Verlag Langgasse 21
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Mittwoch, 3. Iuli 1918.
Berliner Abteilung des WieSbndener Tagblatts: Berlin V. 57. An der ApsstrMrche 7,1. Fernsprecher: Amt Lützow 6202 und 6203.
Nr. 303. ♦
Morgen-Nusgabe.
66. Jahrgang.
(Ein neuer ©jtirieg?
Wenn nur dis Hälfte der von der Entente- presse unter Führung des Re u t e r - Bu t e a u § ver^ breiteten Nachrichten wahr wäre, dann müßte man sich in Deutschland darauf gefaßt machen, daß sich zu der Wcstiront wieder die Ostfront geselle, aber diese neue Auslage des Ostkrieges wird bisher nur aus dem Papierkriegsschauplatz gefiihrt, und eine „Dislo-atron dürfte nicht so bald in Aussicht stehen. Nicht als ob wir an dem guten Willen der Entente zwerfelten, den russischen Exbundesgenossen wieder gegen uns zu mobilisieren. Vielmehr lassen alle Meldungen erkennen, daß die Agenten der Alliierten sowohl in Rußland selbst als auch diejenigen, die wie Herr Kerenski zurzeit für das Geschäft reisen, mit allen Kräften und Mitteln tätig sind, um die ranrponierte russische Dampfwalze wieder in der Richtung nach Westen in Bewegung zu bringen.
Tie Kadettenpartei hat auf einer in Moskau abge- haltenen Tagung mit bemerkenswerter Offenheit ihr Programm enthüllt, das- in der Ausrechterhaltung des Entenlibündnisses und 4>er Befürwortung eines bewaffneten Einschreitens der Entente besteht. Weiter heißt es, daß vertrauliche Mitteilungen über „dre er- folgreiche Tätigkeit Kerenskis" gemacht wurden, der zurzeit in London für eine militärische Intervention der Alliierten Närbt. Der Gipfel der Komi! ist es, wenn Kerenski dabei verlangt, daß diese Intervention militärisch sein und sich nicht in di? innere russische Politik mischen müsse. Als cb es nicht Einmischung in die innere Politik 'wäre wenn fremde Mächte rns Land gerufen werden, um die derzeitige Regierung zu stürzen! Nun wäre es ja den Alliierten an sich sehr gleichgültig, wer in Rußland regiert, wenn es sich nicht für sie darum handelte, uns im Osten neue Unbequemlichkeiten zu bereiten. Ob sie sich freilich wirklich einreden, den zer- trümmerten rrrssischen Koloß noch einmal auf den Kriegspfad bringen zu können, das will uns doch als sehr fraglich erscheinen. Aber sie probieren es halt, glauben vielleicht auch die Kriegsmüden im eigenen Lande mit dieser neuen Aussicht auf Hilfe wieder ermuntern zu können.
Welches die Absichten der Entente sind, geht deutlich aus der von Kerenski organisierten, von der Entente finanzierten und von einem' französischen Obersten namens Safratier kommandierten tschechisch-slowakischen Gegenrevolution hervor, deren nächstes Ziel der Sturz der freilich nicht auf allzu sicheren Füßen stehenden bolschewistischen Regierung ist. Wenn dies mit Hilfe der Alliierten gelungen wäre, dann soll das neue Rußland, ganz gleich, ob cs nun ein republikanisches oder monarchisches oder despotisches Rußland sein würde, wieder das Kriegsbeil gegen dieMittelmächte ausgraben. Aber die Sache hapert schon beim Beqinn. Zunächst ist die aus Landesverrätern und Überläufern bestehende tschechisch-slcwokische Armee die ans etwa 100 000 Mann geschätzt wird, jetzt auf entschiedenen Widerstand gestoßen, und die russische Regierung macht sichtlich starke Anstrengungen. um mit dieseni Gegner im eigenen Lande fertig zu werden. Aber auch mit der von der Ententevresie immer stürmischer geforderten Intervention der Alliierten hapert es, weil man sich offenbar über Ziel und Preis nicht zu einigen vermag. Kerenski hat nicht ohne Grund erklärt, daß die Alliierten gemeinsam Vorgehen müßten, da er offenbar glaubt, daß die gegenseitige Eifersucht Rußland vor einer Zerpflückung bewahren könnte. Japan hat aber aus dem gleichen Grunde die Intervention abgelehnt, weil es zwar gern Geschäfte macht, aber nur für eigene, nicht für fremde Rechnung. An dieser Weigerung ist das Vorgehen der Entente bisher gescheitert.
