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Dienstag, 20. Nugust 1918.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 385. d 66. Jahrgang.
Rücktritt Dr. Helfferichs.
Neuwahlen in England?
Will der Diktator Lloyd George wirklich, wie angekündigt, das Erperinient der Neuwahlen machen und zu welchem Endzweck?' Es ist kein einfaches, rem ungefährliches Experiment. Gesellen sich doch aut Grund des neuen Wahlgesetzes zu den bisherigen rund 4 Millionen Wählern gegen 15 MUlianen neue, darunter etwa die Hälfte grauen. Soll doch ferner da» Heer mitwählen, obwohl man sich bisher noch Nicht darüber klar geworden ist, wie die Zrontwahlen bor sich gehen sollen. Müßten doch ferner, wenn die Wahlen, wie gevlant, im November erfolgen sollen, bis zum Oktober die Register auf Grund des neuen Wahlgesetzes und der neuen Wahlkreiseinteilung ausgestellt werden. Aber es handelt sich hierbei nicht nur um ein. sehr schwre- riges, sondern nuch um .'.in gefährliches Erverunent, ra sich angesichts der sehr erheblichen Erweiterung des Wahlrechts, insbesondere auch der Teilnahme der weiblichen Wähler, das Ergebnis der Wahlen nicht leicht beurteilen läßt. Lloyd George, der zurzeit nicht nur Premierminister, sondern in Wahrheit der despotische Herrscher in England ist. befindet sich in einer besonders schwierigen Lage. Denn er uruß sich, ohne Ilnionist zu sein, ans diese Partei stützen, während er. der M, formell wohl noch zu den Liberalen rechnet, von diesen scharf und noch sck^rfer von der Arbeiterpartei bekämpft wird, aus der er hervorging.
Im Wahlkampf wäre er als Kostgänger der Unionisten gezwungen, deren wichtigste Programmpunkte, also vor allem die Reichsschutzzolle und im Zusammenhang damit den Wirtschaftskrieg nach dem Kriege, auf sein Banner zu schreiben, während die Mehrzahl der Liberalen und vor allem die neue Ar- beitervartei dies Programm mit wachsender Entschie- denheit bekämpfen. Wenn aber der vielseitige Lloyd George zwecks Ausgleichs, nämlich um die Liberalen und die Arbeiter an sich zu fesseln, immer wieder den Pölkerbundgedanken in die Erört°nmg wirft, so hat er dadurch die Unionisten mißtrauisch gemacht, die Llovd Georae obnebin nur als "inen mit Porsicht zu genießenden Überläufer betrachten. Ans der anderen Seite trauen ibm. wie schon betont, weder die Liberalen noch die Arbeitervartei, welch letztere auf dem Londoner Parteitag soeben mst die Ausgab" de? Burgfriedens, das beißt die Ausstellung selbständiger Kandidaten, beschlossen hat. Wie sehr 'ich aber di> Oppositions- stimmnng aeaen die. Regierung innerhalb der liberalen Partei verstärkt hat, geht am deutlichsten daraus hervor, daß sich setzt sogar Sir E d w a r d G r e y f ü r Lord Lansdownes Friedensvrovaganda erklärt bat. freilich war? e? vms'blt, dieser Propaganda eine übermäßige weltpolitische Bedeutung beizuleaen, denn es handelt sich auch hierbei rurzeit in erster Reibe irm innerenglüch? Politik, um Wahlpolitik Dm Grunde genommen weiß Lau?,down? ganz genau, daß das, was er als Friedensvorschläae ausaibt si'ir die Mittelmächte nun und nimmer annehmbar sein kann.
