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Verlag Langgasse 21

„Tagblaithaus".

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Kl. 57, A» der Apostrlkirche 7,1. Frntsprecherr tt«t Sich»» «202 mt> 6803;

Berlmer Abteilung de» Wiesbadener TagdlattS: Berü»

Zreitag, 6. September 1918.

Morgenausgabe.

Nr. «15. . 55. Jahrgang.

Sie Stunde der Silan;.

Dis Ausführungen, mit denen LorS Cecil die Ent­behrungen der englischen Bevölkerung als eine mili­tärische Notwendigkeit zu erklären versucht hat, könnte man vielleicht als einen Anfang jener großen Einsicht betrachten, jener Erkenntnisdämmerung, von der der deutsche Kronprinz in seiner Unterredung mit dem österreichischen Sozialdemokraten. Dr. Friedeck,^ ge­sprochen hat: „Einmal aber wird wohl die Erleuchtung kommen." Die Erleuchtung nämlich, die die Gegner zu der Erkenntnis bringt, daß Deutschland und seine Verbündeten nicht umzubringen sind und daß darum für England es kein Geschäft ist, den Krieg noch weiter fortzusetzen.

Lord Ceci! hat zwar damit begonnen, ein wenig kühn, aber doch ganz unwahrscheinlich zu behaupten, daß der U-Bootskrieg ein Fehlschlag gewesen sei. Aber sichtlich hat er solchen Trost nur vorangeschickt, da­mit das, was er eigentlich zu sagen hatte, nicht gar so katastrophal auf das Haupt seiner Landsleute hernieder­prassle. Das, worauf es Lord Cecil angekomnren ist, war die Tröstung der in allerlei Bedrängnis hinein­geratenen englischen Zivilbevölkerung. Der Schiffs­raum, der England heute noch zur Verfügung steht, ist nicht groß genug, um zugleich die gewohnten Be­dürfnisse der Bevölkerung einzudecken, aber auch den immer mehr zunehmenden Anforderungen der Heeres­leitung gerecht zu werden. Ja. er ist nicht einmal groß genug, um einer Kraftanspannung zu genügen, die die Alliierten gern versuchen möchten, ihren furcht­baren Gegner niederzuschlaqen. Man muß sich also be­scheiden. Aber man kann sich über die Not, die man ohne Zweifel leidet, trösten, denn dieser Schiffsraum, der nicht mehr wie einst Nahrungsmittel und Rohstoffe nach England bringt, hat dazu gedient, die amerika­nischen Truppen nach Frankreich zu transpor­tieren. Die Anstrengung dieser Transporte kostet Eng­land sehr viel! „Sir bedeutet", so sagt Lord Cecil wörtlich, „eine erhebliche Abnahme der Einfuhr nach England und den anderen alliierten Ländern. . . . Was aber Entbehrung für die Bevölkerung zur Folge hatte."

Es ist nicht e i n z u s e h e n, wie sich dies Verhält­nis zwischen ungenügendem, ja immer mehr schwinden­dem Schiffsraum einerseits und den in keiner Weise ab­nehmenden Bedürfnissen der englischen Obersten Heeres­leitung andererseits jemals z u g u n st e n der eng­lischen Versorgung bessern sollte. Und wenn man nun hinzunimmt, daß die Anstrengungen Englands, Deutschland niederzuschlagen, genau genommen bisher noch nicht den geringsten Erfolg gehabt haben, daß darum England noch auf unübersehbare Zeit hinaus immer wieder neue Truppenmasscn und neues Material in die Westschlacht wird hineinwerfen müssen, daß immer wieder amerikanische Divisionen über den Ozean werden zu transportieren sein und daß dies alles ohne Ende sein wird, so kann man immerhin mit einer gewissen Zuversicht annehmen, daß eben jene Stunde der Erleuchtung schon zu dämmern beginnen wird, vielleicht schon aufzuglimmen beginnt. Solcher Überzeugung darf man um so eher sein, als England sich den Warnungen des Lord Lansdowne, der unter dem Druck des dauernden Kriegs den engli­schen Nationalreichtum dahinschwinden und Englands Stellung als Weltfrachtenfüh rer gefährdet sieht, kaum verschließen wird. Daß nun diese Stunde der Erleuch- tung, die Stunde, da England einsieht, daß es u n- rentabel ist, vor der undurchbrechbaren deutschen Mauer Menschen und Material zu opfenr, möglichst schnell herbeikommt, dakür haben wir kein anderes Mittel als dies, den Krieg, der nach der Meinung des Kronprinzen dazu geführt wird, unsere Vernichtung ab­zuwehren, so energisch und so zuversichtlich wie möglich zu führen.

