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Mittwoch, 10. Juli 1918.

Kbend-Nusgabe.

Nr. 316. . 66. Jahrgang.

von lkühlmann zu hintze.

* Berlin. 9. Juli.

KichlmannZ Rücktritt vom Staatssekretariat des Auswärtigen ist den eingeweihten Kreisen nicht eigent­lich überraschend gekommen, denn seine Stellung galt seit seiner mit Recht vielangegriffenen Rcichstagsrede mit der unglücklichen Erinnerung an den dreißigjähri­gen Krieg und der zumindest sehr mißverständlichen Äußerung von dem Kriegsende, das ohne diplomatische Verhandlungen nicht her bcizuführen sei, als erschüttert. Viele glaubten sogar, daß er seinen Prozeß gegen die Deutsche Zeitung" nicht mehr abwarten werde; nun ist ja dieses Gerichtsverfahren vertagt, und ob es unter den jetzigen Umständen seine Fortsetzung finden wird, kann als fraglich erscheinen.

Als heute früh der Vizekanzler v. Payer den Führern der Reichstagsfraktionen von dem Rücktritt Kühlmanns Mitteilung machte, erregte die Nachricht daher weniger an sich als wegen der Plötzlichkeit des Vorganges Erstaunen. Auf Grund dieser Mit­teilung wurde dann die Pause in der P l e n a r- sitzung herbeigeführt, um den Fraktionen Ge­legenheit zur Erörterung der neuen Lage zri geben. Das Entlassnngsgesuch des erst heute früh aus dem Großen Hauptquartier zurückgekehrten Herrn v. .Kühl­mann lag schon mehrere Tage vor; es ist, wie wir hören, gestern abend vom Kaiser genehmigt worden. Herr v. Kühlmann war seit dem August 1917 ini Amt. Er bat während dieser Zeit die Regelung des Ost­friedens durchgeführt, und wenn er dabei auch man- chcr ,Kritik, ja, sogar scharfen Angriffen yusgesetzt war so wird man doch schließlich den: Gesamtbild seiner Tätigkeit unter ungeheuer schwieligen Verhältnissen die Anerkennung nicht versagen dürfen. Gegen die Ent­gleisungen in seiner letzten ReichstagsredS" und vor allem gegen den auf seinem grundsätzlichen Standpunkt beruhenden Versuch, Englands Schuld am Weltkriege herabzumildern, haben auch wir entschieden, Stellung genommen.

Sein Nachfolger im Amt, Herr Hintze, war schon wiederholt, auch bei der Verabschiedung Zimmermanns, als kommender Mann genannt worden. Von einigen Seiten wurde bei dieser Gelegenheit eine Preßkampagne gegen ihn eingeleitet, wobei er als Chauvinist und ex­tremer Eroberungspolitiker und zugleich als ausge­sprochener Parteigänger der Rechten bezeichnet wurde. Wir können demgegenüber von bestunterrichteter Seite versichern, daß Herr v. Hintze parteipolitisch in keiner Weise gebunden ist, daß er keiner Partei nahe­steht, und daß alle in diesem Zusammenhang aufgetre­tenen Gerüchte den Tatsachen nicht entsprechen. Zu­treffend mag sein, daß Herr v. Hintze in England den Haupts sind sicht, und daß er demgemäß Wh U-Bootskrieg einschätzt. Aber in diesen beiden Punkten dürfte wohl die M e h r h e i t her D e u t s ch e n mit ihm übereinstmmen. Weiter wird von maßgebender Seite versichert, daß durch den Personenwechsel im Auswärti­gen Amt die bisherige Richtung der Reichspolitik, und zwar in bezug aus die innere wie ans die äußere Politik, nicht die geringste Änderung erfahren werde, daß von einem neuen Kurs nach keiner Richtung hin die Rede sein könne. Eine Bürgschaft dafür sei schon da­durch gegeben, das der Reichskanzler selbst auf seinem Posten bleibe' im übrigen hat Herr v. Hintze sich bereit erklärt, die bisherige Politik des Grafen Hertling mrit voller Loyalität zu unterstützen.

Herr v. Hintze gilt, was in der neuen russischen Krise uns zustatten kommen wird, als besonders anter Kenner der russischen Verhältnisse und des fernen Ostens. Im übrigen wird man billigerweise vorirrteilsfrei seine Leistungen abwarten müssen.

