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vienstag. 6. August 1918. M01MN-KU§gab r. _ Hr. 561. . 66. Jahrgang.

Deutschland und Amerika.

Don O. P. Sperber, Handelsattache z. D.

Die Massen des deutschen Volkes stehen noch immer vor einem unverständlichen Rätsel und können die Gründe und Ursachen nicht begreifen, die Amerika ver­anlaßt haben, gegen Deutschland in den Krieg zu ziehen. Sie stehen unter dem Eindruck, daß die althergebrachte Freundschaft zwischen den beiden Ländern Amerika von dem Eintritt in einen Krieg mit Deutschland hätte ab­halten müssen. Ebenso wundert man sich hier, daß die in den Vereinigten Staaten lebenden Deutschen und Deutschamerikaner die Regierung nicht haben abhalten können,-Deutschland den Krieg zu erklären. Den wirk­lichen Kennern amerikanischer Verhältnisse wird dadurch lediglich wieder einmal mehr bewiesen, daß die Massen' des deutschen Volkes den tatsächlich in Amerika vor­herrschenden Verhältnissen völlig wesensfremd gegen­überstehen und die Verkennung der Zustände zu ganz unzutreffenden und falschen Schlußfolgerungen ge­führt hat.

Es mag dahingestellt bleiben, wer,die Schuld daran trägt, daß die meisten Deutschen, selbst heute noch, über die wirklichen amerikanischen Zustände und Verhält­nisse so falsch unterrichtet bleiben konnten. Tatsache ist und bleibt, daß die sogenanntet r a d i t i o n e I l e Freundschaft" zwischen Deutschland und Amerika von jeher durchaus einseitig gewesen ist und von den Vereinigten Staaten nur wacker für die eigenen Zwecke ausgenutzt wurde. Jeder Amerikakenner wird und muß daher auch schon längst zu der Überzeugung gelangt sein, daß eine wirkliche Deutschfreundlichkeit in den Ver­einigten Staaten nie bestanden hat.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Einfluß, den man sich in Deutschland von den in Amerika lebenden Deutschen und Deutsch-Amerikanern versprochen hat. Ein solcher Einfluß, der im politischen Leben der Vereinigten Staaten etwas zu bedeuten gehabt hätte, hat nie bestanden und wird auch in Zukunft" nie be- stehen. Die in das Land eingewandertcn Deutschen waren nicht nur ihrer Zahl nach viel zu schwach, son­dern vor allen Dingen in der Politik auch viel zu wenig erfahren, um solchen Einfluß erreichen zu können. Die GesamteinwandSrung von Deutschen betrug von 1871 bis 1910 nur rund 3 Millionen. Es ist leicht verständ­lich, daß diese Zahl in dem amerikanischen Völkerbrei von heute mit rund 100 Millionen sich nicht Geltung verschaffen konnte. Der Nachwuchs der eingewanderten Deutschen ist Wohl seiner Abstammung nach deutsch,, seinen Gefühlen, seiner Erzi-chung und Sprache nach aber durchaus amerikanisch. Erschwerend wirkt dabei auch noch der Umstand mit, daß die weitaus größte Mehrzahl der eingewanderten Deutschen aus Kreisen stammt, die das politische Deutschland seinem Wesen nach überhaupt nicht kannten, geschweige gar verstehen und begreifen konnten. Zumeist waren sie vor ihrer Auswanderung aus den engen dörflichen oder klein­städtischen Verhältnissen überhaupt nicht herausge­kommen oder hatten Deutschland verärgert den Rücken gekehrt. In Amerika aber fanden sie ein Land, wo rohe Arbeitskraft im Durchschnitt mehr gilt als alle Kultur und andere geistige Güter eines Volkes. Mit ihrer körperlichen Arbeitskraft gelang es vielen der deutschen. Einwanderer, sich verhältnismäßig leicht ein auskömm­liches Dasein zu erringen, wodurch ihr Ehrgeiz restlos befriedigt war. Me Politik des neuen Heimatlandes interessierte sie nicht, da sie selbst ausnahmslos poli­tisch viel zu unerzogen waren. Auf der anderen Seite aber standen di« sprachlichen Schwierigkeiten den Ein­wanderern anfänglich hindernd im Wege, so daß sie sich der Landespolitik nicht ividmen konnten. Waren nach Jahren aber diese Schwierigkeiten überwunden, so hatten sie sich daran gewöhnt, däß der eingeborene Amerikaner oder der sprachlich verwandte und der eigenen Den- kungsweise näherstehende Engländer und Irländer die Politik machte und der Deutschs der werteschaffende An­siedler und Arbeiter blieb.