*

verbeut><?»e Ahenbberichtvom 5. September.

W. T.-Bi Berlin, 5. <S-epi., abend?. (Amtlich. Drahtbericht.s

Die Gefcchtstätigkeit blieb ans kleinere Kämpfe im Borgelände unserer nerven Stellungen beschränkt.

Hindenbiirg und Ludendorsf über die Lage.

Bt. Berlin, 5. Sept. (Gig. Drahtkbericht. zk>.) Der Der- liuer Kcrres<pr.i.d<nt de? „Aiz Eist" hatte eine Ilaiterrednng mit Hindenbnrg und Ludendorff. General Ludendorsf sagte ihm über die amerikanischen Truppen en der Westfront: Dir Amerikaner leisten keine unibedeutende Hilf« an Men.. schen und Material. Daß aber die omeri'kanische Hilfe aus­schlaggebend für da? Schicksal de? Kriegs sei, ist eine eitle HosfiNurg der Guten,te. Wir sind mit der russischen Dampf­walze fertig geworden, wir werden auch mit dem Amerika- merm fertig werden. Unser Wille zum Sieg bleibt ungebrochen und wir werden den Vernichtungswillen des Feindes zer­stören.

Über die Kriegslage äußerte sich Gemeralseldmarschall v. Lindenbur«: Der große Kamps im Westen, so sagre

er, geht weiter. An unseren anderen Fronten ist es perihält- niSmätzia ruhig. DaS Nichtdurchdrimgen der österreichisch­ungarischen Offensive an der Piave ist nicht tragisch zu nehmen. Der Grund dafür ist in dem Naturereignis, dem übermächtigen Anschwellen der Piave, zu suchen. Die Er­folge der österreichisch-ungarischen Truppen in Albanien verfolge ich mit lebhaftem Interesse. Von Albanien geht un­sere Front weiter nach Mazedonien und dort hält fc>a5 tapfere bulgarisch« Heer trotz schwieriger Verhältnisse treu die Wacht. Wenn die Entente dort noch einmal angreifen sollte, so können wir dem mit fester Zuversicht entgegensetzen. Unten in Palästina ist es den Engländern auch nicht gelungen, durch verlustreiche Angriffe den tapferen Widerstand der tür­kischen Armee zu erschüttern. In Persien und an der Murmanküftc will England sich festsetzen und versolgt damit seine eigensten Zwecke. Aber eS will außerdem versuchen, Rußland erneut in den Krieg zu hetzen. Der Ent- scheidungSkampf für uns Mittelmächte spielt sich jetzt mehr an der Westfront ab. Wir Mittelmächte halten in unserem Verteidigungskampf Schulter an Schulter fest zusammen. Zwar leiden wir schwer unter dem Krieg, wir werden aber stark aus ihm hervorgehen. Da­für bürgt uns, daß die Gegner unser Bündnis ebensowenig wie sie es mit Waffengewalt zersprengen kennten, auch nicht mit Lockungen zersprengen können. Unsere Einigkeit macht uns stark. Wir werden nach ruhmreichem Kampf gemein­schaftlich in die Heimat zu gesicherter friedlicher Arbeit zu­rückkehren und dann die Früchte unseres Kampfes ernten. Bis zu diesem Ziel heißt es durchhalten.

Hindenbrrrgs Rückzug in neutralem Urteil.

Bern, 4. Seht. Hindenburgs Rückzug erfahrt im „Berner Tagblatt' von militärischer Seite folgende Beurteilung: Dieser Rückzug ist nicht zu vergleichen mit

