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Wiesbadener ianlilatt

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Donnerstag. 22. August 1918. ' KbeNd-KUSgLlbe. nr# 390 ‘ *

66. Jahrgang.

Englischer Ansturm aus vapanme zusammengebrochen.

Neue starke französische Angriffe zwischen Dise und klisne vereitelt.

W. T.-B. Grosses Hauptquartier, 22. Aug. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe Kronprinz Nupprcchi.

Im Kemmelgebiet wurden feindliche Teilangriffc beiderseits der Strasse Loker-Dranoctcr abgewiesen.

Südlich von A r r a s hat der Engländer gestern mit netten großen Angriffen begonnen. Englische Armeekorps und Neuseeländer waren zwischen Moyrnville und der Avrc in Richtung aus Bapaume in tiefer Gliede­rung eingesetzt. Das englische Kavalleriekorps stand hinter der Front zum Einsatz bereit. Durch stärkstes Artilleriefener und mehrere hundert Panzerwagen unterstützt, stich die Infanterie des Feindes ans der 2 0 Kilometer breiten Front zune Angriff vor. Bor unseren Schlachtstellnngen brach der erste Ansturm zusammen. In örtlichen Gegenstößen nahmen wir Teile des dem Feinde plan­mäßig überlassenen Gcländrstreifens ab. Der Feind setzte seine heftigen Angriffe den Tag übcc fort. Ihr Schwerpunkt lag auf den Flügeln des Angrisfsfeldes. Sie sind völlig und unter schweren B e r l u st e n für den Feind ge­scheitert. Versuch« des Gegners, bei Hamel die Ancre zu überschreiten, wurden vereitelt. Eine große Anzahl zer­schossener Panzerwagen liegt vor unserer Front.

Heeresgruppe Boelni.

Zwischen Somme und Oise verlief der Tag ruhig. Südwestlich von Nopon haben wir uns in der Nacht vom 2». zum 21. kampflos vom Gegner etwas abgesetzt. Den ganzen Tag über lag das Artikeriefeucr deS Feindes noch auf unseren alten Linien. Zögernd fühlten am Abend starke Erkundungs­abteilungen gegen das Tal der Divettc vor. Die im Carle- pontwalde kämpfenden Truppen nahmen wir vom Feinde unbemerkt hinter die Oise zurück. Angriffe des Feinde?, die sich hier gestern früh durch stärkstes mehrstündiges Artillrriefeuer vorbereiteten, kamen infolgedessen nicht zur Geltung. Zwischen Blerancourt und der A i s n c setzte der Feind seine Angriffe tagsüber fort. Rur bei Blerancourt konnte er Boden gewinnen. Der gegen die übrige Front ge­richtete nnd am Abend mit br,anderer Kraft beiderseits der Morfvin-Sch lucht geführte Ansturm brach unter schweren Verlusten sür den Feind zusammen.

Der Erste Generalquartiermonster: Ludendorsf.

Deutsche Propaganda.

Es war zu erwarten.^daß die große Rede des Kolo- nialstaatssekretärs Dr. Solf eine starke N a ch w i r< k u n g zeitigen werde. Die glänzende Abfuhr Balfours hat in allen politischen Lagern Deutschlands volle Ge­nugtuung hervorgerufen. Man ist überall einig darin, daß hier ein wichtiger Schritt vorwärts im Krieg der diplomatischen Reden getan ist. Ja, man sieht in der vielerörterten Angelegenheit der deutschen Pr o- p a g a n d a bereits eine Linie. Staatssekretär von Hinbe hatte kürzlich mit seinen veröffentlichten Er­klärungen den Anfang gemacht. Dr. Sols geht auf die­sem Weg weiter, einem Weg. der offenbar von der deut­schen Regierung vorgezeichnct und gebilligt wurde. Man hat die Persönlichkeit Dr. Solfs für die Mensur mit Balfour gewählt nicht etwa nur wegen der kolonialen Fragen, in der Balfour Deutschland herausgefordert hatte, sondern auch deshalb, weil Dr. Solf während des Krieges wiederholt in meisterhaften Reden vor die breite Öffentlichkeit getreten war und sich das Vertrauen aller Parteien erworben hatte. Eine kleine, wohl sehr nebensächliche Meinungsverschiedenheit besteht jetzt darin, ob Dr. Solf als Abwebrkämvfer vorge­schickt wurde oder ob er etwg eine neue Friedens­offensive einleiten sollte. Letzteres wird ja bald in manchem feindlichen Blatte des Auslands zu lesen sein. Der Irrtum ist nicht weniger groß, wenn er in inländischen Zeitungen stände. Dr. Solf hat daran so wenig gedacht wie die maßgebenden Stellen hinter ilnn und über ihm. Dr. Solf hat ausdrücklich auf die ..Welle des Übermuts" hingewissen, die gerade fetzt nach dem Fochschen Erfolge durch die Völker der Entente geht. Bei dieser Stimmung hätte eine neue Friedensoffensive keinen Zweck. Sie wäre über- flüssia und unwürdig. Sie würde auch den ganzen mächtigen Gedankenapparat nicht rechtfertigen, den der Redner aufgeboten hat. Dr. Solf hatte toiel weitere Ziele. Er appellierte von den schlecht unterrichteten Re­gierungen des Feindes an die gegnerischen Völker, und er ging in seiner Betrachtungsweise tief zurück bis zu den weisen Normen eines Kant. Er wandte sich an die ..Zentren des europäischen Gewissens", die trotz aller Verbissenheff nnd Verhetzung in allen kriegführenden Ländern vorhanden fein müssen. Will man diesen Lvvell an die Vernunft drückender Meirichen.

