Verlag Langgasse 21
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Dienstag, 9.3u(i 1918.
Morgen-klusgabe.
Nr. 313, -» 66. Jahrgang.
Rußland oder England.
Es will stark beachtet sein, daß Herr v. Kühlmann in den kurzen Bemerkungen, mit denen er sich am Donnerstag an den Reichstagsverhandlungen beteiligte, noch Zeit und Gelegenheit fand, seine Auffassung von der Schuld am Weltkriege erneut zu bekräftigen. Der Statssekretär des Auswärtigen Amts erwiderte dem Unabhängigen Sozialisten Cohn, der sich ebenfalls über die Schuld am Weltkriege geäußert hatte, er halte diese Frage für'eine historische, auch seine Überzeugung beruhe auf historischen Grundlagen, und gerade Mitteilungen von russischen Parteifreunden des Herrn Cohn hätten wesentlich zu dieser seiner Überzeugung beigstragen. Herr v. Kühlmann beharrt also auf dem am Montag vorvoriger Woche eingenommenen Standpunkt, auf den sich Graf Hertling, wie man dann am Dienstag erfuhr, keineswegs stellen wollte. Indem Herr v. Kühlmann nun aber diese Schuldfrage als eine „historische" betrachtet wissen wollte, luchte er ihr immerhin die auf unmittelbare praktische Folgerungen gerichtete Spitze abzubrechen, die sie in der vielberufe- nen Rede vom 24. Juni gehabt hatte. Mit anderen Worten: Damals mußte geschlossen werden, daß unsere Kriegszielpolitik auf Verständigung mit England, also ans die sogenannte westliche Orientierung, eingestellt werden sollte, jetzt scheint Herr v. Kühlmann hiervon abzurücken, indem er die ganze Frage, wie gesagt, nur als historische betrachtet wissen möchte. Es scheint aber nur so, die Milderung liegt höchstens in der Form, und die Stellungnahme des Staatssekretärs ist grrrndsätzlich festgelegt, er betont sie sogar mit einer starken Beflissenheit, er, der Mann der westlichen Orientierung, und er will es bleiben. So zweifelswürdig die Meinung erscheint, daß Rußland und nicht England der wahre Urheber des fürchterlichen Krieges gewesen sei, so wollen wir uns doch nicht verhehlen, daß diese Meinung von den vielen ernsten und ernst zu nehmenden Personen, die ihr an- hängen, mit mancherlei Gründen gestützt wird. Auch Herr H e l f f e r i ch, dem man gewiß nicht nachsagen kann, daß er der Befürworter eines schwächlichen Friedens mit England sei, steht auf dem Standpunkt, daß die entscheidende Schuld am Krieae auf Rußland falle, und zetzt meldet sich ein neuer Zeuge für diese Auf- fasstmg in der Person von Professor HansDelbrück, der (in den „Preußischen Jahrbüchern") auseinandersetzt, der eigentiche Anstifter lei nicht in England, sondern in Rußland zu suchen. Vielmehr, Delbrück hat das schon früher in seiner kleinen Schrift „Englands Schuld am Kriege" nachzuweisen gesucht, wiederholt es jetzt aber, da ihm Kühlmanns Rede den Anlaß dazu bietet. Er erklärt es für besonders wichtig, daß endlich von amtlicher Stelle über den Ursprung des Krieges die volle, „von der historischen Forschung ja längst berausgearbeitete Wahrheit" anerkannt worden ist. Delbrück hält es auch für durchaus unrichtig, was nachher der Reichskanzler und andere Redner sagten, daß man die Schuldfrage gettost der Geschichte überlassen könne, daß dies Thema nach dem Friedensschluß Arbeit für Privatdozenten geben werde. Nein, es müsse, um einmal zu Friedensverhandlungen zu gelangen, eine gewisse Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens geschaffen werden, wie dies ja auch Kühlmann selber ausgesprochen habe. Ein solches Verttauen aber könne sich unmöglich einstellen, solange man in Deutschland glaube, daß England diesen Krieg von langer Hand