anderen berühmten Rückzügen der Geschichte, wo wock>eulang vom Feinde wegmarschiert wurde. Der Rückzug de: Deut­schen ist nicht einmal zu vergleichen mit demjenigen der Franzosen, a r § sie vom Damenweg vertrieben wurden und t innen wenigen Tagen 60 Kilometer Land aufgeben mußten. Es geht heute viel langsamer und in dem Tempo, das Hin- denburg selber angibt. Was die Heere Fachs in dieser großen Offensive in wochenlangen Kämpfen erreicht, das ist kaum viel mehr als die Hälfte dessen, was die deutsche Offensive in wenigen Tagen erstritten. Hrndenburg ist schon mehr als einmal zurückgegangen und jedesmal erzielte er da­mit einen Umschwung zu seinen Gunsten. Aus seinen Rückzügen entwickelten sich noch immer große Siege. Das hat Bruflilow erfahren. Es ist aber keine Frage, daß der Verband heute unter Aufgebot aller Kräfte um eine Entscheidung kämpft. Verwunderlich ist nur, daß er mit dieser höchsten Anstrengung nicht gewartet hat, bis die Amerikaner mit einem großen Heer zu Hilfe kommen konnten. Offenbar waren es schwerwiegende politische Gründe, die hierzu zwangen. Das große Ziel der Offensive aus eigenen Kräften heißt: Durchbruch i.nd Zertrümmerung de? deutschen Heeres. Bis heute ist noch keine Aussicht vorhanden, daß diese Ziele von General Fach erreicht werden. Die deutsche Front ist unter den schwersten Anstürmen überlegener Mafien nicht zerrissen, sondern elastisch ausgewichen. Es liegt durchaus kein Grund vor anzunehmen, daß diese Fähigkeit der deutschen Heeres­leitung einmal versage. Hindenbucg muß auf eine kürzere Linie zuiüikgehen, um Blut zu sparen, und dann wird er dem Feinde wieder die Zähne zeigen.

Der Respekt vor der Hindenburylinie.

W. T.-E Bern, 4 Sept. Das „Journal" schreibt zur Kriegs- laxe, die Hindenbnrglinie, au- die die Deutschen sich zurückzogen, bleibe ein ernstes Hindernis. Die neuen Methoden änderten an dem Verteidigungswcrt der srüberen Schützengräben nichts. Dies hätten die Franzosen in den letzten Tagen schon vor Rohe und an den alten Somme-Trichlcrseltern bemerkt, wo man die Schlacht nach der alten Methode wieder mit langer Artillerievorbereitung habe führen muffen. Zwar batten Tanks im November 1917 die be. festigten Limen einmal turcktrochen, aber damals seien sie zum eistenmal in Masic ausgetreten, und es sei ftaglich, ob man jetzt wieder auf eine derartige Überraschung rechnen dürfe. Das Hinder­nis, tu? sich tot den Franzosen aufrichte, dürfe nicht leicht g«. nrmmen werden Es sei außerordentlich ernsthaft und werde eine neue Kampfhanilung erfordern.

Der militärische Mitarbeiter der „Humanste" glaubt nicht, daß durch Frontalangriffe noch viel anszurichten sei, wenn die Deutschen erst in der von ihnen gewählten neuen Linie Fuß gefaßt hätten.

Die Zerstörung von vouat durch die Engländer.

W. T.-B. Berlin, 5. Sept. (Drahtbericht.) Die Eng. landet beabsichtigen offenbar, dem schön gelogenen und wohl­habenden Städtchen D o u a i dasselbe Schicksal zu bereiten, das St. Ouentin und viele andere Orte mrSgelöscht hat.. Ihre Fliegergeschwader nehmen eS seit einiger Zeit systema- tisch unter Feuer und verwüsten e? mit schweren Geschossen. In dcn letzten Tagen warfen sie weit über 100 Bomben und setzten schwere Grrnaten auf die Stadt, die 37 Häuser voll­kommen zerstörten und 50 bis zur Unbewohnbarkeit demo­lierten. Eine dieser Fliegerbomben traf die Peterskirche und forderte zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Die meisten find Frauen und Kinder.

ver Gewerkschaftrkongretz in Verbp.

W.T.-R. London. 5. Sept. (Drahtbericht. Reuter.) Der Gewerkschaftskongreß in Derby nahm mit überwältigen, der Mehrheit eine Resolution an, worin die Arbeiter­parteien der Zentralmächte aufgffordert werden, rhre Kriegsziele zu nennen, in Erwartung der Kriegs­ziele der alliierten Nationen.

vie «nglischr Verschwörung gegen Rußland.

