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Verlag Langgasse 21

„TagblalthauS".

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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin

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Mittwoch, 2k. 5>ugust ,918. NlOrgeN'RUSgaÜ-. _ nc. 387. . 66. Jahrgang.

Oie polnische Frage.

O Berlin, 20. August.

Die ungemein, kräftige Betonung der Ergebnisse der Kaisersu-sammenkunft durch die halbamtlichen Blätter in Berlin und in Wien sollte keinen Zweifel daran übrig lassen, daß die Besprechungen in der Tat zu beiderseitiger Zufriedenheit verlaufen sind. In Berlin wird von dem „innigen Einvernehmen" und von der „völligen Übereinstimmung" in bezug aus die poli­tischen und die militärischen Aufgaben gesprochen, in Wien heißt es mit gleicher Bestimmtheit, daß man in allen Fragen zu übereinstimmenden Entschlüssen ge­kommen sei, und daß auch nicht ein Rest einer Meinungs­verschiedenheit zurückgeblieben sei. Wenn dies „ohne jede Verklausulierung" lest gestellt werden kann, dann muß doch wohl jede im Großen Hauptquartier verhan­delte Frage endgültig entschieden worden sein, und das wird in der Tat mit bemerkenswerter Sicherheit er­klärt und ist auch uns erklärt worden. Hierzu will es freilich nicht stimmen, daß Blätter, die man als offiziös kennt, so die „Köln. Ztg.", immer noch behaupten, Graf Burian halte an der austro-polmschen Lösung fest. Auch die „Reichspost" hat erfahren, daß nach der Auffassung der österreichischen Regierungskrerse keine Festlegung auf irgendeine bestimmte Formel der polnischen Frage erfolgt sei, und diese Darstellung wird bekräftigt durch andere Wiener Telegramme, wonach in bezug auf die Polenfrage noch keine nollendete Tatsache geschaffen worden sei. Es wird sogar hinzugefügt, es sei über­flüssig,- die Behauptung nochmals zu wrderlegen, baß die austro-polnische Lösung anfgegeben worden sei. Wir unsererseits wollen uns damit begnügen, die auffälligen Verschiedenheiten in der Behandlung der polnischen Frage festzustellen. Eine Vereinbarung der beiden Be­hauptungen, von denen die eine vollkommenes Einver­nehmen in allen Grundfragen, die andere fortdauernde Meinungsverschiedenheit in der polnischen Frage ver­sichert, ist einstweilen nicht gut möglich, und so wird man sich hinsichtlich der Lösung der polnischen Frage noch eine Weile gedulden müssen. Mancherlei Anzeichen und manche Stimmungen lassen jedoch verschiedene Einzelschlüsse zu. Hierzu rechnen wir in erster Reihe die Zufriedenheit deutscher verantwortlicher Stellen mit den Ergebnissen der wichtigen Besvrechimgen, und diese Zufriedenbeit wäre nicht vorhanden, wenn man in Berlin nicht wüßte, daß die Vereinigung von K o n- reßpolen und Galizien mit dem Kaiser von sterreich als König von Polen jedenfalls unterbleiben wird. Ein zweites beachtenswertes Stimmungsmoment ftnden wir darin, daß die Vertreter der polnischen Interessen ebenfalls bereits zu erkennen gegeben haben, sie erwarteten günstige Folgen für Land und Volk von der im Großen Hauptquartier erzielteu Verständigung. Daraus wird u. a. zu schließen sein, daß das künftige > Königreich Polen keine Grenzverändernngen nach der preußisch-deutschen Seite hin zu aewärtigen haben wird. Wäre es anders, so hätten die leitenden Per- sonen in Warschau nicht, wi? es dach geschehen ist, zu erkennen gegeben, daß die polnische Sache nach ihren Wahrnehmungen günstig stehe. Müßte die einstweilige Regierung vom Staatsrat das Ovfer einer Land- abtretnng fordern, so könnte von Zufriedenheit 'wohl nicht die Rede sein. Wir glauben, daß sich aus dem, was bisher über die Besprechungen der vorigen Woche bekanntgegeben worden ist. die beiden erwähnten Schlüsse, also daß die austro-polnische Lösung unter­bleiben und die deutsch-polnische Grenze unverändert bleiben werden, ungezwungen gezogen werden können: für weitere Schlüsse fehlt es einstweilen an gleicher­weise brauchbaren Unterlagen. So hat man zunächst keine Anhaltspunkte für die Beantwortung der Frage, welches die Grenzen des neuen polnischen Staates nach Osten hin sein werden, ob Polen eine unmittelbare Grenze mit Großrußland bekommen oder durch die Ukraine und durch Litauen von Rußland abgetrennt werden wird. Man wird über diese Fragen wohl auch nicht so bald genaue Auskunft erhalten, denn sie hängen -"it der Lösung der anderen Rnndstaaten- fragen und mit der Verständigung zusammen, die mit der Sowjetregierung über wesentliche Einzelheiten des Friedens von Brest-Litowsk noch gefunden werden soll. In welcher Weise der Reichstag von den Er­gebnissen der jüngsten Verhandlungen in Kenntnis ge­setzt werden wird, ist noch nicht entschieden. Es gilt heute als ziemlich _ sicher, daß der Hauptaiisschnß doch noch einberufen wird. Einstweilen ist für Mittwoch eine vertraulich? Aussprache zwischen Herrn v. Hintze und den Parteifübrern auserseben, mins der sich dann alles weitere ergeben wird. Jedenfalls besteht die eigentlich .allerdings selbstverständliche Absicht, die Reichstagsparteien unmittelbar und dnrch mündliche Aussprache über die Verhandlungen im Großen Haupt­quartier zu unterrichten.

