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vienstag, 9. Juli 1918.

klbend-Kusgabe.

Nr. 314. . 66. Jahrgang.

Die Entscheidung im Hauptquartier.

(Bon unserer Berliner Abteilung.)

B. A. Berlin, 9, Juli (Eig. Drahtbericht, zb.) Wie wir hören, hat Staatssekretär v. Kühlmann ge­legentlich seiner Anwesenheit im Großen Hauptquartier den Kaiser mündlich um die Entlassung aus dem Staatsdienst gebeten. Seine Majestät hat das Ge­such genehmigt, über die Nachfolgerschaft soll noch keine bestimmte Entscheidung getroffen sein, doch wird hier mit aller Bestimmtheit in den bestunter- richtcten Kreisen versichert, daß Admiral v. H i n y c, der bisherige deutsche Gesandte in Christiania, Nachfolger

des Staatssekretärs v. Kühlmann sein wird.

»

Paul v. Hintze ist am 13. Februar 1864 in Schwedt a. d. Oder als Sohn eines Kaufmanns geboren und trat im April 1882 als Seekadett in die kaiserliche Marine ein. Im Sommer 1908 erfolgte seine Ernennung zum Maiineattache für die skandinavischen Staaten mit deni Sitz in Peters­burg. Im Frühjahr 1906 wurde er zum Flügeladjutanten des Kaisers ernannt, zwei Jahre später erhielt er den erb­lichen Adel. Im Sommer 1908 wurde ec Militärbevollmäch­tigter am kaiserlichen Hof und als solcher der Person des Kaisers attachiert ind dem Hauptquartier zugeteilt. Den aktiven Dienst verließ er im Frühjahr 1911 und trat unter Verleihung des Chavuttels als Konteradmiral ins Aus­wärtige Amt ein. Im Mai i911 wurde er als Gesandter nach Mexiko geschickt, wo er b's nach Ausbruch des Welt­kriegs tätig war. Er vertrat dann das Deutsche Reich in China bis zum Abbruch der Beziehungen mit China. Im Juni 1917 endlich ging Herr v. Hintze nach kurzem Aufenthalt in Berlin nach Christiania an die Stelle des abgerufenen Gesandten Dr. Michaelis.

Die Haltung der Sozialdemokratie.

Dr. Berlin, 9. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Aus den Kreisen der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion verlautet, daß sie die Kriegskredits im Fall eines Wechsels irtt Staatssekretariat des Äußern erst bewilligen UT-lle, Nenn von der Reichsregierung eine unzweideu­tige Erklärung über unsere Kriegsziele abgegeben wor­den ist.

Die Uriegskreditvorlage dem Hauptausschutz überwiesen.

Ein ungewöhnlicher Vorgang. ,

B. A. Berlin, 9. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die heu­tige Sitzung des Reichstags wurde um 1 Uhr unter­brochen und der Wiederbeginn aas 1 Uhr festgesetzt. Die Kriegskrcditvorlage, die auf der heutigen Tagesordnung stand, wurde dem Hauptausschutz überwiesen; und nicht, wie es bisher üblich war, gleich vom Plenum erledigt. Es wird in diesem Zusammenhang mrt großer Bestimmtheit erzählt, daß die Aussetzung der Sitzung auf Veranlassung der Sozial­demokraten stattgeftinden habe, die in einer Fraktions- berctung die Frage besprechen wolle, ob sie sich nicht nach der Ablehnung des Etats durch die Außenpolitik der Regierung sich auch genötigt sehe, die Kriegskredite abzulehnen.

Herr v. Kühlmann aus dem Hauptquartier zurück.

. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts v. Kühlmann traf gestern aus dem Großen Hauptquartier wieder in Ber­lin ein.

Der Tagesbericht vom 9. Iuli.

IV. T.-B. Großes Hauptquartier, 9. Juli. (Amtlich.)

* Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.

