- vorgerufcn hat, bei den freunden der Wahlresorm nicht weniger als bei ihren Gegnern. Es wird besonders der Hinweis des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten auf den Zusammenhang zwischen der Vorlage und dem B e st a n d e von Krone und D y n a st i e gewesen sein, der den Mitgliedern des Ausschusses und den ebenfalls zahlreich zuhörenden Mitgliedern des Plenums zu Lenken gegeben haben muß. Die Staatsregierung verdient jedenfalls die Anerkennung, daß sie sich über die unermeßliche Wichtigkeit der Wahlreform, frage klar bis ins Letzte ist. Ähnlich wie jetzt Graf Hertling hat auch der Vizepräsident des Staats- ministerums Dr. Fried b erg schon im Abgeordneten- hause gesprochen, aber doch nur ähnlich und nicht niit derselben scharfen Bestimmtheit. Es ist nichts Geringes, wenn ein Mann wie der Reichskanzler, der seine Worte zu wägen weiß und der sich auf diese Rede im Ausschuß des Herrenhauses selbstverstänolich sorgfältig vorbereitet hatte, die Notwendigkeit empfindet, mit einer kaum zu übertreffenden Deutlichkeit zu betonen, daß es sich nach seiner Überzeugung jetzt um die Erhaltung von Krone und Dynastie han- delt. Kein Herrenhausniitglied, das es ernst mit seinen Gewisscnspflichten nimint, lvird behaupten dürfen, Graf Hertling habe, um die Zustimmung zur Wahl- reform zu erpressen, Schreckgespenster an die Wand gemalt, sondern jeder, auch der heftigste Gegner der Vor- läge wird sich fragen müssen, ob die Staatsregierung nicht doch wohl im Besitz von besseren, zwingenden Beobachtungsmöglichkeiten ist, die es eben rechtfertigen, eine so merkwürdige Vorhersage für den Fall eines Scheiterns der Wahlreform zu wagen. Man muß immer bedenken, daß Graf Hertling in seinem Herzen ganz gewiß kein stürmischer Anhänger des gleichen Wahlrechts ist, aber gerade, daß er es ir i ch t ist, beweist die Notwendigkeit der Reform. Tenn wenn ein Staatsmann, dem das gleiche Wahlrecht eigentlich stark gegen den Strich geht, gleichwohl *iir dessen Durchsetzung mit allen Kräften eintritt, dann muß er ja so unerbittlich zwangsläufige Gründe dafür haben, daß jede persönliche Regung der Abneigung gegen die Reform zu schweigen hat. 7?n gleicher Lage befinden sich ja schließlich viele der Männer sowohl in der Regierung wie in beiden Häusern des Landtags, die die Vorlage aus unabweisbaren sachlichen Er» Wägungen zwar notgedrungen in ihren Willen, nicht aber gleichsam in ihr Gemüt ausgenommen haben. Mit derselben anerkennenswerten Offenheit, init der Graf Hertling die möglichen Wirkungen -ines Fehlschlagens der Wohlreform nach der Seite unserer verfassungsmäßigen Zustände hin schilderte, hat er nun aber auch das Herrenhaus selber auf den Weg der ausgleichenden Bedingungen gewiesen. Das Herrenhaus wird von ihm geradezu ermuntert, das Gesetz mit möglichst vielen Sicherungen zu versehen, um f o einer zu weitgehenden Radikalisierung des staatlichen Lebens vorzubeugen. Damit ist in der Tat die Linie vorgezeichnet, auf der sich das weitere Schicksal der Verfassungsentwürfe vollziehen wird. Zwar die anderweit mit so merkwürdiger Bestimmtheit verbeißen? Zustimmung des Herrenhauses zum gleichen Wahlrecht dünkt uns immer noch ausgeschlossen, aber selbst angenommen, daß sich diese Wendung ereignete und daß in der Tat eine, wenn auch kleine Mehrheit der Ersten Kammer die n r- sprüngliche Regierungsvorlage annehmen sollte, allenfalls mit der .Hinzufügung eines Mebr- stimmenrecksts nach dem Alter, selbst dann wäre der Verlauf nicht so, wie ibn sich die Anhänger des gleichen Wahlrechts im Abaeordnetenhause bisher haben vorstellen dürfen: denn die Zustimmung des Herrenhauses wäre voraussichtlich reichlich ausgewogen durch weitere sogenannte Sicherunaen, durch die die Zuständigkeit des Abgeordn-stenhauses in kaum noch erträglichem Maße eingeschränkt erschiene. Daß es im Herrenhaus? Bestrebungen gibt, mit denen eine überragende Stellung der Ersten Kaninier gegenüber dem Mgeordnetenbause begründet werden soll, das hat man schon aus manchen Vorschlägen aus der Mitte des Herrenhauses erfahren, so erst kürzlich aus einem Aussatz des Professors Dr. Reinke, der dem Herrenhause gut zuredete, in der Wahlresormfrage selber nicht klein- lich zu sein, dafür aber die Gunst der llinstände zu be- nutzen und den Machtbereich des Hrrenbanses gehörig zu erweiterm. Jetzt ist es Graf Hertling, der den gleichen Rat gibt, und man wird damit zu . rechnen haben, daß sich das lsserrenbans solches gesagt sein lassen wird. Alsdann freilich würde die schwierige Frage entstehen, welchen Wert die Verfassungsentwürse in
