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Donnerstag» 27. Iuni 1918.
klbend-klusgabe.
Nr. 294. . 66. Jahrgang.
Kein hatten für Aöhlmann!
—er. Berlin. 27. Juni.
Heute kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die Lage des Staatssekretärs v. Kühlmann kritisch geworden ist und daß er aller Voraussicht nach nicht mehr allzulange Zeit auf seinem Posten bleiben dürfte. Herr v. Kühlmann besitzt im ganzen Reichstag keine unbedingten Anhänger m-Pr: Die gesamten Rechtsparteien stehen ihm als Widersacher gegenüber, und auch d^e National- liberalen machen ans ihrer Überzeugung keinen Hehl, daß der Staatssekretär nicht der geeignete Mann für sein Amt wäre. Was die M e hw h e i t s p a r t e t an- betrffft, so haben sie bisher wohl mehr oder weniger zu den Freunden Herrn v. Kühlmanns gezählt: diese Gunst aber ist nunnnhr auch sehr stark verblaßt, da, von wenig Ausnahmen abgesehen, auch in den betreffenden Krei- sew die Anschauung vorwaltet, daß sich der Staatssekretär, selbst bei der n a ch s i ch t i g st e n Beurteilungs- Weise, eine nicht zu erklärende Entgleisung halee zuschulden kommen lassen. Kurze Zeit herrschte int Reichstage die Ansicht vor, daß der Reichskanzler Graf Hertling seinen Staatssekretär decken wolle: von dieser Meinung aber ist-Mian inzwischen a b g e k o turnen, denn Graf Gerstling fühlt sich keineswegs be- müßigt, die Ungeschicklichkeiten Herrn o. Kühlmanns gutzuheißen. _ So kann denn nur ausschließlich von einer Krise im Auswärtigen Amte gesprochen werden/ eine Gesamtknse wird keinesfalls cintreten,' um so weniger, da niemand Neigung dazu verspürt, aegen den Grasen Hertling vvrzngehen, wozu auch nicht der geringste Anlaß vorhanden wäre.
Herr v. Kühlmann hat, fast seit Antritt seines Amtes, unter einer gewissen Zwiespältigkeit zu leiden gehabt, die ihn fast bei allen llnternehmungen störte, und die zur Folge hatte, daß er es eigentlich niemand wirklich recht machen konnte. Seiner innersten Überzeugung nach neigt? er zu einem Welt- hsiraertum, also zu einer Anschauung, für die in " er jetzigen Zeit schwersten Existenzkampfes wahrbaftig kein Platz sein kann. Auch Herr v. Kühlmann bemühte sich vergebens seine eigenen Überzeugungen zu verleugnen, und so ist denn eigentlich die Rede, die 'einen Sturz herbeiführen wird, ein — vielleicht nur halbfrei- williges — Geständnis gewesen, durch das er verraten hat, wie ei in Wirklichkeit denkt und fühlt. Und da wurde es niit einem Male offenbar, daß zwischen der Weltanschauung Herrn v, Küblmanns und sen°r der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes eine Kluft gähnt, die unüberbrückbar erscheint. Deshalb bat die Entschuld i g u n g s r e d e, die der Staatssekretär gehalten hat, keinerlei Wirkung geübt, oder höchstens nur diese, daß seine trüberen Anhänger mißmutig seststellen mußten, wie wenig Herr v. Kühl- mann es verstanden habe, sich auch nur einen guten Abgang zu sichern. Niemand glaubte ihm seinen Widerruf, niemand konnte er fiberzeugen.
