Verlag Langgaffe 21
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Dienstag, 12. August 1918.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 272. ♦ 66. Jahrgang.
Der Dölkerbund-Uöder.
Das „Kriegsmittel", mit 1>em die Staatsmänner der Entente zurzeit am stärksten Reklame machen, ist der sogenannte „Völkerbund". Was darunter zu verstehen ist, darüber sind die Alliierten keineswegs einig; desto mehr sind sie es über den Endzweck Deutschland soll durch den Völkerbund erwürgt werden. Der Oberkriegshetzer Lloyd George hat den „Völkerbund" schon im November 1917 offenherzig definiert mit den Worten: „Wtt wollen den deutschen Handel so bombardieren, daß es ihn nach dem Kriegs nicht mehr gibt. Amerika, England, Frankreich und unsere anderen Bundesgenossen, wir haben die Schlinge in unserer Hand, die wir um den Halls Deutschlands legen können und das werden wir auch tun." Auch die Reden Lloyd Georges in den letzten Klagen nicht nur, sondern ebenso die jüngsten Handlungen Englands lassen mit aller Deutlichkeit erkennen, daß der sogenannte Völkerbund lediglich eine möglichst wirksame Form des Wirtschaftskrieges darstellen 'oll. Wenn die britische Regierung sich jetzt zum System der Reichsvorzugszölle bekannt und die Meistbeqünstigunqsklausel rn den Handelsverträgen abschaffen zu wollen erklärt har, so zeigt das mit wünschenswerter Klarheit, wes Geistes Kind der „Völkerbund" ist. Es zeigt dies aber nicht nur uns, sondern den Neutralen und endlich Albions Bundesgenossen! Denn wenn der Völkerbund, wie ihn die Briten anstreben, auch in erster Reihe den Wirtschaftskriegs nach dem Kriege gegen Deutt'chland und seine Verbündeten bezweckt, so werden davon doch auch die Neutralen und nicht nur diese getroffen werden. In seiner letzten Rede hat ja Lloyd George ausdrücklich herporgehoben, daß es bereits „zwei Völkerbunde gebe, nämlich erstens das brittsche Reich und zweitens das Bündnis der zusammen gegen die Mittelmächte kämpfenden Völker". Mso die Neutrale n werden ausgeschaltet. Welche Rolle sie in dem zur Schaffung des brttischen oder des britisch-amerikanischen Welthandelsmonovoles zu begründenden Völkerbunde spielen werden, davon hat ja den Holländern, Dänen, Schweden, Norwegern, Griechen usw. die bisherige Gewalttaktik der Entente, die Unterdrückung des freien Handels, der brutale Schiffsraub usw. einen Vorgeschmack gegeben.
Aber ob nicht auch die Bundesgenossen John Bulls, dessen Losung bekanntlich lautet: „Erst komme
ich, dann nochmal ich, und dann kommst du noch lange nicht", mißtrauisch werden? Gerade jetzt bemüht man sich in England, einen neuen handelspolitischen Zu- sammenschluß mit den Kolonien herbeiz »führen, welchem Zweck ja die Reichsvorzugszölle und der Fortfall der Meistbegünstigungsklansel dienen sollen. Dieser Lloyd Georgesche „Völkerbund des britischen Reiches" aber richtet sich nicht nur gegen die Mittelmächte und d-is Neuttalen, sondern ebenso gegen Englands derzeitige Verbündete. Ist man in Frankreich und Italien wttklich im Zweifel, was dieser Länder wartet, wenn man sie ebenso ausgepreßt haben wird wie Belgien, Serbien, Rumänien und Rußland? Das jetzige Vor- gehen der Alliierter! gegen das Erzarenreich zeigt, was der Mohr zu gewärttgen hat. wenn seine Arbeit getan ist. Und wenn England die Hand auf Calais gelegt bat. ebenso wie es Saloniki sesthält und sich an der Murman- küste heimisch macht, so stellt das alles nur die Schaffung von Zwing-Uri-Etappen dar für di Macht- und Wirtschaftspolitik, die England als Krieg nach dem Kriege zu führen gedenkt, nicht nur gegen die Mit- telmächte, sondern gegen Europa.
