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Donnerstag, 29. August 1918.

Berliner Abteilung deS Wiesbadener Tagblattö: Berlin V. 57, An der Apostellirche 7,1. Fernsprecher: Amt Lützow 6202 und 6203.

Nr. 402.

klbend-Kusgabe.

66. Jahrgang.

Reue wuchtige englische vurchbruchr- »erjuche gelcheitrrt.

Kuch franzöji che neue Angriffe abgewiefen.

W. T.-B. Großes Hauptquartier, 29. Aug. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppen Kronprinz Rupprecht und Boehn.

Auf dem Schlachtfeld südöstlich von ArraS brach am frühen Morgen dicht südlich der Scarpe ein englischer An­griff im Feuer zusammen. Um Mittag nahm der Feind seine Durchbruchsversuche mit neuer Wucht wieder auf. Zwischen Scarpe und Sense-Bach setzte er füufmal zum Angriff an. Pommersche und westpreußische Regimenter brachen auch gestern wieder den Ansturm des Feindes. Durch flankierendes Feuer ihrer Artillerie wirksam unterstützt, warfen sie jedesmal den Feind wieder zurück. Boiry - Notre Dame war Brennpunkt der erbitterten Kämpfe. Dreimal wurden die Trümmer des Ortes im Gegenstoß dem Feinde wieder entriffen. Bei erneutem feind­lichen Angriff am Abend ging der Ort in Feindeshand. Den Hauptstoß des engliichrn Angriffs brachen württembergische Regimenter beiderseits der Straße Arras-Cambrai. Siebenmal stürmte der Feind vergeblich an. Panzer­wagen fuhren auf und neben der Straße immer wieder von neuem heran. In tiefer Gliederung folgte die Infanterie. Sie blieb im Feaer unserer Maschinengewehre und in votz- derfter Linie auffahrender Geschütze liegen. Wo der Feind in unsere Stellung eindrang, warf ihn nufer Gegenstoß wieder völlig zurück. Südlich von Croisillrs und südöstlich von M o ry wurden englische Angriffe abgewiesen. Südwestlich von Bapaume keine Jnfanterietätigkeit. Auf der Stadt lag schweres englisches Feuer. Bei den Kämvfen am 27. August nm T h i k t o y tat sich daS Infanterie-Regi­ment Nr. 2V6 besonders hervor. Seine 9. Kompanie hielt den Westrand des OrteS, obwohl sie durch feindlichen Einbruch nördlich von ihr im Rücken bedroht war, bis zur letzten Patrone und dann mit dem Bajonett. Ans selbständigen Entschluß kam ihr die dritte Kompanie desselben Regiments zur Hilfe und warf den Feind wieder aus dem Orte hinaus.

Nördlich der Somme erneuerte der Feind am frühen Morgen seine Angriffe zwischen F l e r s und C u r l u. Bei Hard ecourt drang er in unsere Linien ein. Im Gegen- angrift warf ihn das Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regi- ment Nr. 2 unter Führung seines Kommandeurs Major Otto im Verein mit hessischen Kompanien wieder zurück.

Zwischen Somme und Oise bliebe« die V o r - truppen vor unseren neuen Stellungen in Gefechtsfühlung mit dem Feind, der am 27. August nur zögernd, gestern schärfer über Dompierre-Belloy-Nesle-Waulyeu-Sneov folgte. Sie zwangen ihn mehrfach zu verlustreichem Angriff und wichen dann ans. Südwestlich von Nohon griff der Feind nach stärkster Feuervorberertung unsere alten Linien an. Sie waren von uns nicht mehr besetzt. Noyon lag unter schwerstem Feuer der Franzosen. Die Stadt liegt vor irnserer Kampffront.

Nördlich der A i s n e nahm der Franzose unter Heran­ziehung von Amerikaner» seine Angriffe wieder auf. Unter schweren Verlusten wurden sie a b g e w i e s e n. Am PaSly-Kopf schlugen Kavalleric-Schützen-Regimentcr fünfmal den Ansturm deS Feindes zurück. Panzerlvagen wur­den zerschossen.

Der Erste Generalgnartiermeister: Ludendorff.

Die USnigrwahl in Zinnland.

Es ist anders gekommen, als die russische Reaktion, aber auch anders, als die russischen Revolutionäre es sich gedacht hatten. Als im Jahre 1910 in der russisä-en Duma das Gesetz zur Annahme gelangte, welches den Rest der Rechte und Freihe i t e n F i n n l a n d s kurzer Hand beseitigte, rief der berüchtigteP urischke- witz: Finis Finnlaniliae! (Das Ende Finnlands.)

