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Dienstag» 20. Kugust 1918.

wir und Ruhland.

Unsere Freunde sind die Männer von der Sowjet­regierung wahrlich nicht, aber sie bemühen sich gegen­wärtig doch sichtbar um ein erträgliches Verhältnis zu uns. Unsere Freunde firtb die russischen Kadetten noch weniger, und doch haben einige ihrer Führer, darunter vor allem Miljukow, in vielbemerkten Kundgebungen zu verstehen gegeben, daß sie unter Umständen bereit wären, ihr früheres Verhältnis zu uns, ihre vormalige grund­sätzlich feindliche Stellungnahme zu den Mittelmachten einer Nachprüfung zu unterziehen. Miljukow erweist sich in seinen letzten Äußerungen jedenfalls als ein Mann von kluger Bedachtfamkeit. Aus Stockholm wurde Näheres über einen Brief des Kadettenführers bekannt, worin auseinandergesetzt wird, daß auf Grund einer nicht unwesentlichen Abänderung des Friedens von Brest-Litowsk und einer gleichzeitigen Änderung der bisherigen deutschen Randvölkerpolitik der weitere Zerfall Rußlands verhindert und die Me- deraufnahme politischer und wirtschaUspolitischer Be­ziehungen zu Mitteleuropa in die Wege geleitet werden könnten. Die von der Entente angestrebte, Wiederem- beziehung Rußlands in einen aussichtslosen Krieg wäre somit zu vermeiden. Der Brester Friede sei nun ein­mal da, es habe keinen Sinn, ihn nicht anzuerkennen, wie das die Kadettenpartei tue, sondern man sollte, wo- fern man zur Nachfolge der Sowjetregierung berufen würde, die Möglichkeit von deutschen Zugeständnissen benutzen, und diese Zugeständnisse wären voraussichtlich zu haben, da den Deutschen die Anerkennung des Frie- densvertrages durch eine Regierung von größerer Be- ständigkert nur vorteilhaft sein könne. Wie gesagt, das ist nicht deutschfreundlich in dem Sinne, daß Miljukow nun etwa seinen Wunsch zu einem Bündnis mit uns an- gcdentct hätte, aber wie das Verhalten der Sowjet- regierung zeigt auch das des ,?>ecrn Miljukow ver­steckt eine ausgesprochene Empfindung dafür, daß es den rusiischen Interessen nur nützen kann, mit uns in ein Verhältnis der Dauerhaftigkeit einzutreten. Daraus folgt für die d e u t s ch e P o l i t i k gewiß nicht, daß jeder Wunsch von drüben, niag er von welcher Partei immer ausgehen, unsererseits sofort Gehör fin­den sollte: wir kämen, wenn wir so handelten, wohl bald dahin, daß wir für unsere Ansprüche an den Osten gar keine Unterlagen mehr besäßen. Aber es folgt dar aus. daß, wenn wir gleichfalls gute Beziehungen an strebten, das Entgegenkoinmen von drüben wohl zu er warten wäre. Nun aber sei in diesem Zusammenhänge eine grundsätzliche Gegebenheit berührt, nämlich die Wirtschaft- politische Notwendigkeit einer Rückendeckung nach O st >e n bin, damit wir (und nicht bloß wir, sondern eigentlich alle europäi schön Völker) vor der Gefahr einer abermaligen Knebe lung durch England behütet bleiben. Wie es gegen wärtig steht, ist die Abhängigkeit der Festlandsstaaten von der überseeischen Lebensmittelzufuhr unentrinnbar: diese Abhängigkeit ist für die Staaten West- und Mittel- europas so groß, daß sie fast iede selbständige Politr! gegenüber England und Amerika auszuschließen scheint. Sie ist in dieser Größe ab-r nur vorhanden, solange das Vaterland in sich uneinig uiid gespalten ist. Das ist ein Zustand, auf den mit Anführung von lehrreichen Zahlen hinzuweisen das Verdienst der „Sozialistischen Monatshefte" ist, die sich mit diesen Fragen neuerdings wieder eingehend beschäftigt haben. Würden, wie bei Beginn dieses Krieges, bei einem zukünftigen Krieg Italien. Frankreich und Belgien durch Deutschland. Ssterreich-Ungarn und die Türkei wieder von den oft- europäischen Zufuhren abgeschnrtten, so gäbe es aller- dings für diese Staaten im Gninde gar keine Möglich­keit, sich dem Einfluß der angelfächsischm Reiche zu ent- ziehen. Sie könnten, einmal in den Krieg hinein­gerissen, nur sehr schwer aus ihm heraus, weil ihre Der- sorguna mit Nahrungsmitteln ganz und gar von dem guten Willen Englands und Amerikas abhängig bleibt. Ein einiges Kontinentaleuropa braucht dagegen die angelsächsische Blockade nicht zu fürchten. Ihm gegen- über verliert die .tzungerveitsckie, die England und A m e r i k a so eindrucksvoll über widerstrebende Staaten zu schwingen wissen, alle Schrecken. Mit Hilfe der ost­europäischen Zustchren kann ganz West- und Mittel- eurova sein Brotgetreidedefizit decken. Nach dem Frie­densstande betnrg der Ausfuhrüberschuß Rußlands an Brotgetreide 106 Millionen Dovvelzentner, der Bedarf der europäischen Staaten, England ausgenommen, an russischem Getreide belief sich auf 82 Millionen Doppel- zentner. Diese Zahlen lehren uns, daß selbst dann, wenn die osteuropäische Jebensmittelausfubr um ein volles Viertel zurückgeben tollte ein einiges Konti­nentaleuropa die angelsächsisch? Hungerdrohung nicht zu fürchten braucht. Wie bei der Lebensmrttelzufnhr so schwände auch bei der RohstoffversorgtMg die Abhängig­keit der Kontinentalstaaten vom Anaelsachientum in sehr merklicher Weise, sobald sie sich als Einheit fühlten und