Wenn es aber doch noch zur Intervention kommen sollte, würde dann deren Endziel erreicht werden? Wäre es denkbar, daß, wie der Plan ist, Japaner und Amerikaner über die sibirische Eisenbahn auf den europäischen Kriegsschauplatz geschafft werden könnten, um dort am Ende gemeinsam mit dem wieder organisierten russischen Heere gegen uns aufzumarschieren? Die sibirische Bahn, die von Wladiwostok bis Moskau über eine Strecke von 12 000Kilometer geht bcsindcst sich heute in einem so trostlosen Zustand, daß sie für die Beförderung größerer Truppenmengen gar nicht mehr in Frage käme, ganz abgesehen davon, daß diele angesichts der Desorganisation in Rußland unterwegs dem Hungertods ausgsfetzt wären. Was aber Rußland selbst betrifft, so liegen die Dinge so, daß die bolschewistische Regierung noch keineswegs gestürzt ist und daß auch jede andere Regierung mit Rücksicht auf die allgemeine Verwirrung und Zerrüttung im Lande, das Fehlen aller Hilfsmittel, die Erschöpfung aller Vorräte und vor allem mit Rücksicht auf die allgemeine Kriegsmüdigkeit und das tiesinnerliche Friedensbedünfnis der cnisgevolwerten Bevölkerung ganz außerstande wäre, den Muschki, der heilfroh war. die ^Knarre" wegwersen m iSmtea. wie
der an die Front zu schaffen. Es ist kein Zweifel, daß, falls es den Umtrieben der im Solde der Entente stehenden Kadettenpartei aelange, das zweifellos sehr wackelig gewordene Bolschewistenregime zu stürzen, dre nächste Regierung, wenn sie das Land wirklich in ein neues Kriegsabenteuer treiben wollte, noch weit schneller den gleichen Weg gehen würde. Und so dürfte der neue Ostkrieg ein frommer Wunsch der Entente, ein schöner Traum ihrer Völker, die so.gern betrogen werden wollen, und ein beliebter Leitartikelstoff ihrer Presse bleiben. ^
Dos Interesse Englands an der Murmankvste.
w. T.-B. London, 2. Juli. (Drahtbericht.) Im Unter. Haus fragte der Abgeordnete King (lib.) den Staatssekretär des Auswärtigen, ob ibm folgende Tatsachen bekannt seien: Die russische Sowjetregierung habe die
Unabhängigkeit Finnlands anerkannt. Diese Unabhängigkeit wurde der sinwländischen Sowjetregierung gewährt, die durch die sinnländischsu Bürgerlichen mit deutscher Hilfe leseitigt war. Die russische Sowjetregierung lehnte es ab, die Unabhängigkeit Finnlands zu ratifizieren und legte bei der deutschen Regierung Protest dagegen ein, daß deutsche Untcr seeboote di- Murmanküste« benutzten und daß die Untersceborie mit finnlä ndischer Unterstützung arbeiteten. King fragte an, ob England oder die Verbündeten der russischen Sowjetregierung maritime und militärische Unterstützung angeooten habe oder anbreten werde, um die Häfen der Marmankiiste Rußland gegen Finnland und den deutschen Einfluß zu erhalten. Lord Robert C e c i l antwortete: Die angeführten Tatsachen seien im wesentlichen richtig. Fall? die Sowjetreaiecung eine Aufforderung zum maritimen oder militärischen Beistand ergehen ließe, um russische Gebiete gegen Deutschland zu verteidigen, werde sie sympathisch- Erwägung finden, aber er sei zurzeit nicht in der Lage, weitere Erklärungen abzugeben.
Die veul'chen als Retter der Bolschewisten?
