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Berliner Abteilung deS Wiesbadener Tagblatts: Berlin W. 57, Au der Apostelkirche 7,1. Sernsprecherr Amt Lützow 6302 und 6203:
Montag, 8. Juli 1918.
klbend-Kusgabe.
Nr. 312. . 66. Jahrgang.
Der Gesandtenmord nnd die Entrnteumtriebe.
Die Ermordung des deutschen Gesandten in Moskau paßt allzusehr in die verbrecherische Taktik der Entente, als daß ernstliche Zweifel darüber bestehen könnten, wo die Hauptschuldigen, wo die Anstifter zu diesem fluchwürdigen Meuchelmord zu suästw sind. Man wird der 'S o w j e t r e g i e r n n g, mag man auch über sie sonst denken, wie inan will, ohne lveiteres glauben dürfen, daß die von ihr ansgedrückte Empörung über das an dem Grafen Mirbach verübte Verbrechen auf. richtig ist; denn es ist unschwer zu erkennen, daß diese Tat in e r st e r Reihe darauf berechnet war, der gegen- wärtigen russischen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, euren Konflikt zwischen ihr und Deutschland ins SScrl zu sehen. Daß die Entente unter Führung Englands dabei zu so blutigen Mitteln greift, kann füglich nicht wnndernehmen. Den Baralong -Mördern muß zum Schluß alles zugetraut werden, und wenn die Entente KoPf- Prämien für Attentate auf die'führenden Männer Deutschlands ausgesetzt hat, weshalb sollte da nicht auch etwas für unsere Vertreter im Ausland abfallen? Hat doS die bolschewistische Regierung unlängst festgestellt, daß England für die g e g e n r e v> olutionäre Partei in Rußland bereits 40 Millionen Rubel Unterstützungen aufgewendet bat. Mörder sind aber heute in Rußland angesichts des Fanatismus, der dort durch Revoluiion und Gegenrevolution großgezogen worden ist, billig zu haben.
Daß übrigens gerade Graf Mirbach der Entente ein D o r n i m A u g e war, wußte man längst. War sein Leben doch schon, als er noch Gesandter in Athen war, durch ihre Umtriebe ernstffch gefährdet. Nicht niin- der stand er als Vertreter Deutschlands ihren Umtrieben in Rußland im Wege. Und als jetzt das a m t l i ch e Blatt der Sowjetregierung, die „J-Zwestija", in ihre an die Entente gerichteten W a r n n n g s n o t e die Drohung einflccht, daß „im fünften Kriegsjchr die ehemaligen Alliierten sich russischen Heeren zu- sammenmit denen Preußens geqenübersehen würden", mag wohl den rührigen Agenten der Entente der Gedanke gekommen sein, durch das Attentat ans den Gesandten einen Konflikt zwischen Rußland und Deutschland berbeizutühren.
Diese Gedankengänge liegen uni io näher, da ja die Untat zusammenfällt mit der offenen Unterstützung der kadettischen Gegenrevolution in Rußland und mit dem konzentrischen Vorgehen der Entente an der M u r m a n k ü st e und in Wl a d i- w o st o k. Während dort England die Führung hat, sucht man hier Japan in den Vordergrund zu schieben, und die „Times" behaupten ja, daß es jetzt gelungen lei, das Sträuben der Tokioter Regierung zu überwinden. A l e x a n d r o w, der Ausgangspunkt der Murmanbabn, und W l a d i w o st o k, der Endpunkt der Uffuri- und der Mandschurischen Bahn, sind die beiden einzigen eisfreien Häfen, über die das seiner Randstaaten entkleidete Zentralrnßland noch verfügt. Wenn es der Entente, so rechnet sie, gelingt, den Russen diese beiden Z u f u h r w e g e abzuschneiden, so seien sie ganz in die Gewalt der Alliierten gegeben, und datzn müsse die bolschewistische Regierung entweder Order parieren und gegen Deutschland Front machen oder aber sie werde mit Hilfe der Kadettenpartei und der tschechoslowakischen stberlänferarmee gestürzt. Daß es der- Entente ernst mit ihren Absichten ist. beweist die Entsendung eines neuen britischen Geschwaders nach der Murmanküste, mit der die Konzentrierung der Tschecho-Slowaken in Wladiwostok und die dort der „Times" zufolge erfolgte Landung neuer japaniicher Truvven znsammensällt.