Und doch vergingen nur wenige Jahre bis zum Anfang des neuen Finnlands, dessen Geburtstag im Grunde genommen der Tag der russischen Revolution war und das am 4. Januar 1918 offiziell in die Reihe der unabhängigen Staaten ausgenommen wurde. Daß das neue Finnland seine Unabhängigkeit und Frei- heit den deutschenSiegen verdankt, weiß man im ganzen Lande. „Jedermann fühlte, daß die Befreiung nur von Deutschland kommen konnte", hat der Minister­präsident Svinhufvud erklärt, und der Finnländer Adolf v. Bonsdorff schrieb unlängst im „Aftonbladet": „Finnlands Freiheit ist durch die deutschen Siege er­möglicht worden, wie die russische Revolution letzten Grundes das Verdienst dieser Siege ist."

Das neue Reich wird ein Königreich sein. Auch das ist eine merkwürdige Wandlung, wenn man sich er- innert, daß der finnische Landtag noch am 6. Dezember 1917 in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Bolschewisten Finnland mit allen Stimmen für eine unabhängige Republik erklärt hatte. Die Um­stimmung ist durch die bolschewistische Revolution und

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worden, nicht nur etwa dadurch, daß der größte Teil der sozialistischen Mitglieder des Landtags, der nach den Wahlen vom August 1917 108 Bürgerliche und 92 So­zialisten zählte, teils infolge der Unruhen verhaftet wurde, teils nach Rußland geflohen war. Tic Greuel der Revolution verleideten den im Grunde monarchisch gesinnten Finnländern die Republik gründlich, und am 10. August dieses Jahres nahm der Landtag mit 58 gegen 44 republikanische bezw. junqfinnisch-monarchische Stimmen (die geringe Stimmenzahl erklärt sich aus der Abwesenheit der Sozialisten bis auf ein Mitglied) einen Antrag an, der die a l t m o n a r ch i s ch e V e r f a s - s u n g von 1772 (die aus der Zeit vor dem 1809 er­folgten Anfall Finnlands von Schweden an R u tz- land stammt) als rechtsgültig betrachtet. Gleichzeitig wurde die Regierung (der Senat) beauftragt, die Vor­bereitungen für die Königswahl zu treffen, die der Landtag selbst in einer eigens einzuberufenden Session als außerordentlicher Landtag vorzunehmen hat.

Die Wahl wird MitteSevtember erfolgen. Es steht noch nicht fest, ob die Abordnung, die sich zur Vor­bereitung der Königswahl zurzeit in Berlin aufhält, der gesetzgebenden Versammlung einen oder mehrere Kandidaten Vorschlägen wird. Wer dabei in Frage kommt, ist nicht bekannt; die angebliche Kandidatur des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg entspricht jedenfalls, wie eine in der heutigen Morgenausgabe ver- öffentlichte Erklärung des Herzogs erneut beweist, nicht den Tatsachen. Da die Monarchisten entschlossen. sind, den Republikanern in bezug auf die demokratische Ausgestaltung der Verfassung sehr weit ent- gegenzukommen, wird, wenn nicht auf eine Einstimmig­keit bei der Wahl des Königs, so doch auf eine außer- ordentlich große Stimmenmehrheit gerechnet. Es gilt als nicht unwahrscheinlich, daß die Republikaner sich entweder der Stimme enthalten oder der Sitzung fern- bleiben werden und jedenfalls scheinen sie entschlossen zu sein, sich unter allen Umständen denc Beschluß des Lan- des loyal zu fügen.

