Verlag Langgafse 21
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Sonntag, 1. September
Lerliue, Abteil«», de, Wiesbadener TagblattS: Berlin V. 57, An der «pestrlkirche 7,1. Fern sprecher: Amt Lütz-w S202 «ud «203.
Nr. 407. » 66. Jahrgang.
Morgen-klusgabe.
In rMskWlll Mn die «rllsWl In dn Selmni nnd die inililliWe £noe.
Ern klppell au das deutsche Volk — eine Antwort an Robert E eil.
W.T.-B. Berlin, 31. Auq. (Drahtbericht.) Der Reichskanzler empfing heute die Vertreter des Verbandes katholischer Studenten vereine Deutschlands, welche ihm anläßlich seines 7 5. Geburtstags seine Glückwunschadrcsse überreichten. Nachdem er den Herren gedankt und einige Worte der Erinnerung an die katholische Studentenvereine, deren Mitglied er gewesen, gesprochen hatte, fuhr der Reichskanzler fort:
Welck>e Anforderungen der furchtbare Weltkrieg im Laufe der verflossenen vier Jahre an den Verband gestellt hat, wie viele Mitglieder der Aktivitas und der Alten Herren bereits den Heldentod erlitten haben, ist mir bekannt. Sie konnten und wollten nicht zurücköleiben hinter den Tausenden von Söhnen unseres Vaterlandes, die ständig ihr Leben zum Opfer brachten. Aber nicht nur mit derJBaffe gilt es, das Vaterlmrd zu verteidigen und den Sieg erringen zu helfen, auch in der H eiinat sind große und wichtige Aufgaben zu ersMen. Gerade die akademischen Kreise sind in erster Linie dazu berufen. Die L a st d e s Krieges liegt drückend auf unserem Volk. Ich will sie nicht durch Worte zu verkleinern suchen. Zu den Opfern von Blut nnd Leben, von denen kaum eine Familie ganz verschont geblieben ist, kommen die Schwierigkeiten der Ernährunck und Be- k l e i düng, alle die mannigfachen Entbehrungen in der Gegenwart und der sorgende Ausblick in die Zu- kunft. Der Krieg ist das größte Gesamterlebnis für ein Volk. Er befähigt zu ungeahnten Leistungen, aber er stellt auch gewaltige Anforderungen an die Nerven- kraft. Nicht umsonst spricht man von Kriegspsychose und bezeichnet damit die seelischen Erscheinungen, welche der Krieg auszulösen pflegt. Die Kriegspsychose zeigt sich daher bei sän>tlichen am Kriege beteiligten Völkern. Ab"r sie tritt je nach der Eigenart der letzteren verschiedenartig auf. Bei unseren Feinden tritt sie in Form eines an Wahnsinn grenzenden Hasses gegen die Zentralmächte auf, vor allem gegen Deutschland — ein Haß, der durch eine ununterbrochene Kette der ungeheuerlichsten Verleumdungen genährt wird und sich in u n e r h ö r t e n Schmähungen alles dessen Luft macht, was uns recht und heilig ist. Bei uns dagegen äußert die Kriegspsychose ihre Wirkung vor allem nach innen in der Verstärkung der N e i g u n g z u r K r i t i k, die nun einmal den Deutschen eigen ist und die sich mit Vorliebe gegen die Regierung und ihre Maßnahmen wendet sowie in einer Verschärfung der Parteigegensätze.
Darin, meine Herren, liegt zweifellos eine Gefahr. Nicht, daß von ihr eine wirkliche Erschütterung im Staatsleben zu befürchten wäre, dazu ist unser Volk in seiner weitüberwiegenden Mehrheit zu verständig, wohl aber durch den Ei n d r u ck, der bei unseren Feinden hervorgerufen wird. Ihre Träume von einem bevorstehenden inneren Zusammenbruch bauen darauf ihre Siegeshoffnung und verlängern um deswillen den Krieg. Hier ist darum ganz besondere Mhilfe notwendig. Was wir brauchen, ist ein einheitliches, festes Zusamm en st eh en von Kaiser und Reich, Regierung und Volk, und zwar so, daß es auch nach außen deutlich in die Erscheinung tritt und nicht durch den Nebel der Meinungsverschiedenheiten und ihre Äußerungen in Wort und Schrift verhüllt wird. Hierzu beizutragen, durch Beispiele und Belehrung, ist Pflicht eines jeden, der durch Berufsbildung und Stellung dazu in der Lage ist. Helfen also auch Sie, wo Sie können, eine solche einträchtige Stimmung herbeizuführen, die Einheitsfront in der .Heimat zu verstärken und weithin sichtbar ins Licht zu setzen.