Trotz alledem glauben wir, daß die Rechnung der Entente falsch sein wird, schon weil ihre Ziele zu verschiedenartige und zum Teil entgegengesetzte sind. Während Frankreich bei diesem Vorgehen wohl mehr an den Versuch der Schaffung einer Sicherheit für die in russischen Anleihen investierten rund 25 Milliarden Franken denkt plant England offenbar ans Alerandrowsk ein neues Zwinp-Uri nach dem Muster von Gibraltar, Aden, Saloniki, Calais usw. zu schaffen. Wenn aber Japan i die gleichen Ziele in bezug ans Wladiwostok verfolgt, io wird es hier ans den Widerstand nicht nur Englands, sondern vor allem der Nordamerikanischen Union stoßen. Und zum Schluß auch auf den Rußlands: denn, wie die Meldungen über die militärischen Maßnahmen der Sowsetrepublik zeigen, will sie sich offenbar nicht wider st ondslos von d°r Entente abschlachten lassen. Auf alle Fälle muß aber der Versuch, durch den Mord an dem deutschen Gesandten, Rußland wieder in das gegnerische Fahrwasser zn treiben, als völlig
r f »k» T t beieickme t werden, weil dis Taktik dieses
neuesten Ententestreiches allzu durchsichtig ist. Eben ■ deshalb werden auch alle, voraussichtlich bald einsetzenden Versuche, die Untat aus ihrem schwer belasteten Schuldbuch zu streichen, vergeblich kein: denn was sie im Verlaufe des Weltkrieg? unter der Führung der Lloyd George, Wilson und Genossen wider die Zivilisation und Menschlichkeit gesündigt Hat, ist mit blutigen Lettern in die Weltgeschichte cingc zeichnet. die das Weltgericht ist.
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Graf Mirbach-Harff.
Graf Mirbach-Harsf wurde am 2. Juli 187t geboren. 1896 trat er als Attache in das Auswärtige Amt ein und wurde 1899 Legationssekretär. Zunächst war er dritter Sekretär in London, dann zweiter Sekretär im Haag, kurze Zeit in Budapest und dann von .11399 bis 1906 abermals Legationssekretär in London, von 1906 bis 1908 zweiter Sekretär in Paris und von 190? bis 1911 erster Sekretär bei der Botschaft in Petersburg. Von 1911 bis kurz vor Ausbruch de? Kriegs war Graf Mirbach als Vortragender Rat im Auswärtigen Amt tätig, ging 1914 für ganz kurze Zeit nach Stuttgart und dann als unser Gesandter nach Athen, bis er die griechische Hauptstadt wegen des- Eingreifens der Entente verlassen mußte. Er leitete daraufbin die politische Abteilung im besetzten Rumänien und wurde im Dezember 1917 an die Svitze unserer ersten Mission nach Petersburg gestellt.
Vre Feststellung -er Schuld der Sozialrevolutionäre.
Kämpfe mit den Gegenrevolution«»«« in Moskau!
W.T.-It. Moskau, 7. Juli. Die linken Sozialrevolutionäre haben sich zum Mord des kaiserliche» Gesandten bekannt. Ihre im Theater eingeschlostenen Ver- trcter sind verhaftet. In der Stadt sind 5t ä m p s e der Gcgenrevolutionäre gegen die Bolschewrki an verschiedenen Stellen entbrannt, die bisher zugunsten der Bolschewiki zu verlaufen scheinen- Alle Mitglieder der Gesandtschaften und sonstige Vertreter deutscher Behörden sind unversehrt.
Oer Mord das Ferchen zu einem grotzen putsch gegen die Bolschewiki.