Es ist daher durchaus verständlich und begreiflich, daß das angloamerikanische Element im öffentlichen Leben de§ Landes von jeher die führende und stets ausschlaggebende Rolle gespielt hat. Falsch ist nun aber die heute vielfach in Deutschland vorherr­schende Ansicht, daß das wirkliche amerikanische Volk I deutschfeindlich gesinnt ist und den Krieg mit Deutsch­land verlangt hat. Das wirkliche amerikanische Volk steht dem europäischen Kriege vollständig der- stän dn i slöS und uninteressiert gegenüber. Wenn aus der amerikanischen Presse und aus vielen bedauerlichen Vorkommnissen anscheinend das Gegenteil hervorgeht, so wird in Wirklichkeit dadurch nur bewiesen, daß Presse und korrupte Politiker im Dienste der ameri­kanisch-englischen Kriegshetzer stehen. Ohne auch nur einen Strich von der Wahrheit abzuweichen, kann be­hauptet werden, daß das amerikanische Volk in seiner

überwältigenden Mehrheit den Krieg nicht wollte und gegen seinen Willen hineingetrieben worden ist. Ter Krieg Amerikas gegen Deutschland ist einzig und allein das Werk der geld- und machthungrigen amerr- kanifchen Plutokraten und Dollardiplomaten. Beide zusammen haben es verstanden, sich den ehrgeizigen und unglaublich fanatischen Präsidenten Wilson für ihre Pläne nutzbar zu machen, oetrte Englandverehrung ist in seiner Abstammung, Erziehung, seinem Werdegange und vor allen Dingen in seiner politischen Einseitigkeit begründet, die ihn non jeher in England die Vormacht der Welt erblicken ließ.

Es würde weit über den Rahmen dieser Zeilen hin- ausführen, alle die Einzelheiten auizuzählen. die die führenden Leute in den Vereinigten Staaten bestimmt haben, sich rücksichtslos, gegen die Interessen des eigenen Landes, auf die englisckfe Seite zu schlagen. Prosit- Hunger und Weltmachtsiucht raren und sind jedenfalls die Haupttriebfedern gewesen. Daß das amerikanische Volk so irregeleitet werden konnte, findet seine Be­gründung darin, daß die öffentliche Meinung durch die Presse seit Jahren hindurch system aa ch und zielbewußt dahin bearbeitet wurde, in Deutschland und seineni auf­strebenden Handel eine Weltgesahr zu erblicken. Das gestirnte amerikanische Nachrichtenwesen und die Presse selbst stehen seit langen Jahren ganz im B i n n e v o n L o n d o n u n d P a r i a. Dre Preise in t"n Veriinigten Staaten aber bat al? solche einen viel größeren Einfluß auf das Denken und Fühlen des Voltes als in irgend einenr anderen Lande der Welt. Me Presse in allen ihren Formen ist in Amerika als das Hauptbildungsinstilut zu betrachten. Aus diesem Grunde ist es daher auch ganz ungewöhnlich leicht, mit Hilfe der gut organisierten und disziplinierten Presse die Volksstimmung je nach Wunsch zu beeinflussen. Seit dem spanisch-amerikanisckien Kriege (1898) wurde.von der amerikanischen Presse zieloelvußt darauf hmge- arbeitet, das Volk gegen Deutschland einzunehmen. Die sagenhaftedeutsche Gefahr" wurde in London erfunden und durch ganz Amerika verbreitet. Dieser einseitigen deutschfeindlichen Beeinflussung der öffentlichen Meinung in Nord-, Süd- und Mittelamerika gegen­über konnte das deutsche Nachrichtenbureau Wolfs nicht zu einem ausschlaggebenden Einfluß gelangen, und so­mit wurde es den politischen Drahtziehern ermöglicht, das amerikanische Volk in einen Krieg hineinzutr^iben, den es selbst nicht wollte. Diese Tatsachen muß man sich vor Augen halten, um die heutige Lage in Amerika zu begreifen, dann wird es aber auch nicht fdjtoer fallen, den Erfolg der antideutschen Hetzpropaganda durch dos feindliche Nachrichtenwesen und die Presse zu verstehen.

