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Mittwoch, 10. Juli 1918.
Morgen-Kusgabe.
Nr. SIS. . 66. Jahrgang.
Die Verbesserung de§ Ausiandr- nachrlchtendienftes.
- Me Welt ist einig darin, dos; unser Nachrichtendienst auf ganz neue Grundlagen gestellt werden soll, aber mehr als die Forderung und mehr als die Zustimmung zu ihr hat man bis zur Stunde noch nirgends recht gehört. Wir erfahren, daß auch die leitenden Amtsstellen überzeugt davon sind, wie sehr wir auf dern Gebiete der publizistischen Propaganda hinter der englischen und auch der französischen Organisation zurückstehen, wir erfahren aber nicht, wie der Vorsprung eingeholt werden soll. Und doch wäre es hohe Zeit, daß das Stadium der „Erwägungen" und Vorbereitungen überwunden würde, daß endlich einmal etwas Greifbares und Sichtbares geschieht. Inzwischen können wir es den Skeptikern nicht vor denken, wenn sie fiirchten, daß nach dem Kriege viele von den jetzigen schönen Vorsätzen wieder ins Wasser fallen werden. Leider liegt es in der Tat so, daß die Presse zwar oft die sreundlichstcn Worte von Stellen her zu vernehmen hat, vön denen ste es bis dahin keineswegs gewohnt war, auch werden immer neue Pressestellen geschaffen, aber immer wieder macht die Presse die Erfahrung, daß ne dabei a u s g e s ch a l- tet wird, und daß der bnreaukratische Dilettantismus nach wie vor über die fachmännische Erfahrung triumphiert. Ans die Gefahr, die in dieser Einseitigkeit liegt, muß mit aller Entschiedenheit hingewiesen werden, und das geschieht auch unter anderem sehr gut und hoffentlich wirksam in einem Aufsatz (von Paul RaM) im Juliheft der Monatsschrift „Nord und Süd", wo die Notwendigkeit einer Reichsnachrichten st eile mit Nachdruck und Sachverständnis abermals betont wird. Der Verfasser hält die Errichtung einer deutschen Nachrichtenzentrale. die uns um abhängig von Reuter und den übrigen ausländischen Agenturen machen soll, für eine Selbstverständlichkeit, über die eigentlich nicht weiter zu reden sei. Er möchte vielmehr darauf hin» weisen, daß unabhänaig von diesen Bestrebungen eine Organisation geschaffen werden muß, die in erster Reihe den Interessen unserer A n s l a n d s v o l i t i k dient, die uns gewissermaßen erst das Rückgrat schaffen soll, um überhaupt eine richtige Anslandspolitik zu betreiben, weniostens eine bessere Auslandsvolitik, als wir sie bisher leider zu buchen hatten. Es ist ja gerade im Verlauf dieses Krieges mehr als einmal darüber geklagt worden, daß wir über die Verhältnisse des Auslands so schlecht unterrichtet waren, daß wir namentlich die Aus- landsbcst'nnmungen nicht richtig einznschätzen wußten, und daß uns die Psyche anderer Völker so ßremd geblieben ist.
Zu verwundern ist das nicht. Wie bätte auch unsere offizielle Auslandspolitik bisher Gelegenheit gehabt, sich um Seelenstimmunacn anderer Völker zu künimern? Für derlei war in unserer amtlichen Berichterstattung kein Raum. Wer hätte auch diese Stimmnngsberichte abfassen sollen? Solch feinncrvige Arbeit ist nicfytS für unsere Diplomatie. Was weiß zumeist der Gesandte, was weiß das höhere Gesandtschaftspersonal, das für die Berichterstattung in Betracht kommt, von den Sffmmungen der Völker, unter die sie der Zufall ihres Berufs gerade hingeworfen har?"
Wie wenig die bisherig? offizielle Berichterstattung, die von den Auslands stellen nach der Berliner Zentrale aeht, zweckentsprechend und von wirklichem politischen Nutzen ist, das weiß niemand besser als der Journalist, der hier im Ausland Gelegenheit gehabt hat, diese Art der Berichterstattung zu beobachten. Da werden fleißig Zeitungen gelesen, da werden Ausschnitte ge- sammelt und sorgsam ans schönes, dickes, weißes Schreibpapier geklebt, so daß demjenigen, der Verständnis hat für die Papicrknapvheit unserer Zeit, das Herz im Leibe blutet, imd schließlich wird alles in einem großen zusammenhängenden Bericht verarbeitet, der dann ans noch schönerem imd noch dickerem Papier nach Berlin geht, um hier als „politisches Material" von einem Menschrank zum anderen zu wandern. Es bleiben papierne Informationen, denen die frische Unmittelbar- keit abgeht und die- für die Beurteilung der Stimmung so gut wie wertlos sind.