Die voraussichtliche Regelung der Gstfragen.

Br. Berlin, 20. Aug. (Eig Drahtbericht, zb.) Die „Voss. Ztg." schreibt: So weit wir unterrichtet sind, dürfte die

Polenfrage mit der 'Kandidatur des Erzherzogs Karl Stephan vorläufig eine grundsätzliche Regelung er­fahren. Am 2. September soll die Königswahl stattfinden, und wenn diese aui den Erzherzog Karl Stephan fallen wird, st> dürsten die beteiligten Mittelmächte kaum einen Einspruch erheben. Auch in der litauischen Frage wird das Provisorium einer festeren Gestaltung weichen. ^ Was endlich das Baltikum anbelangt, so hören wir, daß ' die Sowjetregierung Herrn Joffe beauftragt hat, in diesem Punkte der deutschen Regierung keine ernsten Schwie­rigkeiten in den Weg zu legen. Es ist anzunehmen, daß mit der Sowjetregierung demnächst eine Vereinbarung zu­stande kommen dürfte.

Die Lage in Russisch-Ostasten.

Neue Erfolge der Noten Garde.

Moskau, 20. Aug. (zb.) In dem Kampf um den Wolgaübergong S i s r a n ist es der Roten Garde ge­lungen, Vorteile Wer die Tschecko-SIckwaken zu erzielen und sie zum Rückzug zu zwingen. Auf das Ersuchen der Dschecho- Slowakon ist ihnen der Hetman der DerSk-Kiosaken, Gene­ral K a ra u low, sowie ein Teil der Armee Butoffs zu Hilfe geeilt.

Zusammenfassung der sibirischen voiksrcite.

Moskau, 20. Aug. (zb.) Nach aus Jrkutsk hier ein- getroffonen Nachrichten ist dort ein Zentralkomitee aller sibi­rischen Volksräte ins Leben gerufen worden, das als Vertre­tung der Sowjetregierung in Sibirien gegenüber der provi­sorischen Regierung in Omsk gedacht ist. Gs führt den Namen Zentro-Sibir und steht unter der Leitung des Bol- fchewistenführers Borris SzumiaÄkij.

Zur Lage in Wladiwostok.

W. T.-B. Amsterdam, 20. Aug. lDrahtbericht.) Ein hiesiges Blatt erführt aus Wladiwostok- Die verschiedenen kvalliierten Regierungen haben, wie es scheint, beschlossen, eine Kommission oder einen Rat zu bilden, wozu jede drei Vertreter entsendet. Die rein sozialistische Äscherung wünscht ihren Premierminister Lavzoth zum Vorsitzenden dieser Kom­mission, wäbrend die Kadetten dieses Amt Horvath über­tragen wollen:

Die Eschecho-Siowaken unter sich.

Moskau, 20. Aug. (zb.) Nach hier eingetvoffenen In­formationen macht sich rn den Reihen der Dschecho-Slowaken «ine wachsende Demoralisation bemerkbar, die sich in Atten­taten gegen unbeliebte Vorgesetzte äußert. Es wird berichtet, «das; ^tschechische Soldaten auf Offiziere in em>em Dorf in der Nähe von Samara eine Bombe geworfen 'haben. Drei Offi­ziere wurden getötet und fünf verwundet.

