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Zer LliMote.

\ VolkstiimWe Äeiheilage des Wiesbadener TaMtls.

Nr. 8.

o Erscheint allmonatlich. O

1918 .

Die Lehre: Liebet alle anderen Völker mehr als euch selbst! muß erst allgemein gepredigt werden, ehe sie befolgt werden kann, und wir, die wir ihr bisher immer mehr als billig zugetan waren, tun sehr wohl, sie endlich aufzugeben. Was machte uns denn in ganz Europa verächtlich? Warum erhielten wir denn den philo­sophischen Ehrentitel? Doch wohl nur unseres frühreifen Kosmo­politismus wegen, der uns unter lauter Egoisten den Großmütigen spielen, uns oft Degen und Scheide zugleich verschenken ließ. Ich dächte, es wäre einmal Zeit, ihn zu verabschieden; wir brauchen nicht zu besorgen, daß er anderseits engagiert wird, wir können den Liebling zu jeder Stunde wieder haben.

. Friedrich Hebbel.

Die Phantasie.

Wenn im Winter der rauhe Nordwind dein Haus umbraust und der Schnee die froststarrende Erde deckt, dann errichte im Innern dir einen Altar und schmücke ihn mit Blumen, die deine Hand gezaubert, nachahmend den Schöpfer.

Blumen, von der Natur erschaffen, vergehen, wenn der Herbst­wind über ihnen weht, Blumen aber, die du gebildet, bleiben, fo lange du deine Hand schirmend über ihnen hältst.

Mit wesenlosen Farben male ihre Blätter, daß sich labe a» ihnen das Auge des Geistes, daß sie Frieden und Freude in deine Seele duften. Denn das sinnlich Gestaltlose allein bleibet ewig. —

„Mein Freund, wie kann ich Blumen pflanzen in meinem Herzen? Wohnt doch nicht in mir schöpferische Kraft! Siehe, ich kann vor dem Sterben noch nicht einmal mein Rosengärtchen bewahren!" —

Hast du nicht die Phantasie? Ist nicht die Phantasie eine göttliche Kraft, die bildet aus Nichts ewige Werke! Sie ist des sterb­lichen Menschen unsterblicher Teil, unsterblich wie seine Seele.

Als des Paradieses Pforten sich verschlossen hinter dem ersten Menschenpaar, das sich versetzt sah in die Wildnis, schmerzlich be­weinend das Verlorene, da erbarmte sich über es der Herr der Welten. Er sprach:

„Ich will dem Menschen zur Seite geben einen Engel, damit er leichter ertrage des Lebens Not, der seine trauernde Seele trage zurück in das Land des Paradieses."

Und Gott sandte die Phantasie, die ihm ein Bild entwarf von der Schöpfung, bevor diese selbst ins Leben getreten.

Wo nun die Phantasie eine trauernde Seele mit den sanften Flügeln streift, da schwebt sie hinauf in die Höhe, hinauf in das Land der Sehnsucht, über Zeit und Raum, zurück und vorwärts. Die Phantasie hilft ihm, unter Dornen und Disteln ein Eden sich schaffen. _ Heinrich Diefenbach t-

Auf der Gänsewiese.

Skizze von Josef Stibitz.

Wenn die Kinder die gelben Gänschen auf den Rasenplätzen hüten und die Frühlingssonne mild über die Lehnen scheint, denke ich oft, lote ich als kleiner barfüßiger Knabe mit anderen Kindern die Gänschen daheim auf die Gänseweide getrieben und mit ihnen dort gespielt und gelärmt habe. Und ob auch schon lange Jahre seither vergangen sind, immer und immer noch gedenke ich gern der schönen Frühlingstage auf dem grünen Anger und all der Gespielen, die ich dort gekannt und gefunden habe und die mir nun alle schon lange verloren sind.

Und dann geschah es auch, daß manchmal Volk von der Straße: ein altes Bettelweib, ein wandernder alter Schneider oder gar­em Planwagen bei der Gänseweide im Schatten der Erlen und Weiden Rast machten.

