■■die 'Xtaucimtibe.
Skizze von <£. ^ man d-, Wiesbaden.
(Nachdruck verboten.)
nsere Stellung teilte das Gelände in gleich reizlose Hälften. Die nreilenweite Ode wurde durch vereinzelte Bauernbütten und eine Windmühle schwach belebt. Die in der Langeweile ihrer Einsamkeit ertrinkendenBäus- chen wollten sich Zuflucht suchend bei der Mühle zusammenscharen und waren mitten auf dem weg kraftlos im polnischen Sand erstickt. So schien es. Aber die Mühle winkte unablässig mit den dürren Armen und schrie sich heiser nach den Säumigen. Die Spitzen einer Baumreihe kamen, kaum erkennbar, über dem Horizont zum Vorschein; sie wurden vom Neuling stets als liegende, feindliche Schützenlinie angesprochen, stets. Ganz weit im Osten zerfloß die unkörperhaft wirkende Rundung einer Kuppel in den Wolken.
Dreißig Schritte jenseits des Grabens aber stand eine alte Trauerweide. Unklar, wie sie hier mitten ins Feld gekommen, unverständlich, daß sie nicht längst umgehackt war. Sie war sehr ehrwürdig, ihre zitternden Zweige flössen bis auf die Erde und man konnte sie nicht ohne Ergriffenheit betrachten. Die Wehmut, die dieses zertretene Land erfüllte, schien in ihr verkörpert. Aus den großen, schwingenden Ruten klang es oft wie weinen. Zuweilen schien dem alten Baum das Grausen und der Jammer unerträglich geworden, er tobte dann wie ein verzweifeltes, gefangenes Tier; es schütterte krachend durch seinen rissigen Stamm und seine langen Strähnen pfiffen durch die Luft wie das Paar eines rasenden Weibes. Aber er fügte sich immer wieder in das Unabänderliche, wie wir. Ergeben beugte er das altersschwere Paupt tief zur entweihten Erde hinab, mit den Zweigen wie mit schlanken fänden nach ihr tastend und sie zart und zärtlich streichelnd.
wir hatten sie alle lieb. Das aufrüttelnde Erlebnis des Krieges hatte uns alte Erkenntnis wieder ins Bewußtsein gerückt, wir waren bescheiden geworden, denn die Menschen wurden gemäht wie das reife Gras, wir begriffen wieder unseren Zusammenhang mit der Natur; das bist du! Auch der weniger Empfindsame sah nicht einen beliebigen Baum in der alten weide. Sie stand jedem seltsam nah und wurde als fühlendes, verstehendes Wesen, als Seele des Ortes verehrt. „Sie lauscht", sagte leise ein einfacher Mann beim Gespräch über den Krieg. Und wirklich, da der wind die Zweige leise nach uns Hintrieb, zeigte sie einen gespannten Ausdruck. Sie machte uns viel Freude. Die Leute gaben ihr Namen: „Unsere Alte", „die Mutter", und „die gute Großmutter", weil sie so alt war; „Undine", weil sie grüne paare habe. Für viele aber war sie einfach — „Sie", was macht s i e heute für ein Gesicht, ist s i e zärtlich oder brummig oder wild, wie befindet s i e sich, ist ihr nichts geschehen? Ein Dentschpole sagte: „Sie ist wie Polen" und
seufzte. Das griff mich an. Sie hieß auch „die Madamm". Morgens, wenn sie ihr Zweiggewoge zurückwarf, „aha, „die Madamm" kämmt sich", bei Regen, gutlfür die Madamm, sie wäscht sich, hat's nötig, als Polin." Aber wir hatten auch Sorgen mit ihr. Gegen Artilleriewirkung hatten wir vortrefflich angelegte sogenannte Fuchslöcher. Schwere Artillerie stand nicht gegenüber, so waren wir ziemlich sicher. Ls passierte selten etwas. Aber sie stand ganz frei, ohne Schutz dicht beim Drabt. wenn wir nach einer Beschießung ans Licht kletterten, galt ihr, nach Einsichtnahme etwaiger Schäden, der erste Blick, wir hatten bis dahin Glück mit ihr, durch kleine Granatsplitter war sie nur leicht verwundet worden. Aber wir ängstigten uns um sie und sahen täglich mit neuer herzlicher Freude ihre grüne Fahne unversehrt in: winde wehen. Zch glaube, jeder schrieb von unserer weide nach paus.
Zch zuerst und am meisten. Denn mit mir und ihr hatte es eine besondere Bewandtnis. Das war so. wir besetzten die Stellung zum ersten Mal des Nachts und ich erschrak, als ich sie am anderen Morgen sah. Da stand ja meine weide aus meinem Garten, weit zu Pause, im Westen. Bitte, nicht zu lachen. Natürlich sehen sich alle weiden ähnlich, ich weiß. Aber hier! — Alter, Größe und Umfang stimmten nicht nur, sie wies auch ganz persönliche Eigenschaften meiner heimatlichen weide auf. Diese hatte in eineinhalb Meter pöhe eine dicke, ringförmige verwulstung und war von dieser Stelle ab mit leichtem Knick nach vorne geneigt. Aufs paar genau hier! Meine gute, treue weide war mir vom Rhein — ach, lieber Gott! — bis hierher gefolgt! So etwas!
Zch liebäugelte mit diesem Gedanken und hegte ihn. Dann erzählte ich das Wunder den Kameraden, wir wurden angestaunt, die Weidelund ich, bewundert, besungen, zusammen aufgenommewund auch bewitzelt, kurz, wir wurden berühmt. Zeder mußte sie sehen und sich erzählen lassen und alle taten gläubig. Aber der Abschnittskommandeur legte die Stirn in Falten und sagte, sie sei ein guter palte- punkt für den Feind, sie müsse fallen. Mir stand das perz still und die Leute wurd.n blaß. Sie zu Tode, zum Tode durch uns verurteilt. Aber der hohe perr ließ sich erweichen, sie blieb uns erhalten und ihr Ruhm wuchs. Die Stellung wurde nacb ihr genannt, die „Weidestellung", ebenso die Abschnitte „Weide-Nord" und „Weide-Süd". Zch fragte ernsthaft zu Pause an, ob die alte weide im Garten noch da sei und bat um deren Photographie.
Mit Spannung — nichts zu lachen mit Spannung wartete ich auf Antwort. Lin erstauntes „Za, sie steht noch, wo sie immer stand und hier ist das Bild."
wahrhaftig . . .
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