So wert man in parlamentarischen Kreisen unterrichtet ist, dürfte eine Lösung der Krise noch einige Zeit auf sich warten lassen, denn es sind nod' eine Reibe von Angelegenheiten zu erledigen, die dem jetzigen Staats- sekretäk besonders am Herzen liegen müssen, und die sein vorläufiges Verbleiben im Amte erfordern. So sollen vor allem noch die ganzen Friedensfcagen, bei denen -Herr v, Kühlmann mitwirkte, ihre varlamentari- schen Abschluß finden, ehe er scheidet. Dann aber wird wohl kaum an maßgebender Stelle gezögert werden, Pine neue Wahl zu treffen. Hierbei dürsten die Frak- tiotzNsfübrer des Reichstaqs insofern Mitwirken, als man ans ihre Ratschläge bören wird, und vor allem wird sich der Reichskanzler Gras Hertling mit den in Betracht konimenden Persönlichkeiten diesbezüglich ins Einvernehmen setzen. In erster Linie kommt eS setzt darauf an, einen Mann zu finden, der seiner Aufgabe nicht nur mit der diplomatischen Routine gewachsen ist, sondern der außerdem ein „Man n aus einem G u ß" ist und die Gewähr dafü'- bietet, daß er die auswärtige Politik des Deutschen Reiches zislbewnßt in einer bestimmten Richtung energisch weiter- tührt. Man ist es müde, immer Mieder sich an fruchtlosen Experimenten zu versuchen, die nur zu bösen Erfahrungen führen müssen und sa auch schon solche Erfahrungen gebracht haben. Die Geiahr, von der Deutschland politisch bedroht wird, ist viel zu groß, als daß man noch einmal es wagen könnte, jemand das Schicksal des Pvlkes anzuvertrauen, zu dem man nicht dos Vertrauen besitzt, daß er die Zügel straff in Händen halten kann.
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Vollständig richtig faßt in aller &ür*e unter der Überschrift „Ern unerfreuliche? Schauspiel" unseres Erachten? die »Kölnische Zeitung" das Ergebnis der Reichstags- Verhondivnaen zum Kühlmann-Falle wie folgt zusammen:
.Die ödtiifcfie QüerrLpe ließt tutS nicht. Mit der »Äreiiaain."
hatten wir befürwortet, daß von unserer Seite das T r o m - melsener der feindlichen Schmäh reden, dem das deutsche Volk fast täglich ausgeieht ist, endlich einmal mit schwerem Geschütz beantwortet werde, Lhß unsere Negierenden wenigstens von Zeit zu Zeit aus ihrer olympischen Zurückhaltung heraustreten und laut und vernehmlich sagen möchten, was wir in Anbetracht unserer militärischen Überlegenheit der Impertinenz jener an tatsächlichen Forderungen entgegenzustellen haben. Wir waren der Meinung, daß auch dann das Geschrei nicht viel lauter werden würde, wenn diese Forderungen nicht zu bescheiden ausfielen, daß es vielmehr hier wie dort schließlich die Gemüter beruhigen, die Rückkehr.zu vernünftiger Über- legirng beschleunigen und somit deri Krieg abkürzen würde, wenn die Welt wisse, woran sie mit uns ist. Wie glaubten, daß die Zeit dazu gekommen sei, zumal da der gleiche Begehr auch in der öffentlichen Meinung der Gegner immer dringender wird. Man hat uns zu belehren versucht, daß wir im Irrtum seien, und wir haben uns beschieden in der Erwägung, daß die Männer, die im Ausguck stehen, weiter zu sehen vermöchten. Trotzdem hat der Staatssekretär von Kühlmann am Montag im Reichstag eine lange programmatische Rede darübervgehalten, was die Regierung will Ob- ßchon wir keineswegs einem „Gewaltscieden" das Wort reden r nd mit Bismarck der Ansicht sind, daß in der Beschränkung der Meister liegt, konnten wir dem Programm, das er entwickelte, nicht in allen Punkten zustimmen, nahmen aber an, daß das, was er sagte, in der Tat das mit den zuständigen Stellen verabredete Programm der Regierung sei, hinter das nunmehr das Volk treten solle und müsse. Wenn wir uns getäuscht haben, so lag das daran, daß diese Voraussetzung nicht zu - tras, daß merkwürdigerweise eine vorherige Verständigung zwischen Reichs- und Heeresleitung offenbar nicht herbeigeführt worden ist, daß Herr v. Kühlmann seinen Äußerungen vielmehr eine persönliche Färbung gegeben hat. die nicht an allen in Betracht kommenden Stellen geteilt werden kann. Das sind Zu- -tänte, die kaum verständlich und gänzlich unhaltbar sind; sie müssen unbedingt und unter allen Umständen geändert werden. Wenn jeder, der befugt ist, vor dem Lande im Namen der Regierung zu sprechen, seine persönliche Meinung vocträgt, die von der der übrigen maßgebenden Stellen äbweicht, und dabei über militärische Dinge urteilt, cbne sickj der Übereinstimmung mit der dafür einzig maßgebenden Obersten Heeresleitung versichert zu haben, so bedeutet das eine Irreführung der öffentlichen Meinung und eine Mißachtung der Notwendigkeit, den Gegnern eine einige Front aller Deutschen entgegenzustellen, die nicht länger ertrugen werden können. Wir unterschätzen nicht die Schwierigkeiten, die sich der politischen Leitung gerade im Kriege entyegenstellcn, aber sie können nur überwunden werden, wenn sich alle maßgebenden Instanzen über Zweck und Ziel verständigen; sie haben darin mit gutem Beispiel voranzugehen, nur dann können sie verlangen, daß die Bolksgemeinscboft geschlossen hinter sie tritt. „Daß die Richtungen und Absichten der Politik mit den Mitteln des Krieges nicht in Widerspruch treten, das kann die Kriegskunst im allgemeinen und der Feldherr in jedem einzelnen Falle fordern", sagt Clansewitz. Da nicht anzunehmen ist, daß der Staatssekretär des Auswärtigen ein gemeinsam aufgesetztes Programm sa ungeschickt vertreten haben sollte, daß anderen Tags, wie es gestern notwendig wurde, nicht nur er selbst, sondern auch der Kanzler in die Erscheinung treten mußte, um allerlei Mißverständnisse aufzuräumen, so bleibt nur der Schluß, daß gegen diese mit dem Wesen des Krieges aufs engste verknüpfte Forderung verstoßen worden ist, und das ist ein Schauspiel, das außer dem Gegner niemand Freude machen kann."