Südlich deS La Vasföe - Kanals wurden mehrfach wiederholte Teilangriffe, anf dem Nordufer der Somme starke Borstöße des Feindes abgewiesen. Der Artilleriekampf blieb in diesen Abschnitten lebhaft nnd er nahm am Menü beiderseits der Somme zeitweilig wieder große Stärke an.

Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Westlich von A u t h e u i l (südwestlich von N o y o u) haben fich heute früh nach heftigem Feuer örtliche Angriffs deS Feindes entwickelt. Am Wald von Billers-Cotte- retS scheiterte» Teilaugriffe der Franzosen in unserem Kampfgelände.

Gestern wurden 18 feindliche Flugzeuge abgeschossen. Leutnant Billik errang feinen 23. und 24., Leutnant Friedrich seinen 21. Lustsieg.

Der Erste Generalquartiermeister: Ludendarfj,

Die neue russische ltrlstr.

Unterdrückung der GegenrevolutionSre in Moskau.

W. T-B. London, 8. Juli. (Reuter-Meldung.) Eine russische drahtlose Meldung besagt, daß die gegenrevolu­tionäre Erhebung der Sozialrevolutionäre der Linken in Moskau unterdrückt ist. Mehrere hundert Ber- Haftungen wurden vorqenommen.

Neue Zeugnisse für die Ententeverbrecher in Rußland.

Wien, 8. Juli. Die Bolschewiki sind nach Stockholmer Berichten im Besitz einwandfreier Dokumente, aus denen hervorgeht, daß nicht nur die Gegenrevolu­tionäre von der Entente genährt und geleitet werden, sondern daß auch eine weitverzweigte Organi­sation unter der Ägide der Entente geschaffen wurde, die darauf abzielt, terroristische Akte großen Stils gegen deutsche und österreichische Funktionäre in Rußland durchzuführen. Die Ermordung des Grafen Mirbach hängt bereits mit dieser Organisa­tion zusammen. Der russische Volkskommissar Urdzki erbrachte vor einer Petersburger Urbeiterversammlung den Nachweis, daß die russischen Gegenrevolutionäre, deren Zentrum gegenwärtig A r 4 a n g e l ist, von England allein 40 Millionen Rubel Geldunter- stützuna erhielten, um revolutionäre Unternehmun­gen in die Wege zu leiten.

Ein Aufruf zur Unterdrückung des Aufstands und gegen den Urkeg.

IV. T.-B. Moskau, 8. Juli. Die Kämpfe in Moskau sind bisher zugunsten der Bolschewiki abgelaufen. DiePrawda" veröffentlicht über die Ermordung des Grafen Mirbach einen Au schuf, in dem es u. a. heißt: Gegen 3 Uhr nachmittags sind zwei Agenten des russisch-englisch-franzö­sischen Imperialismus zum deutschen Gesandten dem Grasen Mirbach auf Grund einer gefälschten Unter­schrift des Genossen BserjinSki mit falschen Beglaubi­gungspapieren vorgedrungen und haben unter dem Schutz dieses Dokuments den Grafen Mirbach ermordet. Einer dieser Halunken, der diese provokatorische Tat beging, die schon seit langem und verschiedentlich in der Sowjet- preffe mit der Verschwörung der Monarchisten und der Gegen- revclutionäre in Zusammenhang gebracht worden isi, ist nach den vorhandenen Nachrichten ein linker Sozialrevolutionär und ein Mitglied der Kommission pan Bsersinski, der sich verräterischerweise von dem Dienst der Sowjetregierung los­gesagt hat und zum Dienst bei den Leuten übergegangen ist, die Rußland in einen Krieg zu verwickeln trachten und damit die Wiederherstellung de: Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten sichern wollen. Rußland befindet sich nugen- bliülich durch die Schuld von Halunken aus den Reihen der linken Sozialrevolutionäre, die sich auf den Weg S a w i n - kos und seiner Genossen verleiten ließen, auf Haares­breite vor einem Krieg. Schon die ersten Schritte der Sowjetregiecung in Moskau zur Ergreifung des Mörders und seiner Helfershelfer wurden von den linken Sozial­revolutionären damit beantwortet, daß sie einen A u f st a n d gegen die Sowjetregierung begannen. Sie besetzten zeit­weilig das Kommiffariat von Bsersinski, verhafteten den Vor­sitzenden Jserjinski und das Mitglied Lazies und die hervor- rogcndsten Mitglieder der russischen kommunistischen Partei der Bolschewiki. Die linken Sozialrevolutionäre bemächtig­ten sich sodann der Telephon st ation und begannen eine Reihe militärischer Handlungen, in denen sie mit bewaffneten Kräften einen kleinen Teil Moskaus be­setzten und die Sowjetautomobile abzufanqen begannen. Die Sowjetregierung bat als Geiseln alle im Großen Theater befindlichen Delegierten deS 6. Kongreffes aus den Reihen der linken Sozialrevolutionäre festgehaltcn und alle Maßregeln getrofsen, um die Pläne der Weißen Gardisten sofort zu unterdrücken und zu liguidieren. Alle, die den Wahnsinn und da? Verbrechen einsehen, dadurch Rußland jetzt in einen Krieg verwickelt würde, unterstützen die Sow­jetregierung. Daran, daß der Aufttand schnellstens liquidiert wird, besteht auch nicht deb leiseste Zweifel. Alle auf ihre Polten! Alle zu den Waffen! Meder mit den Dienern der Weißen Garde!