ktbend-ktusgabe.

lernten, als solche zu handeln. Der wirtschaftliche Wre- i>eraufbau Europas, den England durch den Wt 1 t- chaftskrieg in der Kri egsn ächz eit mit allen Kräften verzögern und lähmen möchte, ist in vollem Umfang überhaupt nur möglich, wenn die auswärtige Politik der Kontinentalstaaten in Zukunft von dem Ge­danken kontinentaleuropäischer Gemeinbürgschaft g^ leitet wird. Nur unter dieser Voraussetzung können um die Schaffenskräfte Europas voll entfalten. Das wird bei ims ja mehr und mehr erkannt, es wird aber auch in Rußland eingesehen, und Kundgebungen wie die jüngste Miljukows wollen in diesem Siicne verstanden und gewürdigt sein.

Oie russischen Gstseeprovinzen.

Desinteressement der Sowjetregierung.

Br. Berlin, 20. Aug. (zb.) Der „B L.-A." erfährt von gut unterrichteter Seite, daß die Sowjetvegierung nunmehr formell ihr Desinteressement am früheren russi­schen Baltikum erklärt habe.

vor dem Zusammentritt des Hauptausschustes.

Besprechungen der Negierung mit den Fraktionsführern.

Br. Berlin, 20. Aug. izö.) W-e das „B. T," erfährt werden die FraktionSsührer des Neichstags am Mittwoch­nachmittag von dem Vizekanzler o. Paper und dem Staats­sekretär des Auswärtigen Amtes v. S i n tz e empfangen wer- den, um Mitteilungen über die Verhandlungen im Großen Hauptauartier entgegenzunehmen. Ber dieser Gelegenheit ,'oll auch über die Einberufung de HauptauSschusseS Beschluß gefaßt werden. Rach In formationen des „B. T." ist sie zu erwarten.

Br. Berlin, 20. Aug. (jfr.) Der „Vorwärts" schrerot: Im Falle des Zusammentritts des Hauvtausichuffes wird eS sich nicht nur um Polen handeln, sondern mehr noch um die Zusatzvereindarungrn zum Brester Frieden, die die deutsche Regierung mit der russischen abzuschließen b: absichtigt. Diese Zaiatzveceinbarunacn würden selbstvec stündlich, ebenso wie ier Brester Vertrag, der Zustimmung des Reichstags bedürfen, um in Kroft treten zu können.

Graf Surian über die Verhandlungen im deutschen Hauptquartier.