Br. Berlin, 2. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Dem ukrairrischen Pressebureau wird aus Kiew gemeldet- „Dzien- neik Kijowski" meldet: Infolge geplanter Operationen der Entente in Sibirien, Murman und Archangel wird in bolschewistischen Kreisen erklärt, daß die bolschewistische Regierung nichts dagegen habe, wenn die Deutschen zur Hilf« kämen und die früheren Ver- kündeten zurückschlügen. Dies erinnert an die frühere Stimmung in Petersburg, als man auf die Deutschen als Retter von der herrschenden Anarchie hoffte. Der Unterschied ist nur, daß jetzt sogar in bolschewistischen Kreisen der Ruf nach den Deutschen laut werden soll. Die „Neue Rada" schreibt- Die Verschleppung der ukrainisch-russischen Friedensverhand- lungen gefährdet die Lage der Ukraine, so daß die Entente- machte Zeit gewannen, ihre Tätigkeit an der Murmanküst« und in Sibirien zu entsalten.
granzäslsche Slbschüttelung Rerenrkls.
Sr. Genf, 2. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Den Be- strekmngen Kerenskis, irgend einen amtlichen Auftrag und entsprechende Geldmittel von der Entente zu erlangen, treten „(Äho de Paris" und andere Pariser Blätter entgegen. „Echo de Paris" schreibt: Diesen eitlen und überdies gef ähr- lichen Schwäher als Staatsmann zu behandeln, wäre ein gefährlicher Irrtum Clemenceaus.
Rus der Ukraine.
W. T.-B Berlin, 1. Juli. Die „Neue Rada" meldet: Der ehemalige Minisier des Auswärtigen Schulgin wurde zum Gesandten in Bulgarien ernannt. — Das Blatt „Wiedergeburt" meldet: Der ukrainische Gesandte für Berlin Baron St ein heil sowie der Gesandte fiir Wien Lißsiiski sind am 30. Juni nach ihrem Bestimmungsort abgereist. — Auf ein Übereinkommen mit der österreichisch-ungarischen Regie- rvr^g ist der Postverkehr zwischen Österreich und der Ukraine wieder ausgenommen worden. Die Adressen müssen ukrainisch oder mit lateinischen Buchstaben geschrieben sein. — Di« Odeffaer Dampferyesellschasten führen Unterhandlungen mit dem österreichischen Kommando zur Wiederherstellung der Reiseverbindung Odessa-Konstantinopel.
Russl'ches Staatsmonopol für Naphtha.
w. T.-B. Amsterdam. 2. Juki. (Docchtbericht.) Das Reuterfche Bureau meldet aus Moskau: Die Volkskommissare faßten den Beschluß zur Nationalisation der Naphtha- Industrie. Produktion und Verkauf von Naphtha werden Staatsmonopole.
Mitglieder der Zarenfamilie in England.
Kopenhagen, 1. Juli. Wie berichtet wird, sind Mitglieder der Zarrnfomilie in Engl-rnd angekommen. Sie befanden sich an Bord eines englischen Schiffes. >
Dsterreichisch-rmgarischer Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 2. Juli. (Drahtbericht.) Amtlich verlautet vom 2. Juli, mittags: Die Artillerietätigkeit ist an der ganzen italienischen Front sehr rege. Sie steigerte sich heut- früh zwischen Brenta und Piave und cm der unteren Piave zu namhafter Stärke. Größere Jn- ftmieriffoaarffrttBttogm sind Astern tagsüber unterbliebeu.