mit Bewußtsein vorbereitet und entzündet habe und solange man in England diese falsche Beschuldigung als einen Beweis unseres bösen Willens empfinde. „Ganz wie wir von den Engländern verlangen, daß sie anerkennen, daß wir weder den Krieg gewollt haben noch die Weltherrschaft ersttebten, so müssen auch wir uns entschließen. mit den Anklagen gegen England die Grenzen der Wahrheit rmd der Gerechtigkeit nicht zu überschreiten." Alles ganz gut. Aber was kann es uns nützen, so mit den Engländern zu sprechen, wie es Herr von Küblmann schon begonnen bat und Professor HanS Delbrück fortfetzen will? Wir haben die Antwort auf zwanzig gestellte Fragen, in denen unser Entgegenkommen deutlich genug steckte, so oft schon gehört, und jedesmal war sie ein so scharfts Nein, daß die Neigung »ur Wiederholung dieses ergebnislosen Frage- und Antwortespiels nicht gerade wachsen kann. Derselben Ansicht ist auch Delbrück schließlich selbst: auch er glaubt nicht, daß aus dem Weae einer allgemeinen Erklärung der Friedensbereitschaft und der Einladung zu vertraulichen Aussprachen weiterzukommen sei.. Denn die Staatsmänner, die beute noch an der Spitze der englischen und der französischen Regierung stehen, wollten tatsächlich den Frieden gar nicht, 'et es, weil sie bei einemVerständignngsfrieden für ihren eigenen Kops zu fürchten haben, sei es, weil sie von der Hoffnung auf vollen Sieg mit ameriftanisHer Hilfe noch nicht
lassen wollen. Die Gegner des Herrn v. Kühlmann hätten also recht, wenn sie sagen, daß seine Act der Annäherung den Eindruck der Schwäche gemacht habe. „Die diplomatische Offensive müsse nicht darauf ausgehen. mit der englischen Kriegspactei sich zu vertragen, sondern sie unmöglich zu machen, und zu diesem Zwecke müsse man dev anständigen Elementen in den feindlichen Völkern Waffen in die Hand geben, d. h. sich über Belgien so deutlich aussprechen, daß nicht bloß die Diplomaten, sondern, daß auch der Mann ans dev' Straße versteht, was wir wollen. Daran habe es bisher gefehlt, daran habe es auch Herr v. Kühlmann fehlen lassen. Belgien ist einmal das Zenttalproblem des zukünftigen Friedens. Die Großmachtstellung nicht bloß von Frankreich, sondern auch von England hängt daran, daß Belgien wieder unabhängig wird. Indem Herr v. Kühlmann zwar englandtteundttch gesprochen, doch aber in seinen Erklärungen über Belgien nicht das letzte und unzweideuttge Wort gesagt hat, hat er sich zwischen zwei Stühle gesetzt: er hat den äußersten Zorn unserer alldeutschen Gewaltpolittker erregt, ohne doch für den Frieden etwas zu erreichen." Sa Delbrück. Wir fübren ftine Bemerkungen hier an. um vollends deutlich zu machen, welche Konseguenzen in Kühlmanns Ailsfassung stecken, und daß es sich hier um ein „Zenttalproblem" auch für uns handelt.
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Belagerungszustand in Moskau.
Die bolschewikische Negierung Herr der Lage?
W.T-B. Moskau, 8. Juli, nachts. (Drahtbericht.) In Moskau ist der Beigerungszustand erklärt worden. Die gestern nacht von linken Sozialrevolutionären besetzte Telephon- und T el e gr ap h en statio n ist von den Bolschewiki einige Stunden später zurückerobert worden. Die in ihren Quartieren mit Artillerie beschosienrn linken Sozialrevolutro- näre haben im Laufe des gestrigen Tages Parlamentäre geschickt. Die Bolschewiki haben die 5 e- dingnngslose Unterwerfung gefordert. Tie Sozialrevolutionäre sollen sich mit der Aufforderung zum Streik an die Eisenbahner gewandt haben, haben aber anscheinend eine Absage erhalten.
In Petersburg und anderen Städten Ruhe.
