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Wiesbadener Sagblatt

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Zreilag, 22. sliigust 1918.

Morgen-klusgabe.

Nr. 291. * 66. Jahrgang.

Die Gefahren Des Wirtschaftskrieges.

Wir sind überzeugt davon, daß unser Nntcrseeboots- krieg den Engländern den ungeheuersten Schaden zu­fügt, wir lassen uns in dieser Überzeugung durch die raffinierten Mischungen nicht beirren, mit denen drüben die Regierung wie die Presse ein Ergebnis vorzulegen suchen, wonach der versenkte Schiffsraum durch die Neubauten ausgewogen werde. Wenn der Noro- deutschc Lloyd den unseren Minden und in enter Reche Großbritannien zugcfügten Schaden aus 60 Milliarden Mark berechnet, so wird er die Behauptung zu beweisen vermögen, vielmehr er beweist sie sehr eingehend wirk­lich. Indessen finden sich immer wieder bei uns ange­sehene Zeitungen, die in der Schüchternheit des Respekts vor englischen Frechheiten ernstlich irre geworden sind an der Wirksamkeit des Tauchbootskrieges. Zweifellos ist England mit 'einer Lebensmittelversorgung besser daran als wir, aber der Mangel an Zrachtraum verteuert doch die Transporte und demgemäß die Preise in England immer weiter. Besonders sedoch weist das Jahrbuch des Norddeutsitzen Lloyd für -1917/18 auf die geradezu verwüstende Wirkung hin, welche die teuere Einfuhr auf die britische Zahlungsbilanz ausübt. Der „Eeonomist" schätzt die Passivität der eng­lischen Handelsbilanz für das ganze Jahr 1918 auf 770 Millionen Pfund Sterling, alio auf rund 16 Milliarden Mark, im.Vergleich mit 180 bis 140 Millionen Pfund oder 2 % Milliarden Mark in jedem der letzten Jahre vor dem Kriege. Damals sedoch bedeutete dieser Ein- iuhrüberschnß nichts Ungünstiges, weil er weit durch

Verdienste an allerhand Vermittlungsgeschäften, vor -dem am Reedereigeschäft, ferner auch durch die Ein­gänge aus Kapitalanlagen im Auslände überragt wurde, '"as hat sich im Kriege gründlich geändert. Was an Effekten nach dem Auslande — vornehmlich nach Ame­rika — nur immer abgestoßen werden konnte, wurde dorthin verkauft, um den Stand der Valuta zu v er- teidigen. Damit nicht genug, wurden riesenhafMKre- dite bei den Isankees ausgenommen. Aus dem Groß- gläubiger der Vereinigten Staaten ist England so zum Großschuldner Amerikas geworden. Statt daß es, wie im Mieden, Zinsen von dort bezieht, hat es jetzt solche dorthin abzuführen, zum weiteren Schaden für seine ohnehin überaus schlecht geworden? Zahlungsbilanz. Von besonderes.' Bedeutung ist es, daß sich hieraus schon jetzt für die Zukunft der britischen Wirtschaft recht ungünstige Voraussagen ableiten lassen. Die hohe Be­lastung mit jenen Schuldverpflichtungen ist eine blei­bende, zum mindestens eine solche, die nur in einer langen Reihe von Jahren mühsam herunterzudrücken wäre. Befänden sich die Engländer in ungeschmälertem Besitz einer Handelsflotte, wie sie sie vor dem Kriege ihr eigen nannten, sq wären sie vielleicht verhältnismäßig rasch in der Lage, ihre Zahlungsbilanz wieder halbwegs auszugleichen. Doch nicht nur die Jlotte wird ihnen — dank unseren U-Booten — fehlen, sondern auch um die überragende Stellung gegenüber den anderen Seehan- dol t"?ibenden Nationen sind sie gekonimen. Die Ame­rikaner ttwrde.n ff». als neue mächtige Konkurrenz gegenüberstehen, dieselben Leute, an welche England durch den Krieg Mllüarden und aber Milliarden ver­loren hat. j