Das neue Reich ist an Ausdehnung und Volksmenge etwa so groß wie Norwegen. Nach der Zählung vom 1. Januar 1914 betrug die Einwohnerzahl 8 241000, die fast sämtlich Lutheraner sind. Nachdem, was soeben über die nach einer heutigen Meldung freilich einst- weilen unterbrochenen Fviedensverhandlungen zwischen Finnland und Rußland bekannt wird, ist letztere bereit, einen Teil von Russisch-Karelien an Finnland abzutreten. Bekanntlich haben die Ostkarelicr, die etwa 250 000 Seelen zählen und deren Sprache der finnischen nahe verwandt ist, die finnische Regierung um Anschluß an Finnland ersucht. Wenn dieses den erstrebten An- schlutz von Karelien bis nach Kola, also bis zum Meeresausgang, durchsetzt, w wäre das wichtigste Stück der Murmanbahn im finnischen Besitz, eine Tat­sache, deren weltgeschichtliche Bedeutung auf der Hand lieat, so daß wir auch von unserem Standpunkt aus alle Ursache haben, diesen Anspruch zu unterstützen. In diesem Zusammenhang versieht man es, weshalb England gerade jetzt solche Anstrengungen macht, sich in Kola festzusetzen. Die Ententeumtriebe im Murmangebiet hängen eng mit der finnischen Frage zu- sammen, und diese wiederum ist, wie aus dem, was wir dargeleat haben, bervorgebt, eng mit der e u r o p ä i- scheu Frage verknüpft. Es handelt sich hier um Weltpolitik. Die Finnen aber sind dnrchdrunaen davon, daß ihr Schicksal mit dem unseren verknüpft ist. Sie wissen, daß heute noch das Wort gilt, das der finnische Ministerpräsident gesprochen hat: „Zu Beginn des Krieges schon sagte man sich im ganzen Volke: Der deutsche Sieg ist unser Sieg!"

*

Die finnische Abordnung beim Reichskanzler.

Br. Stockholm, 29. Aug. (E!g. Drahtbericht, zb.) Nach einer Meldung deK „Sveusla Dagblads" aus Heising- f o r s wurde die finnische Abordnung >ür die Königs- wabl vom deutschen Reichskanzler im Großen Haupt­quartier empfangen.

Vertagung der finnisch-russischen Zriedens- verffandlungen.

W. T.-B. Berlin, 28. Aug. Von finnischer Seite wird mitgeteilt: Nachdem bei den finnisch-russischen Friedensver­handlungen in den Hauptfragen bisher kein Einverständnis zwischen beiden Parteien zu erreichen war, haben die finni­schen Bevollmächtigten vorgeschlagen, die Verhandlungen auf einige Wochen zu vertagen. Bei Wiederaufnahme der Unterbandlungen würden die finnischen Bevollmächtigten den ruffischen durch Vermittlung der deutschen Regierung weitere Vorschläge unterbreiten. In einem Schreiben vom folgenden Tage haben die Vertreter Rußlands der finnischen Delegation einen mit dem obenerwähnten in den Haupt­punkten übereinstimmenden Vorschlag aus Vertagung der Verhandlungen zugestellt. Daraufhin wurden die Verüand- lunaen vorläufig vertagt. Die beiderseitigen Bevollmäch­tigten reisen in den nächsten Tagen von Berlin ab. Der Prä»

sident der finnischen Delegation, Minister Enckell, wird jedoch vorläufig hier bleiben.

Belgische Freiwillige für die Mnrmanexpedition.

Berlin, 29. Aug. Wie aus Stockholm berichtet wird, hat dem Helsingforser „HufvudstadSbladet" zufolge die Entente nunmehr begonnen, belgische Freiwillige für die Expedition in Nordrußland zu werben. Belgische Artillerieoffiziere be­finden sich bereits an der Murinanküste.

Oie neue französische Glaubensfahne.

(Bon unserem Kriegsberichterstatter.)

Im Westen, August 1918.

In den letzten Kämpfen gegen die Franzosen sind mehr­fach Fahnen erbeutet worden, die uns früher nicht bekannt waren. Es sind kleine, etwas über einen halben Meter im Geviert messende seidene Trikoloren, die auf der Vorderseite in Goldstickerei ein Kreuz und die Umschrift: „In boe signo vitices" (In diesem Zeichen wirft du siegen), sowie die An­gabe der Kompanie zeigen. Aus der Rückseite ist das mit der Dornenkrone umwundene Herz Jesu eingestickt und die Um­schrift: ,,0c>eur sacre de Jesu» - espoir et salut de la France.“ (Geheiligtes Herz Jesu, Hoffnung und Heil von Frankreich). Gefangene haben ausgescgt, daß bei ihren eigenen Truppen und, so viel sie wüßten, auch bei -b«n benachbarten diese neuen Kompaniesachuen überall emgesührt worden seien. Aus dem Umstand, daß wir solche Fahnen in der Abwehrschlacht erbeu­tet haben, ist zu schließen, daß sie von den betreffenden Kom­panien mit in die vordere Linie genommen worden sind, waS einigermaßen überrascht. Tenn der Krieg hat sich so ent­wickelt, daß die Enffaltung einer Fahne, außer bei einigen der wilden Hilssvölker unserer Feinde, längst außer Gebrauch gekommen ist. Unsere Truppen führen ihre Regimentsfahnen im Feld Wohl gar nicht mehr mit. Nur im Anfang des Kriegs wurden bei einigen Gelegenheiten, beim Sturm nach alter Sitte, die Banner entrollt. Später sah man sie nur noch für feierliche Gelegenheiten hinter der Kampflinie bei den Gene- ralkommandcs ausbewahrt.