Wenn Europa sich das gefallen läßt, und wenn über- Haupt die Voraussetzungen ftir diesen Völkerbund- Wirtschaftskrieg so gegeben sind. wie Lloyd George und Genossen sich das denken! Aber die Rechnung stimmt nicht-. Zunächst hat D e u t s ch l a n d s W i r t s ch a f t s- Politik sich auf sich selbst besonnen. In steigendem Maße suchen wir aus dem Eigenen zu schöpfen und zu schaffen, wo uns das Fremde vorenthalten wird. Der . zweite Weg. uns von unseren jetzigen Gegnern unabhängig zu machen, liegt in der Richtung des mittel- europäischen Wirtschaftsbundes. der nicht nur unsere Bundesgenossen, sondern auch die ehemals russische!! Gebiete umfassen wird. Das dritte Hindernis für den „Völkerbund" nach britischem Rezept dürfte in den Neuttalen zu suchen sein, die dort nicht gern aus ihrer Haut Riemeü schneiden lasten werden. Das vierte Hin- dernis ist der Widerstand einzelner britischer Kolonialgebiete/ wie vor allem Kanadas und auch Südafrikas. Als das fünfte Hindernis werden sich wohl früher oder spater die jetzigen Bundesgenossen, oder richtiger ge- -> sagt Trabanten Englands, in Europa entpuppen, auf deren völligen Zusammenbruch das perfide Albion , lauert, um die Erbschaft ihres Handels und womöglich rhrer Kolonien anzutreten. Endlich aber muß Lloyd «kmggä jmabmär fatttan cm l* *r Nebenbuhler-
schaff und dem Widerstand einmal der Nordamerikanischen Union und zweitens Japans, die bei aller gegenseitiger Rivalität darin einig sind, daß sie den übermächtig gewordenen britischen Einfluß vor allem in Asien einschränken und wenn möglich ausschalten wollen. Daher neuerdings die amerikanische Bewegung gegen Lloyd Georges Wirtschaftskriegs- und Völkerbunds- Pläne, deren allenglischen Pferdefuß man erkannt hat. Wenn die Union, schon im trüben fischen will, möchte sie es lieber für eigene Rechnung! So bleibt von besagtem Völkerbund nur der Plan, mit Hilfe eines „größeren Englands" ganz Europa unter ' die britische Botmäßigkeit zu zwingen, die Kontinentalmächte den englischen Weltherrschastsplanen dienstbar zu machen. Wenn es auch nach wie vor geboten ist. umfassende Vorkehrungen gegen den „Krieg nach dem Kriege" zu tref- fen, so zweifeln wir doch nicht daran, daß wir bei diesem Kampfe früher oder später auch die anderen europäischen Möchte auf unserer Seite haben werden, sobald nämlich die Erkenntnis bei diesen allgemein geworden ist, daß sie sich in diesem Weltkrieg zur höheren Ehre Englands verblutet haben.
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ücr Unwillen der Neutralen über Englands
Wirtschaftskrise.
. W-T.-B. Stockholm, 11. Aug. Die letzten Reden der englischen Staatsmänner ftnden gerade in der Presse der schwedischen Linken eine schlechte Aufnahme. So schreibt das Sozialistenblatt ..Politiken": England und die Bereinigten Staaten kämpfen, um auf-dem Kontinent festen Fuß zu fassen und Frankreich und Italien zu Vasallenstaaten zu machen. Der Ton der Llohd George-Rede trägt den Stempel der besseren militärischen Lage. Dieser Staatsmann ist dem Frieden noch nicht näüergekommen. — „Svenski Dagbladet', ein liberales Organ, lagt' Die reaktionären Tendenzen, die jetzt unter dem Einfluß der militärischen /Erfolge mehrere Staatsmänner der Entente beherrschen, sind traurige Zeichen der Zeit. Sie zeigen, wie wenig der Mensch verträgt, bevor er den Kopf verliett, und welch starke Kräfte im Lager der beiden Kämpfenden noch tätig sind, um einen vernünftigen Flieden zu verhindern. Nun steht man Llohd George. Balfour und andere auftreten und von krassestem Chauvinismus diktierte Einwände gegen das Grundprinzip des Bundes d e r N a t.i o n e n m a ch e n. Sie proklamieren nämlich, daß von diesem Bund Deutschland ausgeschlossen sein soll. Dabei haben sie im Handumdrehen den gewaltigen Friedensgedanken in ein kleines imperialistisches Projekt ohne jeglichen Friedenswert,verwandelt: denn auf diese Weise würde ja die Lage ungefähr dieselbe bleiben wie jetzt, nämlich erne die ganze Welt umfassende Machtkoalition mit der Spitze gegen Deutschland. Und dazu dieses übermütige Proklamieren barter wirtschaftlicher Repressalien nach dem Kriege. Was ist dies anderes als ein Streben, das direkt neue Kriege ber- vcrrufen muß?
vie russische llrise.
{Bon unserer Berliner Abteilung.)