Tine Kundgebung des Reichskanzlers?,

(Von unserer Berliner Abteilung.)

8. Ä. Berlin. 10. Juli. (Eig. Drahtberichi. zb.) Der Reichskanzler trifft heute abend aus dem Großen Hauptquartier in Berlin ein. An der heutigen Sitzung das Hauptausschuffes nahm Vizekanzler von Payer teil. Sogleich nach Eröffnung der Verhand- lum; durch den neuen Vorsitzenden den sozialdemokra­tischen Abgeordneten Ebert. nahm der Vizekanzler v. Payer das Wort, um mitzuteilen, daß Reichs- kanzler v. Hertling die Absicht habe, dem Ausschuß über die inner- und au her politische Lage Bericht zu erstatten und daß er, wenn möglich, am Donners­tag, also morgen, im Hanptausichrrß erscheinen und das Wort nehmen werde.

Man ist in Reichstagskreisen entschlossen, eine rechr i lare Erklärung über unsere politischen Ziele, und zwar nidit nur vertraulicher Natur zu verlan­gen, um so mehr, als die Ablösung Kühlmanns, der pa? MlchlM S&tks M Are-

ständigungsfriedens war, durch einen Mann, dessen Äußerungen auf entgegengesetzte Auffassungen schließen lassen, natürlich nicht auf allen Seiten des Hauses mit gleichen Gefühlen angesehen wird. Graf Hertlings Ausaaku wird es, nach Ansicht diefer Kreise, sein, durch eine wirklich großzügige und offene Erklärung seiner Politik das iin Interesse des deutschen Volkes notwendige Ansehen zu verschaffen.

Für und wider Herrn v. Kühlniann.

Berlin. 10. Juli. DerB. L.-A." teilt mit: Im Reichs­tag hat sich gestern Dienstag die Lage so weit geklärt, daß in Verbindung mir dem Rücktritt des Staatssekretärs ti. Kühlmann und der erwarteten Ernennung des Herrn t>. Hintze an seiire Stelle von einer Krise kaum ge­sprochen werden kann. Die ruhige: veranlagten Gemüter innerhalb der verschiedenen nach links orientierten Fraktio­nen waren sogar der Meinung, daß der Wechsel sogar noch nicht einmal eine Verlängerung der Parlaments­tagung zur Folge haben werde, so daß man Ende der Wcche in F r i e d e n a u s e i n a n d e r g e h e n könne. Man erwarte lediglich, daß die ReichÄeitung setzt' dem Parlament eine nochmalige Darlegung ihrer Auffassung von den Kriegs zielen geben werde. Wenn sich darüber ein Einverständnis erzielen läßt, was nach Lage der Sache anzu­nehmen ist, so ist damit ein weiteres vertrauensvolles Zu­sammenarbeiten von Negierung und Parlament gegeben, und somit dürste sich auch die Sozialdemokratie zur Be­willigung .der Kriegskcedite entschließen. Es hängt zurzeit alles davon ab, was die Reichsleitung tun wird.

Berlin. 10. Juli. DasBerl. Tagebl." und andere Blätter wollen wisien, daß Graf Hertling in einem Telegramm aus dem Großen Hauptquartier dem Vizekanzler v. Paper von t er Absicht, Admiral v. Hintze an die Spitze des Auswärtigen Amts zu stellen, Mitteilung gemacht habe mit der Bemer­kung, sein (Hertlings) Verbleiben im Reichskanzleramt biete volle Sicherheit für die Beibehaltung des jetzigen Regierungskurses, und nach einer Rücksprache mit Herrn von Hintze habe er die Überzeugung gewonnen, daß auch dieser die bisherige Politik vertreten werde.

TicNordd. Allg. Ztg." schreibt: Tiefere Einsicht in die Ereigniffe unserer Tage wird, so weit es heute noch nicht geschieht, auch den großen sachlichen Verdiensten Herrn v. Kühlmanns gerecht werden. Über seine Nachfolge ist zur Stunde noch nichts bestimmt, aber es steht schon jetzt fest, daß die auswärtige Politik sich mit seinem Rücktritt nicht ändern wird. Schon dies ist ein Beweis, daß es unrichtig wäre, wenn man behaupten wollte, Herr v. Kühlmann habe seinen Abschied genommen, weil seine Politik Schiffbruch ge­litten habe. Er bat sie geführt in dem wohlverstandenen In­teresse des Reichs und in der von allen gebilligten Abficht, unserem Vaterland einen baldigen ehrenvollen Frieden zu sichern. Dieses Ziel bleibt die nächste Aufgabe der deutschen Politik; und selbst wenn sie sich in Einzelheiten von der Politik des Herrn v. Kühlmann unterscheiden sollte, so wird sie nicht patriotischer oder besser genannt werden können.

