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Mittwoch» 26. Juni 1918
6bend-kkusgabe. Nr. rar. . SS. Ja hrgang.
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wa§ wird aus Herrn v. Uühlmann?
Don unterrichteter parlamentarischer Seite wird uns geschrieben: In den Wandelgängen des Reichstags erhalten sich mit großer Hartnäckigkeit die Gerüchte, daß die letzte Rede des Staatssekretärs v. Kühlmann höchstwahrscheinlich sein Schwanengesang gewesen sei. Dieser Ansicht sind selbst Abgeordnete, die mit vielen Dingen, die Herr v. Kühlmann gesagt hat. einverstanden waren, aber die bestimmte Vermutung hegen, es lei m e h r als unwahrscheinlich, daß der Staais- seki etär im Einvernehmen mit der Obe r st e n Heeresleitung gesprochen habe. In viel bestimmterer Weise wird die gleiche Ansicht von rechtsstehenden Abgeordneten geäußert, die die Erklärungen Herrn von Kühlmanns als schweren Schaden betrachten und ihm den Vorwurf machen, et hätte sich in Gedankenrichtungen bewegt, die man gerade an Herrn o. Bethmann- Hollweg so unheilvoll empfunden habe. Ganz besonders wird es dem Staatssekretär — und zwar sicherlich nicht ohne Grund — znm Vorwurf gemacht, daß seine Rede auf die Stimmung im Inlande von böser Wirkung sein dürfte, da aus ihr eine Hoffnungslosigkeit klinge, die weder berechtigt sei. noch aber auch überhaupt geäußert hätte werden dürfen, da sie die Opferwilligkeit des deutschen Volkes, seine Kraft znm Durchhalten und den Glauben an einen befriedigenden Ausgang des Krieges schwer beeinträchtigen, ja gerader» erschüttern müsse. Unumwunden wird in Reichstaqskreisen die Behauptung gnfgestellt, daß eine Rede ähnlicher Art von keinem Staatsmann der Entente gehalten hätte werden können, ohne daß in dem betreffenden Parlament ein Sturm des Unwillens über diesen Politiker her eingebrochen wäre. Überdies könne der Widerhall, den die Rede des Herrn v. Kühlmann im Aus'lande linden werde. zur Verkürzung des Krieges keineswegs beitragen? sondern bet den Gegnern des Deutschen Reiches wurde der Eindruck er- «eckt werden, daß Deutschland bis zum tiefsten des Kampfes müde und innerlich gebrochen sei. Man habe das Ergebnis einer solchen Resignationspolitik, die mit dem Verständigungsgedanken spielte und ihre ganzen Hoffnungen auf die Einsicht unserer Gegner stützte, zui Genüge beobachten können und die Erfahrung sei gewesen, daß die Entente, fern davon, aus der militärischen Lage die zwingenden Folgerungen zu ziehen, neue Zuversicht auf Erfolge geschöpft hätte.
Man glaubt daher in Reichstagskreisen mit großer Bestimmtheit, daß Herr v. Kühlmann nach dieser Rede nicht mehr lange in seinem Amte bleiben werde können. Nur darüber gehen die Ansichten auseinander, ob er seine Äußerungen im B e w u ß t s e i n der eintre- tenden Wirkung ganz absichtlich getan habe, oder ob es es sich um eine allerdings schwer pegreifliche und kaum zu entschuldigende Entgleisung gehandelt hätte. Gleichgültig aber, wie sich dies verhält, wird an- genommen, daß Herr v. Kühlmann, wahrscheinlich schon in absehbarer Zeit, sich veranlaßt sehen werde, sein Rück- trittsgesuch cinzureichen. Allzusehr gehen zwischen ihm und der Mehrheit des deutschen Volkes die Meinungen darüber auseinander, wo die K r i e g s n r s a ch e zu suchen sei und auf welchem Wege und mit welchen Mt- teln der Krieg beendet werden müjse auch darüber, wie dieses Ende beschaffen sein solle. Im Ausland ist selbstverständlich der Eindruck unvermeidlich, daß Herr v. Kühlmann im Namen der deutschen Volksgesamtheit gesprochen hätte, und es ist durchaus notwendig, daß dieser falsche. Eindruck richtig gestellt werde dadurch, daß Herr v. Kühlmann von seinem Posten scheidet. ^
Vor besonders britische Satz der ersten rkühlmannrede.
