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Wiesbadener Tagblatts.
1Hr. 8.
20. Jahrgang.
1918.
(2UIe Rechte für sämtliche Artikel und Illustrationen Vorbehalten.)
Die* ttotfjclfct Antor öor ?ront.
rion Dora St ein hoff, Gbertürkheim.
■ ch erleuchte die Welt", sagte die Sonnenblume, die an der Eisenbahnböschung stand und stolz ihr vaupt erhob über ihre niedrigeren Geschwister. „Seht, wie ich meine Strahlen aus- sende! Ohne mich müßtet ihr alle im Dunkeln sitzen."
„Gebärde dich nur nichb gar zu hochmütig", erwiderte der Mohn. „Wir kleineren Leute sind auch noch da. Stehen ivir nicht hier, du und ich, und alle unsere Geschwister und verwandten, in derselben Sonne, die auch dich bescheint" ?
„Sei nur still, du slatterhaftes Ding du! Man sieht dir und deinesgleichen schon von serne an, was an euch ist. Ballkleider tragen und nachher vor Hohlheit klappern ist keine Kunst und schasst kein Ansehen in der Welt. Bei mir hat die Sonne selbst Pate gestanden und mir eine Strahlenkrone um den Kops gelegt. Deshalb vergeht auch keine Stunde des Tages, ohne daß ich ihr mein Gesicht zuwende."
„Das tue ich auch", rief die Wegwarte vom Rande des Feldwegs her, der nicht weit vom Eisenbahndamm an einer Schutthalde vorbeiführte, an deren Fuß sich eine ganze Sippschaft von Brennesseln angesiedelt hatte.
„Wer spricht von dir?" gab die Sonnenblume verächtlich zurück. „Du scheinst mir an Größenwahn zu leiden. Darauf, daß in unvordenklichen Zeiten eine deiner Vorfahren als Ldelfräulein von einem Ritter geliebt wurde, was du neulich dem Mohn anvertraut hast — brauchst du dir wahrhaftig nichts einzubilden. Bat er sie nicht im j Stiche gelassen? Sie war gewiß ein ebenso törichtes nnd überschwengliches Geschöpf wie du, denn sonst hätte sie nicht ihr Leben lang am Wege gesessen und auf seine Rückkehr gewartet. Und du machst es nicht anders. Möchte wissen, auf wen du wartest!"
„Laß mir die Wegwarte in Ruhe", sagte die Brennnessel, „was hat sie dir getan, daß du ihre Verkunft ins Lächerliche ziehst? Mir gefällt-Fie so, wie sic ist. Sie tut niemandem etwas zu Leide, und mir ist sie eine tägliche Augenweide dort an dem Platz, wo sie steht, und ich brauche inir nicht erst de» Vals zu verdrehen, wenn ich sie anschaueit K'ill. Es kann nicht jeder einen so erhabenen Standort haben wie du."
„Ich danke dir", flüsterte die Wegwarte. „Ich wußte nicht, daß du ein so biederes Gemüt hast; habe ich doch oft gehört, daß deine Blätter stechen, wentt man sie anrührt."
„Ja, das tun sie, aber nur, wenn ich mich verteidigen ntuß. Wo känteit wir denn hin, wenn wir uns unserer bsaut nicht wehrten! Man zertritt uns oder schüttet Steine und Erde über uns, daß uns der Atem ausgeht, wären wir nicht ein so standhaftes Geschlecht, wir wären längst aus- gestorben! so aber wachsen wir durch Schutt und Steine hindurch und sind immer wieder da, wenn der Frühling kommt."
„Ja, Unkraut vergeht nicht!" höhnte die Sonnenblume.
Da kamen zwei Kinder des Weges gegairgen, ein Knabe und ein Mädchen. Sie zogen ein Wägelchen hinter sich her, das war schon halb gefüllt mit abgeschnittenen Brennesseln, denn es war Krieg im Lande. Da sammelten alle Kinder Brennesseln, damit man sie wie Flachs spinne und Stoffe zu Kleidern daraus webe und die.Menschen nicht frieren müßten. Gleich begann der Knabe mit dem Schneiden, und das Mädchen lud die abgeschnittenen Stengel auf den vandwagen.
„Ach!" seufzten die Nesseln, während sie umfielen. Sie wehrten sich, so gut sie konnten; doch alles Stechen schien den Kindern nichts anzuhaben, denn ihre Bände steckten in vandschuhen. Da nützte alles Stechen nichts. „Müssen wir schon sterben?" fragten sic.
„Nicht alle", erwiderte der Knabe. „Die kleinen lassen wir stehen, die kommen das nächstemal an die Reihe, wenn sie groß und stark genug geworden sind."
„Und waruin laßt ihr uns nicht in Ruhe hier wachsen? Niemand außer den^Gänsen hat sich bisher nur uns gekümmert!"
„Wißt ihr denn nicht, daß Krieglift? Man denkt jetzt anders über euch, man schätzt euch, ihr seid sogar unentbehrlich geworden. Wer hat jetzt Zeit, so viel Flachs und Vanf zu bauen, als wir bedürfen, um ganz Deutschland zu kleiden! Ihr wachst von selbst, man braucht euch nur zu sammeln. Aus eurer kostbaren Faser können die feinsten Stoffe gewebt werden, aber auch derbe und nützliche Gewebe, die etwas aushalten können. Und die bekommen unsere Feldgrauen."
„Was sind Feldgraue? Sind das Mäuse?"
„G nein", sagte der Knabe lächelnd. Feldgraue sind unsere Velden, die fürs Vaterland kämpfen und sterben. Auch ich will einmal fürs Vaterland kämpfen und sterben!"
„So wollen wir auch gern sterben", sagten die Nesseln und ließen sich willig abschneiden.
Die Nesseln füllten bald das Wägelchen bis oben hin, und als die Arbeit getan war, setzten sich die Kinder an den Wegesrand, um zu vespern, herzhaft bissen sic in ihr Stück Kriegsbrot, dem die Mutter für jedes einen Apfel beigefügt hatte.
„Sieh nur die schönen blauet: Sterne!" rief das Mädchen, als sie satt waren. „Ich will mir einen Strauß pflücken."
„Tu' das nicht", wehrte der Knabe. „Sie verwelken so schnell. Laß sie blühen, so lange die Sonne scheint. Sieh nur, jene dort im Schatten hat schon ihre Sterne geschlossen."