Tieneue Regierung" im englischen Solde.

W. T.-B. Stockholm, 8. Juli.Svenska Dagbladet" erfährt aus Petersburg: Die Entente stellt für ihre Ein­mischung in Rußland die Bedingung, daß hervorragende russische Staatsmänner dieselbe verlangen. Diese sollen die Regierung bilden, welche das Erbe Kerenskis über- nimmt. Als Mitglieder derselben werden K e r e n s k i. Tckreftschenko. Stachowitfch als Minister des Innern und Jsw-ols-kr als Minister des Äutzsc» ge­

nannt. Die neue Regierung wird auf englischen Schiffen nach Murman gebracht. Tort soll dann die Erfüllung der Bündnispflichten gegen die Entente und die Aufhebung des Breiter Friedens prokla­miert werden.

Der Ueberschroang in Italien.

JS. Lugano, 9. Juli. (Eig. Meldung.) Die gesamte Kriegsvvesse schwimmt auf einem Meer von Wonne, als sic die Nachricht von der Moskauer Mordtat erhielt, gleich­zeitig mit der Meldung, daß die Ö st erreiche: vollkommen vom rechten Piaveufer gewich;n waren. Selbst ehemals neutralistische Blätter, wie die G i o l i t t i s ch eS t a m v a, machen den Hexensabbat mit. Reisende aus Mailand schil­dern den Überschwang der Herren pon der Gaffe; alle Not wäre in Vergessenheit geraten, die Freunde des Friedens müßten sich im Hintergrund halten, die Interventionisten werden gar nicht müde in der Veranstaltung immer neuer Siegeskundgebungen, und die italienischen An­sprüche an die ..Besiegten" werden von Tag zu Tag größer und einfältiger. Vor wenigen Tagen mahnteSera", Stumpä" undPersevecanza", England und Frankreich in den Kriegszielen etwas mehr Entgegenkommen zu bezeigen, falls die Verbündeten auf einer Klarlegung der italienischen Ziele bestünden. Das alles wird heute zu den Akten gelegt. Die Stimme der Vernunft bleibt erstickt unter dem Brüllen der Hurraschreier, die keinen Pessimismus dulden und jeden, der nicht mit ihnen gehen wollte, prügeln wollen. Der sozia­listische ..Avanti" ist auf der Straße verbrannt worden unter feierlichen Kundgebungen, zu denen auch die Polizei hilft eiche Hand geboten hat. Spät abends noch werden Geist­liche aus ihrer Wohnung geholt, um in den Kirchen Sieges­feiern zu veranstalten, bei denen die Menge Gott lobt und preist, daß endlich der grausame Krieg zu Ende gehe. Die breite Maffe verwechselt die Wirkung augenblicklicher Erfolge mit dem Endergebnis des Kriegs nnd glaubt, in kurzer Zeit die Heimkehr der Soldaten erwarten zu können. Die un» siiirigsten Gerüchte werden in Stadt und Land verbreitet: so, daß die Österreicher Hals über Kops Italien räumen und Friedensangebote immer von neuem Italien machen, ohne von diesem gehört zu werden. Und nun kam gar die Mel­dung, daß Rußland sich gegen Deutschland erhebe. Die Be­richte mögen den Stempel der Unwahrheit an der Stirn tragen, sie werden willig hingeuommen.