Nun noch zum Schluß ein ganz kurzes Wort über die militärische Lage, vor allem ein Wort rückhaltloser Bewunderung für die fast übermenschlichen Leistungen in der Armee in der vergangenen Woche. Sodann aber darf ich sagen, daß unsere Ober.ste Heeresleitung die Lage mit voller Rübe und Sicherheit ansieht, auch wenn sie aus strategischen Gründen sich veranlaßt sah, unsere Linien an mehreren Stellen zurückzulegen. Wir führten den Krieg vom ersten Tag an als einen Verteidigungskrieg und wir trugen ihn in Feindesland, um dort unsere Grenze zu verteidigen und die heimatlichen Fluren zu schützen. Wir werden fortfahren. den gewaltigen Ansturm der feindlichen Massen zurückzuschlagen, bis die Gegner einsehen, daß sie uns nicht vernichten können und daher auch ibrecseits zur Verständi
gung bereit sind. Dieser Tag wird kominen, weil er kommen muß, soll nicht Europa verbluten und die europäische Kultur in Elend und Barbarei versinken. Wir flehen zu dem Allmächtigen, der uns bisher so sichtbar beigestanden hat, daß dieser Tag nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen möge.
Meine Herren, soeben kommt mir das Interview zu Gesicht, das Lord C e c i I einem Berichterstatter von „Stockholms Tidninqen" gegeben hat. Ich kann mich heute auf Einzelheiten seiner Rede nicht einlassen und übergehe absichtlich alle anderen von ihm geäußerten verkehrten Anschauungen und schiefen Urteile. Nur zwei Punkte greife ich heraus: Eecil begründet seine Zuversicht auf den militärischen Endsieg mit dem st ä n d i g e n Z u st r ö m e n amerikanischer Truppen. Abgesehen von diesem offenen Bekenntnis zum Militarismus, den uns die Entente nun seit Kriegsbeginn vorwicft, erinnert mich dieses Hoffen an die vergangenen Jahre des Krieges, in denen zuerst das treulose Italien und dann Rumänien den Endsieg bringen sollten. Cecil v'ipcwßt aber dabei, daß wir inzwischen mit Rußland und Rumänien den Frieden geschlossen haben und 'omit unsere Streitkräfte im Westen ganz erheblich stärken konnten. Der andere Punkt ist die Behauptung Cccils. die Entente könne nickst Frieden schließen,, solange. Deutschland von den Alldeutschen regiert werde. Meine Herren, in Deutschland regiert bekanntlich der d e u t s ch e K a i s e r, in verfassungsmäßigem Zusanimenwirken mit dem Bundesrat und dem Reichstag. Für die Beschlüsse des Reichstags war noch niemals eine einzelne Partei, sei es die alldeutsche oder eine andere Partei, maßgebend. Ich kenne anch als Kanzler des Deutschen Reichs lediglich deutsche Parteien und eine deutsche Politik. Diese zu vertreten, ist meine Pflicht und wird es bleiben. _
Unsere Rückzuqsbewegung und das Ausland.
(Von unserem militärischen Mitarbeiter.)