Don der Reichscha-gstribüne wivd ums geschri-elben: Der Hauptansloß wurde mit Recht an dam Satz der MhkmuPn-. schon Rede gerummen, der in dom heutigem Bericht der „Nvvtd. Allg. Zig." wie slÄgt lautet: „Ohne solchem Gedankenaustausch wird bei der ungeheuren Größe dieses Koalitions- Kriegs und bei '-der Zahl -der in ihm begriffenen überseeischen Mächte durch rein militärische Entscheidungen allein ohne alle diplomatischem Verhandlungen «in absolutes Ende kaum erwartet werden können". Dieser Satz fand sich in den Berichten der anderen Zeitungen unter Fortlaffung der vier inhaltsschwerem Worte „ohne alle diplomatischen Verband lunge n." Herr v. Äühilmamn erklärte in der heutigen ReichstaqSsitzung. daß er den Satz m i t dem vier Warten gesprochen habe, aber es fielen dabei aus -dem Hause heraus die Worte „nachträglich korrigiert". Tatsache ist, daß wir Journalisten diese vier Worte nichtgehört haben» und es ist immerhin merüvimidig, daß dieser Gehörfehler so.-all- ocmei n war.
Uebcr die Wirkungen der Nühlmannschen Rede
wird uns weiter aus Berlin noch srilgemdos geschrieben: Für den Reichstag bildeten die Ausführungen des M-aatssekretärs- v. Kühlmamm keine so große Überraschung mehr wie für die große ÖffenÄlchkeit, die in Berlin außerordentlich stark unter dem Eindruck seiner Worte steht. Im Reichstag-shauptaus- schuß umd bei den parlamentarischen Besprechungen mit den Parteiführern hatte Herr v. Kühlmamm sein Programm bereits mit einigem Strichen skizziert, wie -er cs dann am Montag in der Vollsitzung -erschöpfend daugel-egt hat. Überrascht hat nur. daß er dem Entschluß gefaßt hat» im dieser so überaus nachhaltigem Weise vor die ÖfseMÄichkeit zu treten und Dinge auszusprechem» über die bisher hinter verschlossenen Türen verhandelt worden ist. Welche besonderem Vorgänge den Leiter des Auswärtigen Amts- fetzt Zu diesem vom sämtlichem Parteien für hochbedeutsam gehaltenem Schritt bewogen hahe-n» darüber gehen -die Meinungen zurzeit noch auseinander. Übereinstimm enid aber ist man der Ansicht, daß die Folgen der Aktion Kühlmamm von unabsehbarer Tragweite bei u n s und im Feindesland s-ä n werden. Zunächst muß sestgestellt werden, daß -der Minister so. wie er sich am Montag in der ös-fvnillichen Sitzung gal, sämtliche Parteien enttäuscht hat„die -einen mehr, die anderen etwas weniger. Zufriedemgesiellt ist fe-demsalls keime einzige. Die Recht« und -die liberale Mitte hat er vor den Kops gestoßen» das Zentrum lebt in Spannung» wie sich das weitere Verhältnis zwischen Reichskanzler und Außenminister gestalten wird» dev bürgerlichem Linkem» die ihm bisher am meiftÄi entgegen kam, hat er zu -wenig geboten, und die Sozialisten beider Richtungen konnte er erst recht nicht gewinnen. Der Eindruck der Mcmtagssitzu-ng des Reichstags ist daher im höchstem Maße unerfreulich, umd die Befürchtung ist ziemlich allgemein, -daß sich an die Rede des Ministers noch politisch« Komplikationen knüpson werden, wenn erst die Rückwirkung iber Rede auf das feindliche Ausland sich bei uns geltend gemacht haben wird.
Selbst Freunde des Herrn v. Kühlmarm gestehen, daß er sich in einigen Wendungen nicht besomd--ers glücklich gezeigt hat. Daß das Urteil bei den Konservativen und National- liberalen scharf, ja geradezu vernichtend lautet, braucht -erst nicht wiederholt zu werden. Aber selbst in den Kreisen, die sich bisher für Kühlma-nns Richtung eingesetzt haben, herrscht hcuide -die Auffassung vor. -daß er vieles bess er unausgesprochen gelassen haben sollte. Ms in di« Reihen der Sozialisten hinein macht sich Enttäuschung bemerkbar, Gerüchte vomMück-tritt H-evrn v^ühlmanmS sind, wie von vor-n- herein betont werden muß, augenblicklich haltlos und unbegründet. weil der Kanzler und der Vizekanzler sehr entschlossen für den Außenminister, um keine menen Krisen zu schaffen, auch an -denscnigen Stellen eintreten, die unter anderem Umständen KiWman-n längst hätten fallen lassen. ®e r Widerhall der Kühlwvnmschen Rede im Feindesland wird vermutlich alsbald der deutschen Regierung sagen, ob sie sich in der Abwägung der Tragweite -dieser Äußerungen nicht verrechnet hat. Für heute begnügen wir uns mit der Feststellung, daß im Reick,sta-g selbst unter den bisherigen Fr-oundem der Kühlm-annschen Politik das Empfinden vorherrscht, baß map in einer wenig glücklichen Stunde dem lachenden Feind wichtige politische Trümpfe in die Hand gedrückt hat. _
Deutscher Reichstag.