Jeder, der früher im Auswärtigen Amte ein- und ausging, um sich von der dazu beauftragten Stelle „Informationen" zu holen, weiß das Es konnte sich in Schanghai oder in Duenos-Aires irgendeine wichtige politische Sache ereignen — im Auswärtigen Amt hatte man für den Fragenden nur ein Achselzucken. Wir wissen bis jetzt auch nicht mehr, als was Reuter berichtet . . . Uns liegt nur das Havas-Telegramm vor. . . Von unserem Vertreter haben wir noch keine Nachricht erhalten. Das waren die Antworten, die man. immer wieder zu hören bekam. Die Gegenfrage wäre natürlich berechtigt gewesen: „Ja. weshalb liegt denn um alles in der Welt von unserem Vertreter
m einer Angelegenheit, die fiir die deuffche Auslands- Politik von weittragender Bedeutung ist, noch keine Antwort vor? Weshalb sind wir auf Reuter und Havas angewiesen? Ist denn das mächtige Deuffche Reich nicht imstande, die Kabeffvesen zu tragen, die sich die privaten ausländischen Nachrichtenagenturen leisten?"
Die Frage nach den Spesen, so lächerlich ste erscheint, ist in der Tat nicht unberechtigt. Es wird eben auch wieder am verkehrten Enhe gespart. Es sind im Laufe dieses Krieges eine ganze Anzahl von Diplomaten aus Ostasien und Amerika durch Holland nach Deutschland zurückgekehrt. Wo es anginq. hat Rächst Veranlassung genommen, sich nach der Frage der politischen Nachrichtenübermittlung zu erkundigen, und hat iinmer wieder die. Erfahrung gemacht, daß eine regelmäßige telegraphische Berichterstattung eigentlich nicht existiert und daß es sich dabei ebensosehr um die Geld- wie um die Per- sonenffage handelte. „Ja wer soll das rnachen?" hieß es stets und man glaubte am besten jeder Diskussion aus dem Wege gehen zu können durch die Bemerkung: „Und dafür gibt es auch kerne Gelder."
Aber es müssen in Zukunft Gelder da sein, Gelder für die Nachrichten, die übermittelt iverden, und Gelder für die Personen, die mit der Übermittlung bettaut sind. Es dark, wenn etwas wirklich Nützliches geschaffen tner- den soll, nicht wieder mit der hureaukratischen Engherzigkeit borgen,angen werden, die anck' den an sich guten Gedenken der Handelsattaches in Mißkredit ge- bracht hot.
Gerade weil cs sich nm Fehler handelt, dtt in Zukunft vermieden werden müssen, verwerft Rächst auf die Gchaltsfrage mit Recht und besonders hin. Man hat oft darüber geklagt, daß die amtlichen Pressestellen, die neuerdings im Inland und im Ausland errichtet worden sind, nicht mit tüchtigen Fachleuten besetzt worden sind. Es mußd Hervorgehaben werden, daß für die Ge- halffätze, die für diese Stellen bewilligt wurden, tüchtige Fachkräfte auch nicht zu haben gewesen wären. An Geld fehlte es schließlich nicht, es sind Unsummen an vielfach recht falschem Orte ausgegeben worden, die Hauptsache war, daß ein höherer Gehaltsatz sich in die bnreaukratische Gehaltsskala nicht einfügte. Da das Engagement eine? Mannes, der für 15 000 M. etwas geleistet hcstte, wegen der Höhe des Gehalts revolutionierend gewirkt hätte, engagierte man lieber drei Äute, die für je 6000 M nichts leisteten. Womit der Sache zwar nicht gedient, aber immerhin das bnreaukratische System gerettet war. Und woraus sich weiter erklärt, daß alle diese Stellen nach dem altbewährten Schema arbeiteten und jeden frischen Lebens bauch vermissen ließen. Man arbeitete mit dem Aktenbogen und nicht, wie es hätte sein sollen, mit denr Telegrammformular in der Hand. Mar, arbeitet, kurz gesagt, bureaukratisch und nickst journalistisch. Aber gerade weil es vielleicht Absicht ist, diese jetzt geschaffenen Pressestellen des Auslandes auch nach dem Kriege bestehen zu lassen, muß gefordert werden, daß mit derdureaukrati- fchen Arbeitsmethode gebrochen wird. Die nach sournalistffchen Erfahrungen einzurichtende künf- ttge Reichsnachrichtenstelle kann nur dann etwas leisten, wenn die telegraphische Benachrichtigung nicht die Ausnahme. sondern die Regel bildet, und wenn nicht der Geist einer bedächtigen Bureaukraffe. sondern die frisch zupackende "Tatk >- aft ionrnalistischer Praxis hinter dieser Berichterstattung steht.