Die Art unserer siegreichen Verteidigung bedingte es in jüngster Zeit mehrfach, daß wir unsere Linien zurückverlegten. Der Feind jubelte kranipfhaft und nannte die „eroberten" Trümmerhaufen wie Chaulnes, Rohe usw. große Siege, trotzdem diesen ehemaligen Städten keinerlei militärische Bedeutung zukommt. Es wird nun interessieren, wie das Ausland unsere Rückzugsbewegung beurteilt.. Wir lesen im „Hufvudstads- bladet", Helsingfors führender Tageszeitung, Nummer vom 30. Juli: „Während der lebhaften Diskussion, die infolge der Reims-Marne-Offensioe der Deutschen vor zwei Wochen und noch mehr durch die großen, gleich darauffolgenden französischen Gegenangriffe entstanden ist, haben die Verfasser der Kriegsübersichten unzweifelhaft härtere Nüsse als je vorher zu knacken bekommen. Es ist dabei bezeichnend, daß man sich gar nicht oder in sehr geringem Maße mit der Frage beschäftigt hat, welcher von den Gegnern eigentlich die Initiative in Frankreich besitzt. Jetzt gibt uns ein offizieller deutscher Bericht und ein offizielles Londoner Telegranim die Auskunft, daß die Deutschen in der Nacht zum Samstag ihre Linien zwischen Ardre und Ourcq mehrere Kilometer zuriickgenommen haben. Meisterhaft geleitet und vom Feinde unbemerkt, wie es augenscheinlich auch bei dem Marne-Rückzug der Fall war, ging die schwierige Umgruppierung auch dieses Mal vor sich, und wir sehen ein neues Beispiel von der vollendeten Leitung nnd Disziplin des deutschen Heeres, ein Zeugnis von der wunderbaren Beweglichkeit und Unabhängigkeit in der Taktik, wie es nur ein Meister wie Hindenburg geben kann. Die Generale der Entente, die ja in diesem Jahre unfreiwillig genötigt wurden, große Landstrecken preiszugeben, könnten wegen der Stimmung des Volkes nie wagen, aus taktischen Gründen und ohne zwingende Not Gelände zu räumen. Anders stellt sich die Frage bei Hindenburg, zu dem der Geringste des deutschen Volkes ein unbedingtes Vertrauen hat. Hindenburg bandelt, wie es ihm am besten scheint, ohne sich darum zu kümmern, eine bestimmte Stimmung zu schafs-m. Man erinnere sich der Rückzüge in P o l e n im Herbst 1911 und in F r a n k- reich im Frühling 1917, die nichts als die Voraussetzungen neuer, großer Siege waren. Für Hindenburg gibt es nur ein Schluß.siel: der Sieg
Deutschlands, an dem keiner, der mit offenen Augen die Entwicklung des jetzt genau vier Jahre dauernden Krieges beobachtet hat, zweifeln kann." „Aalborg Stiftstidende" vom 5. August schreibt: „Die Verbands- mächt? haben an der Marne und bei Tardenois einen beträchtlichen Sieg errungen, was Ludendorff auch offen zugegeben hat. Wenn aber Reuter erzählt, daß sie Tag für Tag siegen, so ist nicht sicher, daß man sich darauf verlassen kann. Es ist eine große militärische Kunst
vorzurücken, aber vielleicht eine noch größere, einen glücklichen Rückzug durchzuführen, und von keiner Seite wird bestritten, daß der deutsche Rückzug glänzend geleitet wurde. Die Deutschen haben diesmal nicht siegen können, aber sie haben doch Foch daran gehindert, das beabsichtigte Ziel seines Sieges zu erreichen, nämlich die deutsche Front zu durchbreche n." „Nieuwe Courant" vom 6. August führt aus: „Von Freund und Feind wird anerkannt, daß dieser Rückzug, und zwar unter sehr schwierigen Umständen, wieder nach allen Regeln der Feldherrnkunst ausgesührt worden ist. Ein schöner Rückzug wird in der Strategie öfter mehr gerühmt als ein Sieg, weil nie mehr als gerade dabei der Geist und die Kunst des Feldherrn zutage treten."
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Die Trümmcrstätten.
Br. Basel, 31. Aug. (Eia. Dralhtbericht. zb.) Wie die „Neue Korrespondenz" aus Paris meldet, soll das von den deutschen Truppen verlassene Schlachtfeld vollständig verwüstet sein. Besonders schwer mitgenommen seien Rohe, M-orlancourt, -Montdidier und Moreuik.
Eine sozialistische Konferenz in London.