So sieht es mit England infolge unserer Krieg- führung zur See und infolge unserer genügend be­wiesenen Mhigkeit zu langem Atem und zähem Durch­halten im wirtschaitsvolütischen Kriege so gut wie im militärischen. Daffir aber- sollten wir uns auch hüten, umgekehrt den gegen nns> eröffneten Wirtschafts­krieg Englands leicht zu nehmen, wie das be­dauerlicherweise in manchem deutschen Blatte geschieht, das eine führende Stellung beansprtzchen zu dürfen glaubt. Wir sind vielmehr .verpflichtet, die uns teils angedrohten, teils schon durchcreführten Maßnahmen der Gegner bitter ernst zu nehmen, und wir werden unseren Interessen un: so besser dienen., je höher wir diese Ge­fahren einschätzen. Denn nur so werden mir die Kraft aufbieten, ihnen zu begegnen. Es muß gesagt werden, daß es überhaupt keine G e f a h r auf Erden gibt, die uns stärker als gerade diese bedrohte. Wir werden unser Gebiet ganz gewiß unverletzt erhalten, wir werden dasselbe auch zugunsten unserer Bundesgenossen durchzusetzen im stände sein, wir werden also als Besiegte > unser gar keinen Umständen aus dem bluttgen Ringen bervoraehen, aber wir haben keine Sicherheit, daß uns die gleiche Selbstbehauptung gegenüber den einschnüren- den und lähmenden wirtschaftsposiitischen Angriffen, Unterwüblunaen. Boykottierungen brüchieden sein wird. Es soll hier nicht einmal die Rede se in von den Unver- schämtbeiten. die sich die englische Gesetzgebung bereits geg»n uns Deuffche erlaubt bat, indem beispielsweise unseren Banken auf mindestens 5 Jahre nach Friedens- schluß das Niederlassungsrecht und die Beteiligung gm Metaklbandel verwehrt wird, indem ferner (in Kanada!

beschlossen worden ist, daß jeder Deutsche seine ent­ehrende Nationalität in seine Zinna aufndhmen und uch im Ladenschild als Deutscher benennen mnß. Wertere Ausnahmen dieser Art stehen bevor, wie denn der bri­tische Ausschuß zur Beratung der Industrie- und .Han­delspolitik nach dem Kriege, u. a. nicht bloß den deut­schen Banken, sondern auch dein deutschen Kaufmann generell die Niederlassung verweigern will, die dein Verbündeten oder dem Neutralen selbstverständlich ge­währleistet bleiben wird. Wie gesagt, nicht von dreier differentiellen Behandlung unserer Landsleute soll hier die Rede sein, sondern es geht um die Grundlagen un­serer ganzen Existenz, irärnlich um die Absperrung von den Roh st o f f b e ständen, und das soll zum Teil durch Einrichtungen geschehen, gegen die wir uns so leicht nicht werden wehren Zäunen, weil sie prrvat- wirtschaftlichcr Natur sind und durch bindende Vertrage schon eine Art von geheiligtem Rechtscharakter ange­nommen haben. Hierzu gebären die langfristigen Lrefe. rungsverträgc, nach de nur die ägyptische Baumwollernte, die südafrikanische und die australische Wolle, die, Öl­früchte Westafrikas, das Kupfer Nordamerikas, die indi­sche Jute und viele andere Rohstoff? so gut wie aus­nahmslos nach England gehen werden und uns vor- enthalten bleiben sollen. Wie können wir uns der Ge- fahren erwehren, die uns von dieser Seite her bedrän­gen^ Es ist leicht gesagt, und das geschieht jetzt wiederum mehrfach, daß uns die Sachlage ahernrals auf die Not- Wendigkeit eines Verständigungsfriedens ginwefft. Sehr schön. Indessen warten bür auf den Beweis für die Behauptung, daß uns ein solcher Verstandigungs- friede noch möglich ist. nachdem England hundertfach gezeigt bat, wie es ibm allein um unsere Vernichtung zu tun ist, und um nichts anderes als um dieses Zl">.

Macht gegen Macht! Daniit wir aber wirtschasts- politisch soviel Macht aufbieten können, wre wir es militärisch ja vermögen, dazu gehört, daß wirb£n -Osten mit seinen ungeheuren Möglich­keiten der Rohstoffversorgung in den Be­reich unserer auf Freundschaft gerichteten, Interessen bcift iutr cttte SBiittbtttSfcoItttf qtot> s ten Stiles treiben, die sich nicht mit dem,zwar nütz­lichen Gebilde einer mitteleuropäischen Gemeinschaft be­gnügt di° vielmehr wirklich in Kontinenten denkt. Auf den Staatsmann und auf die Politik warten wir. die solches vermögen.

Deutschland im Volkerbund.