Der deutsche Abendbertcht,

W.T.-B. Berlin, 6.Mug., abends. (Amtlich. Drahtibevicht.) Örtliche Kämpfe an der Besle.

Kuch rvohlgelungene Zurücknahme unserer Nachhuten.

Schwerste Verluste des Feindes.

W. T.-B. Berlin, 5. Aug. (Dvahtbericht.) Die Ausfüh­rungen -unserer Bewegungen in der Stacht dom 2. August er­folgtem wie an der -Houptftont auch südwestlich Reims nach­dem alles, waS dem Feind lütte zweckdienlich sein können, gnrückgefchaf-ft oder zerstört -worden war. Me vor­handenen Bestände und MumitionLdepots waren beizeiten zurückgeführt, auch die Ernte war zum großen Teil einge­bracht. Der Rückm-arfch der Truppen, die in den vordersten Linien gestanden hatten, geschah ohne einen Mann Vertust in der Nacht. Am Morgen beschoß «der F-ettzck .noch mit seiner Artillerie ausgiebig die Höhe 240 westlich von Brignh und die Talmulden unseres eigenen ^Kampisgeländes, die längst von uns geräumt waren, ein Beweis» daß er nichts gemerkt hatte. Mm Nachmittag des 2. August -fühlte er vorsichtig mit Patrouillen cm unsere zurückgebliebenen Patrouillen heran und folgte dann in Marschkolonnen über Mertz iu der Rtch- tgM GermignY und Fauvrh und aus GUeux. Dies war der wMommene Augenblick -für unsere Artillerie, dem Gegner durch zufämmeng'efatztes Vernichtungsfeuer schwere Verluste zuzufügen. Er wurde zur Entwicklung und zum Angriff gegen unsere Nachhutstellunyen gezwungen. Östlich Gueux vorgehende Kavallerie wurde in alle Winde zerstreut. Aus dem linken Flügel kam ein feind­licher Angriff auf den Höhen bei GermignY zum Stehen. Durch das tapfere Aushalten des deutschen Artilleriebeobach- tevs bei der Rosmahferme, welcher -das deutsche Feuer aus die nachfolgende französische Infanterie hervorragend leitete, wurde der Fein d gegen Abend von 'den Höhen bei GermignY wieder zur Umkehr gezwungen. Ebenso flutete die bei Moizon vvrgehende Infanterie zurück. Unsere Nachhut bei Thillons verwehrte dem Gegner das Überschreiten der Reim- ser Straße. So endete der Versuch ides Feindes, die Zurück­nahme unserer Nachhuten zu stören, am 2. August, abends, unter schwersten Verlusten für ihn selbst. Er wagte nicht wieder, vorzudrim-g-en. Auch unsere Nachhuten Löste«

sich nach vollständig gelungener Durchführung ihrer Ausgabe in der Nacht zum 3. August unbehelligt vom Feind los. Unsere noch vor demselben auÄharreicken Patrouillen und Maschinengewehre fügten heute vormittag dem Feind bei seinem Worsühlen weitere Verluste zu. So trug auch die Operation wesentlich dazu bei, -den Feind in seiner Kampf­kraft zu schwächen.

Ein amtliches französisches ZugeständwiO.

Br. Genf, 5. Aug. (Eig. Drahtberichit. K.) Nach einer

,Havasnote gelang es den Deutschen, nach Rückbeförd-e- rung ihres ganzen Materials alle AiSnebrücke« zu z e r st ö r e n.

Bemerkenswertes Urteil eines neutralen MftftSrhrMers.

Br. Basel, 5. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.) In den Basler Nachr." schreibt Oberst E g l i, daß General Fach mit der Masse seiner Truppen nicht aus der Gegend Soissons- Compiegne fortkönne, lo lange die Deutschen bei Montdidier stünden. Niemand aber wisse, was die deutsche Oberste Heeresleitung beabsichtige. Auf Grund französischer Berichte schieibt er über die französische Kräfteverteilung folgendes. Im ganzen sind jetzt gegen die Heeresgruppe Deusicher Kron­prinz sieben französische Armeen eingesetzt. Darunter be­finden sich sechs amerikanische Divisionen, die in die französischen Verbände eingeschoben sind. Oberst Eglr be­rechnet die Zahl der an der Front befindlichen Amerikaner aus 120- bis 150 000 Köpfe. Die Gesamtzahl der Divisionen, die General Fach zu seiner großen Offensive eingesetzt ha: und die nach der ganzen Lage alles darstellen müssen, waS er überhaupt verfügbar machen konnte, wird auf 60 Divisionen angenommen.