# Berlin, 25. Juni.
Staatssekretär v. «ühlmann
führt weiter aus:'
Der Schluß meiner Rede war absolut Kar. In d:m Einschieben des „nur" liegt eine direkte Umkehrung dessen, was ich gesagt habe. Die diplomatischen Verhandlungen wurden von mir ganz klar als d,iS Sekundäre. Nachfolgende, gekennzeichnet. Hätte ick das gesagt, was Graf Westarp behauptet, daß ich es zum Ausdruck hätte bringen wollen: dann, meine Herren, wäre ihr Angriff vollauf berechtigt gewesen. Der Verlauf wird immer der sein, wie er von mir hier kurz gekennzeichnet wurde-
Militärische Erfolge sind die Voraussetzung rmd die Grundlage der diplomatischen Verhandlungen.
Bet meiner Ausgabe gestern als Diplomat, der von hier, von hoher Warte, wie ich gesagt habe, zusammenfassend die Ereignisse überblickt, mußte auch akademisch und theoretisch die Möglichkeit erörtert werden, wie der militärische Erfolg seinerzeit auf dem Wege der Verhandlung ausgenutzt und gesichert werden könnte. Dies, meine Herren, ist alles, was ich zu diesem Paragraphen zu sagen habe, der durch die Einfügung des „n u r". wenn sie berechtigt gewesen wäre, in der Tat den Sinn dessen, was ich gesagt habe, genau in das G egenteil verkehren würde. Graf Westarp fährt fort: ,Jch kann es mir nicht oenken, daß das der Sinn ferner Ausführungen gewesen sein soll. Es würde da? ja auf unsere Truppen draußen im Felde eine Wirkung ausüben, die ich nicht näher ausmalen will, und es würde sich auch in starken Gegensatz setzen zu Kundgebungen anderer Herren, die wir in letzter Zeit oft genug g-höct haben, zu K-rnd- gebungen, die mit vollem Recht daraus hingewiesen haben, daß nur der Sieg unserer deutschen Waffen es sein wird, der unS zum Ziele führen kann." Nachdem Graf 1 Westarp nun sagt, jex kann sich nicht denken", und nachdem
ich ibm aut da? bestinimteste versichern kann, daß es mir nicht eingefallen ist zu sagen, was hier durch daS „nur" supponiert ist, n:uß ich auch die Folgerung aufs cllerentschiedenste zurückweisen. Kein Wort von dem, was ich gesagt, kann den Siegeswillcn unserer Truppen auch nur um ein Atom beeinträchtigen.
Wir vertrauen ans die Siege der Vergangenheit und wir hoffen auf die Siege der Zukunft. An diese Siege wird di« diplomatische Arbeit sich anschließen müssen.