W. T.-B. Bern. 30. Aug. „Petit Puristen" erfährt, das ter ständige administrative Ausschuß der französischen Sczialistenpactei sich vorgestern abend nach längeren Auseinandersetzungen zur Abhaltung einer internationalen sozialistischen Konferenz in London entschlossen habe. Der Ausschuß hatte bekanntlich zuvor verlangt, daß alle sozialistischen Parteien Amerikas förmlich zur Teilnahme eingeladen würden. Betreffs Rußlands sprach er die Ansicht aus, Rußland besinde sich nicht mehr im Kriegszustand. Es sei demnach unstatthaft, die russischen Sozialisten einzuladen. Die Con- fedcration g-mevale du travail Vieh gleichfalls die Abhaltung einer Konferenz in London unter dem Vorbehalt gnt, daß die gleichen Grundsätze wie für die Konferenz im Februar 1918 in London gültig seien.
Englisch« Bomben ans holländisches Gebiet.
W. T.-B. Haag, 30. Aug. Das Korrespondenzbureau meldet amtlich: Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten teilt mit: In der Nacht zum 16. August, ungefähr Um 1114 Uhr, wurden von einem Flugzeug in der Nähe von Sluis zwei Bomben abgeworsen. Die Untersuchung der Bombensplitter ergab, daß sie englischer Herkunft waren. Der holländische Gesandte wurde beauftragt, bei der englischen Regierung gegen diese neue Verletzung des holländischen Gebiets zu protestieren. _
Oie Ereignisse im Osten.
Neue Erfolge der Sowjettruppen.
W. T.-B'. Moskau, 20. Auq. (Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur.) Im Bezirk von Z a r i z y n wurde ein Angriff des Feindes abgeschlagen. Unser Vorgehen im Zentrum entwickelt sich erfolgreich. Wir nahmen nach einem Kampf die Höhen auf dem Ufer des Tscherwlenoi- Flusses. Das Dorf Basuuowska und die Stationen Kar- nowka und Katluban wurden besetzt. An der nordtaukasischen Front trugen unsere Truppen laut Nachrichten vom 26. Aug. große Erfolge davon. Wir besetzten Tichoretzkaja, Jekate- rindar und Armavir. An der östlichen Front nahmen wir südöstlich von Alapajewsk das Dorf Anonowskoje Hier ließ der sich zurückziehende Feind auf dem Kampffelde gegen 200 Tote und Verwundete liegen. In der Richtung auf Lhnswensk wurde Jlim von uns beseht. Der Gegner geht zurück. In der Richtung auf Bugulma gehen wir von Menselinsk gegen das Dorf Andrejewska vor. In der Richtung auf Wsatka wurde die Stadt Urschnm von der Weißen Garde gesäubert.
vie bedrohlickie Lage der Japaner am Ussuri.
Die Lage in Wladiwostok.
Br. Lugano, 31. Aug. (Eig. Dcuhtbericht. zb.) Nach in London vom ostasiatischen Kriegsschauplatz eingelaufeneir Meldungen sind die japanischen Flanken von russischer Kavallerie bedroht. Darauf sei der verlangsamte Vormarsch der Japaner an der llffnrifcmt zurückzuführen. Es wurde festgestellt, daß die japanischen Truppen bereits seit mehreren Monaten in allen größeren Orten der Mandschurei in Garnison lagen. Die für die Expeditionszwecke, bestimmten Truppen werden durch aus Japan neu an- kommende Formationen abgelöst, so daß die wichtigsten man- dsckmrischen Plätze auch weiterhin japanische Besatzung Habel; werden. In W l a d i w o st o k führen japanische Beamte gegenwärtig eine Volkszählung und eine genaue Registrierung der Einwohnerschaft zur Handhabung einer politischen Kontrolle durch. Die als Führe: de: bolschewistischen Bewegung bekannten Persönlichkeiten sind verpflichtet, sich zweimal täglich bei den zuständigen militärischen Behörden zu melden.
Starke Bewegung gegen Japans Eingreifen.
Sr. Genf, 31. Aug. (Eig. Drahtbericht, zlb.) Die „Mor- ning Post" meldet aus Tokio, daß 110 oppositionelle Abgeordnete sich zum Ministerpräsidenten begeben halben, um gegen seine Politik gegen Rußland zu protestieren. In Tokio finden Demonstrationen und Umzüge gegen,die Regierung stat'
