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Dienstag, 1b. Juli 1918.

Movgen-Kusgabe. _ 525. * 66. Jahrgang.

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Rußlands innere wirren.

So klug die englische Rechnung gegenüber dem russi­schen Kriegswillen innerhalb der letzten Jahre auch aus­gemacht war, sie scheint doch immer wieder zu einem -neuen Fehlschlag verurteilt zu sein. Als seinerzeit dem -Zaren die Erkenntnis dämmerte, das; Rußland, um in -dem Weltbrand nicht oerzehrt zu 'werden, sich in den -Frieden retten müsse, da wurde er mit Hilfe des faino- ! sen englischen Botschafters Buchanan um Reich und Krone gebracht. Als auch Miljukow und die Kadetten nicht genug Kriegswillen mehr aufbringen konnten, brachte die englische Hilfe den sozialrevolutionären Rechtsanwalt Kerenski ans Ruder. Kerenskis Dank an die Ententefreunde war die in Blut erstickte letzte russische Verzweiflungsoffensive. Schließlich fiel auch er, nicht so sehr über einen Punkt seines innerpolitischen Programms als über seine Ententeläuferei. Trotz aller englischen Treibereien gelang es den Bolschewiki, den Frieden von Brest-Litowsk, freilich mit einer sach­ten Nachhilfe von deutscher Seite zu schließen und auf­rechtzuerhalten. Nun bläst England zum Sturni auch gegen sie. Wieder soll Kerenski ans Ruder, wieder soll, in englischem Solde, Rußland in den Kampf getrieben werden. Ob aber die Sowjets wirklich gestürzt werden oder ob sie sich ihrer inneren und äußeren Feinde er­folgreich zu erwähren vermögen: ein russischer Krieg

gegen das Deutsche Reich ist heute unter keinen Um­ständen mehr denkbar. Längst haben sich über der großen und einzigen außerpoliftschcn Frage der Auf- rechterhaftung des Friedens die Parteisciiattierungen verschoben. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß ein Deutschenhasser Nne Miljukow dieser Tage m Kiew eingetroffen ist, uni mit den deutschen Behör­den zu unterhandeln. Und ein anderes Zeichen ist es, daß der russische Volkskommissar der auswärtigen An­gelegenheften Tschitscherin in Paris mit einem Zeitungsmanne eine Unterredung gehabt hat, in der er in dürren Worten der französischen Öffentlichkeit zu sagen wagte:Wir sind im Frieden, wir haben Frieden nötig, wir wollen nicht, daß man unseren Frieden stört. Es ist uns unmöglich, den Krieg wieder anzufangen, weil das für unsere ehemaligen Alliierten wie für uns nur zu Katastrophen führen würde." So wie Tschitscherin denken heute so ziemlich alle Schichten des russischen Volkes, vom Bauern und Arbeiter angefangen, mit einziger Ausnahme der von der Entente gekauften Abenteurer, die nichts zu verlieren, nur alles zu ge­winnen haben.Wir stehen so, daß wir loyal mit der jetzigen russischen Regierung verhandeln, daß wir nichts unternehmen, was die russische Regierung in ihrer Stel­lung schädigen könnte, daß wir aber unsere Ohren und unsere Augen offen halten, um uns nicht durch eine plötzliche Umwandlung der dortigen Verhältnisse ins Unrecht setzen zu lassen. . . Diese Worte des Reichskanzlers vom Donnerstag machen auch einen anderen englischen Plan zunichte: das Deutsche Reich sollte, sei cs auf seiten der Bolschewiki-Regierung oder auf seiten irgendwelcher, neu heraufkommenden Parteiungen in das russische Wirrsal verstrickt und mit starken militärischen Kräften in die llnendlichkeit der russischen Ebene hineingelockt werden. Die Kanzler- rede hat die nötige Klarheit gebracht. Sie sichert den Bolschewiki, die sich auf die Grundlage von Brest-Litowsk gestellt haben, jede moralische Unterstützung in dem durchs den Friedensschluß gezogenen Rahmen zu, greift aber in dem rrrssischen Parteikampf für niemand Partei.

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Jur taqo Im fernen Gsten.

Weitere Zurückdräng.mg der Tscheckio-Slowaken.