B. Berlin, 12. Aug. (Eig. Drahtbericht. zb.) Die d-ent-sche Gesandtschaft in Moskau hat sich von ihrem lduvch die Sozialrevolutionär« bedrohten Wohnsitz fort nach ein em W c ob a ch tu n y sp o sie n hinter die deutschen Linien degeibsn. Ihr Chef, der mit vielen Hoffnungen nach Rußland entsandte Dr. Helfferich, ist bereit im Großen Haupt- quartier. Ob unter diesen Umständen die Rückkehr an die Spitze seines Pcrfvnaks angebracht uNd notwendig ist, da ja eine eigentliche diplomatische Tätigkeit in Ple-skau nicht mög- l"ch 'st und für die Werichtsrstatitnng von dort nach Berlin auch ein Legationsrat genügt, er-fchiernt fraglich. Die rufüsche Gesandtschaft in Berlin entsandte zugleich ihren Leiter. Herrn d°ffe, und mehrere seiner Mitarbeiter nach Moskau, -um m,t der dortigen Reyi-evu-ng 'das -Ergebnis der Vorbesprechung über die Revision des Bvester Vertrags zu beraten. Diese Regierung ober hat -der >deutschen Gesandtschaft keinen Schutz bieten können und deren Abreise zustimmen müssen. Ihre Hanptftihrer, Lenin und Trotzky, sollen, 'dem Beispiel Helfferichts sokligend, Moskau verlassen haben nNd vorläufig von Petersburg aus, dessen Boden sicherer ist, der Entwicklung der Dinge zusehen. Ob dieses Gerücht Wahrheit ist, kann nach nicht entschieden werden. Jmrner mehr nähern sich dre Tschecho-Sstw okon und alle, die unter diesem Sammel- -namen ihre Kämpfe gegen die- Bolschewisten unterstützen, die serbische Legion, die Kcsaken und die gegenrevolntionären Russen. bsde-nklich der Hauptstadt, die nach dem Abmarsch der lettischen Bataillone -einigermaßen schütz lo-s ist. Ob unter diesen Umständen eine -sachgemäße Beratung des Berichts'des Herrn Joffe möglich ist und in diesem Augenblick so dringend war, muß ftaglich erscheinen. Jedenfalls fährt er nach Moskau.
Man kann sich der Ansicht nicht verschließen, daß äugen- blicklich das Verhältnis -zwischen Rußland und Deutschland etw as unklar, wenn nicht allzu klar ist. Wir haben mit der Bblschewrki-R'ogiern-irig, als sie tatsächlich regieren -konnte, den Frieden von Brest-Litowsk geschlossen und diplomatische Beziehuu-gen angeknüpft. Neben den inneren MatzruchmLu der BvMervitzen hat vor allem üiejer Jarr-
densschluß stark-e Opposition gegen sie ausgelost. Die Oppo- sition ist so gewachsen, daß sie heute anscheinend Nicht mehr die Macht zum Regieren besitzen. Sie selbst haben das- Ein- treten eines fclcken Zustandes vorausgesehen. Man erinnert sich -der ersten Kundgebung ihrer Führer, bi« stets betonten, feafj sie nicht an ihre dauernde Herrschaft glaubten, nur an die Möglichkeit, bei dem Abtritt von der R-sgier-ungstribüne 'genügend Sozialismus in das Volk gebracht zu haben, um es >-n ihren Gedankongängen zu erhalten. Die Bolschewisten hatten im- Anfc.ny eine so zureichende Einsicht, keine De-spe- radopolitik zu treiben. Später schien allerdings, als hätten sie sich zu einer für sie optimistischen Anschauung bekehrt. Jetzt hat sich erwiesen, 'daß -die zeitweilige Ruhe nur die Z-.'-.t war, die ihre G-egner nötig hatten, die. Rüstung zu vollenden. Daß sie selbst sch darüber täuschten, ist zu verzeihen. Der Wunsch war der Vater des Gedankens. Für alle aber, die mit ihnen Geschäfte abgeschlossen haben, bestand die Notwendigkeit, sich für 'den Fall, dem die Bolschewisten selbst kommen sahen, Rückendeckung zu verschaffen. Die deutsche Negierung war, als sie -den Bvester Frieden schloß, in dieser Lage. -Es kam also darauf an, ihre Politik nicht rein bolschewistisch einzustellen, vielmehr die Möglichkeit der Zusam- memavbeit mit anderen Parteien bestehen zu lassen. Ob der Bvester Vertrag dieser Forderung entspricht, ist so viel und ausführlich diskutiert worden, daß es sich erübrigt, dies^ Frage wieder aufzuwevfen. Seit seinem Abschluß aber sind Monate verstrichen, in 