ihrer Gesamtheit noch haben werden und ob das den Freunden des gleichen Wahlrechts noch lohnend erscheinen kann, sich für die innerlich zu- sammenhängende Gemeinsamkeit der drei Entwürfe cin- zusetzen, wenn der Gewinn des gleichen Wahlrechts durch eine dauernde Unterordnung des Abgeordnetenhauses unter die überragende Macht des Herrenhauses wettgemacht werden soll.
Der deutsche Rbendberichl vom 7. September.
W.T.-B. Berlin, 7. Sept., abends, l Amtlich Drahibericht.) Beiderseits der Straße Peronne-Eambraä Nachhutgefechte vor unseren neuen Stellungen. Örtliche Kämpfe zwischen Ailette und Aisne.
Oer Hetman der Ukraine beim Kaiser.
W. T.-B. Schloß Wilhelmshöhe, 7. Sevt. (Drahtbericht.) Bei dem Empfang des Hetmans der Ukraine P. Skoropadski durch den Kaiser richtete dieser beim Frühstück folgenden Trinkspruch an den Hetman: „Herr Hetman, es gereicht mir zur großen Freude, Eure Durchlaucht als berufenen Vertreter des ukrainischen Volkes und seineec Regierung in Deutschland willkommen zu heißen. Ich möchte meiner lebhaften Genugtuung darüber Ausdruck geben, daß die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Ukraine und, dem Deutschen Reich durch diesen Besucb eine sichtbare Bekundung erhalten. Der durch die Machenschaften der Entente über die Welt heraufbeschworen« und von den Westmächten trotz erkannten Unerreichbarkeit ihrer Machtziele in verbrecherischem Wahn fortgesetzte blutige Krieg hat auch der Ukraine schwere Wunden geschlagen. Als nach Freiwerden der im russischen Zarenreiche gebundenen Volkskräfte die Ukrainer in Anknüpfung ihrer ruhmreichen Geschichte sich zu einem selbständigen Staate erklärten und an Deutschland mit der Bitte wandten, ibnen bei der Errichtung ihres Staates be- bilflich zu sein, habe ich freudig meine Hand dazu geboten, ihnen die gewünschte Hilfe zu gewähren. Meine Regierung und die meiner hoben Verbündeten übernahmen die Aufgabe, der Ukraine eine völkerrechtliche Grundlage für ihre staatliche Geltung zu verschaffen, und unsere Armeen wirkten dabei mit, dem von umitürzlerischen Elementen aufgewühlten Lande Ruhe zu bringen, in deren Schuh der Aufbau des Staates beginnen konnte. Immer borgehoben und getrogen von der breiten Malle des ukrainischen Landvolkes und der ordnungsliel>enden Bürgerschaft haben Eure Durchlaucht dann mit Umsicht und Tatkraft die Ukraine zu einem neu gecrdneten Staatswesen auszubauen begonnen und durch Schiftung von Recht und Gesetz die Grundlagen zur Freiheit uiid Ordnung gelegt. Der Bürger kann künftig ungestört seinem Gewerbe nachgehev und der Bauer in Sicherheit seine Scholle bebauen und die Früchte seiner Arbeit genießen. Viel bleibt noch zu tun übrig, aber schon hat die Ukraine unter der tatst äftig-n Leitung Eurer Durcklauckt den weiten Weg innerer Festiguna zurückgelegt
nud sicb fwrr-'i die - -e aüulliaifer f'W--c..t-
tune gesichert. Daß sich dab i du ch gemeinsame Arbeit der in der Ukraine weilenden deutschen Truppen und Beamten mit den ukrainischen Behörden zwischen beiden Völkern mehr und mebr das Verhältnis gegenseitigen. Vertrauens zu entwickeln beginnt, gereicht mir zur besonderen Freude. Lasten mich Eure Durchlaucht zuversichtlich der Hoffnung Ausdruck geben, daß die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine, die zu wechselseitigen Ergänzungen berufen erscheinen, sich immer fester und inniger gestalten mögen. Seine Durchlaucht der Hetman der Ukraine. Hurra! Hurra! Hurra!"
