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Mittwoch» 4. September 1918
Lerliaer Abteilung deS Wiesbadener Tagblat tS: verli» V. 57. An der AposteMrchr 7. L Fer nsprecher: Amt Lü,»« S202 und 6203. __
Nr. 412: . 6b. Jahrgang.
kwend-Kusgabe.
SianjcflEtOe Kagiiffe deldniells Bcsjcn nnd ZÄise« Allelle und Aisse s»«esen.
W. T.-B. Großes Hauptquartier» 4. Sept. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppen Kronprinz Rupprecht und Boehn.
Beiderseits der Lys hat sich der Feind in ständigem Kampfe mit unseren Bortruppen bis in die Linie Wulvergem- Nieppr - Mac St. Mour - Laventie - Richebourg v o r g e * arbeitet. Unsere gemischten Abteilungen haben ihn in diesen tzlcinkämpsen wirksam geschädigt und ihm durch Borstöße und Angriffe Gefangene abqenommen.
An der Schlachtfront zwischen Searpe und Somme verlief der Tag ruhig. Wir hatten während der vorletzten Nacht unsere Truppen in die Linie Arleur-MoenvreS-Manan- courr zurückgenommen. Diese seit einigen Tagen schon vorbereitete Bewegung wurde plangemäß und ungestört vom Feinde dnrchgefiihrt. Der Gegner ist erst am Nachmittag zögernd gefolgt. An der Front zwischen MoiSlainS und Peronne hat der Feind seine Angriffe gestern nicht wiederholt.
Beiderseits von N o h o n führte der Franzose stärkere Angriffe» die sich im besonderen gegen das Höhengclände zwischen Cambrai und Busth richteten. Der Feind, der hier viermal am Bormittag und am Nachmittag vergeblich gegen die brwährte 231. Infanterie-Division anstürmtr» wurde, rbrnso wie an den übrigen Angriffsabschnitten, restlos a b g e w i e s r n.
An der A i l e t t e ErkundungSgefechte. Borstöße des Feindes gegen Concy - le - Chateau scheiterten. Zwischen A i l e t t e nnd A i S n e setzte der Franzose im Berein mit Amerikanern und Italienern nach stärkster Feuerwirkung zu erneuten Angriffen an. Sie wurden vielfach nach erbittertem Nahkampf ubgewiesen.
Wir schoflen gestern 22 feindliche Flugzeuge und 7 Feffel- ballonc ab. Leutnant Rum eh errang seinen 30. Luftsieg.
Heeresgruppe Dr«tsli,cr Kronprinz.
Südlich von R ! P o n t brachten wir von erfolgreichem Borstoß in die französischen Gräben Gefangene und Maschinengewehre zurück.
Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff.
*
Englische Ankündigung des Lutscheidungs- Kampfes im westen.
Basel, 3. Sept. Die „Movning Post" meldet, Latz der dritte und entscheidende Offenswadschnitt der Derbands- armeen jetzt 'begonnen haste. Armeebefehle Fachs und Haigs bereiten auf die weldxeefchichtliche Grütze der bevorstehenden Aufgaben vor.
Der Urorprinz über denvrrteidigungt- charakter unseres Krieges.
W.T.B. Wien, 3. Sept. Das Mittagsblatt des «Neuen Wiener Journals" veröffentlicht eine Unterredung seines Berliner Berichterstatters Dr. Friedegg mit dem deutschen Kronprinzen über den Krieg und die Kriegslage. Es heißt darin:
Im Laufe der Unterredung sagte mir der Kronprinz» daß er in England viele Freunde hätte. Nach seiner Überzeugung hätte England in den Krieg eingegrissen, auch wenn wir nicht durch Belgien gezogen wären. Wir sind als Barbaren und Kriegswütige verschrien, während wir doch nichts wollten und wollen als unser Leben und unsere Entwicklung. Dieser Krieg ist und war in meinen Augen nichts anderes als ein Berte i- digungskrieg. Ich habe den Krieg niemals für ein leichtes Manöver gehalten und war niemals der Ansicht, daß wir die Feinde zerschmettern würden.
Ich halte es auch nicht für wünschenswert, daß die
Feinde vernichtet werden, weil ans dieser Welt
Platz genug für alle Nationen ist.