Oer ötterrefchkfch-«naarfsck»e Tagesbericht,
AV. T.-B. Wien, 9. Juli. (Dvahtbericht.) Amtlich verlautet vom 9. Juli, mittag?: An der italienischen Front keine bescnderen Ereignisse. In Albanien dauert der Druck der über die Vojusa vorbcechenden feindlichen Kräfte nachhaltig an. Südwestlich von Berat kam es zu Gefechten Im Zusammenhang mit diesen Kamprhanölnngen erzielten die Franzosen am oberen Revoli Raumgewinn.
Der Chef des Generalstaks.
r>ie Salzburger wkrtschaftsverhandlungen.
W. T.-B. Wien, 9. Juli. (Dcahtbericht.) Zu den beginnenden deutsch-österreichischen Wirtschaftsverhandlungen in Salzburg erfahren die Blätter von informierter Seite, daß die Konferenz euren ausschließlich wirtschaftlichen Charakter trage und keinerlei Fragen militärischer cd-er politischer Natur zur Erörterung gelangen. Der* Vorschlag Österreich-Ungarns geht dahin, daß die Beziehungen zwischen den beiden Staaten nicht auf dem Grundsatz eines vollkommen zollfreien Verkehrs basiert sein sollen, sondern daß alle wesentlichen schutzbedürftigen Produkte unter erneu Schutzzoll gestellt werden. Jene wichtigen Erzeugnisse, di- durch «inen freien Verkehr zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn benachteiligt werden, werden einem bestimmten Zollsatz unterworfen werden, während siir andere Produkte Zollffeiheit zur Annahme käme, es handelt sich daher um ein gemischtes 'System, eine Kombination von Zoll und Zollfreiheit. *
Gertliche Erfolge beiEhateau-Ehierry.
AV. T.-B. Berlin, 9. Juli, abends. (Amtlich. Draht - bericht.) Südwestlich Noyon wnrden franzSstsche Teilangriffe abgewiesen.
Örtliche erfolgreiche Kämpfe westlich von Chateau-Thierry. *
Die feindlichen EroberungsqslLfte.
W. T.-B. Berlin, 9. Juli. (Drahtbericht.) Unter der Überschrift „Hinüber über den Rhein" berichtet ein Telegramm der „Morning Post" aas Washington über die Einführung des Verteidigungsgesetzes im amerikanischen Repräsentantenhaus. Indem das führende Kongreßmitglied Borland den Entwuff zur Annahme empfahl, führte es aus, daß die amerikanische Armee dadurch in den Stand gesetzt werde, den Rhein in voller Kraft und Stärke zu überschreiten, um dabei allen Hindernissen, dem sie dabei begegnen können, gewachsen zu sein. Bekanntlich hat im vorigen Jahr der danialige britische Minister Sir Edward E a r s o n in einer viel beachteten Rede die Wendung gebraucht, Englands Kriegsziel sei, die deutschen Heer; über den Rhein zurückzuwerfen. Diese Äußerung hat man in England seinerzeit vergebens als eine bedeutungslose Entgleisung hinzuit.-llen versucht!. Die enffprechende Erklärung des amerikanischen Astgeordneten beweist, wie tief tiefe Eroberungswünsche in der Kriegsstimmung der angelsächsischen Völker wurzeln.
Ein amerikanisches Riesenflugzeug.