Melhr noch überrascht die rein religiöse Ausstattung dieser neuen Kompaniefahnen. Sie sind auch nach den Gefangenen­aussagen auf das Drängen der Feldgeistlichen eingeführt wor­den, und das ist bezeichnend für die Wandlung der-Geister, die der Krieg in Frankreich veranlaßt hat. Im Anfang des Kriegs fanden wir in den eroberten französischen Kasernen und Stellungen noch überall antireligiöse Propagaudaschrif- ten und Spottlieder auf die Geistlichen. Dann entspann sich ein innerer Kamps. Die Geistlichen, von denen viele natio­nalistisch gesinnt sind, wurden beschuldigt, den Krieg mit ver­ursacht zu haben. Sie drehten kampflustig den Spieß uni und erklärten die schwere Heimsuchung Frankreichs als die Strafe Gottes für die Combessche Kirchenschändung und den Klosterraub. Damit machten sie großen Eindruck. Ich habe selbst einmal gehört, wie in Cambrai das Volk riest' „Das :si der Finger Gottes! Das ist die Strafe für den Kirchen- frevel!" Durch feindliche Fliegerbomben war ein Hospital i:r Brand geraten, und deutsche Soldaten warfen die Betten auS den Fenstern. Das Volk erinnerte sich, daß aus denselben Fenstern dieses ehemaligen Klosters die Gendarmen de: Republik den Hausrat der vertriebenen Nonnen geworfen hatten, und sah in dem seltsamen Zusammentreffen den Finger Gottes. Diese Stimmung wuchs und wurde so mäch­tig, daß die Regierung mit ihr rechnete und paktierte. Die Geistlichkeit erklärte die Maruescklacht für ein Wunder de: Jungfrau von Orleans, und wenige Jahre, nachdem sie die Ordensleute beraubt, in die Gefängnisse geworfen und aus dem Lande vertrieben hatte, errichtete dieselbe dritte Republik der Jungfrau von OeleanS jenes Weiheidenkmal, das sich aus die Wanderschaft begeben mußte, als- durch unseren neuen Vorstoß an die Marne der Zanbername des rettenden FluffeS verblaßte. Niemals waren die Kirchen in Frankreich so be- sucht wie seit dem Krieg. In den französischen Schützen- graben sind die religionSfeindlichcn Hetzschriften verschwun- den und an ihrer Stell« findet man in den Unterständen daS neue Testament so häufig wie bei uns.

Längst hört man auch nichts mehr vom Kampf der Regie­rung gegen die royalistische Propaganda in der Armee, die mit der religiösen vielfach Hand in Hand geht. And doch arbeiten die Royalisten, die ihre Zeit für gekommen halten und es nickt vergessen, daß die Republik mit nur einer Stimme Mehrheit -eingeführt wurde, im Heer sehr rege. Der Krieg macht es uns schwer, die geistigen Strömung-en im französischen Heer und Volk zu erkennen, schwerer noch als im Frieden, wo viele bei uns Paris und seine Advokaten- regierung für.Frankreich hielten, und bei der Beurteilung des angeblich körperlich degenerierten und geistig verfallenden französischen Volkes deffen starke aliständige Kräfte übersahen, ein Fehler, vor dem uns schon der alte Demokritcs-Weber und nach ihm Theodor Fontane als Kriegsberichterstatter 1879 eindringlich gewarnt haben. Vielleicht erlebt die Welt an den Franzosen wieder einmal eine Überraschung, nachdem der Krieg sie so gründlich ausgerüttelt hat. Die Tatsache, daß jetzt die Soldaten der kirchenseindlichsten aller Republiken mit der Kreuzes- und Glaubensfahne in den Krieg ziehen, ist jedenfalls scheu eine Überraschung, die man den Frau» zosen selbst vor 4 Jahren rächt hätte Voraussagen dürfen, ohne von ihnen laut ausgelacht zu werden. (Kb.) .

l - W. Scheuermann . ÄxtegsberMerstatte^ A