W. T.-B. Moskau, 8. Juli. (Drahtbericht.) Die Gerüchte, daß in Petersburg. Iaroslaw und anderen Städten der Aufstand los gebrochen fei, werden von der Regicrnng als unbegründet bezeichnet.
vie Mörder des Grafen Mirbach.
W. T.-B. Moskau, 8 Juli. (Drahtbericht.) Die Linksrevolutionare haben gestern nacht ein Bulletin herausgeaeben, worin sie mitteilen, daß Gras Mirbach von der Terroristsektion der linken So z i c>. I- revolutionäre getötet worden sei. Nach einer Mitteilung der Regierung haben die bisher oerhasteten Führer der linken Sozialrevolutionäre, unter denen sich Spiridonowa beftndet, eingestanden, daß das Attentat mit Wissen der Parteileitung ausgeführt worden ist, um den Bruch des B r e st e r Friedens zu erzwingen. Soweit bisher- festzustellen ist. hat das Attentat und die seitens der Gegenrevolu- tionare ansgcgeben Parole „Krieg gegen Deutschland" diesen viele Anhänger und Helfer abwendig gemacht. Daher besteht begründete Aussicht, daß die Bolschewiki in Moskau der Lage Herr werden.
Das Verbrechen schon lange vorbereitet.
W. T.-B. Moskau, 8. Juli. (Drahtbericht.) Die über den Gesandtenmord eingestellte Untettuchung hat weiter ergeben, daß das Verbrechen offenbar von langer Hand vorbereitet war. Der ungarische Graf Robert Mirbach wurde nämlich vor ungefähr vier Wochen als Bewohner eines Hotels, in dem eine schwedische Artistin, angeblich ini Zusammenhang mit der Gegenrevolution Selbstmord verübte, verhaftet. Er war wie die übrigen verhafteten Bewohner des Hotels völlig unschuldig, blieb indes verhaftet, während die anderen Verhafteten ftcigclassen wurden. Die ganze Angelegenheit ist höchstwahrscheinlich von Mitgliedern der Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution künstlich geschaffen worden, um einen Vorwand zu haben, zu dem Gesandten persönlich vorzu- dringen. - >
3ur Frage des Nachfolgers.
- Br. Berlin, 8. Juli. (Eig. Drahtberrcht. zb.) Die „Germania" will erfahren, haben, daß zum Nachfolger des Grafen. Mirbgch der deutsche Gesandte in Christiania, Admiral v. H i n tz e, in Aussicht genommen ist. Das Blatt meint, für seine Eignung zun.i Vertreter des Deutschen Reichs in Rußland spreche, daß er von 1903 bis 1911 Marineattach^ und Militärb-wollmächtig- tcc in Petersburg war und daß er die russische Sprache
beherrscht. Über seine Ernennung soll heut-: im Großen Hauptquartier entschieden werden, wohin sich Herr von Kühlmann am Samstag begeben hat.
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Die falsche Nachricht von der Ermordung des Exzaren.
W. T.-B. Moskau, 8. Juli. (Drahtbericht. Petersburger Telegcaphen-Agentur.) Der Vizepräsident des Vollzugsausschusses der Sowjets in Jekaterinenburg hat dem Rat der Volkskommissare telegraphisch mitgetcilt, daß die Nachricht von der Ermordung des ehemaligen Zaren eine der üblichen provokatorischen Lügen ist.
Unabhänaigfteitsbestrebungen der weitz-Ruthenen.
W. T.-B. Kowno, 8. Juli. (Drabtbericht.) Wie die „Baltisch-Litauischen Mitteilungen" erfah-en, wandte sich eine weiß-ruthenische Abordnung an Rakowski, den Vorsitzenden der russischen Friedensdelegation in Kiew, mit einer Denkschrift über die Unabhängigkeit Weiß-Rutheniens. Die Abordnung berief iich auf Sie Anerkennung der Unabhängigkeit durch die Mittelmächte. Rakowski nahm die Denkschrift nicht, an.
Die Drohung mit dem Knschlutz an Deutschland.