Jedenfalls ist aber aus alledem ersichtlich, daß die innerpolitische Lage siir den Diktator Lloyd Georgs keineswegs als sonderlich günstig erscheint, um so mehr, da er ans die rücksichtslose Agitation der veraewaltiqten Iren rechnen muß. Di? konlervativ-unionistische Presse betont denn auch offen, daß Neuwahlen ein nicht nnbe- > denkkiches Wagnis darssellen würden, wobei vor allem die Erkenntnis des Parlamentes eine Rolle spielt, daß diese Wahlen ja im Grunde aeaen das Parlament gerichtet wären, welches dem Diktator bisher immer noch nicht aefiwig aenug ist und gerade in jüngster Zeit wie- derball Ovvositionsgelüst? gezngt hat. Der wahl- politische Jeldzugsvlaa würde denn auch offenbar dabin gehen, soaenannte Khakiwahlen zu machen, 'd. h. er wird das elaeutlirbe Wahlpragramm durch die „Trage an da?' Swicksal" zu verdrängen und zu vertuschen suchen: „Wallen wir den Krieg aewinnen oder nickst?" Wobei es doch villleiebt immerhin noch als fraglich bezeichnet werden darf, ob die Mebrzabl der Wähler aeneiat sein wird, unser Zurückstellung aller lnnervolitischen Bedenken ai'f diesen Ködm annibüsien. Hält nun. so könnt? man fraaen, der Diktator seine. SDllnna für schwach daß m sick zu dem Erv"t-sm?nt der Neuwahlen aenötiat gtauhs. odm für so stark, daß sich das leisten k«nn9 Vielleicht tsent aber auch noch "ine dritte Möglichkeit vor. vielleicht denkt er aar nicht ernsthaft an Neuwahlen, sondern svi"lt nur mit diesem. Gedanken, um das nicht mebr ganz io gesügiae Parlament cknznsckücktern, um durch die Drobuna mit den Neuwahlen einerseits auf die Konservativer,, die ihm nicht tränen und anderer- seis? aus di« Lsberasen und die Arbeitervartei. die ibn mehr od«r minder offen bekäuivfen. ej-t-n anszn-
siben. Gtz wäre bei dem mit allen Hunden a"hevwn Lwvd Gearae nicht unmöallch. daß er sich wehr E--Wla als van dem Eraebnis der Neuwahlen von einer Wabl- nssenlitte versprüht die er nur als Schr-'cksrbuß benutrt
Die interparlamentarischen Zrledens- bemühunaen.
Eine englische Absage.
W. T.-B. London, 18. Aug. (Reuter-Meldung.: Ter
Präsident der interparlamentarischen Gruppe, Lord Wear- d a I e, schrieb einen Brief an die Zeitungen, in dem es heißt: „Meine Aufmerksamkeit wurde auf die Mitteilung im „Berliner Tageblatt" vom 12. 8. gelenkt, daß Professor Ouidde. Professor Lamasch und Bischof Franonoir den Generaliekretar dec interparlamentarischen Union in Christiania gebeten haben, den interparlamentarischen Grupven der kriegführenden Länder vorzuschlagen, daß ffe in geheimer Abstimmung je drei Vertreter bestimmen sollten, um ihre Ansichten über die Friedensmöglichkeiten auszutausihen. Obwohl ich weiß, daß Quidde. Lamas» und Fcancnoix über den Krieg fett seinem Beginn stets sehr aufgeklärte Ansichten hegten, bin tch doch fest überzeugt, daß die englischen Gruppen sich keinesfalls auf diesen Vorschlag einlaffen würden. Wrr heißen jeden aufrichtigen Friedensvorschlag willkommen, aber er mutz durchaus offen und unzweideutig sein, wenn positive Ergebnisse erreicht werden sollen. Es. ist auch meine Überzeugung. daß nicht nur die englischen, sondern auch die interparlamentarischen Gruppen aller anderen alliierten Mächte tiefem Beschluß beitreten werden."
Englische Sozialisten als Kriegsverlängerer.
W. T.-B. London, 18. Aug. (Reuter-Meldung.) Das Arbeitermitglied des Parlaments T h o r n e erklärte als Vorsitzer der der Versammlung der nationalen Sozialiitenpartet in Eait-London. er sei ebenso sehr wie je Pazifist. Sozialist und Internationalist, und sei überzeugt, daß der Standpunkt der proalliierten Sozialisten die wahre Meinung von 90 Proz. der organisierten Arbeiter des Landes ausdrücke. Er halte es für unmöglich, die internationale Arbeit auf dem alten internationalen Wege weiter zu führen. Wenn wir — so führte der Redner aus — so viel Geld hätten wie andere Leute, so würden wir unsere Macht fühlbar gemacht baden. Ich weiß nicht, wober das Geld kommt; aber ich bin sicher, daß es nickt ans den Taschen der Lohnarbeiter kommt. Tliorne erklärte weiter, daß er die Alliierten unterstützen werde, bis sie einen militärischen Sieg zustande gebracht hätten. Dieser Ausspruch fand bei der Versammlung Beifall.
„Bransing — dieser Illusionist."