W.T.-B. Moskau, 15. Juli. (Drahtbericht.) Presse­meldungen zufolge sind Sysram und Buguly von den Rätetruppen genommen worden, die auch auf Stawropo vorrücken. Der Abschnitt Nikola- jewsk befindet sich gleichfalls in der Hand der Regierungs­truppen. An der Front Tscheljabinsk und I e k a t e - rinenburg wird v>n einer Unzufriedenheit der tschechischen Truvpen mit ihren Führern berichtet. Ans Sibirien wird berichtet, daß sich die Verhandlungen zwischen der sibirischen Regierung und Japan wegen der zu schweren 'Bedingungen, die Jrvan für seine Hilfe stellt, hinziehen. Die Sitzung des allrussischen Sowjetkongresses am 9. Juli wurde von Trotzky mit einem Bericht über di? Unterdrückung des Aufstandes der linken Sozialrevolutionäre eröffnet. Er führte aus, daß kein klardenkender Lauer, Arbeiter und Soldat den Krieg mit Deutschland neu z» beginnen wünsche.

Ein erneuter Sowjetprotest gegen das englische Mnrman- nnternehmen.

W. T.-B. Moskau, 14. Juli. Das Kommissariat für die Auswärtigen Angelegenheiten hat an den Vertreter Groß­britanniens in Moskau eine Note gerichtet, in. -der un-ver - .Hkü^ltzch die Zmrückziechung 'der englischem Ab­

teilung verlangt wird, die im Mnrman gelandet ist. Gleichzeitig erneuert das Kommissariat seinen Einspruch gegen den Aufenthalt englischer Kriegsschiffe >m Mnrman.

Scharfe Verurteilung der Moskauer Bluttat durch den allrussischen Rätekongres.

Stärkung der Bolschewiki.

W. T.-B. Moskau, 15. Juli. (Dvahtberichi.) Die Presse bringt Kundgebungen verschiedener Arbeiterorganisatio­nen und einzelner Parteimitglieder >der linken Sozial­revolutionäre, die die Handlungsweise der Partei verurteilen. Ebenso wird berichtet, daß ein Teil der linken Sozial­revolutionäre zu Len Bolschewiki, ein Teil zu den. rechten Sozialrevolutionären übergegang e n sei.

Prcwda" veröffentlicht folgende Entschließung des allrussischen Rätekemgresses: Die Organisatoren und

Teilnehmer am Gesandtenmord und an den Ausstäniden haben ihre Stellung in der Rätepartei und di« amtliche Stellung ihrer Mitglieder mißbraucht. Ter Kongreß verlangt eine strenge Bestrafung der Verbrecher. Die Sowjet­teile der linken Sozialrevöiutionäre sind solidarisch mit den Verbrechern. Für solche Organisatoren ist kein Platz in den Deputiertenräten. Die Hauptaufgabe der Räte- gewolt ist die Erhaltung des Friedens. Rur im Fall eines fremden Vormarschs ist es Pflicht aller Arbeiter, Bauern -und ehrlicher Bürger, das Land gegen die Impe­rialisten zu verteidigen.

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Die Beisetzung ver Leiche Mirbachs.

W. T.-B 1 . Harff, 15. Juli. Drabtbecicht.) Heute morgen gegen 10V, Uhr fand in der Ahnengruft des alten ehrwür­digen Geschlechts v. Mirbach die Beisetzung der Leiche des er­mordeten kaiserlichen Gesandten Wilhelm v. Mirbach in ein­facher, aber würdiger Weise stati. Zahlreiche Kränze waren am Sarg niedergelegt, darunter a»ch solche vom Kaiser und der Kaiserin, vom Reichskanzler, vom Auswärtigen Amt, von der russischen Sawjetregierung. von der bulgarischen und türkischen Gesandtschaft in Moskau, von den deutschen Offi­zieren in Rußland sowie von den dentstben Kriegsgefangenen in Rußland. Als Vertreter des Kaisers war Oberpräsident Frhr. v. Groote (Koblenz) anwesend, als Vertreter des Aus­wärtigen Amtes Unterstaatssekr-tär Frhr. b. Stumm und Legationsrat v. Radowitz, ferner war eine Abordnung der russischen Sowjetrezierung, an der Spitze Generalleutnant Sergei Odintzew, erschienen. Nach der Ein­segnung im Schloß letzte sich der 'Leichenzug zur Grabstätte in Bewegung. Der Pfarrer von H-acff hielt die BeisetzungS» ansprachc.

Hakki-Pascha Uber bi« Lage.