Br. Wien, 20. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der Minister des Äußern Graf Burian empfing heute den Wiener Vertreter des „Az Ujsag", dem er mehrere Fragen über das Ergebnis der Besprechungen im deutschen Großen Hauptguartier beantwortete. Auf die Frage, ob er mit dem Resultat der Unterredungen zufrieden sei, erwiderte der Minister: Ich bin mit dem bei den Besprechungen erzielten Ergebnis in jeder Hinsicht zufrieden. Trotz der Kürze der Zeit haben wir in den bedeutendsten Fragen sehr wichtige Fortschritte erzielt und es gibt keine Angelegen­heit, die gegenwärtig die Monarchie und Deutschland gemein­sam interessieren könnte, die nicht erörtert wurde. — Über die polnischen Fragen äußerte sich der Minister, daß auch über diese verhandelt wurde, und zwar ebenfalls mit einem sehr befriedigenden Resultat, Er sagte weiter: Es war frei­lich nicht möglich, uns auf Details einzulassen. aber das Kalendarium ist -zeschafien worden, nach dem alle weiteren Verhandlungen in raschestem Tempo vor sich gehen sollen. Über die Basis der Verhandlungen sagte Graf Burian: Ich kann Ihnen versichern, daß unser Programm nach wie vor dasselbe geblieben ist. Wir halten an dem Ziel fest, daß die Wünsche der Polen hinsichtlich ihres künftigen Schick­sals innerhalb der bestehenden Grenzen der Mittelmächte be­rücksichtigt werden sollen. Es ist daher beschlossen worden, daß zu den Verhandlungen wegen der polnischen Frage, die zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland gefiihrt werden, auch Polen hinzugezogen wird. Auf die Frage, ob die Polen über ihre Regierungsform und über die Person ihres Königs selbst entscheiden, antwortete der Minister: Ge­wiß die Polen haben das Recht, tbren K ö n i g frei zu wählen. Das übrige ergibt sich dagegen bei den gemeinsam geführten Verhandlungen. —Die Frage, ob auch die Friedens- möglich keit im deutschen Hauptquartie-- erörtert wurde, beantwortete der Minister wie folgt: Ick kann Ihnen nur wiederholen, was in den letzten Tagen offiziös und offiziell schon so oft gesagt wurde- Iede wichtige, den Krieg und den Frieden betreffende Frage ist erörtert worden. Ich stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, daß wir, wenn wir auch ge­zwungen sind, den Verteidigungskrieg fortzuführen, ununter brechen alle Mittel versuchen sollen, die uns zu einem ehren­vollen Frieden sichren können. Unsere Aktion muß parallel mit der Durchführung der militärischen Operationen gehen. So lange uns der Feind militärisch vernichten will, muffen wir uns verteidigen. Das schließt aber nicht aus, daß wir gleichzeitig nach einem ehrenvollen Verstän digungsfrieden streben.

Oie wiederanalieveruna alltürstifÄier Gebiete.

W. T.-B. Konstantin opel, 19. Aug. Das Amtsblatt ver­öffentlicht einen an die drei wieder angegliederten -kaukasischen Bezirke gerichteten Erlaß, worin zunächst darauf lhinge- wiese-n wird, daß 'die Festungen Kars, Ardahen und Bat um und das umliegende Gebiet, die seit der Regierung der Sultane Selim und Sulecman Kam allmählich der Türkei angegliedert waren, infolge des Krcegs von 1878 als Ersatz für eine Kriegsentschädigung in die Hand des Feindes über gingen.

Nr. 38b. . 66. Jahrgang. Nutzland im Kriegszustand mit England

— Berlin, 20. Aug. (zb.) Ter -formelle Kriegszustand Rccßlands mit England ist, wie verschiedene Blätter melden, am 16. August eingetreten. Ein Pariser Matt teilt mit, daß sich unter den Dschecho-Sl-owaken in Rußland 200 französische Offiziere befinden.

Die Japaner in Sibirien.

W. T.-B. Amsterdam, 19. Aug. Nach einer Meldung des Reuterfchen Bureaus ist das japanische Kontingent in Nikolsk eingetraffen und wird cm die Ussnrifront weitergehen.

Sozialistischer Protest in Frankreich gegen die sibirische Aktion.

— Genf, 20. Aug. (zb.) In französischem Blättern der äußersten Linken wird gesagt: Was in diesem Augen­blick vor sich geht, ist unerhört. Die französische Republik oder vielmehr die, die über die Macht verfügen, um in ihrem Namen zu sprechen» haben bestimmt, daß wir an einer mili­tärischen Intervention in Rußland teilnehmen. Sie haben niemand befragt. Clemenceau hat Frankreich in das schlimmste aller Abenteuer gestürzt.