'denen wohl Zeit gewesen wäre, Anschluß und Verständigung ans allen Seiten zu suchen. Hier versichert man, immer, daß man sich auf alle Eventualitäten, einrichte und Herr Milft-kow -lenke in deutsches'Fahrwasser. Aber die Kadetten beschlossen erst vor einigen Tagen, weiterhin am « n g l i s ch e n K n r s festzuhalten. So sieht es leicht aus. als sei die deutsche Regierung einseitig orientiert - gewesen, und Herr Helsferich habe wobl diesen Eindruck gehabt urd, so gut -es i-hm möglich war, verwischen wollen. Das war der Grund für die Zurückziehung der Gesandtschaft von einem vongefchöbenem Posten, auf -dem sie selbst mit ihre:' evem-tuellen Verteidigung gegen kommende Angriffe zugleich den Bolschewisten geholfen hätte. Man will also, indem man die Rolle eines Beobachters spielt, absolute Neutralität wahrem. So hofft man, dem Sieger in dem inneren -Streit die Möglichkeit zu geben, mit uns Wsamm-enzuarbeiten. Hier -müßte die deutsche Politik in Moskau entsprechend vorgesorgt haben. Die nächsten Ereignisse,werden zeigen, in welchem Maß das geschehen ist. Nur wenn -on-tspvechend gearbeitet würde, könnten wir darauf rechnen, auch mack neuem Umwälzungen in Rußland Frieden im Osten zu behalten und die Treibereien der Entente zunichte zu machen.
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vie Exekutivgewalt. >
Br. Moskau, 12. Aust. ^Eig. Drahtbericht, zb.) Auf Grund der Beschlüsse des freien Sowjetkongresses ish die Exekutivgewalt der Regierung in die Hand eines aus Lenin, Trotzky und Zinowiew bestehenden Triumvirats gelegt ivorden. Die freien Männer haben nnbeschränkte Vollmacht erhalten, alle Maßregeln durchzuführen, die -geeignet sind, die Kämpfe der Sowjetrepublik gegen ihre Feinde siegreich zu beenden. Vie Nevision des Vrsster Zrievens.
IV. T.-B. Berlin, 12. Aug. (Drabtbericht.) Die Der- Handlungen, die hier in den letzten Wochen mit den russischen Delegierten im Anschluß an die Verträge in Brest-Litowsk über politische, wirtschaftliche, finanzielle und juristische Fragen geführt wurden, gelangten zu einem gewissen Abschluß. Der biesige diplomatische Vertreter der russischen Räterepublik Josse begab sich mit mehreren russischen Delegierten auf einige Tage nach Moskau, um dort über das Ergebnis der Verhandlungen Bericht zu Erstatten und persönlich die möglichst bald'ge Entscheidung seiner Regierung eirzuholen.
Freilassung ttausi-ifischer und englischer Konsule.
Br. Moskau, 12. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.! Nach einem Havasberichl sind infolge der von dem Vertreter Schwedens in Moskau unternommenen Schritte die Konsule von Frankreich an) England wieder freigelassen worden.
Vke Lag« in der Ukraine.
IV. T.-B. Kiew, 12. Aug. (Drahtbericht.) Seit Monaten 'chrn versuchte die ententisttschc Provaganda die Lage rn der Ukraine in sehr düsteren Farben zu schildern, da es rhr nicht in il>: Konzept paßt, daß unter der Herrschaft der Mittelmächte im allgemeinen Ruhe und Ordnung herrschte. Zuerst, als -es in Kiew absolut rmhig und friedlich war, verbreitete Reuter völlig aus der Luft -gegriffene Gerüchte, es sei in der Stadt ein großer Ausitand ausgebrdchen. der Het- tr.att werde in seinem Palast belagert und sei selbst sckwer verwundet, und äbnliche Märchen. Jetzt ist sogar ein so angesehenes und neutrales Blatt wie der „Berner Bund" auf die jtzdenfalls auch von "deutschfeindlicher Seite böswillig inspirierte Nachricht hereingesallen, in der Ukraine sei gegen dre Regierung des Hctmans und gegen die Deutschen ein großer Bauernaufstand ausgebrochen, den gutbewaffnete, mit Maschinengewehren und Kanonen grrt ausgerüstete Bmrern und Arbeiter ins Werk gesetzt hätten. Richtig ig tzreyw m* io Jwfc |»mat äc iMlM W«, Atz,
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