ob Feind oder Freund, eine Friedensoffensive nennen, so mag es geschehen. Ein diplomatischer Schritt im staatsrechtlichen Sinne, eine These tür_ die unbelehr­baren Ententeregierungen tollte es nicht sein. Son­dern es war in erster Linie eine einfache Abwehrrede. Wochen und Monate hindurch hat die deutsche Öffent­lichkeit das Bombardement der feindlichen Staats- männerred^n, das Gist der heimlichen Northcliffe-Pro- paganda über sich ergehen lassen müssen. Alle, die von der Psychologie der Politik etwas verstehen, die sich be­rufsmäßig mit dem Wesen, der Wirkung und Gegen­wirkung des Zeitungsstoffes beschäftigen, mußten zähne­knirschend zusehen, wie der Feind ins Hans hineinrief, hineinzischte, und wie viele der eigenen Leute die Obren spitzten und bange werden wollten, weil keiner da war. der das rechte Wort der Erwideruna fand oder, wo es notwendig war. auf einen groben Klotz einen groben Keil setzte. Der Bann ist jetzt^gebrochen.. Un­sere führenden Männer haben die Sprache wieder- gefunden. „Arbeitsüberlastung" oder „notwendige Zu­rückhaltung" wird keine Ausrede mehr sein. Und was die unseren zu sagen haben, wird nicht nur bloße Ab­wehr sein, sondern selbständige aggressive Propaganda. Es gibt keine richtige Abwehr ohne eigenen Anariff, und die b e st e P a r a d e ist der H i e b. Das hat Dr. Solf in seiner Rede bereits deutlich hervor- treten lasffn, Die Verdächtigungen unserer finni­schen Politik z. B. wies er zurück mit dem Bemerken, daß wir nicht daran denken, ein deuffches Portugal zu schaffen. Ebenso sarkastisch war der Hinweis, daß wir mit den Ostsee Provinzen, mit Polen und der Ukraine nicht vccfabren, wie England mit Griechenland. Und ent ganz prachtvoller Durchzieher gegen Palfour: „Die Khakiwahlen werfen ihre Schatten voraus!" Polfour wollte nicht staatsmännischc Aufklärung leisten, sondern politische Leidenschaften auf­stacheln. Er fürchtet die Aufflärung. Er will seine Landsleute in der ün<xiü-oui-.Gesinnung erhalten. Es wird ihm nicht gelingen. Die feindlichen Völker, so- weit sie lesen können — und die weißen Engländer kön­nen es sa wohl noch meist — werden die Gedanken deut­scher Staatsmänner zu Gesicht bekommen. Man wird es in London nicht wagen, unsere Stimmen ganz zu unterdrücken. Und wenn doch, durch die Türen der Neutralen werden sie allmählich eindringen.. Die Stimmen der Wahrheit und der ehrlichen Über- z e u g u n a sind auch im Krieg trotz aller Fälschetkünste nicht aufzuhalten. Daß man jetzt bei uns den Mut hat, an den Erfolg einer energischen Gegenpropaganda zum inindesten als Ausgleich des feindlichen, im Inland wir­kenden Giftes zu glauben, das ist auf jeden Fall ern erfreulicher Forffchritt. ^

Lebhafte Zustimmung, zur Rede vr. Solfs in Gsftsrreich.