„Englands teuflische Heuchelei".

Christiania, 19. Aug. Mit dieser Überschrift charakte­risiert „Socialdemokraten" den englischen Aufruf an Rußland. Die Revolution sei in Gefahr, meint das Blatt in dem Leitartikel, denn England, Japan und Frankreich seien fest entschlossen, das sozialistische Brauwerk zu zer­schmettern, das sich in Rußland zu erheben begann- Mit ebenso frecher wie wi'derwärtiger Heuchelei versichere Eng­land, daß die Intervention auf die innere Entwicklung in Rußland nicht einwirken solle. Aber wohin . die Gntente- truppen vorrücken, da seien die Vertrauensmänner und Ar­beiter hingerichtet worden. Die Sowjetregieruny richtete einen flammendem Appell an die Arbeiter der Westmachte. Die unabhängige Arbeiterpartei in England habe auch schon protestiert, auch die französische Sozialdemokratie. Einer Hoffnung auf Erfolg dürfe man sich aber nicht hingeben.

Dar erbitterte Ringen an der Gise.

Die Franzosen bis zum Kbend geworfen.

W. T.-B» Großes Hauptquartier, 20. Aug. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe Kronprinz Rnpprechi.

Südwestlich von Baillewl steigert« sich die Artillerie­tätigkeit mehrfach zu großer Stärke. Aus dem Kampffeld des 18. August erneute der Feind gestern abend seine An­griffe. Sie kamen südlich von M e t e r e n in unserem zu- sammongesatzten Feuer nicht zur Entwicklung. Nördlich von Bieux-Berqnin wurden sie im Nahkmmpf abgcwiesen. Beider­seits der Lys nahmen wir vor einigen Tagen unsere westlich von Merville weit vorgeschobenen Posten ohne Kampf in eine Linie östlich des Ortes zurück. Merville wurde gestern nacht von feindlichen Abteilungen besetzt. Bei Lens und an der Scarpe wurden englische Borstöße abgewiesen.

Heeresgruppe Bochn.

I Nördlich von Lihons griffen unsere Stoßtrupps die f vordere englische Postenlini« an, nahmen ihre Besatzung ge­fangen und wehrten nrehrfache Gegenan griffe des Feiindes ab. Südwestlich von C h a u l n e s schlügen wir «inen am Abend nach kurzem Fcuerschlag vorbvechenden sclindlichen Angriff zurück. Nordwestlich von Rohe griff der Franzose erneut mit Panzerwagen an. Er wurde abgewiesen.

Zwischen B e u v r «i g n e s und der Oise tagsüber er­bitterte Kämpfe. In breiter Front ging hier der Franzose zum Teil mit frisch eingesetzten Divisionen wiederholt zu starken Angriffen vor. Südlich von Grapoau- mcsnil brachen soinc Angriffe vor unseren Linien zusammen, beiderseits von Fresniäres scheiterten sie an unserem Gegen­stoß. In heftigem Nahkampf wurde der Feind zwischen Lassigny und T h i e s c o u r t abgewiesen. Teile unserer vorderen Linien, in di« er vorübergehend cLndnang, wurden wieder gesäubert. Ebenso hielten wir unsere dicht zur Oise anschließenden Linien gegen hartnäckige Angriffe des Geg­ners. Bis zum Abend war der Feind in seine Ausgangs- stellungen zurückgcworfen.

Zwischen Oise und A i s n e nahm der Feuerkampf am Nachmittag wieder große Stärke an. Gegen Abend setzte dev Feind seine Jnfanterihangrisfe zwischen Carlepont und No u v r o n fort. Auf beiden Angriffsflügeln wurde er im Nahkampf abgewiescn. In der Mitte der Front hixlt unser Artilleriesener die Infanterie des Feindes vor nnsepen Stellungen nieder.

Heeresgruppe Gollwitz.

Zwischen Maas und Mosel drangen nnseve Erku«-. dungsabteilungcn mehrfach in die feindlichen Gräben ein.

Leutnant Beltjens errang seinen 29., 30. und 31, Bizefeldwebel May seinen 21., 22. und 23., Leutnant Roeth seinen 22. Luftsieg.

Der Erste Generalquartiermeifter: Ludeudorsj,