Der Hetman antwortete in ukrainischer Sprache: Eure kaiserliche und königliche Majestätt Mit den Gefühlen tiefster Dankbarkeit habe ich die gnädigen Worte vernommen, welche Eure Majestät an mich zu richten geruht haben. Diese Weite werden in der ganzen Ukraine tiefe Dankbarkeit finten. In den durch den ietziqen Krieg entstandenen furchtbaren Leiden lind als leuchtende Sterne des zukünftigen Friedens die Naticnalgesüble der bisher unfreien Völker erwacht. Durch die mächtige Unterstützung des Deutschen Reiches und seiner hohen Verbündeten hat das ukrainische Volk die völkerrechtlich? Grundlage für seine staatliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit erworben. Der Aufbau diese? neuen Staates verlangt von mir und meinen Mitarbeitern die größien Anstrengungen. Den allergnädigsten Empfang, den mir Eure Majestät gewährt haben, wird das ganze ukrainische Volk als ein Zeichen des Wohlwollens Eurer Majestät für die junge Ukraine anlehen und uns Kraft verleihen zur Durchführung der unser noch harrenden schweren Aufgaben. Ich darf mit Eurer Majestät der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck verleihen, daß die schon so glücklick eingeleiteten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem mächtigen Deutschen Reiche und der Ukraine sich immer mebr vertiefen werden zum Segen beider Völker. Im Namen des dankbaren ukrainischen Volkes erhebe ich als Hetman aller Ukrainer mein Glas auf das Wohl Eurer kaiserlichen und königlichen Majestät und auf die glorreiche Zuki'nft de?'tapferen treuen deutschen Volke?. Seine Majestät der deutstbe Kaiser Hoch! Hoch! Hoch!"
Ter Empfang hatte einen überaus freundlichen und herzlichen Charakter. Um 3 Uhr verabschiedete sich der Get- man von Seiner Majestät und trat die Rückreise nach Berlin cm.
Die veutieff-russtschen Zusatzverträge.
Unfreundliche Haltung der türkischen Presse.
Br. Berlin, 7. Sept. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die türkische Presse nimmt nach der Korrespondenz Stambul-Berlin zu den deutsch-russischen Zusatzverträgen eine recht unfreundliche Haltung ein. Die Blätter schlagen vielfach einen Ton an, der bei dem Interesse, das Deutschland stets den Forderungen seiner Bundesgenossen gegenüber gezeigt hat, sehr wenig angebracht erscheint. „Ceman" erklärt, die deutsche Politik hinsichtlich des Kaukasus sei verfehlt, um so mehr sei es Pflicht der Türkei, im nördlichen Kaukasus entschlossen borzugehen. Der „Jkdam" hält die Türkei, die so schwere Opfer für die gemeinsame Sache brachte, für berechtigt, diesmal ohne Rücksicht auf die Bundesgenossen ihre eigenen Interessen im Kaukasus zu wahren. Der „Wakit" vertritt die Ansicht, daß Deutschland anscheinend geneigt sei, das in langen Jahren erworbene Veetcauen der Türkei mit einem Schlage zu zerstören. Die deutsche Auslands- Politik sei willkürlich und ohne feste Rrcht- l i n i e n. Das Hauptziel der Türkei sei, dessen Grenzen im Osten zu sichern. Falls Aserbeidschan, Armenien und Georgien nicht einen festen Block darstellen würden, würde der Kaukasus ein neues Mazedonien, tzaS die ganze Welt beunruhige werde. Der „Sabach" tadelt, oah die deutsch-ruffi- schen Verträge ohne Befragen der tückischen Negierung abgeschlossen worden seeen. Es sei bedauerlich, daß die Türkei zu den Beratungen im Großen Hauptquartier nicht zugezogen worden wäre. Dieses ganze Verhalten müsie zu einer Erschütterung de: Beziehungen zwischen den Verbündeten führen.