Es muß allerdings auch Platz für D e u t s ch I a n o und seine Verbündeten sein. Als ich am zweiten Mobilmachungstage, also am 3. August 1914, Berlin verließ, erwartete ich die Kriegserklärung Englands für die allernächsten Tage. Englische Großkaufleute sagten mir ungeniert im tiefsten Frieden, daß der Krieg mit uns u n v e r m e i d l i ch sei. Ich meine aber, daß es zu den von den Engländern in die Welt geschrienen moralisckien Grundsätzen wenig paßt, wenn man aus w i r t's ch a f t l i ch e n Gründen die ganze Welt in einen Krieg gegen Völker treibt, die nichts weiter verschuldet haben, als daß sie f l e i ß i g e r und anspruchsloser waren als andere Völker. Um Demokratie und Freiheit, und wie die Schlagwortc sonst heißen mögen, mit denen die Entente dauernd arbeitet, handelt es sich in Wirklichkeit keineswegs.
Wenn unsere Gegner behaupten, ich wäre ein Kriegshetzer, so ist das wahrscheinlich eine, bewußte Lüge. Jedenfalls ist es obiektiv unwahr. Ich bin allerdings immer für eine starke Rüstung ein- getreten, weil ich erkannt habe, daß wir uns eines Tages
gegen die ganze Welt zu verteidigen haben würden. Nachdem England in den Krieg einqetroten ist, zweifelte ich nicht, daß der Krieg schwer sein und lange dauern werde. Im übrigen ist
unsere gegenwärtige Lage sicher.
Wir sind mehrmals im Laufe des Krieges in schwererer Lage gewesen als jetzt. Wir haben weit schwerere Krisen überwunden. Ich habe den Krieg von Anfang an als einen Verteidigungskrieg auf- gefaßt. Das will aber keineswegs sagen, daß wir nicht gelegentlich angreifen sollen, wo wir können, und zwar nach dem Grundsätze, daß die beste Parade meist der Hieb ist. Deutschland und die Verbündeten müssen den Krieg so lange führen, bis die Gegner einfehen, daß wir nicht umzubringen sind, und daß er für sie kein Geschäft ist, den Krieg fortzusetzen. Wann die Gegner zu dieser Erkenntnis kommen, ist nicht abzu- sshen. Aber wird wohl die Erleuchtung kommen? Wir haben nie solche Ziele verfolgt, wie sie unsere Feinde in den Äußerungen ihrer Staatsmänner proklamiert haben. Wir führen den Krieg, um unsere Vernichtung abzuwehren. Die feindlichen Völker > wissen vielfach nicht, wofür sie kämpfen. Dafür ein einziges Beispiel: Ich sprach letzthin mit einem amerikanischen Gefangenen, der sagte, Amerika kämpfe für Elsaß- Lothringen. Auf meine Frage, wo Elsaß-Lothringen liege, antwortete er, Elsaß-Lothringen sei einSee. Solche Beispiele könnte ich aus den Unterhaltungen mit Gefangenen verschiedener Nationalitäten viele anführen.
Unsere e r n st e st e n Gegner sind rein militärisch die Franzosen. Sie sind sehr gut geführt. Marschall Ioffre war ein genialer General. Auch Fach ist ein bedeutender Führer. Die Engländer sind zähe und gute Soldaten: ihre höhere Führung hat jedoch versagt. Die Amerikaner habe ich nie für eine guanlik^ fron bla gehalten. Ihre Anwesenheit aus
dem westlichen Kriegsschauplatz ist deutlich spürbar, aber umbringen können sie uns nicht, und wenn ihrer noch so viele kämen. Von den österreichisch-ungarischen Truppen habe ich bei meinen Armsen nur Artilleristen kennen gelernt. Sie leisteten Hervorragendes.
vre Tntenteverschworung gegen die Sowjetregierung.
Das verlorene Spiel des engl, diplomatischen Vertreters Lockhart.