Br. Gens, 9. Juli. (Eig. Drahtbcricht. zb.) Das erste amerikanisch« Riesenflugzeug unternahm gestern nachmittag seinen ersten Flug. CS hantelt sich um einen llberlustkreuzer, von dem mait hofft, daß er leicht den Ozean überfliegen könne.
Srantlngs „neutrale" Neife.
AV. T.-B Paris, 5. Juli. Die Mehrheitssozialisten der- sammelten sich Moutagvormittag im Palais Bourbon, um B r a n - ting zu begrüßen. Es entspann sich eine lange Aussprache über die internationale Lage, besonders über die Haltung der deutschen Sozialisten während des Krieges.
Jin Sperrgebiet um England.
AV. T.-B. Berlin, 8. Juli. Unsere U-Boote vernichteten un Sperrgebiet un: England
17 UM Brnttoregistertoanen feindlichen Handelsschiffsraums.
Ten Hauptanteil an diesen Erfolgen hat das vom Kapi- tänlcutnant v. Rabenau (Rünhart) befehligte Boot, da? an der Ostküste Englands sechs Dampfer, zum größten Teil aus stark gesicherten Geleitzügen heraus, versenkte.
Der Chef des Admiralstabs der Maring.
Die englischen Agitatoren bei den Moskauer Stratzenkämpfen.
W. T.-B. Wien, 9. Juli. Zur Ermordung des deutschen Gesandten Grafen Mirbach sind folgernde Meldungen eingetroffen: Nach der Flucht der Mörder in das Gebäude, in dem der in Moskau tagende Kongreß der linken Sozialrevolutionäre unteczebracht ist, entspannen sich im Lauf der Nacht vom 6. auf den 7. Juli lebhafte Straßen - kämvfe, bei denen erwiesenermaßen englisch« Agitatoren tätig waren. Die Sowjettruppen haben aber dank ihrem dortigen scharfen Zufassen die Ordnung rasch wiederhergestellt. Die Führer der Sozialrevolutio- i.äre wurden aus dem Kongreß heraus verhaftet. Ob die Mörder auch schon gefaßt sind, tst nicht bekannt. Gegen Abend 7 Uhr war in Moskau ziemliche Ruhe eingetrettn. Artilleriefeuer war nicht zu hören, nur noch planlose« zeitweiliges Gewehrfeuer. Die russische Regierung ließ in Flugblättern eine Erklärung verbreiten, in der sie die restlose Unterdrückung der ganzen Bewegung in Aussicht stellt und für den Fall des Wiederausbruchs die voll« Bevautw»»- tung den Sozialrevolutionären überläßt.
AV. T.-B. Bern, 9. Juli. Die „Berner Tagwacht" führt die Ermordung des Grafen Mirbach auf ein unzweifelhaft in den ententistischen Kreisen Rußlands vorbereitetes Attentat zurück.
Der „Vorwärts" über die Schuldigen am Attentat.
Berlin, 9. Juli. Im „Vorwärts" liest man: Die während der russischen Revolution au? der Partei der Sozialrevolutionäre ans- geschiedcnc Linke, die sich seitdem als eine besondere Partei kon- stituiert hat, ging mit den Bolschewik, bis zum Abschluß des B r c st e r Friedens Auch dick und dünn. Jetzt bekennt sie, ein Attentat verübt zu habe», das zu den schwerwiegendsten Folge,k führen könnte In diesem Kalkül auf die politischen Folgen des Attentat? äußert sich die politische Naivität, die allerdings stets das Merkmal der Partei der Sozialrevolutionäre bildete.
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lieber Japans Abrichten in Sibirien.
Br. Rotterdam, 9. Juli. (Eig. Drahtbcricht. zb ) über die Absicht Japans in Sibirien kann ich aus zuverlässiger Quelle Mitteilen, daß Japan am 5. Juli die offizielle Nachricht erhielt, der Kriegsrat der Entente Hab« beschlossen, Japait könne freie Hand in Sibirien und Wladiwostok haben und daß die Bolschewiki gegen die in Wladiwostok befindlichen Tschechen und Slowaken Truppen absenden wollen. Daraufhin wird jetzt von Japan ein großes Geschwader nach Wladiwostok gesandt, das weitere japanische Truppen rmtbringt.