W T B. Moskau, 7. Juli. Es ist io gut wie sicher, daß der Mord das Zeichen zu einem Putsch gegen die Herrschaft der Bolschewiki sein sollte. An dieser gegenrevolutionären Bewegung scheint ein Teil der linken Sozialrevolutionäre zusammen mit den rechten Sozialrevolutionären, S a w i n k o w nnd seine Entente- agentcn beteiligt zu sein. Sawinkow ist Leiter der E n t e n t e b e st r e b n n g e n in Moskau und bat Verbindungen mit den Tschecho-Slowaken und den Menschewiki. Er war früher Kriegsminister unter Kerenski. Tie ungefähr vor vier Wochen in Moskau eifolgte Verhaftung einer erbeblichen Anzahl seiner Anhänger und Agenten bat offenbar seine Organisation noch nicht genügend geschwächt. Da Mitglieder der Linksrevolutionäre auch der Kommission zur Bekämpfung der Geaeinevolution angehören, dürften zwei von diestm als die Mörder in Frage kommen. Die hauptsächliche Verantwortung für die schändliche Tat trägt aber Sawinkow, der sich zurzeit versteckt hält, und seine Geldgeber.
Die kaiserliche Regierung hat ihrer E r- wartung einer nachdrücklichen Verfolgung und Bestrafung der Verbrecher und ihrer Hintermänner der Sowsetregierung auf das b e st i m m t e st e zum Ausdruck gebracht.
Einzelheiten über die Mordtat.
W. T.-B. Moskau, 7. Juli, über die Ermordung des Grafen Mirbreb erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Um sicher in die Gesandtschaft zu gelangen, ließen sich die beiden Mörder auf Grund eines Ausweises, den sie sich zu verschaffen gewußt hatten, als Beauftragte der Konmission znm Kampf gegen die Gegenrevolntio- näre weisen und brachten den Prozeß eines ungarischen Offiziers, Grafen Robert Mirbach, zur Sprache. Es ist dies ein dem ermordeten Gesandten persönlich unbekanntes Mitglied eines enffernten ungarischen Zweiges der Familie. Sie hatten sogar die Akten des Prozesses bei sich. Erst nach einiger Zeit zogen beide die Revolver und schossen ans den Grafen wie auf den Leaationsrat Riezler und den Leutnant Müller. Sofort nach Abgabe der Schösse sprangen sie aus dcm Fenster des zu ebener Erde liegenden Zimniers und warfen im Sprung noch Handgranaten nachdem bereits verwundeten Gesandten. Andere Mitglieder der Gesandtschaft wurden nicht verletzt. Die Verbrecher entkamen in einem bereitstehenden Auto in o o i f, auf welches die überraschte Wache vergeblich feuerte.
Nachdem Tschitscherin und Karachan gleich aut die Nachsicht will der» Mord aut bet :Äsiandchiebatt
ihr tiefstes Bedauern über daS Verbrecher!, das sich nicht so sehr gegen Deuffchland wie gegen die Bolschewiki richtete, ausgesprochen hatten, sprachen zwei Stunden später Lenin nnd S w e r d l o w, der Präsident des Zentralrevolntionskomitees vor. Sic gaben die gleiche Erklärung ab und versicherten, daß für die B e st r a f u n g der Verbrecher alles nur M e n- s ch e n m ö g l i ch e getan werden würde. Es ist seither sestgestellt worden, daß die Mörder sich in das Quartier einer Gruppe der linken Sozialrevolutionäre geflüchtet haben. Das Hans ist von Truppen umstellt worden. Die Führer der linken Sozialrevolutionäre, K a m k o w, K a r l i n und S p i r i d o n o w a. haben sich bisher im Großen Theater, wo alle Mitglieder des Sowjetkongresses versammelt waren, nicht eingefunden.
. rierenski über Graf Mirbachs Einfluß.