W. T.-B. Wien, 15. Juli. Die , Neue Freie Presse" ver­öffentlicht in einem Berliner Telegramm Äußerungen des dortigen türkischen Botschafters Hakki-Pascha, die dieser zu dem in Berlin weilenden Chefredakteur des ..Hiol", Nehmcd Ali Tewftk-Bei, gemacht bat. Hakki-Pascha sagte u. a.: Ich bin fest überzeugt, daß wir mit Bulgarien zu einer voll­ständigen Übereinkunft über alle auf der Tagesordnung stehen­den Fragen kommen weroen. Was daö politische Verhält­nis zwischen den Mittelmächten betrifft, so kann ich nur sagen, daß diese Beziehungen den höchsten Gipfel der Herzlichkeit erreicht haben, da ja diese drei Mächte geeinigt sind durch einen festen Vertrag, der die Probe seiner Kraft geliefert hat. Ich bin überzeug!, daß dieses Bündnis nach dem Kriege sich nicht auflöst and von langer Dauer sein wird. Für die wirffchaftlich>;n Beziehungen ist zu wünschen, daß sie sich immer inniger gestalten. Ich bin überzeugt, daß Deutschland und Ästecceicb-Ungarn weit davon entfernt sind, das türkische Reich als einen Gegenstand der Ausbeutung zu betrachten, daß sie vielmehr dazu beitragen werden, die Türkei wirtschaftlich in die Höbe zu brinaen. Über die Schlachten in Frankreich sagte Hakki-Pascha: Einer der beiden Feinde, nämlich Frankreich, kann eine vollständige und end­gültige Niederlage erleiden, aber man mutz zugestehen, daß, wenn Frankreich auch außer Gefecht gesetzt wäre, Groß­britannien wahrscheinlich noch den Krieg fortsetzen würde. Um nun den furmtbarsten und verbissensten unserer Feinde zu besiegen, wird es notwendig sein, ihn in seinem asiati­schen Reich zu treffen, wo die englische Herrschaft auf dem Prestige Englands beruht. Wenn die jetzigen großen Schlachten von einem vollen Erfolg gekrönt wären, so glaube ich, daß dies unserer Koalition ermöglichen würde, alle Maßnahmen zu treffen, um England im Orient zu besiegen. Es wird kein allgemeiner Friede sein, so lange England nicht wird Frieden machen wollen. Wenn atwr diese Macht sich ent­schließt, den Kampa zu beendigen, so glaube ich nicht, daß die Vereinigten Staaten von Amerika darauf bestehen '.werden, den Kampf fortzusetzen. Ich hall? somit den Abschluß des allgemeinen Friedens für gesichert, wenn der Krieg im Orient eine Niederlage Großbritanniens h-erbetführen würde.

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Die Fernhaltung der Wahrheit in Amerika.

Berlin, 15. Juli. Die amerikanische ZeitschriftNation" teilt mit, daß seit zwei Jahren keine deutschen und öster­reichischen Zeitungen in Amerika eingetrossen sind. Auch die Redaktionen der amerikanischen Matter erhalten keine die- . ser Zeitungen.

Erfolge bei Reims.

ZV. T.-B. Berlin, 15. Juli, abends. (Amtlich- Draht­bericht.) Südwestlich und östlich von Reims drangen wir in Teile der französischen Stellungen ein.

Paris belgischen Truppen anvertraut!

Br. Genf, 15. Juli. (Eig. Drähtbericht. zb.) Die Zürcher Mvrgenztg." meldet' Die französische Heeresleitung hat angeordnet, die bisherig? Besatzung von Paris aus­nahmslos sofort an die Front zu schicken. Die'Gründe dieser Maßnahme sind nicht angegeben. Als Ersatz kommen belgische Truppen der sog. 5. Gruppe, d. h. Verheiratete von 30 bis 85 Jahren mit mehr als drei Kindern, in Betracht.

3roei feindliche Torpedoboote gesunken.

Sr. Bern, 15. Juli. iEiq. Drahtbericht, zb.) Dem Temps" zufolge stieß iin Haren von Brindisi der fran­zösische TorpedobootsjägerF a u x" mit einem italienischen Torpedoboot zusammen. Beide Schiffe sind gesunken.

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Berschleppte Elsässer aus Frankreich zurück.

ZV. T.-B. Konstanz, 15. Juli. (Drahtbericht.) Heute vormittag 11V) Uhr trafen mir Sonderzug, von Singen kommend, 811 Elsässer hier ein, die bei Kriegsausbruch nack> Frankreich verschleppt worden wacen.

Französische Stimmen zur Reichskanzler- erklärung.