(Lebhafter Beifall links und im Zentrum; Zischen reckts.i
Abg. Naumann (Vpt.)- Unsere Truppen sind aufgewackfen *n dem Geicke deutscher Erziehung zur Pflicht. Deshalb haben wir das Zutrauen zu unserem Heere, daß es auck durch die Konstatierung einer solchen Aufsaisung, die jetzt bereits überwiegend ist, sich nicht von seiner Pflicht abhalten lassen wird. Unser Soldat brauch: nur d>rs eine Gefühl: Er muß! Und dieses hat er. Denn Herr v. Kühlmann sagt, mit militärischen Siegen wird dieser Krieg nicht beendet, so heißt es auch/daß wir uns nickt das verkle-nern lassen, d-aß neben den Walsen der große Sieg der Geister geht. In die Rede der feindlichen Staatsmänner wird überall allerlei hinein- gedeuiet, bei uns wie bei den Gegnern. In Frankreich nennt man diejen-gen, die vom Frieden sprechen, Defaitisten. In England sagt man, die Friedensoffensive ist eine deutsche Er- fir-dung, um die Bevölkei-ung icce zu führen. Wer aber kann scgen, daß unsere Forderungen unmöglich sind, zumal wenn man siebt, daß in der Hauptstadt unseres größten Feindes schon die Eisen bahnzüge bereit stehen, um die Bevölkerung fortzubringen, wenn die Glocke ertönt, d. h. wenn die Deutschen kommen. Wir haben immer noH Leute, die über den Krieg hinaus denken, daß Verhandlungen nicht unmöglich sind. Das zeigen vor allem die beginnenden Verhandlungen über die G e f a n g e n e n f ü r s o r g e. Die Frage nach der S ck u l d des Krieges können wir heute nicht lösen. Es beißt heute, der Krieg wird fortgesetzt werden, bis einer der beiden Gegner — Deutschland oder England — tot ist. Was macken wir aber dann, wenn beide halbtot sind? Man mutz sich immer fragen, ob das, was man dabei gewinnen krnn, mehr ist als rabul'stisch. Rußland ist zusammengebrochen» Österreich-Ungarn hat sehr ge-, litten, ebenso steht es mit Frankreich und Italien. Mit militärischen Mitteln ist nickls getan. Daneben soll der Geist und das Gewissen der Bevölkerung sprechen. Wenn die Sudeten wissen, daß dieses vorhanden ist, dann kann man auch auf sie rechnen. (Beifall)
flba: Slresemann (Itatl,):
Die Rcde des Staatssekretärs hat auf meine volinschen Freunde geradezu niederschmetternd und nieberinirfcnb gewirkt.
(Stürmische Ruse: Sehr ricktig! bei den Natl.) Wir bedauern auf das allertief st e, daß der Satz ausgesprochen werden konnte: „Wer machte oen Ostrrieden?" Das war Luden- dorffs Hammer lStvrmiicher Beifall.), wie e? Lloyd George nannte. Das Land muß fragen, ist denn etwas ein- getreten, was zu Zweifeln Anlaß gibt? Wir sind au» dem Stellungskriege heraus. Paris ist wieder in dem Bereich der deutschen Kanonen, da sollte man alles vermeiden, was die Siegeszuversicht des Volkes vermindern kann.
Warum müssen wir in der Frage der Schuld an dem Kriege eine Entlastiingsoffensive für England unter- ' nrhmen, wie es gestern der Staatssekretär tat.
(Sehr richtig!) Die ganze englische P-litik in der letzten Zeit war nicht? anderes als die Vorbereitung des Krieges gegen Deutschland. Wenn der S-eg unser ist, müssen wir ihn benutzen, um die nötigen realen Sicherungen zu erreichen. Das Verlangen des Rates von Flandern findet hoffentlich die nötige Berücksicktigung bei unserer Regierung. Die harte Kriegsnotwendigkeit, die besetzten Gebiete zu den Lasten des Krieges becanzuziehen, wird jede Verwaltung in Mißkredit bringen. Eine Nadelspitzenpolitik darf man nicht treiben. Die deutsche Hilfeleistung für Österreich-Ungarn findet bei uns volles Verständnis. Gegen die au st ra-polnische Lösung haben jetzt^auch die D e u t f.ch e n in Österreich schwere Bedenken. Deshalb tack man gut. sich in der polnischen Frage nicht allzu schnell zu linden. Seit Jahren hört man nichts van einer Reform de? Auswärtigen Amtes. Eine solche fordert ganz besonders unser auswärtiger Handel, der unter dem Versagen unserer Divlomaten so schtiwr gelitten hat. Nicht die Personen haben versagt, sondern das System.
Wie war es möglicki, daß ein Fürst Lichnowsky Botschafter in London werden konnte? lSebr richtig!^ Wie protestieren dagegen, daß das Bürgertum ganz von den b-fferen diplomatischen Stellungen ausgeschlossen ist. Um auch Unbemittelten die Laufbahn zu ermöglichen, müssen die Posten dementspcecheiid bessser bezahlt werden. Deshalb ist e? nötig, daß unser dementsvrecbcnder Antrag angenommen wird.
Abg. Gröber lZtr.) beantragt, den Antrag der Nation«!-' liberalen dem Häuptausschutz zu überweisen. DaS Hau» beschließt demgemäß.
Abg Haase (Unabh. Soz.)' DaS Stirnrnzeln der Konservativen und wahrscheinlich bestimmte Depeschen haben den Kc r zler heute zur Rede .gezw.ingen.
Herr v. Kühlmann hat es nicht verstanden, in Schönheit zu sterben. Sieger ist Graf Westarp geblieben. Bei unS herrscht eben die Militärpartei.
(Sehr wahr! bei den Soz. — Gelächtn.) W i e o ft soll unser Sieg schon unmittelbar bevorgestanden haben.