Berlin, 8 Juli. Wie dem ,B. L.-A." aus Genf berichtet wird, . teilte Kerenski, bevor die Ermordung des Grafen Mirbach bekannt wurde, dem „Petit Parisien" mit, was er über Mirbachs umfassende Tätigkeit in Rußland erfahren labe. Der persönliche Einfluß des deutschen Botschafters sei in jüngster Zeit schrankenlos gewesen. Er plane durchgreifende Reformen auf allen Gebieten. Die Entente habe das höchste Interesse Saran, ihm rasch entgegenzuwirken. Hierüber wolle Kerenski der französischen Regierung Genaueres bekannt geben.
^ Wie dem „B. T." aus Lugano berichtet wird, wird Kerenski in dieser Woche in Rom erwartet.
Der „Börsenkurier" sagt: Wenn man heute sich vergegenwärtigt, was Kerenski in London auf dem Arbeiterkongreß sagte, so mutet es wie eine PropW^eiung an. Es scheint, daß Kerenskis Schutzherren genau gewußt haben, was bevor st a n d. _•
Dis Kdiniralstabsmelduny.
W. T.-B. Berlin, 7. Juli. (Amtlich.) Unsere Untersee- bvcte haben im Mittelmeer 4 Dampfer und 3 Segler von rund 16 000 Bruttoregistertonnen
versenkt.
Der Ehef de§ Admiralstabs der Marine.
Ein großer amerikanischer Truppentransportdampfer versenkt.
W. T.-B. Washington, 7. Juli. (Reuter-Meldung.) Das Marinedepartement teilt mit, daß der Transport- dampfer „Eovengton" (früher „E r n c i n n a t i" der Hapagirnie, 16 339 Br.-R-T.) am Montagnacht auf der Heimreise im Sperrgebiet versenkt worden ist. 6 Mann der Besatzung werden vermißt. Passagier» waren nicht an Bord. Der Dampfer hielt sich noch bis Dienstag über Wasser. Es wurde kein U-Boot gesehen.
*
Erfolgreicher Fliegerangriff auf englische U-Voote.
W. T.-B. Berlin, 8. Juli. (Amtlick,. Drahtbericht.)^ Am 6. Juli, nachmittigs, haben zwei Staffeln der See- f l t e a e r des Marinekorps unter Führung von Oberleutnant der Reserve Ehristiansen und Leutnant d. R. Becht vor de: Tbemsemündung die englischen U-Boote C 25 und E 51 durch Bombentreffer und Maschtnengewehcfeuer schwer beschädigt. Feindliche Zerstörer versuchten, die beiden U-Boote einzuscblevpen. C 25 wurde zunächst in sinkendem Zustand beobachtet.
Der Chef des Admiralftabs der Marine.
Der Tagesbericht vom 8. Iuli.
W. T.-B. Grosses Hauptquartier, 8. Juli. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruvpe Kronvrinz Rupprechl.
Die Artillerietätigkeit lebte am Abend auf. Sie nahm wahrend der Rächt beiderseits der Lhs und La Bossc'e-Kanal und zu bciben Seiten der Somme zeitweilig grosse Stärke an. Rege Erkundmiqsgefcckite. Starke Borst ö ss e des Feindes bei Merris und südlich der LhS scheiterten.
Heeresgruppe Deutscher Kronprinz
Westlich von Chateau- Thierrp hielt lebhafter Feuerkampf an. Dorstösse ves Feindes gegen den Clignoa- Abschnitt und südwestlich von Reims wurden abgewiesen.
Leutnant Billik errang seinen 28. Luftsteg.
Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorss.
ver Tagesbericht vom 7.
W. T.-B. GratzeS Hauptquartier, 7. Juli. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
An den Kampsfrcmteu zwischen Äser und Marne auflebende Gefechtrtätigkeir.
Westlich von Ebatcau-Thicrry griffen Franzosen und Amerikaner trotz ihrer wiederholten Mißerfolge erneut unter Etze- satz stärkerer Kräfte an. Die Angriffe sind gescheitert. Harte Nahkämpfe dauerten bis in die Nacht hinein an. Die Verluste des Feindes sind „ach Lruppemnelduugeu wiederum &&&£**