Berlin, 8. Juli. Laut „B. L.-A." wird der „Wiener Neuen Freien Presse" aus Moskau gemeldet, daß die Sowjetregierung gegen das Erscheinen japanischer Truppen der Tscksik eine außerordentliche Sitzung abgehalten habe. Falls die Japaner und Engländer eine Besetzung russischen Gebiets beabsichtigten, würde die Sowjettegierung sich sofort an Deutschland anschließen.
3ur Lage im Murmangebiet.
W. T.-B. Moskau, 8. Juli. (Drahtbericht.) Die hiesig« Presse meldet: Am 16. Juni ist in Kom ein Panzerzug mit englischen, französischen und serbischen Truppen unter Führung russischer Offiziere eingetroffen. um die Stadt gegen die anrückenden Finnländer zu verteidigen.
Die Angestellten der Murmanbahn haben in einer am 28. Juni in Kom abgehultenen Versammlung sich für ihre bolschewistischen Vertreter ausgesprochen und die Mitglieder der Sozialrevolutionäre und der Menschiwiki- Partei aus dem Eisendahnersowjet ausgeschlossen. Der Kongreß aller Militär- und Seeabteilunyen des Abschnitts Weitzes-Meer-Murman hat dir Einberufung eines allrussischen Kongresses de- Sselente beschlösse;,, um die Aufgabe der F l o t t e in der jetzigen Lage zu klären.
Die im Abschnitt Sysean gelegenen Stationen Naleika und Nowo-Paßkoje sind von den Räte truppen eingenommen wurden. Auf der Linie nach Shadrinök zeigen sich Kosakenpatcourllcn. Im Abschnitt Omsk entwickeln sich Kämpfe zugunsten der Rätetruppen. Auch im Dcngebiet wird mit beit Kosaken heftig gekämpft.
Das Mngen am Monte Pertlea.
Der italienische Angriff in Albanien.
W. T.-B'. Wien, 8. Juli. lDrahtbericht.) Amtlich verlautet vom 8. Juli, mittags: Das Ringen um die Casson- st e l l u n g e n östlich des Monte Pertica dauerte bis in die Rachmittcgsstundcn an. Siebenmal hatte sich das tapfere Otacaner Regiment Rc. 79 im Gegenstoß auf den Feind geworfen, ehe dessen Angriffskraft völlig gebrochen war und er endgültig iri seine Gräben zurückflnten mußte. Der Regi- mentskommandant der Otacaner, Oberstleutnant Karl C oll er. ist an der Spitze seiner Braven den Heldentod! gestorben.
Sonst im Südwesten keine größeren Kampfhandlungen,
In Albanien ging gestern der Italiener an der mittleren „nd untere» B o i u s a mit starkem W e st f l ü g e l zum Angriff über. Wir nahmen die im Flußtal vorgeschobenen Postierungen gegen die Hauptstellnng zurück.
Der Chef des Generalstabs.
Oer deutsche slbendberlcht.
W. T.-B. Berlin, 8. Juli, abends. (Amtlich. Drahtbericht.) Englische Teilangriffe beiderseits des La Bassee-KanalS find unter schweren Verlusten ge- scheitert.
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Eine Aussorderung der Liga der Menschenrechte an Wilson.
W. T.-B. Bern. 8. Juli. (Drahtbericht.) Laut „Pahs" fordert die Liga der Menschenrechte den Präsidenten Wilson ans, darauf hin- znwirken, daß die Entcnteregierungen ihre Kriegs, ziele veröffentliche» lind die Erklärung abgeben, daß sie nicht beabsichtigen, ihren Frieden dem besiegten Gegner aufzuzwingen, sondern daß sie den Frieden aus sich selber heraus organisieren wollen zum Besten der Menschheit.
Oie deutsch-dänischenrvirtjchaftsverhandlungen
W. T.-B Kopenhagen, 8. Juli. (Drahtbericht. Ritzau.) Der deutsche, aur 16 Peisoneu bestehende Ausschuß, der die Der- bandlungen über den deutsch-dänischen Handelsverkehr sühre» soll, ist gestern von Berlin eingetrossen.
