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llllullrierte

Urincler-Ieitung

des

Wiesbadener Tagblatts.

Br. 7.

20. Jahrgang.

ISIS.

(Alle Rechte für sämtliche Artikel und Illustrationen Vorbehalten.)

Der Feigling.

von haus

enn zwei sich balgten, lief er davon. War's ein Wunder, wenn man ihn feige schalt? Rein. Nun und er selbst glaubte ihnen ja alles. Glaubte den Kameraden, daß er ein feiger Junge war, der aus Furcht davon lief, glaubte ihnen, daß er ein schmieriger Kerl war, der ihnen Abscheu ein­flößte mit seinem Schmutz. Und wusch sich doch jeden Tag so heftig mit Bürste und Lappen, mit Seife und Wasser, daß es eine Art hatte und feine Bäckcl^en einen Augenblick ihre graue .'färbe gegen ein lustiges Kar- '-noisinrot vertauschten. Aber er war gleich wieder ver­flogen, noch ehe er aus dem kleinen nmffigen Trödler­laden herauskam. Und in der Schule war er doch wieder der Zielpunkt aller Spottreden: „Bürste dir doch bloß eüunal deine' Zacke ab, Kleiner! putz dir doch die Stiefel, ehe du in die Schule kommst! Wasch dir doch das Ge­sicht, Schmierlapp, siehst ja ganz grau aus! Aber du wäschst dich wohl nur einmal im Jahr?"

Gr war still auf alle (Quälereien. Sie verstanden's ja nicht besser, wußten ja nicht, daß seine Zacke niemals anders werden konnte, denn ihre Farbe hatte schon ein anderer vor ihni abgetragen. Und die Stiefel blieben rot, trotz aller Wichse, die er oft fingerdick auftrug, und sein Gesicht wurde auch wieder grau kurz noch der Morgen­wäsche.

Seine Mutter war eine arme Trödlerfrau, die sich's blutsauer werden ließ, um dein Zungen die gute Schule zu ermöglichen. Sie ahnte nichts von den Leiden, die ihr Kind dort still und gelassen ertrug, denn er klagte nie. Auch nicht beim Lehrer.

Aber heute war sein Herz voll Seligkeit und die ganze Klasse war mit ihm freudig erregt, so daß er nicht ein einziges Mal gehänselt wurde. Doch er hatte ja auch eine neue Zacke an, eine braunschwarze Samtjacke, ans Mutters altem Mantel, und ein paar braune Schuhe, die» die Mutter erst gestern beim Regierungsrat alt erstanden hatte. Aber Luitpold von Rhon würde die nicht wieder­erkennen. so schön hatte er sie gebräunt und blank ge­macht. Die Zacke war sehr warm jetzt im Hochsommer, aber was tat's, sie war fein! Und war schöner als die Zacke vor« irgend einem anderen Zungen, und Karlchen war stolz darauf! Und rote Backen mußte er haben, denn er glühte vor Erregung und er fühlte, wie heiß feine Wangen waren.

Schulausflug! Rach deni Gindecksee! Man war fröh­lich und übermütig und erwartungsvoll in der- Klaffe, doch einzelne zagten: „Wenn her Lehrer nur heute nicht zu spät kommt!" Aber ihr Bedenken wurde niedergelacht, denn eben tauchte des Gewaltigen lange Gestalt in der Tür auf. Und dann ging's los!

Hagen.

Zn der hellgekleideten Knabenschar stach des Karl­chen mageres Figürchen im dunklen Samtkittel sonderbar ab, aber es war doch keiner glücklicher und stolzer als er. Weil er mit dabei fein durste. Weil feine Mutter ihm das erste Mal die eine Mark bewilligte, die jeder Teil­nehmer zu zahlen hatte, weil er schön augezogen war und vor allem, weil er neben dem Lehrer gehen durfte, als der einzige, der keinen Freund befaß. Und all feine S.bücbternheit verlor sich.

„Trinken wir auch Kaffee, Herr Lehrer?" fragte Karlchen gleich im Anfang der Reise.

„Gewiß", antwortete der freundlich; „im Dorf Windeck gibt'- feinen Kaffee und süßen Kuchen."

„Kaffee? Richtigen Kaffee?"

Der Lehrer lachte. „Richtigen Kaffee. Zst denn das so was Seltenes?"

„Zch habe noch nie welchen getrunken, wir nehmen immer Malzkörner."

„Das ist auch gesünder für Kinder! Doch heute gibt's eine Ausnahme. Da sollst du also zum ersten Mal den braunen Trank der Levante kosten. Zch bin neugierig, wie er dir schmecken wird."

„Ach, ich weiß schon, daß er mir großartig schmecken wird. Was teuer ist, schmeckt immer am besten!"

Der Lehrer belustigte sich an deni klugrednerischen Karlchen und sprach auch ferner mit ihm, da die anderen Buben alle mit sich und ihren Freunden zu tun hatten. Und der kleine verschüchterte Zunge wurde immer zutrau­licher, bis er sich endlich ein Herz faßte und mit einer Frage ganz urplötzlich, überlaut aus Schreck über feine eigene Kühnheit, herausplatzte: „Warum mögen mich die anderen Zuntzens bloß nicht leiden?!"

„Ach, Einbildungen, Karlchen, warum sollen sie dich nicht leiden mögen!"

„Ach, das ist keine Ginbildung — vielleicht, weil ich so klein, so schwach und — — und arm bin."

Der Lehrer klopfte ihm' tröstend auf die Schulter. „Sei kein !karr, Karlchen — ob arm oder reich, danach fragen die nicht, sieh doch Peter Scholl an, wie er um­ringt ist von Freunden."

„Gr ist groß und stark", sagte Karlchen altklug, „sie

fürchten ihn. Aber ich-sie sagen, ich bin feige, Herr

Lehrer," schloß er dann aufatmSnd.

„Bist du denn feige?" Gin prüfender Blick fiel auf den mageren kleinen Burschen.

„Zch weiß nicht. — Rur-wenn sich zwei hauen

— - ich kann das nicht sehen, dann lauf ich weg."

Gin Weilchen gingen sie weiter schweigend hinter der schwatzenden Schar, dann begann Karlchen wieder: „Was soll ich bloß tun,, damit sie mich mögen?"