Eine bemerkenswerte Rede des Prinzen Mar von Baden.

Br. Berlin. 22. Ang. lEig. Drahtbericht. zb.) Die Rede

Prinzen Max van Baden bei dec badischen Ber­fas sungsfeier aalt insbesondere der Frage, ob Deutsch­land berufen sei, in einem künftigen Völkerbund eine fübrende Rolle zu spielen. Prinz Max sagte u. a.: Heute enthält die Forderung äußerer Kraftentfaltunq zugleich die Forderung nach innerer Freiheit. Wie unsere Feldherrn immer von neuem das Heer zu unerhörter Schwungkraft be­reit finden, weil der Opfergeist des Vertrauens es durch­dringt, so können wir auch im Frieden nur groß und glücklich dastehen, wenn der Staat aetraaen wird von einem gemein­samen Volksgesübl, wenn der Deutsche durch seinen freien Willen das allgemeine Gesetz bejaht. Schlimm steht cs um die Nation, die glaubt, die Fackel der christlichen Gesinnung während des Krieges senken zu können, m der Hoffnung, si- nach dem Frieden wieder erbeben zu können. Ein solches Land bätte seinen Posten als Fackelträger der Gesittung ver­wirft. In jedem Land gibt es Demagogen, die diese Sorge wenig kümmert, ja, die feindlichen Regierungen erblicken ihre nationale Aufgabe darin, die Gesinnung des Hasse? und der Rachsucht in den Frieden hinüber zu retten. Es wäre ein schlechter Berater der deutschen Nation, der uns aufforderte, uns ein Beispiel an Kiemen» ceau und Lloyd George und ihrem neuen Heldentum zu nehmen. Da ist es tröstlich siir uns. zu wiffen. daß unser Grohherzog die Aufgabe aller führenden Kräfte in Deutsch­land darin sieht, die» in jahrtausendelangem geistigen Ringen bewährten und erprobten sittlichen Werte, an die wir im Frieden glauben, auch im Krieg treu zu bewachen. Unsere Art und unsere geschichtliche Entwicklung zeigen uns den Weg zu dieser Wächter rolle. Die Schlichtung der inneren staatlichen und religiösen Gegensätze in Deutschland -st im kleinen eine geistige Vorbereitung für eine Zusammen­arbeit der Völker geworden. Hatte es doch in unserer Ge­schickte lange Schrecken gegeben, weil das Zusammenraffen all der stolzen und eigenwilligen Stämme zu einer großen freiwilligen nationalen Einheit so utopisch erschien, wie cs heute utopisch erscheint, daß einmal der Tag kommen wird, an dem die kämpfenden, hassenden und miteinander' so namenlos leidenden Völker sich ru einer großen Mensch­heitsgemeinschart zusammenfinden, die noch nie war. die aber allen ausgegeben ist von dem religiösen Gewissen der Völker und uns Deutschen noch besonders von unserem , größten Denker Emanuel Kant. . . i

Oie Lage in Russisch-Ostasien.

Di« feindliche Niederlage uor Archangelsk.

W. T.-B. Moskau, 20. Lu«. (Drahtbericht. Petersburger Tclegr.-Agsnt.) Die Engländer und Franzosen, die sich mit den T s ch e ch io - SI o w aken vereinigen w oll- t>en, erlitten in der Richtung auf.Onega eine schwere 'Nieder­lage. Unsere Truppen schreiten vorwärts und halben die Station Tscheknjewo, 80 Werst vor Archangelsk zwi­schen Onega und Obosersk besetzt. Außerdem fiel e:n D«mpssch i f f des Gegners in unsere Hände, 50 Werst östlich von Oboseisrk ist der Feind vor dem 'Dorf Soleckaja zn- rückgeschlagen Morden, Die Versuche dos Feindes, mr Kasan- Rayon vorwärtszukomimeir, scheiterten an der Standhaftigkeit unserer Trupps», die Idie Dörfer Mjinskaja und Sochwnowo besetzten. Zwei Geschütze und drei Maschin-engenvehre wurden erobert.

Zur Lage in Wladiwostok.

w. T.-B. Paris, 22. Aug. (Drahtbericht. Ayenr« HavaZ.) Ter im äußersten Osten befindliche Kreuzer „Kersainr <1240 Tonr-en) ist am 13. -August ans der Reede van Wladiwo­stok neben den'K r ieg-sschi ssem der Alliierten vor Ancker gegangen.