Die wahren Ursachen des Vorgehens Englands gegen Rußland.

W. T.-B. Amsterdam, 19. Aug. Das „Algemeen Han­delsblad" schreibt anläßlich eines Artikels der „Times" zu dem Voraeben der Alliierten gegenüber Rußland: Nach der Bedeutung dieses Vorgehens braucht man nicht lange zu sucken; denn es steht in deutlichem Zusammenhang mit den Plänen für den wirtschaftlichen Kampf nach dem Kriege. Der Gedanke, daß die Entente nach dem Kriege imstande sein wird, Deutschland vom Weltmärkte abzuschneiden, ihm Rohstoffe vorzuenthalten, die es für seine Industrie braucht, und dadurch Deutschlands Wettbewerb auf dem Weltmarkt unmöglich zu machen, ist in England vor dem Kriege und wäbrend desselben wiederholt geäußert worden. Er wurde hauptsächlich von Anhängern Ehamberlains vertreten, dir jetzt in Llopd George einen neuen Leiter gefunden zu haben glauben. In Deutschland weiß man genau, daß diese Be­strebungen, wenn sie bei den Friedensverhandlungen nicht verhindert werden, für die Zukunft Deutschlands als Handels- und Industriestaat von großer Be­deutung sein würden. Man tröstet sich aber mit dem Ge­danken. daß Deutschland überall seine Beziehungen bis zum Persischen Golf und bis zum Stillen Ozean hat, sowie daß es aus Rußland, der Ukraine, dem Balkan und Kleinasien viele Erzeugnifle-erhalten kann, die es für seine Industrie und Lebensmittelversorgung notig hat. Das sehen auch die eng­lischen Kreise ein, die von der Wiederbelebung her deutschen Industrie und des deutschen Handels einen schweren Wett­bewerb erwarten, womit die Engländer bereits vor dem .Kriege zu kämpfen hatten. Die „Times" tritt hauptsächlich deshalb eifrig für die Wiederherstellung der russischen Front ein, um die Einschließung Deutschlands zu vervollständigen und die Möglichkeit, überäll Beziehungen mit dem Weltmeere, mit Rußland, dem Balkan und Kleinasien zu unterhvlten, trotz des Widerspruchs Rußlands, sich wieder in den Krieg hineinzerren zu lassen, zu verhindern.

Unterschleife bei einer rumänischen Requirieruugskommissiou.

W. T.-B. Bukarest, 20. Aug. Bei der Requirierungskom­mission in Galatz ist eine Unterschleife in Höhe von vier Millionen entdeckt worden, die unter der früheren Regierung Bratianu-Take Jonescu von den damaligen leitenden Be­amten der Stadt und des Distriktes begangen wurde.

Erneuter Vurchbruchsversuch zwischen Dlse und Risne.

W. T.-B. Berlin, 20. Aug., abends. (Amtlich. Drahtberichtl Zwischen Oise und Aisne hat heute der seit einigen Tage» erwartete, am 18. und 19. August dnrch starke Angriffe ein- geleitete erneute Durchbruchsversuck der Franzosen be­gonnen. Nach erbittertem Kampf wurde der erste Ansturm des Feindes in unseren Schlachtstellungen ge» brachen.

Die gute Mora! der deulscben Truppen.

Englische Zugeständnisse.