W. T.-B. Me«. 21. Aug. Die Blätter begrüße^ mit lebhafter Zustimmung bic bedeutungsvollen Erklärungen Solfs. Das Fremdcnklatt" schreibt: Die Kundgebung Solfs entbält das klarste Bekenntnis zu dem Gedanken des Vrcständigungsfricdens. Sr warnt davor, sich durch übeimütige Reden feindlicher Staatsmänner verleiten zu lasten, in dasselbe Horn zu blasen, wie Balfour und Ge- i ossen es tun. Die Rede Solfs ist die beste Antwort auf die Ber- betzungsv-r suche Balfours und Lord Nortbeliffcs. Die Mittelmächte werden ihren Besitzstand weiter mit dem Aufgebot aller Kräfte ver­teidigen, aber ste werden auch durch gegnerische Provokationen sich nicht veranlaßt fühlen, ihre Friedensziel« zu ändern und den Derständicwngsfrieden enfzugebrn; und weder Einschüchterung noch Aufreizung sind imstande, sic von dem vorgezeichneten Weg abzn- . bringen. - Auch di- ..Neue Freie Presse" betont, daß die Rede Solfs sich durch das deutliche Bekenntnis zu der Politik des V e r st ä n d i g n n o s f r i e d e n s nnd zu den Grundsätzen in der Antwort auf die Papstnctc kennzeichnet, nnd sagt: Die Rede ist «ine Kundgebung über die allgemeine Politik, die sicherlich Aufsehen machen wird Dem „Neuen Wiener Tagblatt" erscheint die Rede Solfs geradezu als eine Ergänzung der letzten Ausführungen des deutschen Reichskanzlers iiber den Verständigungs- unb Verteidi- gnnaswillen Deutschlands. Solf konnte sich zu einem schönen Auf. ruf an die Menschlichkeit in allen Staaten erheben. Die Erklärungen Solfr find aber gleichzeitig ein flammender Protest gegen den Ber- such Englands, sich die deutschen Kolonien vor feder Friedensver­handlung anzueignen. -- Die „Zeit" führt aus. daß Solf in seiner groß angelegten Rede mit sicherem Blick den Angelpunkt der Aus- führunoen Balfours erkannte nnd nun Punkt für Punkt mit ihm abrechnet. — Die „Arbeiterzeitung" üderschreibt die Besprechung der Rede Solfs mit dem Titel „Eine. Friedensrcdr" und ist neugierig auf das Echo, das diese Rede findet.

Joffe über Ruhlanös Beziehungen zu Deutschland.

Sr- Moskau, 22. Au-. (Eig. Drahöbericht. Ab.) In einer Unterredung mit einem Mitavbeiter der „Jsweftija" äußerte sich Joffe letzthin .diesem gegenüber u. a., daß alle Gerüchte von irgend einer Verschärfung der russischen Beziehun­gen zu Deutschland durch nichts begründet seien, und sagte wörtlich: Meine Ankunft und die der wirtschastlichcn Kom­mission ist durch den Umstand hervorgerufen, daß die Ver­hängungen, die in Berlm äöfif. ft* Wirt­

schaftlichen Bedingungen des Brcfter Vertrags geführt wur­den. beendet find und es notwendig erschien, dem Rat der BoMkomNiissare einen genauen Bericht darüber zu erstatten. Die Verhandlungen sind in einer sür uns völlig zufrieden­stellenden Weife zu Ende geführt worden. Weitere Hinder­nisse für die zukünftige Entwicklung der wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen zwischen beiden Staaten, die -der: Ver­nichtungskrieg beendet -laben und in Frieden miteinander zu leben wünschen, bestehen nicht.

Neue Knhängerschafl für General Nrasnow-

Br. Stockholm, 21. Aug. (Eig. Drcchlbericht. zh.) I» Tw er ist eine Gegenrevolution ausyebrochen. Die Tltver-Kosaken haben die Stadt erobert und eine eigene Ver­waltung eingerichtet. Die Kosaken stehen -in keinerlei Be­ziehungen zu den Tschechv-Slowaken und suchen Anschluß a:r die von Krasnow befehligten Don-Kosaken.

Englands Gewaltherrschaft im Murmangebiet.

W. T.-B. Moskau, 20. Aug. Über das grausame Vor­gehen der Engländer am Murman bringen die „Jswestija' und die „Prawda" folgende Meldung: In den Städten aus Murman wurden von den englischem Soldaten Massenhaus­suchungen bei russischen Bürgern und neutralen Untertanen vorgenommem, wobei gegen 100 Personen verhaftet wurden. Die Einwohner, bei denen Haussuchungen stattfanden, klagen, daß ihnen während der Untcisuchungen Geld, goldene Uhren und andere Wertsachen abbanden gekommen sind. Die russi­schen Postämter wurden geschlossen. Überall sind awgko-ffan- zöstsche Patrouillen zu sehen. Auf den Stationen der Mur- manbahn &efwi'ben sich anylo-franzüsiffche Kommandanten, welche besonders grausam gegenüber den russischen Eisen­bahnern sind. Die Vertreter der Entente erklärten zuerst, das; sic d,e örtliche Bevölkerung nicht mobilisieren würden. Die Mchilisation wurde fedvch trotzdem vorgenommen. Sie ergab etwa 5500 Mann. An die Spitze wurden englffchc und fran- zösffehc Offiz-ere gestellt. Russische Offiziere werden zu höhe­rem Ämtern nicht zugelassen und auf untergeordnete Posten sehr selten- Ten russischen Offizieren gegenüber verhalten sich die Engländer und Franzosen beleidigend und hochfahrend und behandeln sie in jeder Weise schlecht. Russischen Sol­daten gegenüber, die zwangsweise mobilisiert wurden, loird die Knute gebraucht. Es sind zahlreiche Fälle von Er­schießungen vcrgekontmen.