W. T.-B. Worones», 20. Aug. (Amtlich. Drahtbericht. Petersburger Delegr-aphenagentur.) Die sibirische Re­gierung arbeitet einen Plan für die Zuteilung von Landbesitz -an die Tscheche-Slowaken aus, die an den Kämpfen gegen die Sowjeiherrschast teilgenommen haben.

Sühne für ffchecho-ftowakische Ereueltatcn.

Br. Moskau, 22. Aug, (Eig. Drahtbericht, zb.i Den russischen Zeitungen zufolge haben die Roten Gardisten nach der Eroberung von Simbirsk von den in ihre Hände ge­fallenen Tschecho-Slow aken 300 Mann ans dem Marktplatz ö f s e n t l i ch g e h e n k t als Sühne für die von den Tschecho- Slowaken in der Stadt verübten Greueltaten.

Oereini^uns der Krim mit der Ukraine?

Br. Wien, 22. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.l Die Tele- graphen-Kompanie meldet aus ' Odessa • Dem Blatt „Odesft Listock" zufolge soll die Reise des ukrainischen Ministerpräsidenten nach Berlin mit der Ver­einigung der Krim mit der Ukraine und mit der Regelung der Grenzfrage des Dongebietes Zusammenhängen. Das Dongebiet wird wahrscheinlich mit der Ukraine in ein Föde­rativbündnis treten.

V/. T.-B. Moskau, 22. Aug. (Drahtbericht. Petersburger Telegraphen-Agentur.) Zur Erörterung der Grenzfragen zwischen der Ukraine und Großrußland wird in Kiew eine allgemeine Zusammenkunft stattsinden.

Die Königswahl ln Finnland.

W. T.-B. Helsingfors. 22. Aug. (Drahtbericht.) Zur Vorbereitung der Königswahl ist -eine von -der Regierung auS- effchene Deputation nach Deutschland abgereist. Der Deputation gehören der Senator TalaS, die ehemalige!: >Sonatoren Frey und Neramlinna und der -Freiherr A. von Ronsdorf an. ^________

Zur polnischen Königsfraye.

Br. Genf, 22. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die „Neue Korräsipondonz" will evsahven haben, daß der Erzherzog Karl Stephan zugunsten seines ältesten Sohnes, des Erzherzogs Wilhelm, auf den ^polnischen Dhron per- gichten werde.

Rückttittsabsicht des polnischen Ministerpräsidenten.

Br. Berlin» 22. Ang. (Eig. Draihtbericht. zb.) Die pol- nischcm Blätter melden, daß der polnische Ministerpräsident Steczkow sk i, der zurzeit krank in Galizien weilt, wahr­scheinlich nichi auf seinen Posten zurückkehren werde. — Das „B. T." .be-merkt zu dieser Meldung: Uns ist schon seit emnger Zeit die Siücktritts-abstcht des Herrn Sterzkowski bekannt, dessen Nerven durch die fortwährenden iSchwieri-gkeiten, mit denen er in seinem Amt im Verkehr mit Okkupati-ons!be!hördrn und den Pcrteien -zu kärnpfon hatte, stark angegriffen lsind.

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Herr v. Payer reist nach dem Hauptquartier.

B. A. Berlin, 22. Aug. (Eig. Drahtbericht. z>b.) Nach Vevlautbarunacin ans pvlltiicken Kreisen -soll sich Vizekanz:-.r v Payer mit der »sicht tragen, über seine Kouserenz mit den Parteiführern im Großen Hauptquartier Bericht zu erstatten, so daß seine Abreise dorthin in den nächsten Tagen zu erwarten wäre.

volle Einmütigkeit ln Bulgarien.

XV. T.-B. Sofia, 22. Aug. (Drahtbericht. Wiener Korr.- Bnr) Auf Einladung des Ministerpräsidenten Malinow fanden in den letzten Tagen Beratungen mir den Vertretern der regierungsfreundlichen Blockpactei statt. Als ihr Er­gebnis' wird die erfolgte Übereinstimmung der Block- Partei mit der Regierung anzusehen sein, und der Beschluß, die S o b r a n j c für Anfang S e p t e m b e r zu einer außer­ordentlichen Session einzuberusen. welcher sich eine ordentliche Hcrbstsession anschließen dürste. Man erwartet, daß dre Regierung in allen nationalen und das Land betreffenden Fragen von allen Parteien loyal unterstützt nnrd.