XV.TVB. Stockholm, 19. Aug. Branting hatte nach seiner Rückkehr ans Paris und London in einer Rede die Entente verherrlicht und seine Eindrücke von der -krönt wiedergegeben. Hierzu schreibt das Junysozialistenblatt „Politiken"': „Jetzt kommt er von der Front, dieser Jllusio- n i st, der selbst kaum ein militämsches Flugzeug zu besteigen wagt, und schildert wie der simpelste sensationsgierige Kriegsberichterstatter Kriegsinterieurs mit einem sichtbaren Ver- gnügen. Warum sind die Amerikaner jetzt eine so tresfliche Nation? Branting, dec in seinem ganzen Leben kein Wort de? Lobes für ihre humanen Philosophen wie Emerson und Parmer fand, bewundert jetzt ihre ..vorstürmenden Truppen, die in den Kampf wie zu einem Kreuzzuge ziehen". Ein Kreuzzug! So weit geht seine Begeisterung sür die Entente, daß es nicht wundernäbme, wenn er Wilson mit Peter von Amiens und Hertling mit dem mohammedanischen Leviathan vergliche. Branting nennt den Kampf der Entente den Vec- tcidigungskrieg für die Freiheit. Weiß Branting nicht, wie viel Geld der französischen Kapitalisten und Bürger in russische Staatsobligationen gesteckt batten, wie Jauräs damals den ganzen Ententesckwindel aufdeckte, wie die ameri- karischen Milliardäre auf das Spekulatiousobjekt Rußland ^rigrrrs Nnnscki.wendeten? Er weiß es, aber es paßt ihm nickt, tie blindgläubigen Mafien daran zu erinnern, welche mi» rächtig seinen einseitigen glatten Sophismen lauschen.
Neue schwere Kämpfe im Westen.
ZranzSsische lckngrlffe auf breiter Zront ge,che!1ert.
V/. t.-B. Berlin, 19. Aug., abends. (Amtlich. Drahtbericht)
Westlich C h a u l n e s und nördlich Rohe sind feindliche Angriffe gefcheitert. Zwischen A v r e und Oise tagsüber heftiger Kampf. Französische Angriffe ans breiter. Front brachen unter schweren Verlusten zufarninen. Zciitweisc Artillerietätigkeit im gestrigen Kampfabschnitt zwischen Oise und A i S n e.
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DeutWhc Slieoeranqriff e auf französische Stöbt-.
w. T.-B. Bern, 19. Aug. 'Dral'tbericht.) „Petit Parisien" berichtet a»S Ronen: Stadt und Weichbild von
Rouen sind in dec Nackt mm 17. August von deutsch-en Flugzeugen angegrisseu worden. Calais ist in der Nack: zum 17. August mir etwa 50 Bomben belegt worden. Einige Häuser wurden schwer b-schädigr Menschenleben sind nick: zu beklagen. In Ser gle-ckeu Nacht wurde auch Dünkirchen von deutschen Fliegern boinbnodiert.
Oer ösierreschifch-"na<'' 7 i?che Taaesffericht W. T.-B. Wien, 19. Aug. (Drahtbericht.s Amtlich verlautet vom 19. August, mittags- ‘ An der Piave wurden italienische Erkundungsversuch? vereitelt.
Der Chef des Generalstaös.
Meinungsverschiedenheiten über die Gstfragen.
8. A. Berlin, 19. Aug. (Eig. DraLtbericht.^b.) Die Bedenken gegen die Politik der endgültigen Regelungen, die der russischen Regierung gegenüber betriöben wird, scheinen jetzt auch in den Kreisen, die der Regierung nahestehen, zu herrschen und sich in MeinunglSverschiedenheiten zu äußern. Es wird gemeldet, daß Dr. Helfferich nicht mehr nach Pleskau gchen wird, weil seine Anwesenheit dort nicht nötig sei. Die Geschäfte der Gesandffchaft könne an diesem abgelegenen Ort auch ein Legationsrat versehen. Die so be- grümbete Demission Helfferiobs war von linkssteihendon Pol:- tikern, vor allem von sezialdemolratischer Seite, in Zusam- meichang mit diesen Unstimmigkeiten gelbracht worden. So lange nicht andere Bestätignnigen hierfür Vorlagen, war eS nnzwechmäßig. die Amgelegenkeit zu erwähnen. Jetzt berichtet sogar die alldeutsche „Deutsche Zeitung", daß sie Sie Ursache des Rücktritts Helfferichs in Meinungsverschiedenheiten erblicke, die über die Rußland gegenüber zu beobachtende Pclitik zwischen ilM und dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts zu bestehen scheinen.
Eine ttonf-reuz kstntzes mit Joffe.