W. T.-B. Moskau, 3. Sept. Dar amtliche Organ „Jswestfja" schreibt: Am 2. Deotember ist die Verschwörung liquidiert worden, welche durch anglo-sranzösische Diplomaten mit dem Chef der britischen Mission, Lockhart, dem französischen Cteneralkonsul G r e - nard und dem französischen General Lavergne an der Spitze darauf gerichtet war, durch Bestechung eines Teiles der Rätetruppen sich des Rates der Volkskommissare zu bemächtigen und die militärische Diktatur in Moskau zu proklamieren. Die ganze Organisation, welche mit gefälschten Dokumenten und Bestechungen arbeitete, ist aufgedeckt. Unter anderem sind Hinweise gefunden worden, datz für den Fall deS gelungenen Umsturzes eine gefälschte Geheimknrrespondenz der russischen Regierung mit der Regierung DeutsckilandS veröffentlicht werden und gefälschte Verträge fabriziert werden sollten, um eine geeignete Atucosphäre fiir die Erneuerung de? Kriege» mit Deutschland zu fcbaffen. Die Verschwörer handelten, indem sie sich durch die diplomatische Immunität deckten und auf Grund von Bescheinigungen, welche mit der persönlichen Unterschrift deS Chefs der britischen Mission in Moskau ausgestellt wurden, von welchen sich viele Exemplare in den Händen der außerordentlichen Kommission befinden. Durch die Hände nur eines der Agenten LockhartS, de? englischen Leutnants Ratily, sind in den letzten Wochen 1 280 008 Rubel zu BestcchungSzwecken gegangen. Die Verschwörung wurde aufgedeckt dank der Standhaftigkeit jener Truppenkommandeure, an welche sich die Verschwörer mit ihren BestechungSanträgen gewandt hatten. In der Wohnung der Verschwörer wurde ein Engländer verhaftet, welcher sich, nachdem ec in die außerordentliche Kommission verbracht worden war, als der englische diplomatische Vertreter Lockhart zu erkennen gab. Nach Feststellung seiner Person wurde der verhaftete Lockbart so- fort freigelassen. Die Untersuistung wird energisch fortge» führt. Die Gefangennahme der Volkskommissare sollte bei einer Plenarsitzung stattfiuden, auf welcher irgend eine besonders wichtige Frage zur Beratung stand. Es erschien auch notwendig, dafür zu sorgen, datz der Truppenteil, welcher an diesem Tage die Wache im Kreml hatte, bestochen wurde und selbst die Verhaftung »ornebme. Alle verhafteten Mitglieder vom Rate der B»lkrk»mmissare sollten sofort nach Archangelsk verbracht werden. Dieses war anfänglich geplant. Bald darauf sprach jedoch Rayly Zweifel über die Zweckmäßigkeit aus, Lenin nach Archangelsk zu schicken, da es Lenin bei seiner wunderbaren Eigenschaft, dem gemeinen Manne nah« zu kommen, während seiner Reise nach Archangelsk gelingen könne, die Wachmannschaft auf seine Seite zu bringen, so datz diese ihn befreien könnte.
Daher erklärte Rahly, e? sei am sichersten, Lenin und T r o h k h sofort nach ihrer Verhaftung zu e r s ch i c tz e n. In ter Nacht vom 31. August zum 1. September erschienen die Beauftragten der außerorvrntlichen .Kommission in der Kom- w.iflicn der Verschwörer, wo die Leiter der Verschwörung zu- sammeukamen. In der Wohnung wurde ein« Versammlung v.n gesunden. Unter den Verhafteten befand sich ein englischer Untertan, welcher seinen Namen nicht nennen wollte. Alle «Bei hasteten wurden in di« außerordentlich« Kommission »erbracht. Dort erklärte der unbekannte Engländer, er sei der diplamatische Vertreter Lockhart. Nachdem sich PeterS von der R i ch t i g k e i t seiner Erklärung überzeugt hatte, sagte er L»ckh«rt, datz er sofort befreit würde. Er fragte ihn, »b er nicht bezüglich de« Bestechungsversucher gegenüber dem Kommandeur eines Räteir.ipventeilr eine Erklärung abzugeben habe. Lockhart leugnete kategorisch die Tatsache deS Bei kehr» mit dem Kommandeur. Als ihm jedoch die genauen Daten der Zusammenkünfte angegeben und einige Dokumente ongeführt wurden, erklärte er erregt, daß seine Eigenschaft «lS diplomatisckwr Vertreter ihn vor irgend welchem Verhör ^stütze. Lockhart wurde darauf hingewiesen, daß ihm die Frage nur gestellt wird, um ihm die Möglichkeit zu geben, zu beweisen, datz ein gewisser Lockhart Organisator einer Verschwörung und der englische diplomatische Vertreter Lockhart verschiedene Personen seien. Der überführte diplomatische englische Vertreter wußte Hierauf nichts zu antworten und verließ in großer Verwirrung die außerordentliche Kommission. Der verhaftete Major Friede und sein Bruder, ein Hauptmann, standen in Dienste» der Rätegewalt und gaben sich mit dem systematischen Dieb- stnbl von Geheimdokumenten und Berichten über die Lage an der Front und über Trupoenvecschiebungen ab. Ihre Berichte wurden in einigen Exemplaren abgeschrieben und an dir englische und die ftanzösisch« Mission übergeben. Als Vermittlerin diente eine Künstlerin aus dem Atelier eines künstlerischen Theaters. Als Ort der Vermittlung dienten dir Boulevards.