DieGermania" schreibt: Es ist klar, daß das Aus­schlaggebende fiic die auswärtige Politik das Ver­bleiben des gegenwärtigen Kanzlers ist, und niemand wird dem Grasen Hertling unterstellen wollen, daß er jetzt eine neue, entgegengesetzte Richtung einschlagen wird.

In derKreuz-Zeitung" sagt Professor Hötzsch: In Herrn v. Hintze tritt ein Mann an die spitze des Auswärtigen Amts, der nicht aus'dem englisch orientierten Kreis der deutschen Staatsmänner Bethmannscher Observanz kommt, und der neben auch sonst ungewöhnlich großer Kennt­nis des Auslands Rußland aus eigener, sehr erfolgreicher Tätigkeit im Lande selbst kennt.

DerVorwärts" schreibt: Ein Reichskanzler, der gegen­über dem alldeutschen Geschrei noch selbständiger Überlegung fäbig ist. muß sich sagen, daß die Entlassung Kuhl- manns unter den gegenwärtigen Umständen nach außen und innen geradezu verwüstend wirken muß.

Der Tagesbericht vom 10. Juli.

W. T.-B. Großes Hauptquartier. 10. Juli. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.

Im K e m «t e l g e b i e t. an der L y s und Somme lebte die Gefechtstätigkeit in den Abendstunden auf. Nächt­liche Erkundungsvorstöße des Feindes.

Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Der Franzose setzte seine heftigen Teilangriffe fort. Südwestlich von N o p o n nnd südlich der A i s n e stieß er mehrfach mit starken Kräften vor und setzte sich in den Ge­höften Porte und Loge» westlich von Autheuil sowie in alten slinzösischen Gräben nördlich von Longpont fest. In den an­schließenden Abschnitten wurde er durch Feuer abgcwicsen. Bei örtlichem erfolgreickem Borstoß westlich von Chateau-Thierr», machten wir Gefangene. Rege Er­kundungstätigkeit des Feindes beiderseits von Reims.

Heeresgruppe Herzog Äldrecht.

Im Sundgau brachten Stoßtrupps aus französischen Grabe« nördlich von Largitzrn Gefangene zurück.

Der Erste Generatzurrtjermcistcr:. Lndtotziukst

Eine Mahnung Hindenburgs zur Geduld.

Berlin, 10. Juli. Au den Vorsitzenden der Naum- b^raee Vaterlandspartei Generalz.T. illühl schickte Hinden- burg laut »Deutscher Ztz." folgenden Kartengruß: Alles steht gut. - Nur müssen uns die geehrten He im st rategen gütig st Atempausen gestatten. Ohne die geht es heut­zutage wirklich uicht. wo« die Schlachten acht Tage und länger dauern. Also Geduld!

Abgcwiesenr Patrouillenangriffe.

V/. T.-B. Berlin, 9. Juli. In der Nacht zum 9. Juli wiesen die Deutschen m der Gegend von Batlleul feindliche Patrouillen ab. Bei dem im deutschen Heeresbericht vom 9. Juli erwähnten Angriff auf dem Nordufer der Somme griff oer Feind in Bataillonsstärkc an. Er wurde im Nahkampf abgeschlagen. Am Abend des 8. Juli erstickte das deutsche Vernichtungsfeuer am Walde Villers-Cotterets einen feindlichen Angriff im Keim. Bei und westlich Reims scheiter- . ten Patrouillenvorstöße im deutschen Abwehrfeuer.

Rückkehr verschleppter Elsaß-Lothringer.

W. T.-B. Straßburg. 9. Juli. Wie dieStratzburgec Post" erfährt, werden am Montag, den 15. d. M vornrittags 9 pbr, 800 von den Franzosen verschleppte Elsaß-Loth­ringer in' Singen eintreffen. Bekanntlich war die Frei- ' lassnng sämtlicher Geißeln zunächst verzögert worden. Aber­maligen Verhandlungen ist cs nun gelungen, die letzten Schwierigkeiten zu beseitigen.