Lin Bericht Lrotzßq?.
8. A. Berlin, 7. Sept. (Eig. Drahtbericht, zb.) Das hiesige Jnformationsbursau der Petersburger Telegraphenagentur teilt mit: Trotzky, der auf zwei Tage von der Front zurückkehrte, berichtete in der Sitzung des Exekutivkomitees, das ihn daraufhin zum Präs i- denten des ober st en Krieqsrats ernannte. Über die militärische Lage führte Trotzky folgendes aus: Die Periode glänzender Siege ist noch nicht gekommen, wohl aber sind sichere, wenn auch langsam fortschreitende Erfolge erreicht. Die numerische Stärke und die Tüchtigkeit unserer Armee w ä ch st in gleichem Maße, wie beim Gegner die innere Zerrüttung täglich zunimmt. Die gesamte militärische Aktion der Sowjetrepublik ist zu zentralisieren und einem mili- tärischen revolutionären Rat zu unterstellen. Die ganze Sowjetrepublik muß sich unverzüglich die militärische Verteidigung als Forderung der Stunde zum Ziel setzen. Das Sowjet-Rußland muß zum Militärlager werden. Die klnklaye aeaen England.
W. T.-B. Petersburg, 6. Sept. Der Vorsitzende der Petersburger Kommune Sinowjew hat in einer Rede folgendes ousgesübrti „Ich verantworte jedes Wort, das ich sage. Nritzki? Tod ist durch Engländer und Franzosen herbeigeführt. Sie bnlten uns für Chinesen oder Wilde, mit denen man alles machen kann. Auch das Attentat ans Lenin ist sicher das Werk der Engländer und Franzosen, die auch Iaures töteten, als er ihnen im Wege stand."
Bei der Beisetzung Uribkis nur dem Marsfelde fanden cnglandfeindliche Demonstrationen statt.
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Line Rede vnchanans.
\V. T.-B. Berlin, 7. Sept. (Drahtbericht.) Reuter meldet: Der frühere Botschafter in Petersburg Lord George
Buckanan erklärte auf einem Diner des englifch- russi scheu Klubs: Ich habe das Vertrauen, daß Rußland in nicht so ferner Zukunft seinen rechtmäßigen Play unter den Nationen einnshmen wird. Rußland erlebt jetzt die Phase einer Krisis, von der seine ganze Zukunft ab- hängen wird. Nachdem die Bolschewiki den Grundsatz „keine Annexionen, kein« Entschädigungen", zu ihrer Parole gemach: haben, haben sie ihre Grenzprovinzen an Deuffchland ausgeliefert und es übernommen, etwa 800 Millionen Pfund Entschädigung zu zahlen Wir dürfen das russische Volk nicht für Verbrechen verantwortlich macken, welche von seiner Lberwiegenden Mehrheit verdammt werden. Wir dürfen die Unschuldigen nickt mit den Schuldigen verwechseln. Rußland ruft in seinem letzten Kampf laut um Hilf«. (?) Wir müssen äuf diesen Ruf hören, ohne fremden Beistand kann es aus dem Chaos nicht herauskommeu. Diese Hilfe muß von den Miierten kommen, sie darf nicht von Deutschland kommen. Deutsckland fürchtet, daß die englischen Dominions, von denen cs früher viel Rotstoffe für seine Industrie bezog, nach dem Krieg vor ihm verschlossen werden. Es ist daher von größter Bedeutung für Deutsckland, sie von Rußland beziehen zu können. ES ist sein Ziel, Rußland zu seinem wirtschaftlichen Vasallen zu machen. Deutschlands Ziel ist ein Friede auf russisches Konto. Es will für Konzessionen im Westen Konzessionen erhalten, die es zum Herren im Osten machen würden. Für die Alliierten wäre ein solcher Friede beinahe Selbstmord. Er würde alle Bemühungen, der Welt den dauernden Frieden zu geben, vereiteln. Wir müssen Rußland bei seinem wirtschaftlichen Ausbau helfen. Wir niüssen uns daraus einrichtrn. wenn die Zeit kommt, ihm mit unserem sachverständigen Rat und mit Kapital zu helfen, um seine darniederliegenden Industrien wieder hoch zu brin-