8. A. Berlin, 19. Aug. (E'g. Drabtbericht. zlb.) Für die Regelnng der Ostberhältniffe ist eine Konferenz von Dede-r- tnnq. die beute nackmtittog zwischen dem Staatssekretär von Hintze und dem russischen Botschafter Josse stakt- findet. Herr Joffe war bekanntlich zur Ratifizierung der ÄnssMrungsbestiMMUvyen des Brester Vertrags nach Moskau gereist. Wie veÄautet, hat die Sowsetregierung an don einzelnen neuen Vereinbarungen kleine Änderungen vorgenommen. Immerhin ist anzunebmen, daß die Unterzeichnung des Abkommens nach der heutigen Unterredung dem- uächist stattftnden kann. _________
Unterdrückte Unruhen in Petersburg.
Bt. Berlin, 19. Arg. (Eig. Drabtbericht. zjb.) Der „Vofl.
Ztg." wird aus Stockholm gemeldet, daß am vorigen Donnerstag in Petersburg Hungerunruhen statffanden. Große Umzüge setzten sich von dem Arbeiterviertel nach dem Zentrum der Stadt unter den Rufen „Nieder mit dem Kreml!" „Nieder mit dem Deutschen!" in Marsch. Am Smolni-Instiitut entbrannte eine förmliche Straßenschlacht zwischen den Demonstranten und der lettischen Schützenyarde, die den heranstürmenden mit Maschinengewehren bewaffneten Arbeitern entgegMgestellt wurde. Der Kamps forderte auf beiden Seiten gegen 'lOO Todesopfer. Am Freitagabend wurde in Petersburg das S t a n d r e ch t vroklamiert. Sämtliche Zeitttngon mit Ausna!bme der amtlichen „Sjewarnaja Kommuna" (Kommune des Nordens) wurden unterdrückt. Gegen 90 0 Verhaftete wurden nach Kronstadt gebracht nnd zu ihrer Aburteilung zwei besondere R e v o l u t i o n s - tribunale errichtet.
Verhaftung rines russischen Großfürsten.
Br. Moskau, 19. Arg. (Eig. Drahtbericht, zjb.) Großfürst Paul Alexandrowitsch, ein Onkel des Exzarein unid Vater des von den Bolschoiviki verhafteten Großfürsten Demitri Powlowiffch, ist in der Nähe von Perm von den Volschewiki verhaftet worden.^
Die ..^nerffsnnung" der Tickecho-^kowallen.
Österreichs Antwort an die englische Regierung.
W T-B. Wien, 18. Ang. (Wiener k. k. Korr.-Bno.) Zu den Erklärungen der brittscken Regierung, worin die Tsmecho- Slowaken a's - verbündete Ration betrachtet und die Ver« i Einigung der drei ffchecho-slowakisch-n Armeen als verbun- i t, cte § und mit Österreich-Ungarn und Deutschland in rege!»
8 rechtem Kriege befindlich:; Heer anerkannt nnd endlich d,e Rechte des tschecho-slowakischen Nationalrates als derzeitigen Berollmacktigten der zukünftigen tichecho-slowakischen Regierung bestätint>werden, den Oberbefehl über die obengenannte verbündete Armee anSzunben, wird amtlich bemerkt: „Form und Inhalt dieler neuesten englischen Regierungserklärung muffen auf das entschiedenste zurückgewiesen werden. Der tschccho - slowakische Nationalrat ist ein Komitee von 'Privatpersonen, welche weder vom tschechischen Volk noch viel weniger aber von der nur in der Phantasie der Entente Nation irgendein
Mmdat erhalten haben. Gerade so widersinnig ist es, dieses Komitee als Bevollmächtigten einer zukünftigen, also heute rock nickt eristierenden Regierung hinzuffellen. Was die sogenannt: tschkcho-slowakische Armee betrifft, so kann dieselbe einen Bestandteil des Ententeb^eres bilden, aber nubt als Verbündeter der Entente im völkerrechtlichen Sinne gelten.
ist uns wobl bikannt, daß nur ein geringer Bruchteil der sooenannten tschecho-slowakischen Armee österreichische oder aar ungarische Staatsangehörige llawisiber Spra.be sind. Diese T r e u - und Eidbrüchigen werden trotz aller Ane-kennnng seitens der Entente von uns als Hochverräter l e t r a ch t e t und behandelt. ES kann nicht gedulde: werden, daß ganze Völker, , die ihren Pflichten als österreichische »der ungarische Staatsbürger stets nachkamen und deren Söhne ffch im Verbände der österreichisch-ungari- echeir Arme: tapfer gegen die Erckente schlugen, durch ähnliche Mittel, wie die englische Erklärung, verdächtigt werden. Die österreichisch-ungarische Regierung behält sich weitere Schritte in diesem Belange vor.