Oie itfiarfe Ablehnung in England.
XV. T.-B. Amsterdam, 26. Iuni. Reuter telegraphiert ausfithrliche Kommentare der englischen Blätter zur Rede Kühlmanns. Die „Times" schreibt: Die Rede enthält
keine Stelle und keine Silbe, die darauf hindeutet, daß Deutschland in der großen Frage, um die die Welt kämpft, auch nur um Haaresbreite von seinen traditionellen Anschauungen abgegangen sei. Auch bekennt sich Deuffchland noch zum Militarismus, ohne auch nur die geringste Spur von Zweifel und Reue zu verraten. Der Krieg wird sicherlich so lange fortdauern, als Deutschland die Politik der Rede Kühlmanns unterstützt. Kühlmann hält eZ für zweckmäßig, die Tatsache zu übergehen, daß Amerika bereits anr Kriegs teilnimmt, und daß die Alliierten eine tatsächliche Erklärung über ihre Kriegsziele abgegeben haben. Er wird die meisten dieser Ziele mit einer Präzision, die Deutschland nicht nachzuahmen wagt, in den Reden ^Wilsons finden, nämlich in der Botschaft an dem Kongreß vom letzten Jahr. Unter ihnen nimmt eine hervorragende Stellung die Forderung nach der Räumung des ganzen russischen Gebietes und nach einer Regelung, die Rußland unbehindert Gelegenheit geben würde, mit Hilfe der freien Nationen selbst über seine Entwicklung und Politik zu entscheiden, ein. — „Daily Expreß" schreibt' Die Alliierten haben nicht die Absicht, über einen Frieden zu verhandeln, der Deutschland die Übermacht in Osteurova üverlaffen würde. —» „Daily Chronic! e" schreibt in einem »Die Friedensoffensive" betitelten Artikel, Kühlmann habe eS Unterlasten zu sagen, daß die Alliierten mehr als einmal ziemlich aus- ttümidb öffentlich ihre K riedeusbedius mpest formuliert
haben, während Deutschland sich darauf beschränkte zu erklären, daß sein Gebiet einschließlich der Kolonren und das Gebiet seiner Verbündeten ungeschmälert erhalten bleiben müsse. Kühlmann sagte, daß Deutschland nie daran gedacht habe, Europa und die Welt zu beherrschen. Er sprach gleichzeitig von den Verträgen in Mittel- .und Osteuropa, die, wenn sie von Dauer wären, Deutschland in diese Lage versetzen würde. Das Blatt schließt mit den üblichen Ausfällen gegen Vertragsbrüche und Grausamkeiten. — Die anderen Blätter äußern sich ähnlich. »Daily News" schreibt: Wenn
Knbtmanus Darlegungen die gegenwärtig in Deutschland herrschende Stimmung wiedergeben, so steht zu befürchten, daß die Friedenskonferenz noch nicht in Aus- ' i ck t ist. Im übrigen halten es die Blätter für ein gutes Zeichen, daß auch Kühlmann der Ansicht ist. daß der Krieg nickt durch eine militärische Entscheidung beendet werten könne. Dies sei wenigstens etwas, nämlich der Anfang des Willen? zum Frieden.