Und was waren doch diese alten Bettelweiber und fahrenden Leute für uns für reiche Leute! Was wußten sie uns nicht alles an alter Volksweisheit und an schönen Sängen und Mären zu erzählen. Noch heute habe ich das alte schöne Lied nicht vergessen, das uns auf der Gänsewiese ein altes, zahnloses Bettelweib sang und sagte, das Lied „vom jüngsten Tage".

Wenn der jüngste Tag wird werden,

Da fallen die Sternlein auf die Erden,

Da beugen sich die Bäumelein,

Da singen die Waldvögelein.

Da kommt der liebe Gott gezogen Auf einem lichten Regenbogen.

„Ihr Toten, ihr sollt aufersteh'n!

Ihr sollt vor Gottes Gerichte geh'»!

Ihr sollt treten auf die Spitzen,

Wo die lieben Englein sitzen.

JhiMollt treten auf die Bahn . . ."

Gott nehnr uns all in Gnaden an.

£> Jesu, Jesu rosenrot,

Wie liegt der Mensch in bitterer Not,

Wie liegt der Mensch in großer Pein,

Wie gern inöcht ich im Himmel sein!

Welche Unzahl von Märchen, Legenden und Volksgeschichten haben wir nicht auf der Gänscwiefe erfahren, wenn sich der alte „Filipschneider" dort im Schatten des Erlengebüsches niederließ und seine Flickarbeit verrichtete, oder wenn der alte „Polizei" dort rastete, der in seiner Jugend neunerlei Handwerk angefangen, aber keines gelernt hatte, dafür aber ein geborener Erzähler war, wie sie heute fast ausgestorben sind.

Unsere beste Freundin auf der Gänsewiese aber war ein schwaches, gebücktes, kleines Weiblein, die Hubiner Muhme, die mit dem beginnenden Frühling immer in unser Dorf gezogen kam und, wann der Herbst begann, wieder verschwand. Die alte Muhme, mit ihrer altmodischen Tracht, ihrem hagern Gesicht mit dem spitzen Kinn und der spitzen Nase war ein Stück Volks- und Kinder- tum unserer Heimat. Den ganzen Winter freuten wir Dorfkinder uns auf die Ankunft des Weibleins. Und wenn sie endlich gekommen war, da sagte es ein Dorfkind dem andern mit verklärtem Gesicht: „Die Hubiner Muhme ist da!"

Und dann saß sie bald unter uns auf der Gänsewiese und war überhaupt dort, wo wir Kinder waren und sie ihre Schätze an alter Volksweisheit, alten Mären und Liedern und ihres guten, kindertümlichen und volkstümlichen Gemüts auspacken konnte.

Sie war bei den Leuten nur ein armes, wenig geachtetes Weiblein, das den Winter über vergessen im „Gebirge" in einem armen Dorfe hauste. Uns Kindern aber galt sie mehr als alle Fürsten und großen Herren, denn sie war ja für uns voller Gabe» und Schätze, die sie aus einem unbekannten Märchenreich mit­brachte und freigebig an uns verteilte — wie eine heimliche Königin.

Ich habe einmal gelesen, daß manches arme Bettelweib manchen hohen Professor an tiefem Empfinden, poetischer Gabe und hoher reiner Phantasie wie auch Weisheit übertresfe. Die Hubiner Muhme war so ein altes, armes Weib, das unsere Jugend zu einer Hochschule von altem Volksgut und zu einem sinnigen Paradies gemacht hat. Und ich habe bei ihr so viel gelernt von Blumen, Tieren, vom toten Gestein, von Menschen, von guten und bösen, und von menschlicher Art, Kunst und Poesie, daß ich ihr nebst meinem Elternhause noch heute das Beste danke, was ich in meiner Jugend für mein Leben gewonnen habe.

O, welche Schätze nicht dieses arme Weib besaß, die sie Tag sür Tag an uns Kinder austeilte: Liebliche Legenden, schöne Mären und Geschichten, Worte voll Glauben und Andacht, Kirchen­lieder, Lieder und Worte treuen Elterngedenkens, Volkssang und Weisheit und ein frohes, reines Gemüt dazu! Dabei verstand sie es, uns alles so schlicht und einfach nahe zu bringen. Und das