Hauptziel der Verschwörung der anglo - französischen
Tiplomatie war eine neue Kriegserklärung an Deutschland
Tie anglo-französischen Diplomaten waren fest überzeugt, daß jede andere Gewalt in Rußland außer der Rätegewalt ein gehorsames Werkzeug in den Händen des anglo -franze s i s ch e n Imperialismus sein werde und auf Befehl deS letzteren ohne Schwanken das russische Volk in ein neues Schlachten schicken werde. Die verbündeten Diplomaten verstanden jedoch, daß außerordentliche Gründe herbcige- schaftt werden müßten, um den Umsturz und eine neue Kriegserklärung vor dem Volke ;u rechtfertigen. Daher schenkte man besondere Aufmerksamkeit der Besetzung der Arkeitsrüum« Lenins, Trotzkys, Aralows u. a. verantwortungsvoller Räteführer, um die urkundlichen Texte der Verträge und Vereinbarungen mit Deutschland zu finden. Dabei wurde oorau "gesehen, daß sich diese Verträge a'S identisch mit den in der Presse veröffentlichten erweisen würden. Für diesen Fall wurde beschlossen.
gefälschte Verträge z« fabrizieren, welche daS Volk von
dem „Verrat" der Bolschewisten an Rußland überzeugen sollten.
Tie Frage über die Fabcikation von gefälschten Verträgen wurde in einer Reihe von Sitzungen, die von der britischen Mission veranstaltet wurden, beraten. Dies ist durch die ersten Daten der vorläufigen Untersuchung über die aufgedeckte Verschwörung der anglo-französiscken Diplomatie bestätigt worden. ES war beabsichtigt, außer gefälschten Verträgen auch eine gefälschte Korrespondenz zwischen der russischen und deutschen Regierung zu fabrizieren.
»
vie russische Zustimmung zu den Zusatzverträgen mit Veut'ckland.
W. T.-B. Moskau, 8. Sept. Laut „ISwestija" wurde in der Montogssttzung des Zentral-ExekutivkomiteeS der ratifizierte Zusatzvertrag zum Breifter Frieden, nachdem Elwerldow ihn unterschrieben hatte, noch gestern abend mit einem diplomatischen Kurier nach Berlin geschickt, damit der AuS - t a u sch 'der ratifizierten Verträge am 6. September erfolgen kann.
Auf der Sitzung der Moskauer Konferenz der Kommun miftenpartei erstattete Larin am 29 . August laut „Prawda" in Gegenwart von 688 Genossen bei verschlossenen Türen Bericht iiber den Inhalt des neuen Ühereinkommens. Der Berichterstatter wies auf eine Reihe Verbesserungen hin und sagte: Wir bekommen eine Reihe Städte und Gouvernements zurück und erhalten volle Freiheit bei der Nationalisierung unserer VvKswirtschast. Die Konferenz nahm einstimmsg «ine vom Berichterstatter eingebrocht« Resolution über die Anerkennung der auswärtigen Politik deS Rats der Volkskommissare an.
Eine neue Verschwörung mit enqlilchem Gelde.
W. 1.-B. Mokka», 2. Sept. Nach der „KcaSnoje Gazeta" wurde im Gouvernement Wologda eine neue Verschwörung von Offizieren entdeckt, welche von England Unterstützungen erhielten. Von den Verhafteten wurden zehn Offiziere erschnjsen.
Die „Utro Rofij" meldet, datz der ehemalige Bevollmächtigte der englischen Regierung in Rußland, Lindlay, zunr Heuptkommissar für Rutzland mit dem Sitz in Archangelsk ernannt wurde.