Der Tagesbericht vom 27. Juni.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 27. Juni. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppen Kronprinz Rupprrcht und Deutscher Kronprinz.
Die Lage ist unverändert.
Rege Tätigkeit des Feindes nördlich der S c a r p e und Somme, westlich von N o y » n und südwestlich von Reims. Auf der Kathedrale von Reims wurden erneut Beobachter des Feindes erkannt. Während der Rächt nahm die Artillerierätigkeit auch an der übrigen Front, zwischen Mer und Marne in Verbindung mit Erkundungen die Gefechtstätigkeit der Infanterie wieder zu.
Heeresgruppe Gallwitz.
Auf dem östlichen MaaSufer führten wir erfolgreiche Erkundungen durch. Nördlich von St. Mihiel wurde ein starker Vorstoß des Feindes abgewiesen.
Aus feindlichen Bombenstaffeln, die in den beiden letzte» Tage» zum Angriff gegen Karlsruhe, Offenburg und das lothringische Industriegebiet vorstießen, wurden fünf Flugzeuge abgeschossen.
Unsere Bombengeschwader griffen gestern Paris und auf dem Wege dorthin Bahnknotenpunkte und Flugplätze des Feindes an.
Leutnant R u m e y errang seinen 25. Knftsieg.
Der Erste virneralauartiermeister: Lndendorff.
Die Kdmiralstabsmelduny.
W. T.-B. Berlin, 20. Juni. (Amtlich.) Auf dem nördlichem Kriegsschauplatz wurden -durch u-n-sere Untevseeboote wiederum
16000 Bruttoregistcrtonnen
feindlichen Handels-schiffsraumS vernichtet. Zwei Dampfer wurden im West-ausgang des Kanals aus stark gesichertem Ge- leitzngen hsrau-syBschoss-em.
Der Ghe-f -des Admivafftabs «der Marine.
Sine Verständigung zwischen der Ukrai« und Grotz-Ruhland.
W. T.-B. Kiew, 26. Juni. In den ukrainisch-rnssischen Friedens-Verhandlungen ist übereinsti-m-nfiing über den Grundsatz für die Grenzen dahm erzielt worden, alle nach Fricdem-sschluß entstehenden Streitigkeiten durch ein Schiedsgericht zu schlichten. Beide Delegationen strtd bereit, bei c-er G ren z fe stisetzu-ng jeden Gedancken an Annexionen und Vergowaltigungein auszuschließen. Daher ist unter Berücksichtigung politischer, wirtschaftlicher und sonstiger Fnteresten bas ethnographische Prinzip für die GvenzscMctzung maßgebend. Nur in -einz-Ämen im F-rie- de-wsvertvag auszuführenden strittigen Gebieten soll zu einer unbeeinflußtem Befragung der Bevölkerung geschritten werden. Ter frühere Kommissar für das C Holm er Gebiet S ko r op i s So lt u ch o w s t i ist jetzt zum Gouvernements- staroszta von Chvkkm ernannt. — Im Dotugebiet wird her LanÄwiritschastsrat unter Zuziehung zahlreicher Vertreter der Provinz in den nächsten Tagen mit der Ausarbeitung einer AgrarrefrMn -beginnen. — Der aus Kiew zurück-gekehrte Gemeral Swct-schin erklärre, daß -die pölitisch-wtrtjchaft- llichen Verhandlungen ldes Dom-s mit -der Ukraine auf bestem Wege sind. Taganrog wird eine freie Stadt. In dem Verhandlungen des Generals Knoerze-r mit Bertretei n -der Tagonroger Stadtverwaltung ist die Unterordnung sämtlicher in d« Stadt 'befindlichen staatlichen Behör-dem unter die Munizipalität vereinbart.
Berlin, 27. Jnn,i. Zu den Kiewer Verhandlungen schreibt der „Vorwärts": Die zwischen den Vertretern Rußlands und der ll krame getroffenen Vereinbarungen haben den Wert eines europäischem Vorbildes und sind in -diesem Sinne von großer Bedeutung. Sie zeigen außerdem, daß die beiden Haupfftaaten, in die das europäische Rußland durch den Krieg verfallen ist, sich die^Dahn zu einer später noch engeren Wiederannäherung offen 'halten wollen. Rußland ist auf dem Weae. Lch f e ltb-e t als Staaa t-Lmtb und-wieder-