Die neue russische Misst.

Erfolge der Sowjettrnppcn.

W. T.-B. Moskau, 8. Juli. Die Presse meldet' Be: Sysran wurde die Tschechoslowaken 50 Kilometer zurück- geworsen, ebenso auf der Front Pensa-Sysran 20 Kilo­meter. Die allrussische Versammlung der Sowjets wurte am 5. Juli eröffnet. ES waren über 800 Abgeordnete anwesend, davon 150 Bolschewik: und 300 linke Sozial­revolutionäre. Tcohky hat die Ätzung mit einer Rede über die Notwendigkeit einer großen, starken Roten Armee eröffnet und betont, daß man im Zeichen der allgemeinen Wehrpflicht stehe. In Petersburg wurde die Kriegszensur einqcfühct. In Dagestan bei Kirdamir wird zwischen den Rätetruppen und Armeniern einerseits und den Tartaren andererseits heftig gekämpft. Die Rätetruppen gehen siegreich vor. Ein Kosakenangriff west­lich Otralsk wurde abgewiesen. Eine tschechische Abtei­lung bei Shadrinsk wurde zum Rückzug auf die Stadt ge­zwungen. Die Besetzung von Slatusk, Mijas und Berdjaüsch durch die Tschechen b e st ä t i g t sich. In Simbirsk erfolg­ten Massenverhaftungen von Gegenrevolutionären, hauptsäch­lich Offizieren und Studenten. Auf der Station Simo- nowo wurden durch einen großen Brand Lebensmittel, Baum­wolle und Petroleum im Wert von über 10 Millionen Rubel vernichtet. Die französische Vertretung in Wologda soll Tschitscherin mitgeteilt haben, daß die auf dem Jarcslawer Bahnhof in Moskau als Gegenrevolutionäre verhafteten Tschechen und Polen sür die französische Armee bestimmt gewesen seien.

Englands Gelder gegen die Sowjetregierung.

Berli«, 10. Juli. DaS finnischeHufvudstafblad" hat erfahren, die Engländer hätten den russischen Sozialrevolutio­nären, die, wie inzwischen bekannt ist, den Mord Mirbachs angestiftet haben, 265 Millronen Rubel ver- sprochen, wenn diese England helfen wollten, seine Pläne gegen die jetzige russische Regierung durchzuführen.

Frankreichs Ueberfchwano.

Bern. 9. Juli. lEig. Meldung.) Herve feiert in seiner Art Sawinkow bereits als Retter Rußlands. Mit diesem Politiker verbanden Herve innige Beziehungen schon vor Beginn des Weltkriegs. Für Sawinkow hat Herve wäh­rend Kerenskis Regierung Reklame geschlagen. Heute er­blickt er in ihm schon einen neuen russischen Napoleon, der Deutschland zu Boden schlagen würde. Die meisten übri­gen Pariser Blätter hauen in die gleiche Kerbe. Von Paris aus geht eine Welle der Begeisterung für das kommende Rußland. Dort ist das Stichwort für die Presse offenbar gleich bei der Meldung von der Ermordung des deutschen Ge­sandten gegeben worden- Rußland erhebt sich! Die Sensationsmeldungen über blutige Ereignisse, in ganz Ruß­land je gen sich in den französischen Blättern. Westschweize­rische Kreise behalten jedoch kühlen Kopf, ha sie schwere Rück­schläge befürchten. Sie verurteilen den französischen Über­schwang. Das Bürgertum in Frankreich rechnet mit erneuter Zahlungsfähigkeit Rußlands und sofortiger Aufhebung der Annullierung der Staatsschulden.

; Miljukow nunmehr für Deuffchland.

Wien, 9. Juli. Aus Kiew wird gemeldet: Aus Petersburg treffen fortgesetzt Angehörige der Kadetten- wnrtei in Kiew ein, die sich um Miljukow scharen. Miljukow erklärte in einer Unterredung, die Behaup­tung. daß er Deutschland ein förmliches Protektorat über Großrußland angeboten habe, sei unrichtig. Richtig sei allerdings, daß er selbst zu jener Minderheit i'ier Kadettenpartei gehöre, die sich nach Jpc a.ipst,pl> üa.ut i,4s\n ©eite o rkafeerett taaß e.