Eine Huß-Feier in Rom!

Lugano, 8. Juli. Im Teatro Nationale in Rom fand am Sonntag eine Erinnerungsieier zu Ehren des Johann Huß statt. Den Zwecken der italienischen Kriegshetzer muß auch dieser Märtyrer dienen. Auf der Bühne hatten die Minister Dari und Baranin, mehrere Unterstaatssekretär?, der Exminister Salandro, Sena­toren und Diplomaten Platz genommen. Eine von der Front eingetroffene Abteilung tschecho-slowaki- s ch e r Freiwilliger bildete die Ehrenwache. Die Fest­rede hiüt Erminister Ruffini.

Die kennzeichnende Genugtuung der Pariser Presse.

W. T.-B. Paris. 7. Juli. (Havasmeldung.) Alle Blätter besprechen die Ermordung des Grasen v. Mirbach und sind einstimmig der Meinung, daß das Ergebnis Verwicklungen herbeizuführen geeignet ist, deren Bedeutung niemand vor- ousseben kann.Journal' sagt: Es ist der erste Ausbruch der russischen Rache gegen die deutsche Tyrannei. Petit Journal" sagt, daß dieö ein- neue Phase in den Schwierigkeiten Deutschlands im Osten ist. Humcmite" meint, es handle sich nicht um einen gewöhn­lichen Mord, sondern um einen Akt der Empörung des zur Verzweiflung getriebenen russischen Patriotis­mus.Matin" sagt: Der Mord zeigt, daß es in Rußland noch Männer gibt, die um die Würde ihres Landes besorgt und von Vaterlandsliebe erfüllt sind.Echo de Ports" glaubt, daß das Verschwinden des Grafen Mirbach ein schwerer Schlag für die deutschen Pläne bedeute. Für .Petit Puristen" ist es wahrscheinlich die patriottsche Ent­rüstung, verursacht durch den nahenden deutschen Einfall, die die Ermordung des Grafen Mirbach veranlaßt hat.

wiener Stimmen.

W. T.-B. Wien. 7. Juli. Die gesamte Wiener Press« drückt ihre Erwpörung über den Moskauer Gesandtenmord aus. DaS Fremd eubl att" schreibt: Es liegt im höchsten Interesse der russischen Regierung, alles aufzubieren, damit die Moskauer Tal entsprechend gcabndet wird. Die Tatsache läßt sich nicht ableugnen, daß von seiten der ehemaligen Bundesgenossen Ruß­lands eine maßlose Hetze betrieben wird, um die Sowjets zn bestrafen, weil sic Frieden xestblossen und die JMeressen der eigenen Landes höher gestellt haben als Englands und Frankreichs Interessen, sowie daß nach glaubwürdigen Mitteilungen die russische Regierung sich gerade jetzt mit dem Gedanken trug, die Hilfe Deutschlands gegen die Einmischuugsgelüste der Emente m Anspruch zu nehmen. Dennach will dasF r e m d e u 61 a 11* mit seinem Urteil über de» Aussrngspwrkt der Mordtat znrückhalten,