Englands widerspruchsvolles Verhalten.

W. T.-B. Moskau, 20. Aug. (Petersburger Telegraphen- :Agentur.) Der niederländische Gesandte in Petersburg wandte sich im Namen Großbritanniens an die Svwjetvegierung mit dem Vorschlag eines Übereinkommens zwischen Rußland nnd -England. Falls Rußland sich einverstanden erklärt, die internierten britischen Staatsangehörigen ffeizulafsen, wird England sich verpflichten, keine Repressalien der einem ode­anderen BeböSerUlNysklaffe gegenüber anzuwenden. Wie be­kannt beteuerten die lEnyländer in ihren von Wasserflug­zeugen aus herabgewcrfenen Flugblättern, daß sie in Rußland erscheinen würden, um den Kampf mit dem Deut­schen auszunehmen, und daß die Engländer nichts gegen den Willen des russischen Volkes noch gegen die Sowjets und den Sowjet der Volkskommissare unternehmen wollen. In der­selben Z e i t aber erhält die russische Sowjetregieruny von der holländischen Gesandtschaft die Bestätigung dessen, daß die Engländer zu einer Rethe von Rep ress i v m a ß rege ln gegen ganze BevAkerungsklassen der Sowjetrepublik gegriffen haben.

Die Vorschläge der Sotvjetregierung an die Entente in der Austauschsrage.

\y. T.-B. »roskau, 20. Aug Nach einer Meldung der Jswestija" vcn beute lichtete der Volkskommissar sür auswärtige Angelegenheiten nit den bell and'scheu Gesandten in Peters­burg felgendes Telegramm: Felgendes sind die Vorschläge, die wir den Regierungen der Entente durch die Vermittlung der neutralen Konsulatskorps xemachl haken, und die per Radio an Hefn Lindley nach Archangelsk geschickt wurden, die außerdem k o l l e k - tiv gemacht wurden in Anbetracht desten, daß die Vertreter der Entente erklärte«, daß sie ans Rußland mir kollektiv ab- r eisen würden. Den Bingen, der Entente mit diplomatischen und konsularischen Funktionen wird die Abreise aizs Rußland unter der Bedingung gestattet, das- unsere Vertreter rot Ausland und alle russischen Bürger in offizieller Eigenschaft nnd mtt offiziellen Auf- trägen nach Rußland znrückkebren können, darunter unser Agent in Christiania, Bcitler. welcher aus der Rückreise nach Rußland ans dem Wege nach Murman von den Engländern vom Schiss h e r u n t c r g c h o l t iml von ihnen sortgeführt wurde. Ti- Osfizierr und Soldaten der französischen Militärmission werden die Möglichkeit haben. Rußland zu rerlaisen. wenn Frankreich den russischen Soldaten, welche i» diesem Lande zurückgeblieben sind, die Möglichkeit eibr>nach Rußland aus lebe nur mögliche Weise zurückzlckcbren Die c-iglisehen und ftanzösischen Bürger, welche in Rußland als Zwilgesanginc interniert wurden und keine Verbrecher sind, werden srcigelassen. Tic anderen außer den Verbrechern bleibet-: in Freiheit unter der Bedingung, daß keinerlei Maßnahmen, keine peinlichen Repressalien gegen oie Anhänger der Ratsgewatt weder setzt noch später im (Mettetc der anglo-französischen und tkchechc-llowakischen Tlkuvatio» und in den Ententeländern ergrissen werde», und das, olle etwa in dieser Richtung brrettS ergriffenen Maßnahmen zinüclaenrnrmen irerden. Den Bürgern der Entente wird die Abreise aus Siußland gestattet, rvrrm die russischen Bürger di- Erlaubnis zur Abreise ans den Ententeländeru erhalten ein. -kchlfe ßli- Lnrirrrismi. m Lik. uÄÄHp.Lrmee eingestellt »mtag,