Der Ctzej feg
Ein Handelsvertrag mit Finnland.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
B. A. Berlin, 2. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Wie wir hören, ist ein Handelsvertrag mit der finnischen Republik am 2 3. Juni abgeschlossen worden. Es wird darin ein Warenaustausch zunächst für 6 Monate vereinbarst. doch rechnet man bestimmt daraus, daß sodann eine automatische Verlängerung eintritt. Die Waren die Finnland uns liefern wird, Verden in der Hauptsache Butter, O l e, Fette, Hclz, Papier. Kupfer und-K u p f e r k r e s sein. Dazu kommen kleine Mengen Kautschuk dir aus ten Lieferungen der Entente an Rußland noch in Finnland lagern. Lebensmittel kommen außer Butter für dir Einfuhr nach Deutschland nicht in Betracht, da in Finnland einige Knappheit herrscht. Deutschland wird im Austausch hiergcoen vor allem Maschinen, Eisenwaren, Steinsalz, Ehemikolien und Kohlen liefern. Zum Teil sind diese Waren in der Weise kontingentiert, daß sie in gleichen Mengen von beiden Staaten aneinander abgegeben werden. Die Bezahlung erfolgt in der beider- ssitigen Londesmünze, nicht wie bei den Handelsverträgen mit neutralen Staaten in der Währung des besagten Landes. Selbstverständlich ist in dem Vertrag eine Bestimmung ausgenommen worden, die Finnland verpflichtet, die von Deutschland eingefuhrten Waren nicht an die Kriegführenden weiter zu sie- fern. Im allgemeinen soll der Austausch mit Finnland auf Grund des freien Handels durch, 7 -knhrt werden, doch untersteht selbstverständlich die Einfuhr konfingen- tipr+er Stoffe den deutschen Kriegsgesellschaften (Kri-gsmetall-A-G. und Z.-E.-G). Es ist zu hoffen, daß die P a p i e r e i n f n b r ans Finnland reich- sich genug stin wird, um dieNöte in denen liüDreise und Verlagswesen befinden, wenigstens zum Teil zu be- hebend Bekanntlich befindet sich in Finnland die größte Fabrik der Welt Die Dnrchfuhrerlcmbnis, die Finnland in dem Vertrag fiir Eellulose und fersiges Papier nach der Schweiz erhalten hat, soll nur dann in Kraft treten, wenn der deutsche Bedarf völlig g-deckt ist oder wenn' nicht „praktische Schwierigkeiten", wie z. B. Transportnöte und militärische Gesichtspunkte, eme Durchfuhr verbieten._
Der Rbendbericht vom 2. I«^'.
W. T.-B. Berlin, 2. Juli, abends. l« örtlich. Draht- bericht-) Bon den Kampffronten nickts Neues.
*
Der letzte Fliegerangriff o*f Paris.
Br. Genf, 2. Juli. (Gig. Drabkberickst. zb.) Paris und die umliegenden Departements erfuhren in der vergangenen Nacht die verheerenden Wickunqen einer über zwei Stunden andanernden Doppelstreife. Der erste Teil ver Mitternacht schien den deutschen Flieaertrupps vornehmlich zur Orten- tierung zu dienen. Nach einer Pause von 15 Rinnten setzten die kombinierten Bewegung-n der Gruppen ein, die unsnS- gesetzt von 12,45 Uhr bis 2,80 Ubr morgens andauerten. Di« Apparate entschwanden in der Richtung der grosse Militär- anstalten umfassenden Vororte. Jn^ den vorliegenden Depeschen fehlen Angaben über Sachschäden und Opfer.
Untergang eines englischen Lazarettschiffes.
W. T.-B. London, i. Juli. Die Admiralität teilt amtlich mit: Das Hospitalschiff „Llandevery
Ca siel" ,11423 Br.-R.-T.) ist südwesll'ch vsu Fastnst am 27. Juni um 10 Uhr abends torpediert und versenkt worden. 234 Mann der Besatzung werden vor-
^ ^(Anmerkung des W. T.°B.' Wie bei allen ähnlichen Bchauptnnaen der englischen Admiralität, dürfw es auch in tiestnn Falle nicht den Tatsachen entsprechen, daß ein denffches N-Boot an dem Schicksal d-s Schiffes schuld ist. Wie ans späteren Nachrichten h-rvorgeht, hat niemand an Bord des Dampfers ein Il-Boet oder Torpsds bemerkt. Jedenfalls wird die Ursache des Verlustes auf eine englische Mine zurückzusühren sein.)
KmerikaniiGe Enttäusch«»« über Enyland.
W. T.-B. Bern» 2. Juli. (Drahtberichi.) Der New fforker Berichterstatter der „Daily News" drahtet: Durch die Ankündigung der englischen Regierung, daß die Homerule fürJrlandsallen gelass en sei. werde die ganze hoffnungsvolle Provapanda in den Perernigten Staaten zur Beseitigung amerikanischer Missverständnisse und zur Befestigung der englisch-amerikanischen Freund- schuft, für di« derzeit u. a. 180 Briten VartoagSneGen anSge- führt haben, in Frage gestellt und die britische Diplomatie in Amerika stark gehemmt. Der erste Erfolg der Ankündigung sei die Stiftung von 20 000 Dollar für den irischen Partei- ftmds durch hervorragende Amerikaner gewesen. Die Zeitungen beobachten die größte Zurückhaltung, um England nicht Verlegenheiten zu bereiten. Trotzdem s« es klar, daß , in t4gJcs&o«$e» sich die deü englisch-amey-