W. T.-B. Paris, 14. Juli. (Agence Havas.) Die Matter stellen allgemein fest, daß die Rede dss Reichskanzlers Grafen Hertling kein sensationelles Ereignis darstelle, sondern lcidiglich beueise, daß die Politik des Deutschen Reichs unverändert Weide, und -daß eine vollkommen« Übereinstim­mung -herrsche .zwischen der .Regierung, der Obersten .Heeres­leitung und dem Reichstag, gegen den, wiePetit Journal" sagt, Graf Hertling uWweffelhast ein« -Partie gewonnen habe. Homme libre" fragt, ob Graf Hertling seine letzte Rede nicht für sich selbst gehalten habe, denn os fei offensicht­lich, daß Herüings Tage gezählt seien. Die Rede spiegele unbestreitbar das Bedürfnis nach Frieden wider. Die Blätter besprechen besonders die Stelle, an der der Kanzler erklärte, er sei bereit, sein Obr ernsthaften Friedens- Vorschlägen zu leihen und sie im kleinen Kreis anzu- hören. sie beisichern aber s-ärntlich, die -Entente werde nicht in die Falle gehen, in der sie alle ihre Vorteile verlieren würde und die vor ollem dazu bestimmt sei, die Alliiertem zu trennen. Der Kein« Kreis", sagtR a d i c a l", ist eine veraltete Methode, nachdem alle Völker sich erhoben haben zur Verteidi­gung des Rechts. Das Abenteuer Czernin-Bourbom-Karl hat zum Überfluß erwiese«, daß -die Alliierten den Vorteil haben, über die Einzelheiten des Friedens ohne Rückhalt öffentlich sprechen zu können, und daß sie -davon Gebrauch machen. Humanit c" undLanterne" sind nicht minder deut­lich. Die erster« Zeitung schreibt: Wenn die Alliierten in WerlhamMrngen in einem beschränkten Kreis und in geheime: Form cintreten würden, wozu Graf Hertling sie mit Znstim- -mnng Ludendovffs auffordcrt, so würden sie sich sehr schnell unter -dem Druck eines zweiten Brest-Litowsker Vertrags be- finiden. Ein gerechter und -dauerhafter Friede ist ganz etwas ander«?.Lantern e" fragt, ab Clememeeau das Recht -habe, zu sagen, die Deutschen seien nicht so stark, wie -man glaube. Unter diesem Umständen sei es offenbar, daß der Kanzler naiverweise eine große Furcht verrate und nicht vor den Völkern verhandeln wolle. DasI -o u rn a I" faßt die Angelegenheit als ein von den Alldeutschem abgegebenes offe­nes Eingestä-ridnis i-brer Ohnmacht ans. Diese erwarteten nun von der Hinterlist der BerhanAl-uny.en einen guten deut­schen Frieden. Sie stellten jetzt die Lösung durch die Gewalt beiseite und stimmten einer beiderseitigem Besprechung zu. Das Blatt fügt hinzu: Eben weil sie das unbedingte Ver­trauen hat. eines TagcS den Frieden diktieren zu können, lehnt die Entente es hartnäckig ab. ihn zu erörtern. Der denffche Gemeralstab ist trotz seiner Siege in Zukunft weniger sicher. DerMatin" stellt gleichfalls fest, daß der Kanz­ler viel vom Standhalten und Turchhalten, aber nicht mehr von Siegen sprach..

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Zrredensfsindttche Krbsitrrkundgebung in London.

W. T.-B. London, 15. Juli. iD cahtbericht.) Zu Ebren Frankreichs ist am Sonntagnachinittag von dem englischen Arbeiterverband im Hpde Park eine Kundgebung veran­staltet worden. Es wurden Entschließungen ange­nommen. in denen dec Entschluß ausgesprochen wurde, mit Frankreich Schulter an Schulter zu kämpfen, bis Elsaß- Lothringen wiederhergestellt und der preußi­sche Militarismus vollständig vernichtet sei. Die Redner wiesen den Gedanken zurück, mit den feindlichen Sozialisten Besprechungen ans der Grundlage ihrer Absichten in bet Kriegszieldenkjchrifi der Alliierten anzuknüpfen.

yer österreichisch-'.'nyarifche TaaesberichL

W. T.-B. Wien, 15. Juli. lDruhtbecicht.l Amtlich ver­lautet vom 15. Juli, mittags' An den Gebirgsfronten ist beiderseits die Artillerietätigkeit lebhaft.

Der Cheschws, GsrirrafftM^''