VS ist ffewiß menschlich schmerzlich, wenn außerhalb der bitteren Kriegsnotwendigkeiten noch Blut fließt und Not und Elend um sich greifen. Aber es bleibt doch richtig, daß man wenig Mitleid mit jemand haben kann, der sich selbst seine Grube gräbt, noch dazu, wenn er von den bösesten Absichten und von verbrecherischen Plänen geleitet wurde. Der englisch-amerikanisch« französische Putschversuch gegen die Regie­rung der Sowjet ist in diesen! Sinne ein Muster­beispiel, aber in seinen Folgen ein Beweis, daß es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit in der Weltgeschichte gibt und daß Verbrecher nicht mehr unbestraft unter allen Umständen die Welt täuschen oder gar beherrschen können. Es ist jetzt nach den genauen Nachrichten gan) offenbar, daß der Aufstand gegen die gegenwärtige russische Regierung von Engländern mit engli­sch e m Gold eingeleitet und so wert eben möglich durch­geführt wurde. Die russischen Revolutionäre haben die einstigen „Verbündeten" Rußlands freilich längst er­kannt und sich nun zeitig mit Energie gewehrt. Die englischen Verschwörer sind in ihrer Maien-Sünden- blüte gefallen, und weitere Opfer scheinen bevorzustehen. Der tschecho-slowakische Aufstand war der Anfang, die russische Regierung von neuem in Krieg und Elend zu stürzen, und ungeheure Werte des russischen Volkslebens sind dabei zugrunde gegangen. Jetzt soll die Regierung selbst gestürzt werden und auf Kosten des russischen Volkes Deutschland eine neue Ostfront bekommen. Dev Plan ist elend gescheitert. Aber die Absicht muß dennoch festgehalten, und sie kann nicht oft genug vor der Welt gebrandmarkt werden, vor allem auch, weil diese Absicht ein neues Musterbeispiel ffir die verbrecherische Lügen­haftigkeit der englisch-amerikanischen Politik dar­stellt. Ein Grundpfeiler dieser Politik soll be­kanntlich das Selbstbestimmiingsrecht der Nationen sein. Die russische Nation hat sich nun die Sowjet-Regierung, wenn auch nach Blut und Schrecken, erwählt. Wer ehrlich das Selbstbestimmungsrecht der Völker will, muß diese Regierung respektieren, um so mehr, als sie ein so unendlich schwer heimgesuchtes Volk endlich wieder den Segnungen des Friedens entgegen­führen will. Aber ebensowenig wie die Engländer je- mals in Indien oder in der Kap-Kölonie, in Irland und Australien das Selbstbestimmungsrecht der Völker respektiert haben, wenn es ihnen nicht in ihren politi­schen Kram patzte, ebensowenig haben sie sich gescheut, in Rußland auf Kosten der dortigen Bevölkerung rücksichtslos die Politik des englischen Im- perialismus zu betreiben. Ströme von Gold und Infamien haben einen groß angelegten Putsch- versuch vorbereiten helfen, um die vom russischen Volke eingesetzte Regierung zu stürzen und das Selbstbestim­mungsrecht der Russen zunichte zu machen. Erfreu- licherweise ist alles mißlungen, und die Rache ist dem Verbrechen auf dem Fuße gefolgt. Die Russen den­ken nicht daran, sich etwa wie die farbigen Völker an der Westfront als Kanonenfutter für die Eng- länder, Amerikaner und Franzosen gebrauchen zu lassen, sie haben mit den Verschwörern und Aufwieglern kurzen Prozeß gemacht, und man darf erwarten, daß sie mit dev gleichen Energie alle weiteren Angriffe auf ihr Selbst- bestimmungsvecht niederwenen werden.

Die Aufdeckung dar neuen Entsnteumtviebe.

t. B Wik«, 4. Sept. In einer Besprechung der Entente- Verschwörung in Moskan findet das „Fremdenblatt" das zeitlich« Zusammentreffen diese? Ereignisses mit dem Anschlag auf Lenin und der Ermordung Urihkis recht aifffallend und schreibt: Die srüberen Bundesgenossen Rußland? legen ihre Liebe zur russischen Raff»« «ns «ine reckt eigentümlich« Weise an den Tag. Das Vor­gehen der Entente in Rußland gleicht ganz dem Kewaltstreich, dev die Befteier der Welt gegen Griechenland unternommen baben, nur ist Rnffand trotz seiner geschwächten Widerstandsfähig­keit noch immer nicht so leicht unterworfen, wie das kleine Griechen­land, «aß aber die Entente so zu verzweifelten Mittel» ,refft, um die Ostfront wieder ber,ustellen, muß doch die Vermutung aufkommcn lasien, daß ihr der entscheidende Sieg an der Westfront zum mindesten zweifelhaft erscheint. In Rußland habe» England und Frankreich diplomatische Niederlagen eir litten. Tie Aufdeckung der Umtriebe von offiziellen Persönlich-! keiien der sronzösischen Republik und des großöritannifchen Könige reiches werden selbst jene, die durchaus nichis sehen wollen, vielleicht doch darüber belehren, we'chen Wert die Phrasen von dem Selbst-: bestimnmngsreshi der Völker und der Freiheit der Demokratü besitzen.