— Haag, 20. Aug. (zb.) Die englischen Blätter legen sich in ihren Betrachtungen zur Lage an der Westfront große Zurückhaltung auf;- sie betonen wiederholt, daß die Moral der an der exponierten Flankenstellung ange­griffenen deutschen Truppen sich niemals glänzender gezeigt hebe als in den letzten Kämvfen. Die Durchbruchs- und Auftollungsmöglichkeiten an der deutschen Front seien für diesen Sommer noch nicht gegeben. In einem Artikel des „Daily Chronicle" zur Lage heißt es- Die Deutschen standen vor einer operativen Veränderung ihrer Stellung, els der Ansturm Fachs losbrach. Die ungemein kritische Lage auf der deutschen Flanke war wohl die Hauptursache, daß die Deutschen einen schnellen Rückzug angetveten haben, der sonst große Materialverluste mit sich bringen niußie. Aber von einer Schwächung der Moral der gegnerischen Truppen kann keine Rede sein. Gerade die letzten Kämpfe starker deutscher Nachhutabteilungeu gegen die Engländer zeigen, wenn man die Episoden der sich in zahllose Einzelheiten zersplitternden Overotionen betrachtet, die grausame Verbissenheit de? Ringens zweier Gegner, von denen jeder weiß, daß ex sein Äußerstes tun und sein Letztes hergeben mutz. Jene Mauer von Morlancourt. die englische Mann­schaften unter heftigem deutschen Maschinengewebrfeuer Mann für Mann erklettern mußten, ist ein Wall von Leichen gefallener Kameraden, der späteren Verstärkungen ermög­lichte, jene Häuser von Epingham, die von den Deutschen ver­barrikadiert worden waren und von ihnen bis zum letzten Monn verteidigt wurden, in beschleunigtem Tempo zu über­steigen. Dre schweren Verluste unter den Tank­form a t i o n e n , denen die deutsche Infanterie trotz hef­tigsten Feuers auf den Leib rückt«, und das Ringen sonstiger Formationen beweisen die schreckliche Natur der gegenwär­tigen Kämpfe. — Die „Times" letonen, daß der Widerstand der Deutschen in der letzten Zeit s-'br verstärkt worden sei. Der Feind besitzt noch wertvolle Verieidimlngsanlagen. Im übrigen sei man im ungewissen darüber, wo die deutschen Reserven stehen und wo sie cinjiesetzt werden würden. Diese Reserven seien noch lange nicht voll in Anspruch ge­nommen, und die Deutsehen hätten es offenbar vorgezogen, sich zurückzuzichen, als d-e Vorteile, die sie ans ihrer jetzigen Läge ziehen können, vceiSzngeben.

Unbedingte Rückgabe der deutschen Kolonien.

Eine Antwort Tr. Solfs an Balfour.

Br. Berlin, 20. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.) Bei dem Empfang in der Deutschen Gesellschaft hielt heute abend der Staatssekretär des ReickSkolonialamts Dr. Sols eine längere Ansprache, in der er die letzte Rede des Herrn Balfour im englischen Unterhaus, in der dieser die Annexion der deutschen Kolonien forderte, aufs schärfste zurückwi-s. Dr. Sols betonte U. u.: „Ich -darf heute aussprechen, daß die Sich er­

st ellungunsererkolonia len Zukunft nickt allein cf? Ziel unserer Regierung und bestimmter Interessen­gruppen gilt, sondern daß sie ein deutsches Volksziel geworden ist. Bis tief in die Arbeiterkceise hinein ist heute das Bewußtseiu lebendig, daß die Erhaltung unseres Kolonial­besitzes eine Ebren- und Lebensfrage für Deutschland als Großmacht ist und daß da?- koloniale Krieqsziel an nationaler Bedeutung keinem anderen Kriegsziele näch­st e h t." __

Englands schwere Hand auf Indien.

Berlin, 20. Aug. „Westminster Gazette" vom 17. Aug. enthält die Zuschrift eines Jüders, die folgendes ausftihrt: Es herrscht in Indien viel Leiden ans Mangel an Kleidung. bestWers unter den Armen. Die Presse, die über mehrere Fälle berichtet, schreibt, daß arme Frauen aus Scham darüber, keine Kleider zu haben, Selbstmord begingen. Die Kleider, die sie tragen, sind billige Baumwollkleider die an? England eingeführt sind oder in Bombay hergestellt wur­den. Infolge der Kriegsverhältnisse ist es schwierig, sie von England zu bekommen,' und infolge des Keeresbedarfs wird der arößte Teil der Vorräte in Bombay von der Regierung mit Beschlag belegt. So sind die Preise enorm ge­stiegen, um 30(> Prozeni und mehr. Händler und Fabri­kanten machen Profite durch Zurückhaltung ihrer Läger, wäh- -end das Volk in ganz Indien furchtbar leidet. Die nahende kokte Jahreszeit wird diele Leiden noch verschlimmern. — Dieser Fall ist geradezu thvisch für die Art, wie England Jnlien aussaugt und drangsaliert. Man läßt die Inder ver­kommen und hungern, nur damit Old-England gedeiht. Ilnd das ist dasselbe England, das vorgibt, für Kultur und Zivi­lisation zu kämpfen. So wird das indische Volk ausgeplün­dert und betrogen, genau so wie es um seine Selbstregierung und Selbstverwaltung von d-» Machthabern be-

° trogen wird. J