Die deutschen Verluste bei der französischen Gegenoffensive.

Sr. Berlin, 5. Aug. ( Eig. Drahtbericht, zb.) Unter der ÜberschriftFalsche Nachrichten' dringt derL.-A." eine Richtig st ellung des französischen Heeresbe­richts vom 1. August, der behauptet, daß seit Beginn der Offensive am 15. Juli von der Marne bis zur Champagne. 33 400 Deutsche in Gefangenschaft geraten seien. Dazu schreibt das Blatt: Am ersten Angriffstag soll der Gegner dank seiner überraschenden' T^nkangriff? 17 000 Gefangene gemacht haben. Aber seitdem hat er bei der Wachsamkeit unserer Truppen und weiter bei allen Angriffen, die von unseren Truppen blutig abgewiestn wurden, die Zahl mir um ein weniges erhöhen können. In der Tat ist so viel festge­stellt, daß unser Gesamtverlust in diesem für den F«nd so blusigen Ringen ungefähr die Höhe von 33 000 Mann er­reicht, so daß naturgemäß die Zahl der Gefangenen eine be­trächtlich geringere sein muß. *

Ein rumänischer General als Kvmmandeue lm Weste«.

W. T.-B. Paris, 5. Aug. (Drahtbericht. Haders.) Wie die Zeitungen melden, wird General Jlt-eSc-u, der ehe­malige OberbefchWhab« der rumänischen Arm«, das Kom­mando über die transstlvanrsche Legion übernehmen

Die gesamten bisherigen Krlegsftoftcn.

W. T.-B'. Berlin, 5. Aug. lDrahGericht.) Die Gsfamt- kosten des -Weltkriegs für die vergangenen vier Jahre sind auf 650 bis 750 Milliarden zu veranschlagen. Won diesen 'Rie-s-xnsummem -ensiMt noch nicht eirt Drittel auf die Mittelmächte. Am Ende des viertem Kr-iogS- jahres betrugen die monatlichen -K-vie-gSkcst»n der Entente 15,3 Milliarden Mark gegen nur 5,8 Milliarden Mark der Mittelmächte. Auch nach dom Ausscheiden Rußlands und Riumäniens erreichen die monatlichen Kriegskosten der -Entente also fast das Dreifache der VietzbuiMoften. Auch die Anleihepolitik der Mittelmächte ist viel erstilg- reicher als die der Entente. Bisher hat di« Entente von den 500 Milliarden Kriegskosten -nur 26,6 Milliarden fundiert, die Mittelmächte von dem 186 Milliarden Kriegskosten aber 134,5 Milliarden Mark. Deutschland brachte mit 8 Kriegs­anleihen 88 Milliarden oder 71 Prozent feiner Kriegsanleihen langfristig auf gegen 32 Prozent in England und 30 Prozent in Frankreich. Di« -M-tteltnächte deckten ihren Anleihelbc- darf fast ausschließlich im eigenen L-ande, während Frankreich und Engla-Nd gewaltigere Summen im Ausland aufgsnom- men haben.

^ Etwa 6000 feindliche Kluyzeuge erlegt.

W. T.-B. Berlin, 5. Aug. (Drahlberichl.) In den vier KriegSjahren verlor der Verband nach den bisherigen Fefsitellu-nge-n 5945 Flugzeuge, -während Deusichland bisher -nur 1927 einbüßte. Allein im letzten Jahr find von den Deusich-en 3617 feindliche Flugzeuge vernichtet worden, d. h. fast das Doppelte der in den gesamten ersten drei Krie-gs- jahren abgeschlossenen Flugmvfchin-en «des Verbands. Neben der rasch steigenden BedeutungderLuftwaffe zeigen diese Nstschkuhzahl-e-tz, wer in WirMichkeit -die Luft -beherrfcht. 430 abgeschlossenen Fesselballonen der -Entente stehen 163 ver­nichtete Ballone ans deutscher Seite gegenüber.

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Die ftanzösischen Sozialisten und die Friedens frage.

Br. Zürich, 6. Aug. (Eig. Drahtberichit. zb.) Stach der Zürcher Morgenztig." kündigte Abg. Renaudel -für die allernächste Zeit die Einberufung einer großen französischen Parteikongresses an, auf dem auch die Fried-ensfrage «inge« hvod bchaudelt totaAen soll.